Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87749
Momentan online:
632 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Tour de Tortur (Neufassung)
Eingestellt am 20. 03. 2008 08:16


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Hoermen
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2006

Werke: 4
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hoermen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Im August kamen mein Arbeitgeber und unser Betriebsarzt zu der Einsicht, dass ein fast blinder Buchhalter der Firma nicht sonderlich dienlich wĂ€re. Sie kamen zu dem Entschluss, dass ich eine AbkĂŒrzung zum begehrten Rentenziel nehmen sollte. Trotz meines noch jugendlichen Alters sollte ich also die FrĂŒhrente beantragen. Die Alternative war sofortige Arbeitslosigkeit oder langes Mobbing, also keine rosigen Aussichten.

Notgedrungen sandte ich den Antrag zusammen mit einem Gutachten unseres Betriebsarztes an die BFA. In diesem Gutachten wurde klar dargelegt warum ich nicht mehr arbeiten kann. VerstĂ€ndlich, dass in Berlin all diejenigen misstrauisch beĂ€ugt werden, die versuchen die AbkĂŒrzung zum begehrten Rententopf zu nehmen. Ich erhielt also schon nach einigen Monaten die Aufforderung, meine dargelegte ArbeitsunfĂ€higkeit bei zwei Ärzten in der nachbarlichen Kreisstadt unter Beweis zu stellen.
Die Untersuchungen, die an drei auf einander folgenden Tagen gemacht wurden. brannten sich fĂŒr immer in mein GedĂ€chtnis und Ă€nderten meine Sichtweise ĂŒber Ärzte und vor allem ĂŒber meine Zukunft.



Mittwoch den 09.11.200X

6.30 Uhr - Mitten in der Nacht.
Ich zwinge mĂŒhsam meine verklebten Augen auf und schaue mit verschleiertem Blick auf die Radiouhr. Ganz langsam kommen meine Gedanken sowie meine Sehkraft in Schwung. Heute wird endlich meine langweilige Routine durchbrochen. Das Highlight der Woche, eine Untersuchung fĂŒr die BFA steht auf dem Tagesprogramm. Ich bin gespannt, ob die beiden Ärzte genauso misstrauisch sind wie die Beamten bei der BFA. Zumindest werden sie versuchen, mir die Unsinnigkeit meines Antrages zu beweisen.
Ich bin jetzt einigermaßen wach und der nĂ€chste Gedanke gilt meinem Bein. Vor etwa 4 Wochen habe ich es mir gleich dreimal gebrochen und bin seitdem dazu verdonnert, mich einbeinig mit Hilfe zweier KrĂŒcken vorwĂ€rts zu bewegen. Vier Wochen gar nichts tun und zu nichts nĂŒtze zu sein ist schwer und vor allem langweilig. Schon jeder Toiletten- oder Duschgang ist eine riesige Abwechslung und erfordert eine Unmenge an vorausschauender Planung.
Also vorsichtig ein Bein aus dem Bett geschwungen bevor sich Odin, mein Hund, sich auf mich stĂŒrzt. Das ĂŒbliche morgendliche knuddeln und kraulen mit ihm will diesmal nicht enden. Anscheinend braucht er das morgens. Nun, eigentlich braucht er das den ganzen Tag.
Nachdem ich Odin, ein Windhund Mischling, zum dritten Mal daran gehindert habe sich auf mein Bein zu schmeißen, kann ich endlich ins Bad humpeln. Meine Frau ist auch schon wach um den Hund in den Garten zu lassen. Ich hoffe nur sie beeilt sich, bevor wieder ein UnglĂŒck auf dem Teppich passiert. Es geht wohl gut, denn als ich wieder aus dem Bad komme, sitzt Odin vor der TĂŒr und grinst mich erwartungsvoll an.

Wir humpeln also gemeinsam in die KĂŒche, wobei ich höre wie meine Frau mit der Hand gegen die TĂŒre meines Sohnes wummert und dabei etwas von Aufstehen brĂŒllt.
Ach ja, fĂ€llt mir ein, er soll fĂŒr mich heute den Fahrer machen.
Er hat zwar noch eine halbe Stunde Zeit, aber genauso lange benötigt er immer um sich anzuziehen. Und tatsĂ€chlich, Punkt sieben taucht er auf und schaut aus roten und mĂŒden Augen um sich. Ich habe meine Zweifel ob er mich erkennt. Vermutlich war er wieder bis 4 Uhr morgens in irgendwelchen ominösen Chatrooms.
Inzwischen habe ich meinen Kaffee getrunken, wobei mir einfĂ€llt, das ja nĂŒchternes Erscheinen angesagt ist. Nervös versuche ich meinen Sohn in Richtung Ausgang zu dirigieren und schon nach cirka 15 Minuten sitzen wir im Auto.
Klar, dass mein Sohn erst noch lebenswichtige Besorgungen an der Tankstelle (vermutlich Zigaretten) zu machen hat. DafĂŒr zieht er sich vorher Geld bei seiner Bank. Wir haben ja massig Zeit bis 8 Uhr. Sogar noch 35 Minuten.

Auf den Weg in die Kreisstadt, wo mein heutiger Arzt seine Praxis hat, brauche ich meinem Sohn nur zweimal den richtigen Weg weisen. Er wohnt hier ja auch erst seit 19 Jahren. Was soll er sich auch den komplizierten Weg merken, er hat ja einen erwachsenen Navigator neben sich. Erstaunt vernimmt er, dass auch ich noch nie bei diesem Arzt gewesen bin. Keine Ahnung wo genau seine Praxis ist, aber auch dafĂŒr gibt es ja das Internet. Nicht nur um MĂ€dels anzubaggern. Auf Anhieb finden wir in der Altstadt die Straße und auch das Gemeindehaus, worin der Arzt seine Niederlassung hat.

Der Himmel meint es gut und schickt uns einen Parkplatz genau gegenĂŒber der Praxis. TatsĂ€chlich sind sogar mehrere PlĂ€tze frei. Das Schild, auf dem irgendetwas ĂŒber eine Stunde Parkzeit fĂŒr Anwohner angedeutet wird, ĂŒbersehe ich geflissentlich.
Ich schwinge mich mit meinen KrĂŒcken ĂŒber die Straße und anschließend drei Stufen hinauf, durch zwei GlasstĂŒren hindurch, direkt an die Rezeption einer ziemlich großen Doppelpraxis. Beim erklimmen der Praxisstufen bemerke ich, das einer der Ärzte Kardiologe ist. Mein Instinkt schlĂ€gt sogleich Alarm. Herzspezialist? Ich habe Zucker und kann schlecht sehen. Was soll ich bei einem Pumpendoktor? Vermutlich weiß die BFA mal wieder mehr als ich.

Der Raum hinter der Rezeptionstheke ist so groß, das sich dahinter fast ein Dutzend Damen in weiß tummeln. Vor der Theke verlĂ€uft ein schmaler Flur der sich in der Ferne im Dunkeln verliert. Von ihm gehen rechts und links unglaublich viele schmale TĂŒren ab.
Nach ausrufen der Tageszeit und meiner persönlichen Vorstellung erhalte ich ein großes Klemmbrett mit diversen Formularen inklusive einem Schreibstift. Außerdem werde ich barsch nach meinem Ausweis gefragt, worauf ich selbstbewusst entgegne, dass ich bereits ĂŒber 18 Jahre alt bin und schon Erwachsene Filme betrachten darf.
Die Damen benötigten meinen Ausweis allerdings nur um ihn zu kopieren, damit bewiesen wird, dass sie auch den richtigen untersucht haben. Wer ist schon so dĂ€mlich und lĂ€sst sich freiwillig von einem Kardiologen untersuchen. Misstrauen ĂŒberall.
Mit dem Klemmbrett zwischen den ZĂ€hnen und dem Stift hinter dem Ohr humple ich ins Wartezimmer, das ĂŒberraschend voll ist. Der Raum ist vielleicht 40 qm groß und quadratisch. An den WĂ€nden aneinander gereiht steht Stuhl neben Stuhl und fast jeder ist besetzt.
Nach einem raschen rundum Blick komme ich mir wieder richtig jung vor. Vermutlich wurde durch mein eindringen in diese Gruft das Durchschnittsalter um Jahrzehnte nach unten katapultiert. Alles ist vorhanden zwischen DĂ€mmerzustand und Scheintod. So also sieht die Warteliste fĂŒr eine Herz OP aus. Ich hoffe nur, dass hier nicht alle auf eine neue Pumpe warten. Soviel AutobahnunglĂŒcke gibt’s im ganzen Jahr nicht.

Nachdem ich umstĂ€ndlich einen freien Sitzplatz erklommen habe, erlebe ich den ersten Lichtblick des Tages. Mein Sohn hat nicht nur die Praxis sondern auch das Wartezimmer gefunden. Nuschelnd teilt er mir mit, dass er in die Oberstadt zum FrĂŒhstĂŒcken geht. Ich kann ihn nicht aufhalten und wĂŒnsche ihm deshalb viel Erfolg. Wenn auch nur einige wenige Patienten zwischendurch reanimiert werden mĂŒssen, kann das hier noch endlos dauern. Er kann sich also viel Zeit lassen.

Inzwischen versuche ich die von hoch bezahlten Spezialisten ausgetĂŒftelten Fragen in den Formularen zu beantworten. HĂ€tte ich die diversen Ordner ĂŒber meinen Krankheitsverlauf mitgebracht, wĂ€ren die Antworten kein Problem. So aber komme ich mir vor wie in einer PrĂŒfung der Ärztekommission oder wie bei einer der vielen Quizsendungen.
Ich schreibe auf, woran ich mich erinnere. Das meiste vermutlich mit falschem Datum. Einen Teil habe ich wie ĂŒblich vergessen und den Rest erfinde ich einfach neu. Meist fallen mir die richtigen Antworten immer erst Stunden spĂ€ter ein.

Schon nach 45 Minuten werde ich aufgerufen und versuche mit den KrĂŒcken und dem Klemmbrett die Rezeption zu erreichen. Einer der noch rĂŒstigen Zweibeiner hat endlich ein einsehen und trĂ€gt mir das Klemmbrett hinterher.
Die unter MĂŒhen erstellten Formulare verschwinden kommentarlos hinter der Rezeption in einer dicken Mappe. Vermutlich schaut da kein Schwein mehr rein. Anschließend darf ich das Labor suchen.
Ich schaue auf die erste TĂŒr und habe das zweite Mal GlĂŒck an diesem Tag. „Labor“ steht dort auf einem kleinen weißen Schild, direkt vor meiner Nase.
Die TĂŒr öffne ich mit Hilfe meines Ellebogens und schwinge mich hinein. Der Raum ist schmal und lang, dafĂŒr aber hell, denn ein großes Fenster fĂŒllt die gesamte Stirnseite aus. Auf der linken Seite des Raumes sind zwei PlastikvorhĂ€nge die wohl noch einige Zellen abteilen sollen. Die rechte Seite ist mit einer KĂŒchenzeile zugebaut. Mehrere Schwestern schwirren umher und beachten mich nicht. Eine kleine resolute Dame mit russischen Akzent bittet mich auf den Blutabnahme Stuhl und ich denke mir: Jetzt geht es los.
Als erstes aber nur mit Fragen!
Genau die habe ich bereits auf den Formularen beantwortet. Vermutlich hat der Arzt auch noch alle Antworten bereits als Unterlage von der BFA erhalten. Bestimmt ist dies schon Teil der PrĂŒfung um das Erinnerungsvermögen zu testen.
Wie alt, wie groß, wie schwer.
Ich verkneife mir den Hinweis auf das von mir soeben ausgefĂŒllte Formular und gebe trotzdem freundlich Auskunft. Alles wird fleißig in den Computer gehĂ€mmert. Da schaut sicher auch keine Sau mehr nach.
Nach Messen meines Blutdrucks, der unverstÀndlicher Weise ganz schön hoch ist, darf ich das nette Zimmer wieder verlassen.
Ich weiß jetzt schon, dass ich diesen Stuhl wieder sehen werde. NĂ€mlich bei der Blutabnahme. Aber davor haben die Götter den Arzt gesetzt.
Nach einer kleinen Wartezeit von knapp einer Stunde darf ich tatsĂ€chlich sein heiliges BĂŒro betreten. Ein enger Schlauch erwartet mich. Auf der rechten Seite stehen riesige Apparaturen die eine Liege verdecken.
Geradeaus vor dem Fenster steht ein großer Schreibtisch. Der Raum ist so schmal, das der Schreibtisch nicht mehr quer hineingepasst hat sondern lĂ€ngs im Raum steht. Der Sessel dahinter benötigt soviel Platz, dass der Besucherstuhl vor dem Schreibtisch nur noch quer gestellt werden kann. WĂŒrde er korrekt davor stehen, mĂŒsste sich jeder Besucher vorher die Knie brechen lassen. Ich quetsche mich in den Raum und mit artistisch anmutenden Bewegungen setze ich mich auf den kleinen Besucherstuhl.
Und wieder denke ich: Jetzt geht’s los.
Leider wieder mit einer ausgiebigen Fragestunde.
Ich berichte also alles das, was ich auf den Formularen ausgefĂŒllt habe (und was er als Unterlagen bereits vor sich liegen hat) noch einmal mĂŒndlich. Soweit ich mich noch erinnern kann. Unterbrochen werden wir dabei höchsten drei bis viermal vom Telefon und von panisch hereinstĂŒrzenden Schwestern.

Nach dieser etwas einseitigen Fragestunde folgt eine eingehende Untersuchung auf der Liege, die in diesem winzigen Zimmer zwischen Schreibtisch und einem Ultraschallapparat geklemmt ist. Er fragt zumindest höflich ob er mir bei der Erreichung derselben behilflich sein kann. Ich verkneife mir die Antwort, dass er mir bloß aus dem Weg gehen soll und murmele leise:
“Danke, geht schon.“
Nachdem ich mich einbeinig aus meinen Sachen heraus gequĂ€lt habe, zwĂ€nge ich mich zwischen mehreren gefĂ€hrlich aussehenden Apparaten auf die Liege. Genau jetzt muss der Herr Doktor natĂŒrlich mal woanders nachschauen.
Mit der Bemerkung, ich soll mich schon mal hinlegen, er komme gleich wieder, entschwindet mein Arzt. Was glaubt er, wie lange ich fĂŒr das Hinlegen benötige? Vermutlich Stunden. Zumindest habe ich das GefĂŒhl soviel Zeit wĂ€re vergangen, als er endlich wieder im Zimmer erscheint.
Er beginnt die Untersuchung am Kopf, Hals und Brust. Er drĂŒckt, knetet und horcht durch seine Apparatur. Besondere Aufmerksamkeit widmet er natĂŒrlich der Herzgegend. Klar, er ist Kardiologe, denke ich bei mir.
Das Telefon klingelt. Das GesprĂ€ch dauert glĂŒcklicher weise nur 10 Minuten. Zwischenzeitlich haben sich zwei Sprechstundenhilfen eingefunden, die, nachdem sie mich 5 Minuten lang gemustert haben, mir freundlich zuzwinkern.
Nach weiteren zehn Minuten kann er sich meinem Körper wieder fĂŒr eine Minute widmen. Er hat den Faden verloren und beschĂ€ftigt sich mit meinen FĂŒssen. Was ist mit den Sachen zwischen der Pumpe und den FĂŒssen? Vermutlich hat er mit Fortpflanzung und Verdauung nicht viel am Hut. Das eine funktioniert bei mir sowieso jeden Tag prima, und das andere wird nicht mehr benötigt.
Er schnalzt mit der Zunge, als er meine FĂŒĂŸe sieht und schĂŒttelt den Kopf.
Zwischendurch spricht er mit anderen Patienten ihre Tablettenliste am Telefon durch. Die Schwestern, die jetzt im Zimmer stehen, sind nicht so freundlich wie die letzten, bleiben aber dafĂŒr lĂ€nger. Vermutlich hat sich herumgesprochen, dass bei Herrn Doktor ein blauĂ€ugiger BĂ€r liegt. Ich hoffe, ich enttĂ€usche niemanden.
Nachdem auch diese Schwestern abgefertigt sind und den Raum verlassen haben, fordert mich der Arzt auf, mich hinzustellen und Rumpfbeugen zu machen.
Erstaunt stelle ich fest, dass die Untersuchung auf der Liege sich wie von selbst erledigt hat. FĂŒr das bisschen hĂ€tte ich mir auf das T-Shirt hochschieben und den linken Socken ausziehen können.
Als ich endlich auf einem Bein vor ihm stehe und nach meinen KrĂŒcken frage, stellt er erstaunt fest, dass ich wohl einen Beinbruch habe. Seine misstrauische Frage, ob ich nur auf einem Bein stehen kann, muss ich leider bejahen.
Er schĂŒttelt den Kopf und ist vermutlich bestĂŒrzt, dass ich seine Untersuchung auf diese Art und Weise boykottiere. Damit ist er gar nicht einverstanden.
Ich darf dann aber die folgenden Übungen im Sitzen machen. Das heißt, meine HĂ€nde auf dem RĂŒcken und einmal im Nacken verschrĂ€nken. Es gelingt mir tadellos. Das war’s. Habe ich bestanden? Zumindest soweit, das ich mich anziehen darf um wieder das Wartezimmer aufzusuchen.
Jetzt beginnt erst die wahre Untersuchung.
Herr Doktor hat sich eine ganze Liste Untersuchungen, oder soll ich besser sagen Folterungen, ausgedacht, die sein Labor, alle Maschinen und RĂ€ume sowie sĂ€mtliche Krankenschwestern fĂŒr mindestens einen Tag beschĂ€ftigen.

Die Tour de Tortur kann beginnen.

Ich wusste es schon zu beginn, es fÀngt an mit der Blutabnahme.
Also wieder ins Labor und auf den Blutabnahmestuhl gehockt. Ich kenne mich ja inzwischen aus.
Die resolute kleine Dame aus den Weiten Sibiriens bittet mich unfreundlich eine Faust zu machen. Bei meinen KrallenhĂ€nden nicht ganz einfach. Sie schimpft laut da sie keine „VĂ€nne“ finden kann.
„Nicht gutt“ meint sie.
Nach zweimaligem Probestechen findet sie trotzdem eine Ader zum ablassen. Wie ĂŒblich schaue ich erst gar nicht hin.
Ich zĂ€hle langsam die Röhrchen mit, die sich mit meinem kostbaren Blut fĂŒllen. Als ich langsam das GefĂŒhl bekomme, in einem Vampirfilm die Hauptrolle zu spielen, hört mein russischer Blutsauger endlich auf. Vermutlich stammt sie doch aus den Kaparten. Ein riesiger Tupfer wird auf die Wunde gedrĂŒckt und mit breiten, besonders langen Klebestreifen kreuzartig fixiert. Im Geiste sehe ich beim abreißen sĂ€mtliche Armhaare an dem Pflaster kleben. Autsch.

„BittĂ€ nĂ€hmen sie Tablett und BĂ€chĂ€r und machen auf Toilette ein wĂ€nig Urin“ sagt sie zu mir.
In diesem Moment schließe ich die Schwester in mein Herz. Allerdings mehr auf die dunkle Seite. Wie zum Teufel soll ich mit zwei KrĂŒcken und dem Tablett auf die Toilette kommen?
Der Becher ist ein handelsĂŒblicher Kaffeebecher aus dem Automaten ohne Deckel. Klasse, da schwappt mir der Mist auch noch ĂŒber die Finger wenn er voll ist.
Ich versuche die Toilette ohne das Tablett zu erreichen, komme aber nur bis zur TĂŒr, als mich Ihre Stimme erreicht.
„BittĂ€ auch BĂ€chĂ€r mitnĂ€hmĂ€n!!!“ ruft sie laut.
Ich kehre um, greife mit zwei Fingern den Becher und lasse das Tablett stehen.
Der Rest ist Routine. Pinkeln und HĂ€ndewaschen geht auch. Aber was ist mit dem Becher? Ich lasse ihn auf dem SpĂŒlkasten stehen, betrete wieder das Labor und versuche meiner Herzensdame eine Lageskizze zu machen.
Eine weitere nette Dame aus dem Labor winkt allerdings ab und holt den halbvollen Becher mit der Frage:
„Das ist Ihrer?“. Na, geht doch!
Nach nur einer weiteren halben Stunde Pause nimmt mich mein Lieblingsvampir durch den langen engen Flur mit bis ganz nach hinten zur allerletzten TĂŒr.
„Röntgen“ steht auf der TĂŒr geschrieben.
„BittĂ€ ausziehĂ€n!“
Das gelingt mir ohne Probleme in dem winzigen Raum, in dem sogar ein Hocker steht. Danach darf ich den Röntgenraum betreten und muss mich vor einen großen weißen Apparat stellen. Die Lunge soll es also sein. Das kenne ich bereits.
Ich stelle die KrĂŒcken an die Seite und umklammere den vor mir stehenden weißen Kasten. Sie drĂŒckt mir von hinten die Schultern gegen die Platte und nach nur 2 Minuten Luft anhalten ist auch das geschafft.
Ich darf im Kabuff nochmals Platz nehmen derweil meine Vampirette die Bilder begutachtet, ob ich auch keinen Fehler gemacht habe.
Sie taucht wieder auf mit der Frage:„Sie könnĂ€n stĂ€hen? LangĂ€? Mit HĂ€ndĂ€ nach obbĂ€n?“
Mir wird mulmig.
Ich sehe mich im Geiste auf einem Bein mit den HĂ€nden nach oben wie eine Ballerina stehen. Anstatt Schwanensee die sterbende KrĂŒckette.
Das schaff ich nie.
Ich murmele, dass ich wohl auf die Fresse fallen werde bei diesem Versuch.
„Muss röntgĂ€n SpeiseröhrĂ€â€œ meint resolut die kleine Dame.
HÀ? Hab ich was verpasst? Wieso meine Speiseröhre? Ich habe damit absolut keine beschwerden. Mir schmeckt alles und schlucken kann ich eine ganze Menge.
Wieso lÀsst die BFA mich nur an den Körperteilen untersuchen die gesund sind? Vermutlich muss ich das nicht verstehen. Das fÀllt sicher unter Politik und die versteht kein normal Sterblicher.
Ich humple wieder vor die Apparatur und sie nimmt mir rigoros die KrĂŒcken weg. Schnell halte ich mich an dem weißen Kasten fĂŒr die Lungen-Aufnahmen fest.
„HĂ€ndĂ€ hoch!“ fĂ€hrt sie mich an.
Ich drĂŒcke mich mit der Schulter gegen den Kasten und es geht. Ich falle nicht um. Na also.
„Ich muss gĂ€bĂ€n KontrastmittĂ€l. Sie haltĂ€n in Mund bis ich saggĂ€ schluckĂ€n.
WĂ€nn sie schluckĂ€n ich machĂ€ AufnahmĂ€. WĂ€nn sie schluckĂ€n vorhĂ€r, wir wiedĂ€rhollĂ€n ProzĂ€dur bis klappt.“
Ich bin in der Hölle.
Nun verstehe ich auch weshalb sie vor mir stehend, die ganze Zeit mit einem großen Löffel in einem Kaffeepappbecher rumrĂŒhrt. Sieht genauso aus wie mein Urin Becher.
„Ich gĂ€bĂ€n jĂ€tzt KontrastmittĂ€l!“ warnt sie mich vor.
Sie nimmt einen Löffel voll von einem weißen Brei und versucht ihn mir zwischen die Lippen zu quetschen. Und ich Trottel dachte, ich darf selber aus dem Becher trinken.
„MachĂ€n sie Ă€ndlich Mund auf!!!“ schreit sie mich an.
Ich klappe vor Schrecken die Luke auf und sie kippt einen Teil der BrĂŒhe hinein und den großen Rest ĂŒber meine Brust. Das ganze wiederholt sich noch dreimal.
Ich bin versucht den ganzen Mist runter zu schlucken wĂ€hrend mir das Zeugs langsam ĂŒber die Brust auf die Hose lĂ€uft. Aber ich beherrsche mich tapfer.
Endlich hat sie vom fĂŒttern genug und verschwindet mit den Worten
„Luft anhaltĂ€n!“.
Kurz bevor die TĂŒre endgĂŒltig zuschlĂ€gt höre ich sie noch rufen „SchluckÀÀÀÀn!!!“.
Erschrocken wĂŒrge ich den ganzen Brei hinunter. Das ganze schmeckt ein wenig nach Vanille, macht aber nicht satt.
Ich darf mir danach sogar an einem Miniwaschbecken die Brust waschen und wieder im Kabuff warten. NatĂŒrlich gibt’s keine Seife oder HandtĂŒcher. Wir sind ja nicht im Ritz.
Nach ungefÀhr 5 Vater Unser endlich die erlösenden Worte:
„Okai, fĂ€rtig. Sie könnĂ€n gĂ€hĂ€n!“.
Noch nie fĂŒhlte ich mich so leicht und frei.

Mein herrlich voller Warteraum mit den wahnsinnig netten alten Leuten erwartet mich. Die GesprÀche drehen sich um Herztabletten, Herzschrittmacher und deren Inspektionen.
Eine alte Dame wird von einem jungen, hĂŒbschen und gut gebauten MĂ€dchen, so um die 20 herein, gefĂŒhrt. Sie trĂ€gt einen engen weißen Pullover und eine lange, knapp sitzende braune Hose, die sehr schön mit ihrem braunen Haar und den braunen Augen harmoniert.
Endlich mal was fĂŒrs Auge.
WĂ€re mein Sohn nicht zum FrĂŒhstĂŒcken wĂŒrde er jetzt anfangen zu sabbern. Genau seine Modelklasse. Die Kleine, sie ist mindestens 1,78 m, fĂŒhrt ihre Großmutter liebevoll auf einen Stuhl und kĂŒmmert sich rĂŒhrend um sie.
Nach einem scharfen Blick, den sie einmal rund durch das Zimmer kreisen lÀsst, fragt sie mit angenehm samtener Stimme:
„Hat vielleicht jemand hier eine Zigarette, ne Kippe?“.
Welch ordinĂ€re Worte aus diesem hĂŒbschen Mund.
Sie erntet mit ihrer Frage nur erstaunte Blicke. Kein Wunder. Das erste was diesen Herzpatienten vor ihren Operationen weggenommen wurde, waren garantiert die Zigaretten. Als keiner antwortet, fĂŒhle wenigstens ich mich dazu verpflichtet sie darauf hinzuweisen, dass sie in meinem Fall leider 30 Jahre zu spĂ€t fragt.
Sie fasst es nicht, schaut sich noch einmal mit einem Suchtblick im Raum um und murmelt
„Au Mann! 30 Jahre!“

Kurz darauf werde ich zum HĂŒrdenlauf gebeten.
HĂŒrdenlauf deshalb, weil die nĂ€chste Untersuchung in einem Raum stattfindet, der eine Ebene höher liegt, als der Rest der Praxis.
FĂŒnf Stufen, die außerdem noch unterschiedlich hoch und ohne GelĂ€nder sind, fĂŒhren dahin.
Ich zeige wie geschickt ich im springen auf Treppen bin und komme natĂŒrlich ins stolpern. Das fehlt mir noch, dass ich mir hier noch mehr Knochen breche.
Ich fange mich soeben und höre hinter mir die Schwester aufstöhnen. Wenigstens eine die sich Sorgen um mich macht. Oder macht sie sich Sorgen um ihren Job?
In dem kleinen, rechteckigen Raum, den man ĂŒber diese mörderische Treppe erreicht, darf ich mich neben einem Lungentestapparat setzen. Mir wird ein großes Rohr vor das Gesicht gehalten. Lungenfunktionstest tippe ich!
Die Schwester gibt mir Recht. Dieses voluminöse Rohr soll ich feste mit meinen Lippen umschließen Mein Mund ist gerade große genug dafĂŒr. Ob sie auch etwas fĂŒr kleine Futterluken haben? Ich puste und atme nach Anweisung wĂ€hrend die kleine Schwester auf Ihren Monitor starrt.
„Nun werden sie einen Luftdruck spĂŒren. Der ist aber gewollt und soll sie nicht erschrecken. Atmen sie einfach normal weiter.“
FrĂŒher musste man fĂŒr den Lungenfunktionstest Ballons zum platzen bringen. Das scheint hier die Hightech-Variante zu sein.
Der Apparat fĂ€ngt an Luftwellen in meinen Hals zu schießen. Tut zwar nicht weh ist aber auch nicht gerade angenehm. Etwa so, als hĂ€tte die Herzensdame bei einer heftigen Knutscherei plötzlich etwas Wichtiges zu erzĂ€hlen und versucht dabei laut zu sprechen. Zwischendurch macht mir die Kleine Mut.
„Wollen doch mal sehen, dass wir Sie hier schnell durchschleusen mit den ganzen Tests.“
Dieser Test war auf jeden Fall schnell und tat gar nicht weh.
Auf meine Frage, wie meine Lunge denn abgeschnitten hat, erhalte ich zumindest fĂŒr diesen Tag meine dritte gute Antwort. „Überdurchschnittlich gut!“ sagt sie.
Genau fĂŒr diese Antwort habe ich seit 30 Jahren nicht mehr geraucht.
Beim verlassen des TestgelĂ€ndes stolpere ich wieder ĂŒber die unterschiedlich hohen Stufen und falle einer anderen Schwester in den Arm.
Das war knapp. Sie fĂŒhrt mich hilfreich wieder in den Wartesaal.
Die kleine Suchtkranke mit der klasse Figur hat anscheinend ein Opfer gefunden und ist zum Qualmen vor die TĂŒre gegangen. Inzwischen ist auch mein Sohn wieder aufgetaucht, sabbernder Weise. Ist mir klar, er hat sie vor der TĂŒre gesehen. Er beweist mir, dass er noch lebt und verschwindet wieder.

Der nÀchste Test erwartet mich wieder im Labor.
Dieses Mal muss ich in die erste kleine Zelle, die hinter einem Plastikvorhang versteckt liegt. Dahinter befindet sich eine Liege, ein großer weißer EKG-Apparat und eine nette Ă€ltere Dame. Sie lĂ€chelt mich an und bittet mich auf die Liege. Vorher allerdings habe ich meinen Oberkörper freizumachen.
„Fertig!“ rufe ich und lege mich auf den RĂŒcken.
Sie schreckt ĂŒber ihren Apparat zusammen und ist erstaunt, dass ich bereits mit Ausziehen fertig bin.
Sie weiß nicht wie schnell ich darin wirklich sein kann.
Ich erklĂ€re ihr, dass ich bei Arztbesuchen immer leicht abzulegende Kleidung trage und verrate ihr natĂŒrlich nicht die anderen Gelegenheiten.
Sie nÀhert sich mir wie ein Oktopus, nÀmlich mit dutzenden von SaugnÀpfen in der Hand. Diese sehen kalt und eklig aus. Nachdenklich betrachtet sie meinen behaarten Oberkörper.
„Naturpullover“, bemerke ich, “Selbst gezĂŒchtet und nachwachsend.“
Sie befestigt einige der SaugnĂ€pfe an meiner unbehaarten Seite und meint schließlich: „Wir versuchen mal ob es hĂ€lt. Eigentlich mĂŒsste ich mindestens drei Stellen hier oben rasieren.“
Sie deutet dabei auf meine Brust.
Heißer Schreck durchfĂ€hrt mich. Ich sehe mich im Schwimmbad mit drei kreisrunden Ausschnitten in meinem Pullover herum stolzieren. Das sieht sicher aus als hĂ€tte ich die Motten oder als wĂ€ren das EinschĂŒsse.
Sie beruhigt mich. Vermutlich hat sie den Wechsel meiner Gesichtsfarbe bemerkt.
Sie klebt die Dinger auf meine Brust und erklĂ€rt mir dabei, dass es sich bei diesem Vorgang um ein EKG handelt. Endlich mal ein vernĂŒnftiger Test, bei dem ich nur liegen und atmen muss. Auch Sie fragt mich nach der Belastungsmöglichkeit meines gebrochenen Beines.
Da diese bei Null liegt entfĂ€llt also ein Belastung EKG auf dem Ergometer. DafĂŒr murmelt sie etwas von einem 24 Stunden EKG. Mein Herz ist okay, bin ich versucht zu rufen. Aber was weiß ich schon. Wenn die lange genug herum suchen, finden sie auch etwas das kaputt ist.
Mit einem leisen –plopp- entfernt sie die ekligen SaugnĂ€pfe und meint:
„Fertig!“
Ich darf die zweite kleine Zelle aufsuchen, die auch mit einem Plastikvorhang abgetrennt ist. Dahinter sind ebenfalls eine Liege und ein Stuhl verborgen. Ich muss mir nur die Hosenbeine aufkrempeln und die Arme freimachen bevor ich mich hinlegen darf. Es sollen meine Hauptschlagadern getestet werden auf Ablagerungen und Durchflussgeschwindigkeit.
Hört sich toll an.
Auf die Frage, ob solches bereits einmal gemacht wurde, schĂŒttele ich beschĂ€mt den Kopf. Ich weiß nur nicht warum ich mich schĂ€me. Ich hĂ€tte dieses sicher mal von meinem Hausarzt verlangen sollen. So werden SchuldgefĂŒhle erzeugt.
Die Schwester verschwindet mit der Bemerkung, in ein paar Minuten wieder zu kommen. Bis dahin, ertönt dann der bekannte Satz, soll ich mich hinlegen. Wie gehabt lege ich mich in den nÀchsten 5 Sekunden auf die Liege und warte.
Nur durch den Plastikvorhang vom Labor getrennt bekomme ich alle GerĂ€usche und GesprĂ€che mit. Der Blutentnahmestuhl ist anscheinend auch der Befragungs- oder wie ich ihn nenne, der heiße Stuhl.
Das Verhör wird von meiner kleinen Freundin aus Russland vorgenommen. Ihre Ausbildung in Befragungstechnik hat sie vermutlich beim KGB mit Bravour gemacht.
Da ich Zeit und Muße habe schließe ich die Augen und lausche den Verhören. Es lĂ€uft immer nach dem gleichen Schema ab. Katharina die Schreckliche stellt ihre Fragen und hĂ€mmert anschließend die Antworten in einen Computer.
„NamĂ€â€œ
„AltĂ€r“
„GrĂ¶ĂŸĂ€â€œ
„GĂ€wicht“
„Warum Sie gekommĂ€n“
Die einem netten GesprĂ€ch dienenden nĂŒtzlichen Floskeln und Fragen wie nach dem Wetter oder der Gesundheit entfallen hierbei völlig.
Die Patienten geben eingeschĂŒchtert und rĂŒckhaltlos sofort Antwort.
Die ersten Patienten sind alles Ă€ltere Damen, bei deren GrĂ¶ĂŸe und Gewichtsangaben ich jedes Mal zusammen zucke. Meine Phantasie weigert sich dabei gedankliche Bilder zu produzieren. Die meisten Patienten kommen zur Inspektion ihres Herzschrittmachers.
Langsam drifte ich mit meinen Gedanken ab und höre das Frage und Antwortspiel nur noch im Hintergrund. Plötzlich lĂ€sst sich ein Mann auf den heißen Stuhl nieder. Katharina schaltet nun zwei Gangarten höher da er ihr anscheinend unsympathisch ist.
Nach den ĂŒblichen allgemeinen AuskĂŒnften, die bereitwillig gegeben werden, kommt die Frage nach dem Grund der Ă€rztlichen BelĂ€stigung. „Herzschrittmacherinspektion“ murmelt verschĂŒchtert der Aspirant.
Sie gibt sich damit noch nicht zufrieden.
„HabĂ€n sie gĂ€gĂ€bĂ€n Schein fĂŒr UntĂ€rsuchung vornĂ€?“
„Nein, den hab ich hier.“ War die kleinlaute Antwort.
„Den sie mĂŒssĂ€n immĂ€rrr vorrhĂ€rrrr abgeben, vornĂ€!!!“
Die Antwort: „Das wusste ich nicht. Hat mir keiner gesagt.“ LĂ€sst sie auf keinen Fall gelten. Sie schimpft und murmelt einiges auf russisch oder so vor sich hin.
„ÄrmĂ€l hoch fĂŒr Blutdruck mĂ€ssĂ€n!“ fĂ€hrt sie ihn an.
Ich hör Kleidergeraschel das ziemlich lange anhÀlt. Das klimpern des BlutdruckmessgerÀtes klingt ziemlich nervös.
Es raschelt immer noch. Jetzt bekommt er seinen Anschiss:
„Ich IhnĂ€n mal sagĂ€n muss, wĂ€nn sie kommĂ€n bei Arzt, sie gĂ€bĂ€n Schein vornĂ€ ab.
Sie ziehÀn an leichtÀ Kleidung, die gÀht schnÀll aus.
VerstandĂ€n?“
Das hat gesessen. Die Antwort ist kaum zu verstehen. Vermutlich lĂ€uft sein Herzschrittmacher gerade heiß. Ich warte auf den Knall mit dem sein Körper auf den Boden aufschlĂ€gt aber stattdessen wird die Plastikplane mit einem Ruck zur Seite geschoben und meine WĂ€rterin erscheint wieder.

Sie bindet mir zuerst einen Arm ab und schmiert mir Kleister in die Armbeuge.
Mit einem Sonarkopf fÀhrt sie dann darauf herum und schaltet dabei einen Lautsprecher an. Nach einer Weile ertönt ein lautes Wuuschschsch.
„ Das ist ihr Blut das dort fließt“ sagt sie zu mir.
Hört sich doch gesund an.
Das gleiche geschieht mit dem anderen Arm und beiden Beinen. Das Abbinden des linken gebrochenen Beines ist nicht so schlimm wie ich erwartet habe.
An allen Stellen ertönt das laute Wuuschschsch. Die StÀrke und Geschwindigkeit des Blutflusses wird genau auf einem langen Streifen Papier festgehalten.
Sie reißt den Streifen ab ohne hinzusehen und klebt ihn in meine Akte. Mit einem winzigen Papiertuch in der GrĂ¶ĂŸe meiner HandflĂ€che darf ich geschĂ€tzte 2 Liter Kleister von meinen ExtremitĂ€ten wischen. NatĂŒrlich gelingt mir damit nur eine bessere Verteilung.

Beim Betreten des Warteraumes fĂ€llt mir wieder der große TrinkwasserbehĂ€lter auf, der mitten an der LĂ€ngswand zwischen den StĂŒhlen steht. Da es bereits nach 12 Uhr mittags ist und ich langsam aber sicher Hunger und Durst bekomme, lacht mich das Teil nett an. Der Stuhl daneben ist frei. Schon habe ich ihn geentert und besetzt.
Das GerÀt hat einen Teil, der die Becher enthÀlt. Die Becher laufen unten spitz zu damit man sie nicht hinstellen kann. Klasse Erfindung. Einen Papierkorb kann ich im ganzen Raum nicht finden.
Den vollen Becher abstellen geht nicht und wohin mit dem leeren?
Es sind zwei Abzapfstellen vorhanden. Ich entziffere eine fĂŒr kaltes und die andere fĂŒr normales Wasser.
Fast wahnsinnig vor Durst entnehme ich der Halterung einen der spitzen Becher und halte ihn unter die Zapfstelle fĂŒr kaltes Wasser.
Der erste Schluck weckt unangenehme Assoziationen. Ich muss heftig die ZĂ€hne zusammen beißen um das Wasser am Verlassen meines Magens zu hindern. Es ist mehr als Lauwarm und ohne KohlensĂ€ure.
Der Becher ist noch fast voll. Todesmutig stĂŒrze ich den Rest des Bechers hinunter und schließe dabei die Augen.
Hauptsache FlĂŒssigkeit fĂŒr meine ausgedörrte Kehle, rede ich mir ein. Zum GlĂŒck bleibt das Zeugs unten. Den spitzen Becher lege ich dekorativ auf den Wasserspender.

Mein Sohn taucht mal wieder genervt auf und fragt wie lange er noch warten muss. Mit meiner Antwort: “ Genau so lange wie ich.“, scheint er nicht wirklich zufrieden zu sein.
Es ist bereits nach 12 Uhr und um 14 Uhr beginnt seine Schicht. Er geht an die Rezeption und kehrt nach 5 Minuten zurĂŒck.
„Du musst nur noch zum Ultraschall, dann bist du hier fertig.“ VerkĂŒndet er mir freudestrahlend. Einen Test werde ich schon noch ĂŒberleben, denke ich mir.
Um 12.30 tippelt er wiederum zur Rezeption und kehrt nach 10 Minuten zurĂŒck.
„Den Rest darfst du Morgen absolvieren.“ meldet er. „Wir können verduften.“
Toll, da er nicht warten kann, darf ich Morgen wiederkommen.

Bevor ich die Praxis verlassen kann, taucht die freundliche Dame von der Rezeption auf und bittet mich wiederum in den erhöhten Teil der Praxis.
„Sie mĂŒssen doch ihr Dauer-EGK mitnehmen“ teilt sie mir freundlich mit. Ich wusste es. Mindestens eine Schikane haben sie noch fĂŒr mich.
Wiederum werde ich mit vielen SaugnÀpfen verkabelt. Nur haben diese SaugnÀpfe Klebestreifen die sogar auf meinen Brusthaaren kleben. Wenn ich nur an das Abziehen denke, bekomme ich bereits Schmerzen.
Der Apparat selber ist etwa Hand groß und besitzt an der oberen Seite einen Klipp, damit man ihn an den GĂŒrtel stecken kann. Die Schwester teilt mir mit, dass es ausreicht, wenn ich es bis zum Aufstehen morgen frĂŒh aushalte. Dann dĂŒrfte ich auch die Klebestreifen entfernen und den Apparat zur Auswertung an der Rezeption abgeben.
Ich streife mein T-Shirt wieder ĂŒber und fĂŒhle mich jetzt total verkabelt.

Aber auch mich plagt inzwischen der Hunger und ich humple hinaus zum Wagen. Mein Sohn verkĂŒndet mir stolz, dass er nur eine Politesse verjagen musste. Er hat ihr mit seiner ErzĂ€hlung ĂŒber mich, meinen KrĂŒcken und meinen Krankheiten die TrĂ€nen in die Augen getrieben.
Er durfte weiterhin hier Parken. Mal sehen was Morgen daraus wird.
Auf der RĂŒckfahrt nimmt er die Autobahn.
Erstens um zu testen ob der Geschwindigkeitsanzeiger meines Wagens auch ausreicht (tut er natĂŒrlich, der Wagen wurde noch nie richtig ausgefahren) zweitens um seine Pornosammlung im Videoshop der benachbarten Stadt auf den neuesten Stand zu bringen und drittens um sich bei McDonald noch mal richtig mit Fastfood einzudecken.
Nach diesem kurzen Umweg von einer Stunde durfte auch ich zu Hause ein schnelles Mahl aus zwei Toastschnitten zu mir nehmen, bevor auch schon die Hausfriseuse auftaucht um mir ihre monatliche Aufmerksamkeit zu schenken.
Ich bitte Sie, die an meinem Nacken herumfĂŒhrenden Kabel, nicht zu beschĂ€digen.
„Welches Kabel?“ fragt sie irritiert.
Verdammt, ein Stecker hat sich gelöst. Vermutlich siehst es auf dem Diagramm jetzt so aus, als hÀtte ich zu Mittag anstatt eines anstÀndigen Essens einen Herzstillstand bekommen.
Schnell fummele ich das lose Kabel wieder an den Saugnapf. Wenn das jetzt nicht Krank aussieht auf dem Diagramm, dann weiß ich es auch nicht mehr.
Den Rest des Tages versuche ich mit dem EKG Apparat zu leben.
Nur in der Toilette fÀllt es mir doch sehr schwer, weil das Teil laufend auf den Boden knallt. Das muss es ab können, denke ich mir.




Donnerstag, den 10.11.2005

6.00 Uhr - FĂŒr mich ist die Nacht gelaufen.
Bei jedem Wenden im Bett habe ich vorsichtig den EKG Kasten mit auf die andere Seite gehoben. Vergaß ich dies, erinnerte mich jedes Mal ein schmerzhaftes Ziehen der angeklebten SaugnĂ€pfe an den Brusthaaren daran.
Irgendwann in der Nacht muss ich das im Schlaf wohl vergessen haben. Als ich gegen 5 Uhr auf die Toilette humpelte, baumelten wieder zwei Strippen lose an mir herunter anstatt an den SaugnÀpfen zu sitzen. Wieder Herzstillstand in der Nacht. Ich musste laut Lachen.
Um sechs Uhr aber halte ich es nicht mehr aus und versuche die aufgeklebten SaugnĂ€pfe vorsichtig zu entfernen. Den ersten reiße ich kurz entschlossen mit einem Ruck ab. Ich bin gleichzeitig versucht laut zu schreien.
FĂŒr die anderen benötige ich dann 20 Minuten. Aber die Haare sind noch dran.
Als ich nach der Morgentoilette aus dem Bad komme, freut sich der Hund ĂŒber die weißen Leckerchen und kaut genĂŒsslich die PapiersaugnĂ€pfe durch. Guter Hund. Die kann ich fort schmeißen.
Ich bin zwar erst um 9 Uhr bestellt, aber da mich heute meine Frau zum Arzt fĂ€hrt, kommen wir auch eine halbe Stunde frĂŒher dort an.
Die Dame an der Rezeption erkennt mich sofort wieder, vermutlich anhand der KrĂŒcken und fordert auch sofort das EKG GerĂ€t wieder ein.
Ich bin froh es endlich los zu sein.
Den Warteraum kenne ich ja bereits und hoffe, dass mich meine Frau in einer Stunde wieder mitnehmen darf.

Nach etwas ĂŒber einer Stunde werde ich endlich gebeten, mich vor dem Ultraschallzimmer zu postieren. Da nur noch zwei weitere Kunden vor der TĂŒre hocken, dauert es auch nur bis kurz vor elf, als ich das kleine Zimmer betreten darf.
Darin stehen eine große Liege, ein Schreibtisch und das große UltraschallgerĂ€t mit Monitor. An den WĂ€nden befinden sich einige
AktenschrÀnke. Das Zimmer ist angenehm abgedunkelt, damit man besser die spannenden VorgÀnge auf dem Monitor sehen kann.
Ich nehme auf der Liege Platz und der Arzt entreißt mir gleich meine KrĂŒcken, um sie weit hinten in eine Ecke zu stellen.
„Damit sie nicht stören.“ Meint er zu mir. Ich denke eher, damit ich nicht fliehen kann. Mit den hier ĂŒblichen Standard Worten:
„Machen Sie sich oben frei und legen Sie sich hin. Ich komme gleich wieder.“ Verschwindet auch er aus dem Raum. Das scheint hier so eine Marotte zu sein.
Oder glauben die wirklich, jeder Patient braucht fĂŒrs Ausziehen und hinlegen etwa eine halbe Stunde?
Wie ĂŒblich hab ich die Übung in cirka 20 Sekunden geschafft ohne mich zu beeilen. Nach 20 Minuten taucht mein Ultraschalldoktor wieder auf. Ich erkenne an seiner Aussprache, dass er kein geborener Deutscher ist. Auch sein Aussehen weist mehr auf sĂŒdliche Gefilde hin.

Er schmiert mir meinen Hals und meine nicht mehr vorhandene SchilddrĂŒse dick mit Kleister ein. Beim drĂŒcken des US-Kopfes auf meine Halsschlagader beobachtet er genau seinen Monitor.
„Leichte Ablagerungen aber durchlĂ€ssig.“, meint er. Damit kann ich leben. Sollten die Dinger zu sein, wĂ€re ich auch lĂ€ngst Hirntod.
Er drĂŒckt feste unterhalb meines Kehlkopfes auf meine OP-Narbe und stellt fest, was ich auch schon wusste: meine SchilddrĂŒse ist weg.
Anschließend reicht er mir ein winziges Papiertuch und ich schnĂ€uze mich hinein. Verwundert meint er, dass dieses Tuch eigentlich zum abwischen der Gleitcreme wĂ€re.
Ich bemerke, dass dieses Tuch gerade groß genug ist um den kaum vorhandenen Dreck aus meiner Nase aufzunehmen.
Übers Schnupfen kommen wir ins plauschen. WĂ€hrend der nĂ€chsten Minuten erfahre ich, das aus Albanien nicht nur Luden und WettbetrĂŒger Stammen, sondern auch angehende Ärzte. Mein Weltbild, geprĂ€gt durch Funk und Fernsehen, gerĂ€t mĂ€chtig ins wanken.
Seine Heimat liegt in ziemlicher Höhe und hat ein Klima wie in der Schweiz. Nur wenn er ans Meer musste bekam er Heuschnupfen und sein Abitur hat er in der Hauptstadt gemacht, wo auch sein Großvater eine Bank besaß. Der musste jeden Silvester in seiner Bank sitzen und den Jahresabschluss bis Neujahr geschafft haben. Eine Bank die Geld hin und her schob, keine grĂŒn angestrichene Gartenbank, darauf besteht er um keine MissverstĂ€ndnisse aufkommen zu lassen.

Nach diesen interessanten Abschweifungen erfolgt nun die vierte ÜberprĂŒfung meines Herzmuskels. Diesmal mittels Ultraschall. Er stellt leichte VerĂ€nderungen fest, die aber nicht dramatisch oder krankhaft sind.
Da wir uns nun so nahe gekommen sind, erhalte ich mehrere PapiertĂŒcher um den Kleister auf mir zu verteilen. Zum trockenreiben reichen aber auch diese nicht. Er ĂŒberreicht mir wieder meine FluchtkrĂŒcken und ich darf nochmals vor seinem BĂŒro Platz nehmen.

Meine Frau erwartet mich bereits dort und fragt mich genervt wie lange es wohl noch dauern wird. Ich verkneife mir, ihr einfach eine astronomisch hohe Stundenzahl zu nennen. Da ich auch keine Ahnung habe, sehe ich mir die einzelnen ZimmertĂŒren an und hake sie eine nach der anderen im Geiste ab. In jedem Zimmer war ich mindestens einmal gewesen. Es bleibt also nur noch das AbschlussgesprĂ€ch beim guten Doktor.
Etwa alle 10 Minuten wird jemand zum Arzt herein gerufen, vermutlich auch zu abschließenden GesprĂ€chen.
Auf die Frage meiner Frau, warum die vor mir dran sind, fĂ€llt mir nur mein sprichwörtliches Pech ein, das ich jedes Mal im Supermarkt bestĂ€tigt bekomme. Egal, an welch kurzer Kassenschlange ich mich anstelle, die anderen sind grundsĂ€tzlich schneller. An meiner Kasse passiert immer ungewöhnliches. Das reicht vom Rollenwechsel mit Handicap ĂŒber die Oma die ihr Wechselgeld von 12 Euro in Cent StĂŒcken fallen lĂ€sst bis zum RaubĂŒberfall.
Aber trotzdem macht mich diese Fragerei in gewisser Weise stolz. Meine Frau hĂ€lt mich wohl doch fĂŒr etwas JesusĂ€hnliches, der auch auf alles eine Antwort wusste.

Nachdem endlich alle unwichtigen FĂ€lle durchgehechelt und es 12 Uhr Mittag ist, darf auch ich wieder im Allerheiligsten vorsprechen.
Der Arzt begrĂŒĂŸt mich kurz und stöbert in den vor ihm liegenden Aktenberg.
Er beginnt mit der ErklĂ€rung, dass er mir, wie ich ja wohl weiß, nichts mitteilen darf, was er in das Gutachten schreiben wird.
Ich Kontere mit dem Hinweis, dass ich solches nicht wissen kann, da ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Rentenantrag gestellt habe.
Er stutzt nur kurz und beginnt mit seiner WĂŒhlerei von vorne.
Als nĂ€chstes beginnt er tröstlicher Weise mit meinem Herz, an dem er leider nichts finden konnte. Im Geiste bedauere ich ihn fast und wĂŒnsche mir einen Herzschrittmacher zu Weihnachten. Er schĂŒttelt bedauernd den Kopf, als hĂ€tte er einen potentiellen Kunden verloren.
„Aber der Zucker hat ja ganz schön an ihnen genagt“ erklĂ€rt er mir dann mit einem Augenzwinkern. Bedeutet das ein gutes Gutachten? Sagt ja eigentlich schon das Wort „Gutachten“.
Mir ist das inzwischen egal. Hauptsache ich darf endlich nach Hause.
Nach zwei abschließenden SĂ€tzen darf ich tatsĂ€chlich diesen Folterkeller verlassen.
Egal welche PrĂŒfungen hier auf einen warten, viele oder nur eine
Vor ein Uhr mittags kommt man hier vermutlich nie heraus.
Ich bin froh dass ich diesen Teil der Untersuchung fĂŒr die BFA geschafft habe und bereite mich seelisch auf Morgen auf die nĂ€chste vor.




Freitag den 11.11.200X

Hoppeditz erwachen oder Karnevalsanfang. Der Beginn der 5. Jahreszeit. Wenn das kein schlechtes Omen ist, was dann.
5.50 Uhr
Das Erwachen ist wie ĂŒblich zu frĂŒh. Mindestens 10 Minuten zu frĂŒh. Mein Blick zur Radiouhr ist verschwommen und ich benötigte einige lange Sekunden bis sich der Blick soweit geklĂ€rt hat, dass ich die Uhrzeiger erahnen kann. Ich bleibe einfach solange liegen bis eine Uhrzeit durchgesagt wird. Das ist genauer als mein Blick zur Uhr. Als di Nachrichten kommen stehe ich endlich auf. Jetzt nur keine unvorsichtige oder heftige Bewegung, denn Odin hat sofort bemerkt, das ich wach bin. StĂŒrmisch rammt er mir seine Schnauze ins Gesicht zur BegrĂŒĂŸung.
Heute muss ich um halb acht bei einem Fachaugenarzt vorsprechen.
Komischer Weise hat dieser Augenarzt seine Praxis nur einige hundert Meter weiter neben meinem eigenen Augenarzt. Das aber ist ein Professor mit weltweit gutem Ruf. Bei meinem GlĂŒck kennen sich die beiden und hassen sich bestimmt.

Ich humple also mit meinen KrĂŒcken zum Nachbarzimmer und sage meiner Frau dass der Hund raus will. Sie sitzt schon im Bett und grunzt unverstĂ€ndliches.
Vermutlich soll das okay heißen. Nehme ich mal vorsichtshalber an. Also weiter ins Bad, ZĂ€hne poliert und den Hals frei geschabt.
Ich bin fertig und auch der Hund mit seinem GeschĂ€ft. Er liegt natĂŒrlich genau vor dem Bad und rĂŒhrt sich nicht. Er will wohl, dass ich noch mal stĂŒrze. Beim Anziehen hopst Odin wie ĂŒblich um mich herum. Danach geht es vorsichtig runter in die KĂŒche, schauen ob es schon Kaffee gibt und meine ĂŒbliche Ration Tabletten futtern.
Andere Leute nennen das schon ein kleines FrĂŒhstĂŒck. Satt macht es aber nicht.

6.40 Uhr
Meiner Frau ist es endlich gelungen den Hund im Zimmer unseres Sohnes zu bringen. Sein Körbchen hat sie ihm auch reingestellt, damit er noch ein wenig schlafen kann.
Sohnemann bekommt noch einen gestellten Wecker neben dem Bett, damit er nicht vergisst den Hund in 20 Minuten zum Laufen bei den Nachbarn abzugeben. Der vergisst ohne Wecker und seiner Mutter so ziemlich alles inklusive seinem Kopf.
Ich wette, der pennt jetzt bis Mittags durch, wenn Odin ihn lÀsst. Aber Odin ist jetzt schon scharf auf seinen Hundetreff, da wird er keine Ruhe geben.

Also hopp ins Auto und in die Kreisstadt gefahren. NatĂŒrlich fragt mich meine Frau, wo genau der Augenarzt seine Praxis hat. Durchs Internet hab ich seine ungefĂ€hre Adresse und wir finden auf Anhieb einen Parkplatz nur 30 Meter weiter.
Ein Wunder mitten in der Stadt. Schnell schaue ich zum noch dunklen Himmel, ob ich einen hellen Stern erkennen kann. Aber dieses Wunder bleibt wohl ohne Beleuchtung.
Ich humple voraus bis zur entsprechenden HaustĂŒr und sehe mit Schrecken, dass die Praxis im zweiten Stock ist. Gut das es wenigstens einen Aufzug gibt.
Das war ja einfach. Keine halb acht und wir sind da.

Wir betreten die PraxisrĂ€ume und werden begrĂŒĂŸt von der Sprechstundenhilfe mit „Sie sind Herr A.!“.
Wow, bin ich so bekannt?
Ich bestĂ€tige also ihre Vermutung und werfe den Stapel Schreiben, den ich mitbringen soll, aufs Pult. NatĂŒrlich will Sie auch noch meine Krankenkassenkarte. Soviel dazu das ich von der BFA vorgeladen wurde.
Endlich ist sie zufrieden und es kommt der ĂŒbliche Spruch, dass ich mich gefĂ€lligst ins Wartezimmer verziehen soll. Wenigstens gibt es zwei bequeme StĂŒhle und da wir die Ersten sind, auch noch die volle Wahlmöglichkeit.

An der Rezeption herrscht ein Kommen und Gehen. Aber das waren vermutlich alles Angestellte, da kein weiterer Patient zu uns in den Warteraum kommt. Man kann die Rezeption sehr schön durch die offene TĂŒr bewundern. Der Rest der Wand wird eingenommen von einer riesigen, durchsichtigen Scheibe, so dass an der Rezeption nichts verborgen bleibt. Der Warteraum selber wird ĂŒbergangslos zum Flur von dem verschiedene Behandlungszimmer abgehen. Alles macht einen ziemlich offenen Eindruck. Auf diesem Flur stehen auch weitere StĂŒhle.
Wenn man den Flur, der einen leichten links knick macht, ganz bis zum Ende geht, erreicht man die Rezeption wieder auf der anderen Seite. Das ganze entpuppt sich als Rundgang.
Endlich geht es los. Mein erster Aufruf.
Ein hĂŒbsches, aber mageres junges MĂ€dchen lĂ€chelt mich freundlich an und bittet mich Platz zu nehmen vor zwei großen Apparaten. Vor jedem Apparat steht ein Drehhocker und jede Apparatur hat zwei Gucklöcher mit einer KinnstĂŒtze davor.
Das kommt mir auf jeden Fall bekannt vor. Vermutlich etwas zum Testen des Sehvermögens.
Das MĂ€dchen fragt mich dann erstmal die Sachen, die bereits in den abgegebenen Schreiben und Formularen zigmal angegeben sind, um es in einen Computer zu tippen.
Freundlich wie ich bin, gebe ich zu meiner Person zum x-ten male Auskunft. Ist ja kein Geheimnis wie ich heiße und wann und wo ich geboren wurde. Das zumindest lĂ€sst sich ja nicht verleugnen.
Auf die Frage meiner Medikation ziehe ich blitzschnell eine gut vorbereitete Liste meiner Medikamente heraus und halte sie Ihr hin. VerblĂŒfft stottert Sie, dass sie diese Angaben dann spĂ€ter eingeben wird. Ist fĂŒr sie vermutlich eine Tagesarbeit.
Der erste Test beginnt. Denke ich.
Aber ich habe nur mit dem Rechten und dann mit dem Linken Auge in das erste GerĂ€t zu schauen, auf dem eine Landstraße mal scharf und dann wieder unscharf wird. Fragen werden dabei keine gestellt.
Mal was Neues. Bei dem zweiten GerĂ€t werde ich kurz darauf hingewiesen das ich einen kleinen Luftzug spĂŒren könnte. Dieser sei aber gewollt und ich darf nicht erschrecken. Ich verkrampfe nur leicht, als mich ein Luftdruck wie aus einer Luftpistole mitten aufs Auge trifft.
Nachdem auch das linke Auge beschossen ist, erhalte ich die gute Nachricht, dass mein Augen Innendruck in Ordnung ist. Die erste Gute Nachricht des Tages. Ich sollte sie entsprechend feiern, eventuell mit Kaffee und Brötchen. Beides ist hier natĂŒrlich nicht zu erhalten.
Ich schwinge mich zurĂŒck ins Wartezimmer und erfahre von meiner Frau, das es unten an der Straße, nur wenige Meter weiter, Kaffee und Brötchen in einem Cafe gibt. Sie verschwindet fĂŒr die nĂ€chste Stunde um es sich gut gehen zu lassen. Mahlzeit.
Ich hingegen werde nach einiger Zeit vom gleichen MĂ€del in ein weiteres Zimmer gebeten.
Aha, denke ich mir, hier wird sicher die SehschÀrfe getestet.
Und richtig, bequem in einem Augenarztsessel sitzend, betrachte ich die an die Wand geworfenen Buchstaben und Zahlen. Ich vermute zumindest, es handelt sich um solche. Denn erkennen kann ich nichts.
Erst nach wiederholter VergrĂ¶ĂŸerung kann ich beide Buchstaben erkennen. Mehr passen auch nicht auf das Projektionsfeld.
Das MÀdel lÀsst sich keine Frustration anmerken. Sie hat sich gut im Griff.
Da man in dieser GrĂ¶ĂŸe wohl nur zwei Buchstaben besitzt und ich sie bereits auswendig kenne, hĂ€lt sie mir den gereckten Daumen und den Zeigefinger in ca. einem Meter Abstand vors Gesicht.
Ihre Frage nach der Anzahl Ihrer Finger, die ich erkennen kann, beantworte ich wohl falsch. Ich soll doch noch mal richtig hinschauen und ĂŒberlegen, meint sie. Ich korrigier meine Antwort, dass ich nur einen Finger sehe, dahin gehend, dass ich auch zusĂ€tzlich einen Daumen erkennen kann. Dieser ist anders als der Finger aber nach oben gereckt.
Auf meine Frage, ob das nun korrekt ist, fÀngt sie an zu kichern.
Den zweiten Versuch habe ich aber auf Anhieb richtig. Zwei Finger und einen Daumen antworte ich.
Was freut sie sich da. Zur Belohnung darf ich wieder ins Wartezimmer.

So langsam fĂŒllt sich der Warteraum und meine Frau ist noch nicht zurĂŒck. Ich trĂ€ume von frischen Brötchen und einem Kaffee.
Mein FingermĂ€del kommt wieder und fĂŒhrt mich humpelnder weise einmal rund durch das ĂŒberraschend große Areal der ganzen Praxis. Groß ist meine Überraschung als ich auf der anderen Seite der Anmeldung wieder heraus komme.
Der Flur fĂŒhrt tatsĂ€chlich einmal Rund durch die ganze Praxis.
Sie weiß vermutlich, dass ich Bewegung brauche und die AbkĂŒrzung an der Anmeldung vorbei gar nicht mag. Ich darf mich dann in ein winziges Zimmer zwĂ€ngen.

Nun beginnt eine richtige Tortour.
Ich sehe einen großen, weiß-ovalen Schirm, der in der Mitte einen schwarzen Punkt hat mit einem Kinn Gestell davor. An der rechten Seite auf dem Tisch ist ein weißer Klingelknopf installiert. „Gesichtsfeld Erkennung“ triumphiere ich.
Mein MĂ€del bestĂ€tigt das und hilft mir beim Setzen und Verstecken meiner KrĂŒcken.
Mit dem rechten Auge fixiere ich den schwarzen Punkt in der Mitte. Das MĂ€del, das auf der anderen Seite des Schirmes sitzt, bewegt langsam einen hellen Lichtfleck von der Seite hin zum Mittelpunkt des Schirmes.
In dem Moment wo ich diesen Lichtfleck bewusst erkenne, muss ich den Klingelknopf drĂŒcken. Das ganze wird natĂŒrlich aus so ziemlich allen Richtungen wiederholt, noch einmal wiederholt und dann noch ein paar Richtungen zusĂ€tzlich erfunden. Zur endgĂŒltigen Verwirrung werden dann auch noch viele Richtungen wiederholt.

Die Geschwindigkeit, mit der der Lichtpunkt von außen nach innen und umgekehrt wandert, könnte von jeder Schnecke locker getopt werden. Nur die tektonischen Erdplattenbewegungen dĂŒrften langsamer driften.
Nachdem es langsam langweilig wird, darf ich endlich auch einmal das linke Auge benutzen. Fertig, denke ich nach 20 Minuten.
Mein Kreuz fĂŒhlt sich inzwischen auch fertig an, da der Stuhl nicht höhenverstellbar ist. Um ehrlich zu sein, kreischt meine Bandscheibe inzwischen dringend nach einem Notarzt oder Wunderheiler.
Ich werde kreidebleich, als das dumme junge Ding meint: „ Und nun wieder das rechte Auge.“
Will sie feststellen ob ich geschummelt habe oder wann meine Bandscheibe den Geist aufgibt? Also das ganze noch einmal.
Und wieder wird der blöde Punkt mit entnervender Langsamkeit ĂŒber den Schirm geschoben. Zwischendurch werd ich immer wieder gefragt, ob ich auch nicht den hellen Lichtfleck hinterher schaue. Denn dann könnten wir das ganze wiederholen.
Ich will natĂŒrlich nicht bis ĂŒbermorgen hier mit gekrĂŒmmten RĂŒcken sitzen. Allein bei dem Gedanken bricht mir sofort der Schweiß aus. Ich verbiete mir einfach an den hellen Lichtpunkt zu denken.
Prompt verpasse ich natĂŒrlich meinen nĂ€chsten Einsatz und drĂŒcke dafĂŒr die Klingel danach gleich dreimal.
Aber auch diese QuÀlerei nÀhert sich nach einer dreiviertel Stunde dem Ende.
Sie malt irgendwelche Punkte und Kurven auf Listen und Tabellen und verschwindet fĂŒr 5 Minuten.
Danach erscheint sie mit einer wirklich großen Frau, die wohl etwas zu sagen hat. Sie ist etwa Ende 20 und so groß, das sie sich glatt in meiner Glatze spiegeln kann.
Sie erklĂ€rt dem dummen Ding, was sie alles falsch gemacht hat und mir tropft der Angstschweiß auf das Hemd. Das Herz will mir fast zerspringen und ich bete: Bitte nicht noch einmal.
Ich verstehe aus der Unterhaltung aber, dass die ganze Übung jetzt auch noch rĂŒckwĂ€rts zu veranstalten ist. Also den Punkt so lange aus meinem Gesichtsfeld wandern lassen, bis ich ihn nicht mehr sehen kann.
Mein Kreuz schreit gequĂ€lt auf. Das ĂŒberlebe ich einfach nicht.
Die nÀchste halbe Stunde habe ich irgendwie aus meinem GedÀchtnis gestrichen. Das Gehirn ist bei extrem Situationen wirklich zu ungeahnten Leistungen imstande.
Ich erinnere mich nur dunkel, dass ich, um das ganze abzukĂŒrzen, ziemlich frĂŒh meinen Klingelknopf drĂŒcke. Mir tut inzwischen auch die Hand weh, die auf dem Klingelknopf liegen muss.

Ich darf endlich wieder im Warteraum sitzen. Dem Himmel sei Dank. Welch eine Erholung. fĂŒr meinen geschundenen RĂŒcken. Meine Frau ist inzwischen auch wieder aufgetaucht und riecht lecker nach Kaffee und Brötchen.
Nachdem Sie mich ca. 10 Minuten mit der Frage quÀlt, wie lange das alles noch dauert, verschwindet Sie, um mit Sohnemann zu telefonieren. Sie meldet schon nach kurzer Zeit Erfolg. D. h. Sohnemann hat tatsÀchlich den Hund abgegeben und ihn auch wieder abgeholt.
Welch ein Wunder. Ein toller Tag dieser Karnevalsanfang. Wunder ĂŒber Wunder geschehen.
Nach weiteren 10 Minuten darf ich das nÀchste Zimmer in diesem Kaninchenbau kennen lernen. Das Schielzimmer.
Nach diversen Stereo und Schieltests kann ich die Dame dieses Zimmers wohl nicht lĂ€nger glĂŒcklich machen. Ich werde mit der Bemerkung entlassen, dass ich nicht schiele und mir keine Gedanken machen brauche. Klasse, nun weiß ich auch das.
Zwischendurch kann ich meinen ersten Blick auf Herrn Doktor werfen.
Meine Frau macht mich darauf aufmerksam, dass Herr Doktor keiner ist. NUR Facharzt wie sie meint. Mir ist das egal. Ich sehe nur, dass er wahnsinnig lang ist. Kommt er ĂŒberhaupt durch die TĂŒren? Kein Wunder das er so große Sprechstundenhilfen hat. Er will sicher nicht immer nur herunter schauen.

Es ist fast Mittag und meine Frau macht mich verrĂŒckt. Immer wenn ich ein wenig einnicke, fĂ€ngt sie an, ĂŒber diese unsĂ€glich lange Prozedur und QuĂ€lerei zu meckern. Wer wird denn hier untersucht? Sie darf ja hier ruhig sitzen, etwas lesen oder stricken oder sogar gehen und shoppen. Nur schade, dass die Einkaufsmeile noch so weit von hier weg ist. Den Parkplatz vor dem Haus kann man natĂŒrlich nicht so einfach aufgeben. Wer weiß, wann wieder solch ein GlĂŒckstag ist. Mit hoher Stimme fragt sie mich, warum ich plötzlich so blöde grinse.

Zum GlĂŒck geht’s jetzt weiter.
Wiederum werde ich durch das ganze Areal gelotst. Hinter der Rezeption, vor einem winzigen Kabuff, machen wir halt. Bewegung tut mir ja gut und AbkĂŒrzungen sind hier vielleicht verboten. Oder es gibt Einbahnstraßen. Vielleicht gefĂ€llt aber auch den Schwestern der Anblick meiner schwingenden KrĂŒcken und Beine. Der Gedanke lĂ€st mich LĂ€cheln.
Darf es denn solch kleine RĂ€ume geben? Denke ich mir als sie mir die TĂŒre öffnet.
Also: es steht in diesem fensterlosen Kabuff genau ein Stuhl und ein Teewagen mit diversen GerÀten darauf. Weiteren Platz gibt es nicht. Irgendwie quetsche ich mich in diesen Stuhl und versuche meine Knie einzuziehen.
Wenigstens ist die folgende Übung einfach.
Ich werde verkabelt um die StĂ€rke und Geschwindigkeit meiner Augennervenströme zu messen. Einen Clip bekomme ich ans OhrlĂ€ppchen, einen auf meine Glatze geklebt und der auf meiner Stirn will natĂŒrlich nicht haften.
Mir wird erklĂ€rt, dass das normalerweise nur bei den Ă€lteren Damen passiert, weil die sich morgens mit irgendwelchen Cremes einschmieren. Muss wohl noch von meinem letzten Schweißausbruch stammen. Sie hĂ€lt das Teil einfach mit Ihrem Finger fest und macht einen Blitzapparat an. Ich danke im Geiste dem Herrn, dass sie mir das Teil nicht angetackert hat.
Ein Auge hÀlt sie mir allerdings mit einem Pappstreifen zu und nach 3 Minuten das andere Auge.
Der Apparat spukt einen langen Streifen aus, den sicher keine Sau richtig lesen kann. Jedenfalls wirft sie noch nicht einmal einen Blick darauf. Vermutlich bin ich bereits Hirntod.
Ich muss Sitzen bleiben, denn nun folgt ein DĂ€mmerungssehtest.
„Fein.“ meine ich, „In der DĂ€mmerung sehe ich gar nichts.“
Sie glaubt mir nicht und meint ich soll jetzt mal 5 – 10 Minuten im Dunkeln sitzen bleiben, damit sich meine Augen anpassen können. Angst brauche ich keine haben, sie lĂ€sst die TĂŒre in meinem RĂŒcken einen Spalt weit offen. Soviel zu absoluter Dunkelheit.
Vertrauensvoll strahle ich Sie an. Sie ist wirklich gut zu mir.
Und tatsÀchlich, nach 30 Minuten schaut sie wieder bei mir rein.
Der Test selber ist dann in 2 Minuten vorbei, nachdem ich wirklich ĂŒberhaupt nichts von Ihren Zeichen in diesem dunklen Apparat erkennen kann.
Ich bleibe also Nachtblind.
Und ab geht’s wieder in den Warteraum zur Erholung. Aber da sitzt ja meine Frau. Also doch keine Erholung.
Genervt fragt sie mich, wie viel sie noch in den Parkautomat werfen soll. Da ich keine Ahnung habe, wie lange alles noch dauert, sage ich ihr, sie soll alles rein werfen. Aber einen Hinweis habe ich von der großen Dame bekommen. Der Doktor will mich noch zweimal sehen.
Einmal so wie ich bin und einmal voll gedröhnt mit Augentropfen.
Ein Ende ist also abzusehen.

Ich betrete das Allerheiligste, das Chefzimmer. Interessiert sitze ich im Augenstuhl und fahre den Sitz probeweise ein paar male rauf und runter.
Funktioniert.
Auch die ganzen Apparaturen lassen sich prima rein und raus schwenken. So langsam fasse ich Vertrauen zu dem langen Lulatsch und bereits nach 15 Minuten betritt er den Raum.
ErzÀhlen Sie mal was, meint er zu mir. Klasse Test. Sprechproben will er auch.
Also fang ich mit meinem Zucker an und Ende mit den Laseroperationen seines Kollegen.
Er schaut mir mit einem besonders hellen Licht abwechselnd in beide Augen und murmelt unverstÀndliches zu seiner Sprechstundenhilfe. Aber soviel verstehe ich. Es ist das gleiche was auch mein Augenarzt immer murmelt. Also hat auch er nichts anderes entdeckt.
Alles was er mir daraufhin noch erzĂ€hlt, weiß ich auch schon. Und dass ich schlecht sehe bemerke ich jeden Morgen nach dem Aufstehen.
Nur als ich ihm von meinen Schwierigkeiten als Buchhalter erzĂ€hle scheint er nicht sonderlich erschĂŒttert zu sein.
„Mit entsprechend großen Bildschirmen und großer Schrift können sie auch weiterhin als Buchhalter arbeiten. Oder umschulen auf TelefonverkĂ€ufer.“
Meine Hoffnung auf Rente schwindet wie Schnee im Hochsommer. Wenn der lange Blödel sein Gutachten abgibt habe ich keine Chancen mehr eine Rente zu erhalten.
Er schĂŒttet mir noch einige Ampullen FlĂŒssigkeit in beide Augen und schickt mich mit nassen Wangen wieder ins Wartezimmer.

Bereits nach einer knappen Stunde Wartezeit darf ich wieder ins Allerheiligste. Und das mit weit gemachten Pupillen.
Gut, das ich diese Praxis bis auf den letzten Zentimeter kennen gelernt habe. Nun weiß ich, warum ich jedes Mal durch alle Flure gefĂŒhrt wurde. Diesmal lĂ€sst er mich eine geschlagene halbe Stunde in seinem teuren Stuhl sitzen.
Ich dĂ€mmere langsam geschwĂ€cht durch Hunger und Durst ins Koma, als mit Schwung die TĂŒre aufgerissen wird und der Doc herein stĂŒrmt. Kraftvoll wie er wirkt, hat er sicher sehr gut zu Mittag gegessen. Der GlĂŒckliche.
Wieder schaut er mir mit hellem Licht in die Augen und lÀsst mich mal nach oben mal nach rechts und auch alle anderen Richtungen schauen.
Seine Kommentare zu den Laserungen seines Kollegen sind durchweg positiv. Nur dass er sie verdammt mutig nennt, macht mir doch ein wenig Angst. Aber diese Konsequenzen muss ein Arzt einfach bei solch schwierigen Patienten abwÀgen.
Und welche Konsequenzen darf ich tragen? Und wieso bin ich schwierig? Ich hoffe er meint meine Augenkrankheit.
Nun kommt er zum Letzten. Ich bin so was von froh. Aber dann sehe ich, welche Übung noch auf mich wartet.
Die DreiglÀserspiegelung.
Dabei wird der Augapfel leicht betĂ€ubt und eine Linse direkt darauf gesetzt. Durch fleißiges drehen dieser Linse kann der Arzt damit den ganzen Augapfelhintergrund ausleuchten. Das Aufsetzen ist ja schon unangenehm. Aber nichts gegen das Drehen. Man hat das GefĂŒhl das Auge wird herausgeschraubt.
Ich stöhne leise auf, als die Linse mit einem leisen schmatzen auf meinen Augapfel gedrĂŒckt wird.
„Na Sie kennen das doch.“, muntert er mich auf.
Ich denke an Brötchen und Kaffee. Es hilft nichts. Es ist trotzdem eklig.
Austherapiert und nicht weiter BehandlungsbedĂŒrftig ist sein einziger Kommentar bevor er mich aus seiner Praxis entlĂ€sst.
Zu seinem Gutachten darf er mir sowieso nichts sagen. Das hab ich inzwischen begriffen. Vermutlich Berufs- oder Arztgeheimnis. WĂ€re ja noch schöner wenn jeder Patient weiß woran er leidet.

Mit verquollenen Augen und knurrendem Magen verlasse ich fluchtartig diese heiligen Hallen und vergesse dabei beinahe meine Frau. Aber da ich nicht selber Fahren kann, humple ich nochmals zum Warteraum und sage ihr Bescheid. Sie schaut mich mit einem Blick an, der mir den grĂ¶ĂŸten Teil aller Schuld der Welt zuteilt.
Zur Belohnung kauft sie mir auf der RĂŒckfahrt sogar zwei Brötchen. Ich hĂ€tte vielleicht doch nicht sagen sollen, dass ich mehr als zwei Brötchen haben möchte. Bei mathematischen RĂ€tseln mit unbekannten GrĂ¶ĂŸen gibt meine Frau immer sehr frĂŒh auf. Und ĂŒber Mengenlehre brauchen wir erst gar nicht diskutieren.
Ich lasse mir beide trotzdem gut schmecken.


Es waren Drei sehr interessante Tage mit vielen Wundern, verrĂŒckten Ärzten, ebensolchen Schwestern und einer leichten Gewichtsabnahme durch Hungern gewesen.

Meine Rente sehe ich in unbekannten Weiten entschwinden.

Wenigstens war mir nie langweilig gewesen.


Mir gefĂ€llt die Leselupe, deshalb unterstĂŒtze ich sie... ... indem ich bereits regelmĂ€ĂŸig die Leselupen-Shop-Links nutze.
... indem ich die Leselupen-Shop-Links in Zukunft nutzen werde.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!