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Leselupe.de > Kurzgeschichten
The Big Blue
Eingestellt am 05. 06. 2005 01:15


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achill
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2002

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Die K├╝che war ein einziger S├╝ndenpfuhl der Verf├╝hrung.
Im K├╝hlschrank lagerte auf einer Platte im mittleren Ablagefach dreiviertel einer zart-cremigen Schokoladentorte, mit gl├Ąnzendem Glasurguss ├╝berzogen und mit schwarzbraunen Kaffeebohnen verziert. Auf einer erkalteten Herdplatte - nur notd├╝rftig mit einem Deckel gegen die Blicke anf├Ąlliger Seelen abgeschirmt - stand ein Topf k├Âstlicher Kohlrouladen. In einer Pfanne daneben lagen - zwischen d├╝nnen, saftigen Zwiebelscheibchen - die Frikadellen. In einem anderen Topf r├Ąkelte sich eine dralle Zucchini, mit Hackfleisch gef├╝llt.
├ťberall lauerten kleine Teufelchen, Joghurts, Fruchtdrinks und Cola, bunte Bonbons in einem Glas ├╝ber der Sp├╝le, im Schubfach des K├╝chenschranks lagerten zwei Tafeln Erdbeer-Schokolade. Es gab Chips und kleine Knabbereien im ├ťberfluss. Backpulverp├Ąckchen f├╝r Sandkuchen und K├Ąsetorten verbreiteten einen schwachen Duft von Vanille. Milch und Eier waren reichlich vorhanden. Frischer Kaffee f├╝llte eine kleine braune Dose.
Am schlimmsten, am allerschlimmsten aber war die Zigarettenpackung auf dem Esszimmertisch (Esszimmer, allein schon das Wort!). Neben der Packung lag ein orangenes Feuerzeug. Schon die Farbe schien jedem Versuch der Enthaltsamkeit zu spotten. Der Anz├╝nder lag dort gleich einem Starter, einem Schl├╝ssel im Z├╝ndschloss eines Sportwagens, der nur darauf wartete, umgedreht zu werden und die PS- starke Engine in Gang zu setzen, um alle Geschwindigkeitsbeschr├Ąnkungen zu brechen.
Ramadan 2003.
Aylins Mutter stand am Fenster, zupfte an der Gardine und schaute den vorbeifahrenden Autos hinterher, als erwarte sie jemanden zum Abendessen. Drau├čen brachte das flache Licht der untergehenden Sonne die roten und gelben Bl├Ątter der B├Ąume zum Gl├╝hen.
Gestalten dr├╝ckten sich an den H├Ąuserw├Ąnden entlang wie verlorene Seelen, mit beiden H├Ąnden ihren Hut oder den Kragen haltend, weil der Wind so heftig blies. Stra├čenlaternen, die z├Âgerlich angingen, spendeten nur sp├Ąrliches Licht.
Aylin sa├č im Sessel und bl├Ątterte sich durch die Fernsehzeitschrift. Sie hatte die Beine ├╝bereinandergeschlagen, ihr rechter Fu├č wippte auf und ab. Sie las abwechselnd das Fernsehprogramm und beobachtete ihre Mutter. Die Uhr an der Wand sortierte unabl├Ąssig die Zeit nach Stunden, Minuten und Sekunden.
├ťber den Rand der Fernsehzeitschrift hinweg betrachtete Aylin den breiten R├╝cken ihrer Mutter, die, mit einer Hand die Gardine hochhaltend, mit der anderen die vertrockneten Bl├Ątter der Gew├Ąchse aussortierte.
Mama hatte sich nach der Arbeit nicht umgezogen, trug immer noch das gestreifte Hemd und die dunklen Hosen der Wachgesellschaft. Mit ihren kurzen Haaren und ihren muskul├Âsen Armen sah sie fast aus wie ein Mann.
„Heute Abend kommt The Big Blue. Du wei├čt schon, der Taucherfilm mit Jean Reno.“ Aylin sprach t├╝rkisch.
Ihr Mutter schien sie nicht zu h├Âren. Dann drehte sie sich doch um, legte das Gesicht in Falten, nickte gleichg├╝ltig, schaute besorgt auf die Uhr. Ihr K├Ârper war in all den Jahren zu einer Festung gegen die Beschwerlichkeiten des Lebens geworden, ein Kompromiss zwischen der Lust auf herzhaftes Essen und den Anforderungen, die ER und die Wachgesellschaft und das Leben an und f├╝r sich an sie stellten.
Das Sonnenlicht dr├╝ckte sich weiter nach unten, die Stra├čenlaternen leuchteten heller, langsam wurde klar, worauf es mit ihnen hinauslaufen sollte.
Dunkelheit zog ein. Sie dr├╝ckte sich in die Luft wie das Wasser aus einem Schwamm. Als sei sie die ganze Zeit schon da gewesen und habe nur auf den richtigen Augenblick gewartet.
Aylins Mutter lie├č sich voller Ersch├Âpfung auf die Couch sinken. Das Fasten schien ihr mehr zuzusetzen als fr├╝her. Sie schnappte nach der Fernbedienung, zappte sich durch die Programme und blieb bei einer Quizsendung h├Ąngen.
„Du hast doch eine dieser Tabellen. Die mit den Uhrzeiten.“
Aylin sch├╝ttelte den Kopf. „Ich habe schon seit Jahren keine Tabelle mehr.“
“Ach ja, nat├╝rlich, du machst ja keinen Ramadan“, sagte ihre Mutter. Dabei klang sie nicht wie eine resignierte Frau, die es vers├Ąumt hatte, ihre Tochter zu mehr Religiosit├Ąt zu erziehen. Es klang auch nicht wie ein Vorwurf. Sie klang eher am├╝siert. Gerade so, als bef├Ąnde sich Aylin auf einem Irrweg, von dem sie fr├╝her oder sp├Ąter einmal abkommen m├╝sste. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als du dir tr├Ąumen l├Ąsst, mein T├Âchterchen, schien sie zu sagen.
„Aber ich kann im Internet nachschauen, wenn du willst.“
Ihre Mutter blieb auf der Couch sitzen und schaute sich das Quiz an. Aylin h├Ârte die f├╝nfhundert Millionen Lira Frage, w├Ąhrend sie auf ihrem Bett sa├č und den Laptop hochfuhr.
Als sie zur├╝ck ins Wohnzimmer kam, rauchte ihre Mutter schon eine Zigarette und spielte mit dem orangenen Feuerzeug.
„Zisterne der tausend S├Ąulen“ murmelte sie als Antwort auf die eine Milliarde Lira Frage, die der Showmaster gerade einem b├Ąrtigen Kandidaten stellte. Gefragt war nach den 224 S├Ąulen im Sultanahmet. Mama sch├╝ttelte den Kopf, wohl aus Verachtung ├╝ber die Leichtigkeit der gestellten Frage und der damit einhergehenden Leichtigkeit, sich eine Milliarde Lira zu verdienen.
„Eine Milliarde Lira, das sind knapp 6250 Euro.“ Sie war immer noch schnell im Kopfrechnen, stellte sie zufrieden fest. Trotz der Beschwerlichkeiten, die sie IHM zuliebe und f├╝r ihren Job ertrug. Und f├╝r das Leben an und f├╝r sich.
„Daf├╝r muss ich vier Monate lang arbeiten“, klagte sie, und das schien sie mehr zu verbittern als die mangelnde Religiosit├Ąt ihrer Tochter.
„Sonnenuntergang ist um f├╝nf nach halb sechs“, sagte Aylin und schaute auf die Uhr. Es war Viertel vor sechs. Mama nickte, ohne vom Bildschirm aufzusehen, als habe sie es schon die ganze Zeit ├╝ber gewusst.
Kaum hatte sie die zweite Zigarette im Aschenbecher ausgedr├╝ckt, stand das Essen an. Eilig wurden die Frikadellen aufgew├Ąrmt und mit Erbsen verkocht, die Zucchini in der Pfanne gebrutzelt, der Salat angemischt und aufgetragen. Im Kasernenton gab sie Aylin punktgenaue Anweisungen.
„Den Teller dahin. Jetzt der Salat. Vergiss die Servietten nicht.“ Aylin kannte den Ton. Sie war damit aufgewachsen. Als M├Ądchen hatte sie ihn gehasst. Jetzt, wo ihre Mutter sichtbar ├Ąlter und schw├Ącher wurde, betrachtete sie ihn mit einer nostalgischen R├╝hrung, die sie ├╝berraschte. Ihre Kommandos weckten tausend Erinnerungen. Fast h├Ątte sie gel├Ąchelt und gefragt: Wei├čt du noch, damals, als...
Zum ersten Gang gab es Bohnen, Reis und Rosenkohl. Dazu Frikadellen. Danach mit Hackfleisch gef├╝llte Zucchini. Wie zu Ramadan ├╝blich, waren die Teller bis zum Rand gef├╝llt.
Die Nahrungskurve des frommen Muslimen zu Ramadan lief auf und ab wie eine Berg- und Talbahn, dachte Aylin bei sich.
In der ersten Woche k├Ąmpfte man noch mit dem Hunger, aber das lie├č bald nach. Viel schlimmer war der Durst. Aber am schlimmsten, am allerschlimmsten waren die Zigaretten. Keine Zigaretten, von morgens bis abends.
Das war der Punkt, an dem Aylin vor Jahren ausgestiegen war. Damals hatte sie sich schon am zweiten Tag eine Zigarette angez├╝ndet.
„Ich schaff das nicht“, hatte sie gesagt, „wenn ich wenigstens zwischendurch rauchen d├╝rfte, aber so.“
Nach zwei Wochen Fasten war der K├Ârper geschw├Ącht, aber gleichzeitig auch federleicht. Man schien an Gewicht, auch an seelischem, zu verlieren. Der Geist befand sich in einer Art seliger Ruhe. Alles schien leiser und entfernter zu sein, und man hatte das Gef├╝hl, die Dinge aus dieser Distanz klarer zu sehen. Priorit├Ąten schienen pl├Âtzlich erkennbar. Was nutzte ein fettes Bankkonto oder ein dicker Wagen, wenn der K├Ârper nicht in der Lage war, diese Dinge zu genie├čen? Oder der Mensch von einem ruhelosen Geist gepeinigt war?
In der dritten Woche schien man drauf und dran, sich aufzul├Âsen. Jede Bewegung kostete viel Kraft. Man pr├╝fte jedes Mal vorher ganz genau, ob es wirklich n├Âtig war, sich zu bewegen. Der K├Ârper lief auf Sparflamme.
Der Geist aber wurde immer ruhiger und gelassener. Man n├Ąherte sich dem Punkt der Befreiung.

Ihre Mutter lehnte sich in der Couch zur├╝ck, legte eine Pause ein und k├Ąmpfte gegen einen R├╝lpser. Und verlor.
Wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hatte, durfte der Magen nicht in einem Rutsch mit Nahrung gef├╝llt werden, sonst w├╝rde man alles gleich wieder erbrechen.
Aylin erinnerte sich an ihren ersten Ramadan. Es gab so etwas wie einen Ramadan f├╝r Kinder. Sie und ein paar andere Spr├Âsslinge muslimischer Eltern standen im Laden eines Bekannten, der t├╝rkische Lebensmittel verkaufte. Sie beobachteten die Deutschen, die in den Laden schlenderten und sich bedenkenlos den Einkaufswagen mit Lebensmitteln f├╝llten. Sie selbst mieden die Regale mit den S├╝├čigkeiten. Das Warten auf den Sonnenuntergang war ihnen besonders schwer gefallen.
Aylin hatte neben der Registrierkasse auf einem Stuhl neben dem Eingang Platz genommen und sah den Deutschen zu, wie sie die Ware mit den H├Ąnden betasteten, manches wieder zur├╝cklegten und anderes in ihren Korb legten. Ihr Magen knurrte, sie hatte Hunger, und sie fragte sich, was wohl mit ihr passieren w├╝rde, wenn sie etwas a├č. Wie w├╝rde ER den Regelversto├č ahnden? Z├Ąhlte es, dass sie noch ein Kind war?
Hunger zu haben war schlimm genug, aber noch schlimmer war es, wenn die deutschen Klassenkameraden um sie herum soviel essen und trinken konnten, wie sie wollten. Auf dem Heimweg von der Schule sah sie die Leute an Imbissbuden und Cola-Automaten und Getr├Ąnkekisten. Wenn man fastete, dann schien alles um einen herum am essen zu sein. Ob das immer so war? Aylin beschloss, ihre Beobachtungen w├Ąhrend Ramadan mit der Zeit danach zu vergleichen. So wollte sie feststellen, ob der Mensch sich ver├Ąnderte, w├Ąhrend er fastete.
Manchmal, wenn es mit dem Hunger allzu heftig wurde, griff sie heimlich in eine Keksdose und fischte sich Schokoladenkekse heraus, in der Hoffnung, dass Gott ihr die kleine S├╝nde vergeben werde. Sie hoffte auf einen barmherzigen Gott, der bereit war, kleine S├╝nden von kleinen Menschen zu verzeihen. Als sie vor dem Zubettgehen ihrer Mutter die kleine S├╝nde gestand und fragte, ob Gott sie daf├╝r bestrafen w├╝rde, lachte ihre Mutter und versicherte ihr, dass f├╝r Kinder der Ramadan keine so strenge Sache sei wie f├╝r die Erwachsenen. Au├čerdem war das Fasten eine freiwillige Sache, so wie das Spenden. Jeder musste wissen, wie viel er geben wollte. Ohne sich dazu zwingen zu m├╝ssen. Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn und l├Ąchelte immer noch, als sie das Licht ausmachte. „Was habe ich f├╝r eine tapfere Tochter“, hatte sie noch gesagt, bevor der T├╝rspalt sich ganz schloss.
Im n├Ąchsten Ramadan war Mama mit G├╝rkan schwanger. Trotzdem nahm sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang keinen Bissen zu sich und trank keinen Schluck. Das Rauchen hatte sie w├Ąhrend der Schwangerschaft ohnehin aufgegeben. Aylin machte sich um ihren kleinen Bruder Sorgen (sie ahnte schon, dass es ein Junge werden w├╝rde, und sie ├Ąu├čerte diese Vermutung auch frei heraus vor den am├╝sierten Verwandten und Bekannten).
„Mama, wird es ihm darin gut gehen?“
„Aber ja, mein Schatz, warum denn nicht?“
„Aber Mama, schadet es ihm nicht, wenn du nichts isst und trinkst?“
„Aber ich esse und trinke doch, mein Schatz.“
“Aber doch nicht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Was ist, wenn er zwischendurch Hunger hat? Muss er denn auch schon Ramadan machen, obwohl er noch nicht geboren ist?“
„Wir alle sind Gottes Gesch├Âpfe, mein Herz. Auch das ungeborene Kind. Wenn er f├╝r Gott hungert, wird Gott auch auf ihn aufpassen.“
Aylin nickte. Das konnte sie verstehen. Ihre Mutter beugte sich zu ihr vor und fl├╝sterte ihr ins Ohr.
„Und noch etwas, mein Schatz. Ich glaube auch, dass es ein Junge wird. Wir Frauen k├Ânnen das f├╝hlen, nicht wahr?“
Aylin legte die Hand auf den dicken Bauch ihrer Mutter und konnte ihren kleinen Bruder f├╝hlen, wie er im Fruchtwasser schwamm und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Nahrung verzichtete, um IHN zu ehren.

Der Kandidat scheiterte an der vier Milliarden Lira Frage. Zwar nutzte er seinen Telefonjoker und rief seinen Schwager an; doch der druckste drei├čig Sekunden lang herum und konnte seinem Bekannten nicht weiterhelfen. Er wusste nicht, welches Ereignis die Gr├╝ndung von Byzanz ausl├Âste. A) „Die Eroberung Trojas durch die Griechen“, b) „Ein Spruch des Orakels von Delphi“, c) „die Eroberung Kleinasiens durch die R├Âmer“ oder d) „der erste Kreuzzug“.
„B“, sagte Aylins Mutter kauend. Sie kicherte ├╝ber die anderen Antworten und rechnete aus, wie lange sie f├╝r das Geld, was sie mit der richtigen Antwort gewonnen h├Ątte, arbeiten musste. Vor der n├Ąchsten Mahlzeit – mit Hackfleisch gef├╝llte Zucchini – rauchte sie noch eine Zigarette.

Bei G├╝rkans Geburt w├Ąre Aylins Mutter fast gestorben.
Als Aylin von der Schule nach Hause kam, wurde sie von einer Nachbarin mit der Nachricht abgefangen, ihr Vater und ihre Mutter seien heute morgen ins Krankenhaus gefahren, um das Baby zur Welt zu bringen.
Aylin verbrachte den Nachmittag und den Abend bei ihrer Tante. Die Nachbarin war nicht wirklich ihre Tante, aber sie und ihre Mutter standen sich so nahe wie zwei Schwestern. Aylin schaute sich „Trio mit vier F├Ąusten“ an und musste immer wieder an ihre Mutter denken, wie sie gerade ihren j├╝ngeren Bruder zur Welt brachte. Sie hatte keine genaue Vorstellung davon, wie ein Kind aus dem Leib der Frau geboren wurde, aber sie ahnte, dass ├ärzte und blankgeputzte medizinische Instrumente mit Haken und ├ľsen und ein wenig Schmerz darin verwickelt waren. Sie sah ├ärzte mit Mundschutz und K├Ąppis und wei├če Laken, die sich rot f├Ąrbten. Sie ├╝berlegte sich, dass es doch m├Âglich sein m├╝sste, sich an die eigene Geburt zu erinnern. Die Antwort auf ihre Fragen waren also irgendwo in ihrem Kopf versteckt. Sie schloss die Augen und versuchte, sich an ihre eigene Geburt zu erinnern, kam aber nicht ├╝ber ein Ereignis aus ihrer Kindergartenzeit hinaus, als sie im Kinderchor mit den Nonnen des Evangelischen Kindergartens ein Lied sang.
Aylin verbrachte auch die Nacht im Haus ihrer Tante. In der fremden Dunkelheit zog sie sich die fremde Bettdecke bis ans Kinn und horchte gespannt auf jedes fremde Ger├Ąusch, das an ihr Ohr kam. Es war nicht das erste Mal, dass sie woanders schlief als zu Hause in ihrem eigenen Bett. Wenn sie mit ihren Eltern die Gro├čmutter in der Istanbul besuchten, ├╝bernachtete sie im alten Kinderzimmer ihrer Mutter. In der Dunkelheit waren die Ger├Ąusche viel klarer zu h├Âren, dachte sie sich. Als ob sie sich bei Tag von einem fernhielten und sich erst im Schutz der Nacht ganz nah an einen herantrauten. Vielleicht wuchs das Ohr ja auch, kurz bevor man einschlief.
Sie setzte sich im Bett auf und wusste zun├Ąchst nicht, wie sie die H├Ąnde halten sollte. Schwester Erna aus dem Kindergarten hatte die H├Ąnde dabei anders gehalten als ihre Gro├čmutter in Istanbul, obwohl sie beide doch dasselbe taten. Schlie├člich faltete sie die H├Ąnde, weil sie so mit angewinkelten Beinen auf einer weichen Matratze besser das Gleichgewicht halten konnte, und vertrieb mit ihrem leisen Fl├╝stern all die anderen zarten Ger├Ąusche der Dunkelheit.
„Lieber Gott. Bitte sorge daf├╝r, dass Mama und mein Br├╝derchen gesund aus dem Krankenhaus nach Hause kommen. Er ist ein guter Moslem und hat sogar f├╝r dich gefastet. Wo er doch etwas f├╝r dich getan hat, kannst du doch auch etwas f├╝r ihn tun. Ich habe auch gefastet. Erst wusste ich nicht wof├╝r, aber jetzt will ich, dass du wei├čt, dass ich f├╝r meinen Bruder gefastet habe. Ich wei├č, dass du alles in Ordnung machen kannst. Amen.“
Im Kindergarten hatte Schwester Elisabeth die Tischgebete mit diesem Wort beendete. Aylin wusste nicht, was es bedeutete. Es klang nach Ende der Nachricht oder Bis zum n├Ąchsten Mal.

„Willst du nichts essen?“
„Ich mache Di├Ąt.“
Mama lachte heiser. „Di├Ąt an Ramadan.“
“Ich muss abnehmen. Das hat mit Ramadan nichts zu tun.“
Mama hatte schon ihren zweiten Teller geleert. Aylin rauchte eine Zigarette.
Nach der Quizshow kamen die Nachrichten. Eine Sprecherin von CNN- Turk f├╝hrte in betont amerikanischer Manier mit k├╝hlem Singsang und starrem Blick durch die Ereignisse des Tages.
In Istanbul hatte ein Mann auf der Stra├če wie wild mit einer Pistole herumgefuchtelt, bis die Polizei ihn ├╝berw├Ąltigte. Verwackelte Aufnahmen zeigten einen Kn├Ąuel von zehn oder mehr Polizisten, wie sie sich auf einen schmalen Typen in Jeans und gerippeltem Unterhemd st├╝rzten.
Eine Bande anatolischer Schmuggler war einem Polizeispitzel ins Netz gegangen. Auf einer Pressekonferenz wurden die sichergestellten Waffen pr├Ąsentiert.
Ein Kleinbus war bei Regen und schlechter Sicht frontal gegen einen Bus geprallt. Zwei Tote.
„Ein Hans hat heute angerufen.“ Hans hie├čen bei Mama alle Deutschen aus Aylins Freundeskreis, die sie nicht kannte. Die M├Ądels hie├čen Gertrude. Aylin tat so, als w├╝sste sie das nicht.
„Ich kenne keinen Hans.“
„Du wei├čt doch, ich kann mir die deutschen Namen nicht merken. Irgendein Junge eben.“
Sie nahm den noch unber├╝hrten Teller, der vor Aylin gestanden hatte, und f├╝llte ihn mit Erbsen, Kohlrouladen und zwei Frikadellen.
„Ich m├Âchte nichts essen, danke.“ Aylin dr├╝ckte die Zigarette in den Aschenbecher auf dem Tisch.
„I├č“, br├╝llte ihre Mutter. Sie knallte den Teller so fest auf die Tischplatte, dass ein paar Erbsen vom Tellerrand herunterkullerten.
„Ich bin doch nicht die einzige, die hier zu Abend isst! Dein Bruder h├Ąlt es auch nicht mehr f├╝r n├Âtig, zum Abendessen zu erscheinen. Geht nach der Arbeit lieber zu seiner nichtsnutzigen Freundin. Auch eine Gertrude.“
„Mutter, ich will nichts essen. Ich will abnehmen.“
„Ach ja? Damit du dich sch├Ân machst f├╝r deinen Hans? Willst du nicht vielleicht mal lieber mit deinem Studium fertig werden, anstatt mit deutschen Jungs anzub├Ąndeln? Oder willst du vielleicht ewig im Supermarkt arbeiten? Hinter der Kasse?“
„Mama, sei nicht ungerecht. Es ist gar nicht so einfach, alles unter einen Hut...“
„Ach ja, aber Zeit f├╝r Liebesgeschichten bleibt noch...“
„Ich hab keinen Freund. Und ich wei├č auch nicht, wen du meinst. Ich kenne gar keinen Deutschen, der mich anruft. Vielleicht achtest du in Zukunft einfach mal auf den Namen und ich kann dir sagen, wer...“
„Aylin, ich beschw├Âre dich. Mach dein Studium zu Ende und vergeude nicht deine Zukunft an irgendeinen Jungen. Danach will dich kein T├╝rke mehr heiraten.“
„Vielleicht will ich ja gar nicht heiraten! Vielleicht will ich ja gar keinen T├╝rken! Nur weil Papa damals mit einer anderen...“ Sie biss sich auf die Zunge. Sie wollte es so nicht sagen. Sie wollte nicht mit ihrem Vater gegen ihre Mutter ins Feld ziehen. Nicht mit einer so alten Geschichte.
„Iss jetzt!“
Aylin nahm die Gabel in die Hand und verr├╝hrte die Erbsen und den Reis und die Kohlrouladen und Frikadellen zu einem Haufen dampfender Pampe, den sie St├╝ckchen f├╝r St├╝ckchen abarbeitete. Ihr Magen bl├Ąhte sich auf. Sie hatte das Gef├╝hl, ihren Bauch mit Zement zu f├╝llen. Schweigend belud sie die Gabel und f├╝hrte sich das Essen in den Mund, der es nur widerwillig annahm. Beim Schlucken konnte sie nur schwer einen Brechreiz unterdr├╝cken. Ihre Mutter lag auf der Couch und nahm ihren Blick kein einziges Mal von der Mattscheibe.
Aylin kratze auch noch die letzten Reste vom Teller, bis nichts mehr ├╝brig war.
Als sie fertig war, r├Ąumte sie die Sch├╝sseln und Teller vom Tisch, packte die ├╝brig gebliebenen Speisen unter eine Alufolie und stellte sie zur├╝ck in den K├╝hlschrank.
Anschlie├čend ging sie ins Bad, steckte sich den Finger in den Hals und brachte eins-, zweimal ein trockenes W├╝rgen hervor, bevor sie sich in die Klosch├╝ssel ├╝bergab.
Sie wusch sich den Mund aus und betrachtete sich im Spiegel. Sie war kalkwei├č. Ihre Augen stachen aus ihrem Gesicht hervor wie zwei St├╝ck dunkle Kohlen.
Hinter ihr auf dem Regal standen drei Zahnb├╝rsten in einem Becherglas. Es waren die B├╝rsten ihrer Mutter, ihres Bruders sowie ihre eigene. Daneben stand eine halb ausgequetschte Tube Zahnpasta, eine T├╝te rosafarbener Watteb├Ąuchen und das Rasierzeug ihres Bruders.
Aylin nahm eine silbern gl├Ąnzenden Rasierklingen aus der Plastikpackung und betrachtete sie eine Weile. Ihr Bruder rasierte sich seit bald einem Jahr, und auch ihre Mutter benutzte sie, um sich damit die Beine zu rasieren. Starker Haarwuchs war die Plage der Frauen, die die Gene der V├Âlker rund um das Mittelmeer in sich trugen.
Aylin lie├č den Finger ├╝ber die Klinge gleiten. Sie dr├╝ckte so fest, dass sie sich bald schnitt. Ein Tropfen Blut quoll aus ihrem Daumen hervor.
Sie drehte den Wasserhahn der Badewanne auf und lie├č warmes Wasser ein.
In der Badewanne sitzend schaute sie zu, wie ihre Fingerkuppen weich und wellig wurden.
Irgendwann holte sie tief Luft und versuchte, so lange wie m├Âglich unter Wasser zu bleiben.
Wie Jean Reno in „The Big Blue“.


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sohalt
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Gef├Ąllt mir gut.
Hungern unter altem vs. hungern unter neuem Diktat.
Frauen haben's nicht leicht, ob sie nun in ein altes oder in ein neues Bild passen m├╝ssen.
Gutes Thema, glaubw├╝rdig umgesetzt.

Kleine Anmerkung
orangenes Feuerzeug? - Hei├čt es nicht: oranges Feuerzeug?

lg
sohalt
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de diff├ęrence entre les hommes. (Pascal)

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achill
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Danke!

M.E. geht beides. Wird aber gepr├╝ft ;-)
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nohnan
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hallo achill,

mir gef├Ąllt deine geschichte sehr gut, vor allem da sie ein unerwartetes ende nimmt. ich dachte zu anfangs dass es "nur" um den ramadan ginge. ich mag solche geschichten!!
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nohnan

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achill
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hallo nohnan,

vielen Dank f├╝r Deinen netten Kommentar und dass Du auf die Geschichte geschrieben hast. Es freut mich auch zu sehen, dass nach so langer Zeit (ich habe die Geschichte wohl schon vor ein paar Monaten ins Netz gestellt) noch jemand die Geschichte liest. Die "Rangeleien" um die vordersten Pl├Ątze sind also gar nicht n├Âtig.

LG
achill
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nohnan
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hallo achill,

ich bin nur sehr selten in der leselupe. was ich leider sehr bedauere, aber ich bin zeitlich sehr eingespannt. der titel hat mich einfach angesprochen und wie schon gesagt. sehr sch├Ân und gut geschrieben. finde ich. :-)

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nohnan

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