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Leselupe.de > ErzÀhlungen
The Tale of Traurig
Eingestellt am 10. 03. 2004 14:57


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masterplan
Schriftsteller-Lehrling
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The Tale of Traurig

Einsam und ein wenig traurig liege ich auf meiner alten, weichen Couch und sehe mir in dem kleinen Fernseher die Aufzeichnung eines Jazzfestivals an, das irgendwo in Frankreich stattfand.
Ich seufze und stelle fest, dass ich doch trauriger bin, als ich bislang dachte. Aber weniger deshalb, weil ich hier alleine bin, in einem kleinen Haus, irgendwo in einer entlegenen Gegend. Sondern vielmehr deshalb, weil mir wieder einmal die GrĂŒnde fĂŒr meine so plötzliche Flucht einfallen.
Ich habe mein altes Zuhause verlassen. Nach den vielen Jahren, in denen ich dort aufgewachsen und erwachsen geworden bin. Sicherlich war es keine einfache Trennung, doch es musste sein. Ich musste mich neu ordnen. Meine Gedankenwelt neu gestalten und die lange ĂŒberfĂ€llige Ruhe finden (und diese nicht erst bei meinem Tode erlangen).
Da fĂ€llt mir auch gerade der Grund ein, der mich schließlich dazu getrieben hatte, von diesem Ort wegzugehen: Ich habe mich in ein MĂ€dchen verliebt - und sie danach nie wieder gesehen. Wie sollte ich an so einem Ort ohne geistige Einstimmigkeit weiterleben können?
Andere GrĂŒnde waren zum Beispiel, das GefĂŒhl, sich zwar lĂ€nger als jeder andere an diesen Platz gebunden zu haben, sich letztlich aber aus genau diesem Grund nicht mehr passend zu den neuen EinflĂŒssen, die die Hinzugezogenen mit hineingebracht haben, zu fĂŒhlen. Es war meine Gegend, mein Platz, und dennoch kam ich mir fremd vor. Mir selbst.
Ich schalte den Fernseher ab, als die Namen der Teilnehmer, des Jazzfestivals den Bildschirm herunter laufen. Jetzt ist die flackernde Kerzenspitze das einzige Licht, das das (zugegeben, gemĂŒtliche) Wohnzimmer ausleuchtet. Die AbenddĂ€mmerung ist bereits in einem sehr fortgeschrittenen Zustand - es ist dunkel. Von draußen dringt ein leichter Wind durch das geöffnete Fenster und lĂ€sst den weißen Vorhang kurz flattern. Danach wird auch die Kerze von dem Luftwirbel erfasst und zappelt einen Moment in Schatten durch den Raum. Irgendwie habe ich vollkommen vergessen was ich zu bedeuten habe. Ich glaube, dass ich nur vollkommen nutzlos bin. Und wenn sich dieses GefĂŒhl ausbreitet, vertreibt es wenigstens den alltĂ€glichen Standard- Schmerz. Meine SelbstbestĂ€tigung, die ich mir einrede, hat nun keine Funktion mehr. Wie ein Motor ohne Fahrzeug. Oder wie die Kerze, deren Flamme jetzt von einem weiteren Windstoß gelöscht wird.
Der Raum ist dunkel und lebt dennoch. Unbewegte, nicht sichtbare Schatten schleichen durch den Raum und meinen Verstand. Dort bewegen sich auch noch die KlĂ€nge des Jazzfestivals. Das Saxophon, der Kontrabass, eine leise nachklingende Trompete. Ich spĂŒre wie der weiße Vorhang immer noch im Wind flattert. FĂŒr sich selbst existiert er vermutlich gar nicht. FĂŒr mich nur, weil ich ihn wahrnehme.
Alle anderen und sich selbst verlassen zu haben ist eigentlich ein sehr beruhigendes GefĂŒhl. Die Gedanken die dabei aber im Hintergrund mitspielen, treiben jemanden wie mich an den Rand der Verzweiflung. Oft habe ich nach einem Ausweg gesucht. Und immer wenn ich dachte, jetzt könnte ich mit der Situation leben, musste ich einen direkten RĂŒckschlag erleben. Das hat mich schließlich hierher getrieben. In ein Niemandsland, weg von allen und jedem. Doch auch dieses drastische Mittel scheint keine Lösung zu sein. Ich sitze hier und leide, stelle mir Fragen, warte hoffnungslos auf Antworten und glaube mich selbst nun auch noch verloren zu haben.
„Lasst mich in Frieden" habe ich oft gedacht. Jetzt bin ich zumindest die körperliche Gegenwart aller Menschen los. Doch verfolgt werde ich noch immer. Von ihren Gedanken, GefĂŒhlen, Blicken und Stimmen, und von mir selbst.
Die Luft ist warm, aber nicht abgestanden. Eine frische, leicht schwĂŒle Brise weht das Fenster hinein, verteilt sich im Raum und steigt meine Sinne hinauf. Ich möchte das Haus verlassen und ein wenig die Lichtung entlang gehen. Dieses sommerabendliche GefĂŒhl möchte ich mir nicht entgehen lassen.
Warum muss das alles nur so sein? Ich dachte mal einen Sinn erkannt zu haben. Doch das ist lĂ€ngst vorbei. So ratlos zu sein steigert nicht unbedingt den Willen zu leben. Oft habe ich um eine Antwort auf meine Fragen gebettelt. Nicht dass ich diesen Standard- MĂŒll wie „woher kommen wir?", „sind wir die Einzigen?" oder „was passiert nach dem Tod?" wissen möchte. Eigentlich will ich nur beantwortet haben, warum das alles sein muss. Mein Leben und dessen Verlauf. Eine Lösung erwarte ich aber schon lange nicht mehr. Ist nicht wirklich von Vorteil, wenn man nicht an den Zufall glaubt. Und erst recht nicht, wenn man dann noch an Hoffnung glaubt.
Ehe ich mich versehe, stehe ich bei abendlicher DĂ€mmerung auf einem relativ breit ausgefallenen Pfad, der mich durch den lichten Wald fĂŒhrt. Meine HĂŒtte liegt bereits hundert Meter hinter mir, versteckt hinter schmalen BĂ€umen und sanften BĂŒschen, die raschelnd im warmen Wind mitgelitten. Nach ein paar weiteren Metern schließt sich der Pfad einem kleinen Bach an und fĂŒhrt parallel zu ihm entlang. Das GewĂ€sser funkelt und blitz durch den Mondschein, der sich von oben durch die Äste und BlĂ€tter des Waldes stiehlt. Ich gehe den Weg weiter und beobachte nebenher das Wasser. Die weiche Bewegung des Stroms löst SehnsĂŒchte in mir aus. Es fließt in sich so einzigartig perfekt seiner Bestimmung entgegen und strahlt durch das Leuchten einen lebenden Charakter aus. Eigentlich existiert es ebenfalls nicht. Dennoch lebt es. Wenn nicht in dieser Welt, dann in mir. Der Fluss macht Schlangenbewegungen, der Pfad und ich machen dies auch. Ich verschmelze einen Augenblick in diesem Bewegungsfluss und fĂŒhle mich wie der kleine Bach, in seiner einsamen und doch vollstĂ€ndigen Art die Zeit entlang zu reisen.
Eigentlich bedeute ich nichts. Ich entschuldige mich dafĂŒr was ich bin, was ich gesagt und getan habe. In diesem Moment bin ich verbunden mit dieser Welt und bin genauso unecht und unbedeutend wie das existenzlose Wesen. Ich bleibe stehen, knie mich an das Ufer und drĂŒcke eine TrĂ€ne unter einem Augenlid hervor. Es tut mir leid. Ich wĂŒnsche mir, das mir die Welt verzeihen kann und mir diese gewaltige Last von meinen Schultern nimmt. Jetzt weiß ich aber nicht, was mir mehr schmerzt. Die Tatsache, dass ich wieder einen Funken Hoffnung verspĂŒre, dieser aber unter all dem Gewicht der Gedanken und Zweifel zerdrĂŒckt wird, oder aber das GefĂŒhl, fĂŒr diese Welt und fĂŒr die vielen Dinge, die mir etwas Bedeuten, unwichtig zu sein. Dies wĂ€re das ersten Mal, dass es mir wirklich weh tut, verloren zu sein. Ich ergebe mich und verfalle in totale Aufgabe. Ich wĂŒnsche mir, von diesem natĂŒrlichen, unechten System aufgenommen zu werden. Möchte nicht mehr denken und möchte nicht mehr all die Dinge fĂŒhlen, die meine Person ausmacht. Jetzt wĂŒnsche ich mir auch zum ersten Mal nicht ich zu sein - oder vielmehr, ganz und gar nicht existent zu sein.
Ein Bild von einem einzigen, letzten Mann auf einem gewaltigen, leeren Schlachtfeld ohne Opfer kommt mir bildlich in den Sinn. Ich weiß wirklich nicht, wofĂŒr ich kĂ€mpfe, und was es ist, was mich noch so fest daran hĂ€lt.
Irgend etwas versetzt mich schließlich wieder zurĂŒck in die tatsĂ€chliche, materielle Welt. Ich höre den Bach rauschen, spĂŒre den Wind in meinem Nacken und erkenne ein paar kleine, in einem Strauch wild verteilte LeuchtkĂ€fer. Es ist dunkel und warm. Der zu Dreiviertel gefĂŒllte Mond leuchtet immer noch sein verschwommenes Spiegelbild in das Wasser und steht versteckt hinter dem oberen Ende des Waldes, das im Wind eine leise Melodie fĂŒr ihn spielt.
Ich bin zurĂŒck und noch lange nicht am Ende meines Daseins. Alles könnte so einfach sein. Erneut kommt mir das Jazzfestival in den Sinn. Das Leben ist traurig. So schön traurig. Eigentlich bin ich nicht frei. Aber manchmal fĂŒhle ich mich wenigstens so. Egal wie lange diese Gedanken in mir leben werden. Ich werde nach einer Lösung suchen. FĂŒr uns - und fĂŒr mich. Vielleicht springt dabei tatsĂ€chlich irgendwann die Freiheit und das GlĂŒck heraus, nach dem ich so tief grabe.
Wenn man traurig zu sein scheint, weil man einsam ist, und Einsamkeit gleichbedeutend mit Freiheit ist, dann ist es doch wieder schön traurig zu sein. Oder nicht? Hoffentlich macht dieser Spruch jetzt nicht den Anschein, ich wĂ€re plötzlich glĂŒcklich geworden. Vielleicht bin ich gerade mal ein wenig zufriedener als vorher. Immerhin ein Anfang. Ein weiterer Anfang...
__________________
Schön, dass wir einmal darĂŒber sprechen konnten...

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo masterplan,

dein Text ist eine ums ErzĂ€hler-Ego kreisende Reflexion. Dir gelingt es in manchen Passagen durch gut strukturierte SĂ€tze, der Innerlichkeit nach außen ein GerĂŒst zu geben. Es erinnert fast an einen Handke-Duktus. Da passt der Begriff: In ein Niemandsland, weg von allen und jedem. (Handke schreibt: Niemandsbucht).
Alle Gedanken, auch sehr schicksalhafte, werden von diesem Ton des ruhigen, gleichmĂŒtigen ErzĂ€hlens und Konstatierens aufgesogen. Der Text kennt keine Aufgeregtheiten. Fast ist er monoton, in dem Sinne, dass es nur einen Ton gibt, ein Denken, das Traurigkeitsdenken, in dem alles aufgehoben scheint.

Einen schönen (traurigen) Ton haben SĂ€tze wie: „Ich habe mein altes Zuhause verlassen. Nach den vielen Jahren, in denen ich dort aufgewachsen und erwachsen geworden bin.“

Zu direkt wird mir der Text, wenn die Reflexion wegfÀllt und so nackte SÀtze dastehen wie:
„Ich glaube, dass ich nur vollkommen nutzlos bin.“ Da ist man sehr stark im Bereich von GefĂŒhlen, die der ErzĂ€hler zwar genau kennen mag, die jedoch keine sprachliche Umsetzung erkennen lassen – analog den anderen Passagen des Textes. Mancher Leser mag hier denken, dass der Autor sich hier ein wenig im Selbstmitleid gefĂ€llt.

Stilistisch zu prĂŒfen wĂ€ren SĂ€tze wie dieser:
Ein Bild von einem einzigen, letzten Mann auf einem gewaltigen, leeren Schlachtfeld ohne Opfer kommt mir bildlich [[es ist tautologisch, dass einem ein „Bild“ „bildlich“ in den Sinn kommt]] in den Sinn.

Es ist ein sehr interessanter Versuch, sich so intensiv dem GefĂŒhl der Trauer und Einsamkeit als Autor zu widmen. Dadurch entsteht ein sehr ichbezogener, reflektierter Text, der gerade dort seine StĂ€rken hat, wo er den richtigen Duktus im Satzbau findet. Manche allzu direkte Aussage könnte vielleicht in dieses Gewebe des genauen Nachdenkens einbezogen werden.

Es ist eine traurige Fabel, gewiss, wobei der Titel in seiner Zweisprachigkeit - er ist englisch, aber das entscheidende Wort "Traurig" ist deutsch - mir etwas ungewohnt klingt.

Beste GrĂŒĂŸe


__________________
Monfou

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masterplan
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Registriert: May 2001

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Vielen Dank fĂŒr den erleuchtenden Kommentar.

Manchmal kann ich mich in meiner Selbst (und der darin verborgenen Dunkelheit) treiben lassen und bringe je nach Moment- GefĂŒhl, Phrasen oder auch direkte Dinge zum Ausdruck. Alles geradeweg nach einem Muster (oder einer hartnĂ€ckigen Darstellung) zu schreiben fĂ€llt mir ein bisschen schwer. Vor allem weil da oft nicht die gefĂŒhlsmĂ€ssige Ausdauer (ich schreibe Texte fast nie an einem Tag in einem Zustand) vorhanden ist. Darum versuche ich alles ein wenig verschmelzen zu lassen.

Bildlich - Bild. Ist klar. FĂ€llt mir jetzt erst auf...

Der Titel sollte zuerst nur ein Scherz sein. FĂŒr eine einfache, weniger in die Tiefe gehende Geschichte. Dann hat mir diese schrĂ€ge Verbindung aus Reim und Bedeutung (Tale / Taurig) aber doch gefallen, als ich schließlich einen passablen Text zusammen hatte.

Gruß,
Patrick "m-plan"
__________________
Schön, dass wir einmal darĂŒber sprechen konnten...

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