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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Tantes Bertas Sofa
Eingestellt am 05. 03. 2006 22:11


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clarat
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Tantes Bertas Sofa

Es hatte im Mund angefangen. Hallström verspĂŒrte eine Trockenheit, die durch nichts zu befeuchten war. Morgens, wenn er erwachte, klebte seine Zunge am Gaumen. Fast hatte er schon Angst, er könne den Mund nicht mehr öffnen. Jeder Atemzug schien ihm zusĂ€tzlich Feuchtigkeit zu entziehen. Er begann deshalb, darauf zu achten, dass er sich nur langsam bewegte und nicht ins Keuchen kam. Aber es half nicht. Also trank er.
Er hatte nie darauf geachtet, wieviel er trank, aber jetzt war es jedenfalls sehr viel: Wasser, Saft und Limonade, KrĂ€utertee, auch Bier oder Wein. Durstig war er nicht. Aber es schien ihm als ziehe sich sein Mund zusammen, als schrumpften Zunge, Gaumen und Wangen vor lauter Trockenheit. Das Trinken half jedoch nicht, und so ließ er es schließlich bleiben. Das Essen schmeckte auch nicht mehr, also ließ er auch das. Und wie das so geht, wenn man nicht mehr isst und wenig trinkt, Hallström wurde leichter. Auch magerer wurde er, aber das war ihm egal. Er fĂŒhlte sich leichter. Er fĂŒhlte sich stĂ€ndig leichter werden. Ja, er meinte fast, schweben zu können. Aber das trockene GefĂŒhl im Mund blieb.
Eines Tages traf er seine Tante auf der Straße. Tante Berta war schon sehr alt. Sie war schon alt gewesen, als Hallström noch ein kleiner Junge war. Damals hatte er immer bei ihr auf dem Sofa gesessen, wenn seine Eltern sie besuchten. Er hatte sĂŒĂŸen Sirup mit Wasser zu trinken bekommen. So etwas Seltsames gab es sonst nie: Sirup mit Wasser. Kinder tranken Milch oder Kakao, Saft oder Limonade. Was Sirup war, wusste er nicht genau, auch nicht, wofĂŒr Tante Berta es zu verwenden pflegte, da sie doch immer welches im Haus hatte. Der sĂŒĂŸe Geschmack des meist roten, manchmal auch grasgrĂŒnen wĂ€ssrigen GetrĂ€nkes kam ihm jetzt wieder in den Sinn. Hallström, groß geworden, begleitete nun seine Tante nach Hause. Sie bat ihn, auf dem Sofa Platz zu nehmen und bot ihm eine Tasse Kaffee an. Aber er wollte Sirup. Heute wollte er Sirup.
Tante Berta schaute ihn erstaunt an.
„Ich habe schon Kaffee getrunken“, beeilte er sich zu erklĂ€ren. Sie nahm es hin, ging in die KĂŒche und bereitete den Sirup zu. Dann saßen sie beisammen, Hallström auf dem Sofa mit einem Glas Sirup und Tante Berta im Sessel, plaudernd.
Der Sirup schmeckte wie frĂŒher. Nicht besonders fruchtig und nicht besonders gut, eher sĂŒĂŸ und wĂ€ssrig. Aber was hatte er denn erwartet? Ein Wunder vielleicht? Er wusste es nicht. Hallström lehnte sich zurĂŒck und hörte seiner Tante zu, die von den Eigenheiten ihrer Nachbarin erzĂ€hlte. Das Sofa war weich und groß und sehr gemĂŒtlich. Außerdem war es rot.
„Wo ist denn dein altes Sofa?“ fragte er erstaunt.
„Du sitzt drauf“, erwiderte die Tante, „ich habe es neu beziehen und polstern lassen. GefĂ€llt es dir nicht?“
Jetzt fiel ihm auf, dass er auch ganz anders saß. Hallström war schon so daran gewöhnt, leichter zu sein, dass es ihn kaum wunderte, dass Dinge sich anders anfĂŒhlten. Aber das Sofa war frĂŒher nicht nur weicher, sondern der Bezug war auch irgendwie rau gewesen. Wenn er im Sommer kurze Hosen getragen hatte, war das ein ganz seltsames Pieksen gewesen und eine Art kribbeliges Schwitzen auf der Unterseite der Beine.
Er nahm noch einem Schluck Sirup.
„Das alte war auch ganz schön“, sagte er.
„Ha! Weisst du nicht mehr, wieviel Sirup du darĂŒber gekippt hast?!“
Oh. War das so oft passiert? Dass ihm das Glas, das er meistens auf der Sofalehne abstellte, umkippte. Klebrig war das dann, alles war klebrig von dem sĂŒĂŸen Sirup. Und kĂŒhl von dem Wasser.
„Gibst du mir noch ein Glas?“
„Von dem sĂŒĂŸen Zeug? Aber Junge, was ist denn heute los mit dir?“
Hallström wusste es nicht. Er wusste nur, dass er endlich wieder etwas schmeckte, was nicht trockener Mund war. Tante Berta lĂ€chelte und brachte ihm noch mehr Sirup. Dann fing sie an zu erzĂ€hlen, wie es frĂŒher gewesen war, als Hallström noch ein kleiner Junge in kurzen Hosen war, der sie mit seinen Eltern besuchen kam und fĂŒr den sie nur Sirup hatte, nie Coca Cola. Sie amĂŒsierte sich glĂ€nzend dabei, und Hallström hörte zu, nickte manchmal und einmal grinste er sogar.
Kurze Hosen, ja, die mĂŒsste er mal wieder tragen. Wie sich das Sofa mit dem neuen Bezug wohl anfĂŒhlte?
Es war spĂ€t am Abend, als er nach Hause wankte. Von Sirup wird man normalerweise nicht betrunken, aber Hallström war es. Vielleicht hatte die Tante auch etwas anderes hineingemischt. Alte Leute wissen manchmal sehr genau, was man trinken muss, um wieder zu KrĂ€ften kommen. Hallström hatte nicht gewußt, dass es ihm ĂŒberhaupt an Kraft fehlte. Aber jetzt fĂŒhlte er sich wieder stark. Der trockene Geschmack im Mund war weg. Das KĂ€sebrot, das die Tante ihm gegeben hatte, war das Schmackhafteste, das er seit langem gegessen hatte.
SpÀter im Bett fiel ihm ein, dass er noch eine kurze Hose im Schrank hatte. Es wurde Zeit, sie wieder einmal zu tragen.

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HFleiss
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Tante Bertas Sofa

Ja, das ist so ein Schmunzeltext, den man in Zeitungen findet, und dann faltet man sie zusammen und hat ihn in der nĂ€chsten Minute vergessen. Nicht so ich. Ich kenne nĂ€mlich den Sirup sehr genau, er begleitete mich meine ganze Kindheit hindurch, er war billig und schmeckte auch so. Und wenn man sich heute die MĂŒhe macht, die GetrĂ€nkeecke im Supermarkt (meine ostdeutschen Leser mögen mir verzeihen) zu durchforsten, findet man ihn noch: den Himbeer-, den Kirsch- und den Waldmeistersaft. Soviel zum Sachlichen. Aber jetzt bewegt mich noch eine Frage: Gibt es einen inneren Kopf? Wie sonst könnte man ihn "innerlich" schĂŒtteln? Solltest du damit die Gehirnmasse gemeint haben, wĂ€re es nĂŒtzlich, wenn der Ich-ErzĂ€hler diese auch schĂŒttelte. SelbstverstĂ€ndlich, dass er dann auch seinen Ă€ußeren Kopf mitschĂŒtteln muss.

Lieben Gruß
Hanna

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clarat
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Hallo Hanna,

danke fĂŒr deine Antwort. Ich habe das KopfschĂŒtteln rausgenommen; der Ausdruck sollte eher ein GefĂŒhl beschreiben als einen sichtbaren Vorgang. Wenn man drĂŒber stolpert, war er wohl nicht so passend.
Aber was meinst du mit dem Ich-ErzÀhler?

GrĂŒĂŸe
clarat.

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