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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Tobias
Eingestellt am 23. 12. 2000 22:54


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Haggard
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2000

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Kommentare: 27
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Laut fiel die massive Holzt├╝re ins Schloss.
Dieses hohle Ger├Ąusch, das diese T├╝re machte, wenn man sie schloss, hatte sich in die
Windungen seines getr├╝bten Bewusstseins eingebrannt.
Eigentlich war es nur die ├Âde, aus dunklem Holz gefertigte, Haust├╝re einer spie├čb├╝rgerlichen Doppelhaush├Ąlfte in irgendeiner deutschen Neubausiedlung.
Doch f├╝r Tobias war sie mehr als das. F├╝r ihn war sie mittlerweile zu einer Art Symbol geworden. Ein zweideutiges Symbol, welches ihn immer an das mit den beiden Masken erinnerte, welches sich auch an der B├╝hne im Theaterraum des Pfarrhauses befand.
Im Fasching hatte er oft mit anderen Kindern im Publikum gesessen und sich Clowns auf der B├╝hne angesehen. Doch irgendwann, im Laufe der Vorstellung, war sein Blick immer auf diese Masken gefallen.
Eine der beiden lachte vergn├╝gt, die andere jedoch weinte bittere Tr├Ąnen.
Konnte er diese T├╝re von au├čen schlie├čen, so durfte er sich die lachende Maske aufsetzen und f├╝r sich allein sein. An den meisten Nachmittagen, wenn die Schule schon aus war, ging er allein auf den Spielplatz setzte sich in eine der kleinen Holzh├╝tten uns verbrachte dort den
Ganzen Nachmittag. Er sa├č einfach nur da und dachte nach. Eigentlich fiel Tobias das denken sehr schwer. Doch wenn er so dasa├č und die Einsamkeit genie├čen durfte, flogen ihm die Gedanken wie bunte Schmetterlinge zu.
Doch kam er nach Hause und musste die T├╝re ├Âffnen, so musste er die lachende Maske ablegen und die andere vom B├╝gel nehmen. Jene n├Ąmlich, die gar nicht so freundlich dreinblickte, sondern vielmehr Tr├Ąnen der Verzweiflung und Hilflosigkeit weinte.

Wie oft hatte er diese T├╝re schon geschlossen. Vor allem, wie oft hatte er sie schon geschlossen und sich genau in dem Moment, als sie zufiel und dieses hohle Ger├Ąusch verursachte, gew├╝nscht, sie nie wieder ├Âffnen zu m├╝ssen und nie wieder nach Hause zur├╝ckzukehren.

Konnte es heute so weit sein?

Sein Blick richtete sich nach rechts. Er sah den langgezogenen, mit roten Steinen gepflasterten Weg, welcher zwischen der Garage und dem bepflanzten Teil des Gartens, zum Gartentor f├╝hrte. Rechts und links s├Ąumten ihn Blumenbeete mit bereits verbl├╝hten Blumen.. Der Herbstwind fegte verwelkte Bl├Ątter ├╝ber diesen Weg. Die bereits hartgewordenen Bl├Ątter gaben hierbei scharrende Ger├Ąusche von sich, als sie so ihren Weg ├╝ber die Pflastersteine machten.
Tobias stand einfach nur da und sah zum Tor. Ein Junge im Grundschulalter, mit strohblonden Haaren, die so lang waren, dass sie ihm vorn schon, bis ├╝ber die Augen ins Gesicht hingen. Er hatte blaue Augen, die jedoch weder Intelligenz, noch Lebensfreude vermuten lie├čen. Einem Erwachsenen, der ihn von der Weite betrachtet h├Ątte, w├Ąre als erstes aufgefallen, dass Tobias┬┤ Kopf nicht in richtiger Proportion zum gesamten K├Ârper stand.
Sein Kopf war einfach viel zu gro├č f├╝r den sonst so zierlichen Knaben.

Ein einziger Gedanke hatte die ganze Zeit ├╝ber schon in Tobias┬┤ vernebelten Denken sein Unwesen getrieben.
War es diesmal wirklich so weit? Hatte er es heute nun endlich geschafft, im Alter von 8 Jahren mit seinen Eltern abzubrechen, die T├╝re ins Schloss zu werfen und die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen?

Tobias stand gebannt mit dem R├╝cken zur T├╝re und blickte immer noch zum Gartentor.
Jede einzelne Faser seines K├Ârpers war zum Zerrei├čen gespannt und er wartete nur darauf, das die T├╝re hinter ihm aufgerissen wurde und sein Vater ihn zur├╝ck ins Haus ziehen w├╝rde.
Sein Vater hatte das schon oft getan. Zu oft. Sein Vater w├╝rde ihn dann wieder ins Wohnzimmer bringen und mit dem Sch├╝rhaken verpr├╝geln, bis er weinend am Boden lag und ihm schwarz vor Augen wurde.
Vielleicht w├╝rde er auch nur den G├╝rtel zur Hand nehmen.
...Vielleicht w├╝rde aber auch das Schlimme passieren, dass sein Vater manchmal machte...
Sch├╝rhaken und G├╝rtel waren schlimm. Ja sogar sehr schlimm. Aber das andere war die H├Âlle. Nicht nur, dass es an bestimmten Stellen schmerzte, dass man nur noch sterben wollte,
nein, es gab einem das Gef├╝hl von Wertlosigkeit, als sei man ein St├╝ck Schmutz.

Doch so gespannt er auch wartete, die T├╝re wurde heute nicht ge├Âffnet.

Als Tobias sich einmal gegen das Schlimme, mit all seiner kindlichen Kraft, gewehrt hatte, da hatte sein Vater erst einmal mit dem Sch├╝rhaken seinen Widerstand gebrochen und sich dann, als der Junge so entkr├Ąftet am Boden gelegen hatte, dass er sich ├╝bergeben musste, eine dicke Zigarre angez├╝ndet, die er dann auf Tobias┬┤ Brust ausgedr├╝ckt hatte.
Was jedoch dann danach geschah, war das Schlimmste, an das sich der Junge erinnern konnte.
Eigentlich waren all seine Gedanken sehr verschwommen und verworren. Mit den meisten wusste er gar nichts anzufangen, ausgenommen die, die er in der Holzh├╝tte am Spielplatz hatte. Diese eine Erinnerung jedoch befand sich messerscharf an der Oberfl├Ąche seines Bewusstseins. Sie war sogar so scharf, dass man sich, wenn man nicht aufpasste, daran schneiden konnte. Nachdem sein Vater die Zigarre ausgedr├╝ckt hatte, war er zum Barschrank im Wohnzimmer gegangen und hatte dort eine Pistole herausgeholt. Tobias wusste, dass er sie dort drinnen versteckt hatte, denn sein Vater hatte sie ihm schon einmal gezeigt und sogar einmal halten lassen.
Sein Vater hatte die Pistole dann geholt und Tobias den Lauf in den Mund gesteckt.
ÔÇ×Wenn du nicht willst, dass ich dir deinen beschissenen, behinderten Schei├čkopf wegpuste, dann halt in Zukunft lieber still. Ich brauche nur diesen kleinen Abzug hier zu bet├Ątigen und es ist aus mit dirÔÇť hatte sein Vater geschriehen. Danach hatte er wieder das Schlimme getan.

Tobias Mutter hatte einmal zu ihm gesagt, dass sie ihn schon hasste, als er noch ihn ihrem Bauch war. Sein Vater hatte ihn scheinbar auch schon damals gehasst, da er der Mutter oft in den Bauch getreten hatte, als er noch ganz klein dort drinnen war.
Vielleicht musste er deshalb auch auf eine andere Schule gehen, als all die anderen Kinder aus der Siedlung. Vielleicht sah er ja auch deshalb im Gesicht so anders aus. Die Frau Greiner von gegen├╝ber hatte mal gesagt, dass seine Mama eine Schnapsdrossel sei und er deshalb ein ÔÇ×MongoÔÇť geworden sei. Tobais hatte jedoch, wie so oft, nicht verstanden, was sie damit sagen wollte.

Der Junge stand mittlerweile fast 10 Minuten vor der Haust├╝re und blickte versonnen zum Gartentor.
Seit dem er die T├╝re geschlossen hatte, hatte er, fast schon verkrampft, darauf gewartet, dass sein Vater herausst├╝rmen w├╝rde
Doch das passierte heute nicht.
In Tobias┬┤ beschr├Ąnkter Gef├╝hlswelt hatte sich mittlerweile ein neues, vorher nie da gewesenes Gef├╝hl hinzugesellt. Es war neu, aber es war gut.
Es war die Gewissheit. Die Gewissheit, diese T├╝re nie wieder ├Âffnen zu m├╝ssen und nie mehr wieder die traurige Maske aufsetzen zu m├╝ssen. Dessen war er sich diesmal sicher.
Diese Gewissheit war ein Gef├╝hl, das er schon lange gebraucht hatte. Obwohl er instinktiv verkrampft hatte, als er vor der T├╝re stand und sich vor dem Herauskommen seines Vaters gef├╝rchtet hatte, war er sich, in seinem bewussten Denken, die ganze Zeit ├╝ber sicher gewesen, dass es nie mehr passieren w├╝rde.

Tobias konnte nicht sagen warum. So pl├Âtzlich ihm alles ganz klar gewesen war, so schnell verschwamm alles, bis auf das Gef├╝hl der Gewissheit wieder.
Er konnte sich nun schon nicht einmal mehr daran erinnern, wie und wann er ├╝berhaupt vor die T├╝re gekommen war.
Das letzte, an das er sich jetzt noch erinnern konnte, war das hohle Ger├Ąusch der T├╝re, als diese ins Schloss gefallen war.
Was machte er hier ├╝berhaupt? War er auf dem Weg zum Spielplatz gewesen?
Eigentlich war es auch egal, dass einzige, dass z├Ąhlte war das, immer noch w├Ąhrende Gef├╝hl der Gewissheit. Er konnte gehen. Er musste nie wieder zur├╝ckkehren. Weder sein Vater, noch seine Mutter w├╝rden ihn aufhalten k├Ânnen.
Fast schon vergn├╝gt setzte er sich in Richtung Gartentor in Bewegung.
Seine F├╝├če schlurften tr├Ąge ├╝ber den rot gepflasterten Weg. Die Schlurfger├Ąusche seiner F├╝├če vermischten sich mit den kratzenden der welken Bl├Ątter, die der kalte Herbstwind unabl├Ąssig ├╝ber die roten Pflastersteine fegte.
Achtlos warf Tobias die Pistole in das Blumenbett rechts von ihm und ging durch das Gartentor.


Ende



Puuuuhh!! Langes Ding. Ich versuche ja verzweifelt, mich k├╝rzer zu fassen, schaff┬┤s aber irgendwie nicht so richtig. Na ja, sollte sich irgendjemand die M├╝he gemacht haben, die ganze Geschichte bis zum Schluss zu lesen, so w├╝rde ich mich riesig ├╝ber einen kleinen Kommentar dazu freuen!!!!!

__________________
"Cum grano salis"

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JCC
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Dec 2000

Werke: 16
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Hey, das Ende gef├Ąllt mir.
Ich bef├╝rchtete zuerst, es w├Ąre so eine Geschichte, wo der Protagonist immer nur leidet und leidet und man als Leser ihn gef├Ąlligst zu bemitleiden hat, bis die Geschichte zu Ende ist und er allein weiterleidet, aber zum Schlu├č wird man eines besseren belehrt.

Doch, wirklich gut.

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Haggard
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2000

Werke: 9
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Wow, Danke JCC! Freut mich, da├č dir die Geschichte gefallen
hat. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel mir deine
positive Reaktion bedeutet!
__________________
"Cum grano salis"

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JCC
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Dec 2000

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Doch, kann ich.
Bin auch ein Kritik-Junkie.

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