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Leselupe.de > Erzählungen
Tribute To Texas Tom
Eingestellt am 22. 03. 2005 00:59


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MDSpinoza
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Tribute To Texas Tom

Als ich vor langer Zeit anfing, Taxi zu fahren, fiel mir sehr schnell ein Kollege auf, der wirklich überall und nirgends zugleich zu sein schien, immer einen Kommentar im Funk loszuwerden wußte und die Stadt kannte wie kein Zweiter. Sein klappriger Ford schien nur durch Kaugummi und guten Willen zusammengehalten zu werden, doch die Fahrgäste, besonders die älteren Damen, stiegen immer gern zu ihm ins Auto, wurden sie doch immer mit einem freundlichen Lächeln, ein paar launigen Sprüchen und auf dem direkten Weg an ihr Ziel gebracht. Kein Mensch hatte ihn je in etwas anderem als Cowboystiefeln, kariertem Flanellhemd und fadenscheinigen Jeans mit einem schwarzen Ledergürtel, der mit großen Sil-bermünzen beschlagen war, gesehen. Deshalb und wegen seiner großen Liebe zum Wilden Westen hatte er ziemlich schnell in ganz Werdenbrück den Spitznamen „Texas Tom“ weg. Einen bürgerlichen Namen hatte er bestimmt auch, aber den kannte niemand.
Wenn es je in der Werdenbrücker Taxiszene eine Institution gegeben hat, war es Texas Tom.
Der Mann schien kein Privatleben zu haben, ich sah ihn zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten auf dem Bock. Meist fand man ihn am Nachmittag am Taxistand hinter dem „Merkur“ – Kaufhaus, einem der Endpunkte der großzügigen Fußgängerzone in Werdenbrück. Dort wartete er auf seine „Ladies“, wie er die älteren Stammkundinnen nannte. Oft genug ging die Fahrt in den Landkreis, so daß sich für ihn das Warten sogar lohnte.
In der Nacht war er fast überall gleichzeitig. Er hatte auch zu später Stunde viele Stammkunden, gerade die Mädchen aus den Etablissements in der Rollstraße und der Fehner Landstraße vertrauten sich am liebsten ihm an.
Als Kollegen lernte ich ihn sehr schnell zu schätzen, er kannte alle Schleichwege, Radarfallen, Puffs und Bars in über hundert Kilometern Umkreis und half jedem Neuanfänger gerne mit seinen Kenntnissen weiter. Wenn mal nichts los war, konnte man mit ihm immer ein nettes Schwätzchen halten, wobei er einen etwas derben, aber gutmütigen Humor bewies. Ein guter Geschichtenerzähler war er auch, nur daß seine Märchen selten jugendfrei waren...
Sein Gerechtigkeitsverständnis war ebenfalls recht texanisch: Einmal kam er darüber her, daß ein Fahrgast eine Taxifahrerin überfallen oder vergewaltigen wollte. Der Angreifer sollte Texas Tom’s Handschrift noch lange im Gesicht tragen...
Einmal hatte ich das Glück, ihn selbst als Kunden zu bekommen: Am Morgen des 2. Januar 1989 stieg er mir vor der Pforte des St. Marien – Hospitals ein. Ich dachte, er hätte, wie die meisten der Kollegen das Fahrersilvester gefeiert, aber er kam mit bedrückter Miene direkt aus dem Krankenhaus.
Gleich nachdem er eingestiegen war, griff er zur Uhr und schaltete sie ein, das sah ich als etwas ungewöhnliches, da die meisten Fahrer sich gegenseitig umsonst fahren, aber er bestand darauf. Er kam mir bedrückt vor, deswegen wartete ich, bis er mich ansprach.
„Bin nicht so lustig drauf wie sonst. Gibt auch keinen Grund mehr dazu. Wird nicht grade das beste Jahr meines Lebens, aber was soll’s, ich hab meinen Spaß gehabt. Wie war die Silvesternacht?“
„Nicht übel, ich hab 16 Stunden auf dem Bock gesessen, aber einen Tausender für mich, einen für den Chef. Zum Schluß, so gegen Morgen, da wurd’s richtig stressig, es fuhren in ganz Werdenbrück noch drei Taxen. Ich hab zweimal nachtanken müssen.“
„Gratuliere! Da hab ich wohl was verpaßt.“
„Du hast nicht gefahren? Hab ich gar nicht bemerkt. Ich hab irgendwann keine Funkfahrten mehr angenommen, nur noch Einsteiger. Bis sich das dann gegen Morgen beruhigt hatte.“
„Gibt nicht viele Junkies, die so eine Nacht durchhalten. Warum hast du noch keinen eigenen Wagen?“
„Was kostet die Ablöse für eine Lizenz?“
„Für dich nichts, wenn du willst.“
„Da muß doch ein Haken bei sein, es werden doch keine neuen Lizenzen vergeben.“
„Stimmt, aber es werden ab und zu welche frei. Dann kann man über den Preis reden...“
„Kannst mir ja bescheid sagen, wenn du davon erfährst.“
„Mach ich. So, da vorne rechts und in die Sackgasse rein, da wohne ich.“
„Schön versteckt hinter der hohen Hecke, gefällt mir.“
„Glaub ich gerne, da hat man seine Ruhe. Geht ja keinen was an, was hinter der Hecke passiert.“
„Um ehrlich zu sein, ich kenne das hier seit meiner Schulzeit, aber ich hätte nie geglaubt, daß hier hinter der Ruine vom Neustädter Rathaus noch ein Haus steht.“
„Ist auch nur noch das Erdgeschoß vom Palmsonntag 45 übriggeblieben, da gab’s ein Eternitdach drauf und das mußte erstmal reichen. Gab ja nichts damals. Die waren damals froh, daß das Erdgeschoß noch brauchbar war. Der Rest der Innenstadt ist damals komplett zu Bruch gegangen.
Aber gib mir mal deine Adresse.“
Ich schrieb sie ihm auf eine Quittung und gab sie ihm. Er bezahlte die Fahrt und verschwand durch die schmale Pforte in der Hecke. Einen kurzen Augenblick konnte ich einen Blick auf einen winterlich kahlen Obstgarten werfen.
In den Wochen darauf sah ich ihn hin und wieder oder hörte seine launigen Kommentare über Funk. Er war einer der wenigen, die von der Funkaufsicht nicht für jeden außerdienstlichen Spruch gemaßregelt wurden. Manchen kam das ungerecht vor, die meisten aber respektierten Texas Tom als das Original, das er nun einmal war. Das Gespräch mit ihm hatte ich bald vergessen.
Ich staunte nicht schlecht, als ich Ende März einen Brief von einem Zahnarzt bekam, den ich überhaupt nicht kannte. Mit etwas Skepsis öffnete ich den braunen DIN A4 – Umschlag und fand einen Antrag auf Übertragung einer Kraftdroschkenkonzession, eine ausgefüllte Anmeldung für die Taxiunternehmerprüfung und einen KfZ – Brief. Mit dem Namen Dr. Lapin konnte ich beim besten Willen nichts verbinden.
Als ich abends ins Taxi stieg, um die Nachtschicht zu beginnen, fragte ich meinen Chef, ob ihm der Name Lapin etwas sagte. Er fuhr tagsüber und kannte jeden Arzt in der Stadt, aber dieser Name war ihm so fremd wie mir.
Als ich am „Merkur“ vorbeifuhr, fiel mir das Gespräch mit Texas Tom ein, und ich rief seine Nummer in den Funk. Die Zentrale antwortete, er sei seit mehreren Tagen nicht gefahren, ob ich vielleicht einmal in der Zentrale anrufen könne. Ich suchte nach der nächsten Telefonzelle und meldete mich bei der Funkzentrale.
„Wir wissen nicht, ob Texas Tom irgendwie in Schwierigkeiten steckt, wissen Sie etwas?“
„Nein, nicht so recht. Ich hatte mit ihm vor einiger Zeit über die Unternehmerprüfung und den Kauf einer Lizenz gesprochen, aber er hat sich darauf noch nicht wieder gemeldet. Heute habe ich einen Brief bekommen, der mich daran erinnert hat, und deswegen wollte ich ihn fragen, ob er da etwas für mich gefunden hat.“
„Nun, hier weiß jedenfalls keiner etwas. Die letzte Schicht hat er vom 18. auf den 19. gefahren. Das ist jetzt fünf Tage her. Seitdem ist er nicht gefahren und hat sich auch gestern auf der Unternehmerkonferenz nicht blicken lassen. Das ist ja nichts neues, aber sonst hat er sich immer entschuldigt.“
„Wenn ich mehr weiß, melde ich mich wieder.“
„Dafür werden wir Ihnen sehr dankbar sein!“
Dann ging ich wieder auf Achse. Im Lauf der Nacht traf ich einige Kollegen, aber auch von denen wußte einer mehr als ich. Als ich morgens früh um acht ins Bett ging, war ich nichts klüger.
Dafür weckte mich schon um halb Zehn das Telefon. Ich hoffte ein Weilchen, der Anrufer gäbe sich mit dem Anrufbeantworter zufrieden, aber nein, das war jemand, der es ernst meinte. Ich schlurfte zum Telefon, hob ab und murmelte einen Gruß.
„Guten Tag, Herr Möhle, hier ist Rechtsanwalt und Notar Feldmann. Spreche ich mit Herrn Klaus Möhle?“
„Live und in Farbe, was gibt’s denn?“
„Ich möchte Sie bitten, sich der Polizei für eine Ermittlung zur Verfügung zu stellen.“
„Worum geht es denn, normalerweise sind diese Herrschaften doch nicht so schüchtern.“
„Es geht um Dr. Walter Lapin. Er ist seit Jahren mein Klient, und er scheint verschwunden zu sein. Ich habe eine Postkarte von ihm erhalten mit der Bitte, mich an Sie zu wenden. Ich kann ihn zu Hause nicht erreichen, und auf der Arbeit ist er auch nicht. Das ist nicht seine Art. Und nach dem, was Silvester passiert ist, muß ich da einige Möglichkeiten in Betracht ziehen. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Sie möglichst bald in meine Kanzlei kommen würden.“
„Gut, da scheint’s auf Schönheit nicht anzukommen, und ich habe vielleicht wirklich etwas, was Ihnen weiterhelfen könnte. Ich bin etwa in einer Stunde da.“
„Vielen Dank, bis nachher. Die Kanzlei ist St.- Johannis – Straße 5.“
„Das ist ja gleich um die Ecke, das schaff ich schon.“
Unter der Dusche fielen mir die ersten Fragen ein, die zu stellen ich vergessen hatte, bei einer heißen Tasse Kaffe noch mehr. Ich zog mich an und verließ mein Haus, den Brief in der Tasche, den ich von diesem Dr. Lapin bekommen hatte. Kopfschmerzen hatte ich hoch drei, wie immer, wenn ich zuwenig Schlaf bekommen hatte.
Ich hatte nur fünf Minuten Weg, dann stand ich vor dem Haus, das eine der ersten Adressen in der Neustadt war. Noble Anwaltskanzleien, vierfach übereinandergestapelt. Die Oberste war die, die ich gesucht hatte. Dres. Feldmann, Lapin und Wagner, Anwälte und Notare. Wieder dieser Name. Der zivile Polizeiwagen vor der Türe war mir auch aufgefallen, den hatte ich oft genug mit einer Radarfalle am Straßenrand gesehen.
Am Empfang erwarteten mich bereits drei Herren im Nadelstreifen und eine sehr elegant gekleidete Frau. Die beiden Polizisten saßen bereits im Büro. Einer der Nadelgestreiften stellte sich als Dr. Feldmann vor, die Frau sich als Frau Dr. Lapin.
Dr. Feldmann ergriff das Wort:
„Nachdem, was wir wissen hat Ihnen Dr. Lapin eine Mitteilung zugeschickt, in der er etwas für Sie beigefügt hat. Das jedenfalls hat er mir auf einer Postkarte mitgeteilt. Nicht gerade der übliche Weg. Seit einigen Tagen nun ist Dr. Lapin nicht mehr gesehen worden oder sonstwie zu erreichen. Wir haben den Verdacht, es ist etwas passiert. Wissen Sie etwas darüber?“
„Ich habe gestern diesen Brief in der Post gehabt, ich kann mir keinen Reim darauf machen. Zumal ich mit Zahnärzten in letzter Zeit nicht sehr viel zu Tun ge-habt habe. Ich habe, vor Monaten allerdings mit einem Taxikollegen vage darüber gesprochen, daß ich Interesse am Erwerb einer Taxilizenz habe. Was das allerdings mit diesem Brief zu tun hat, weiß ich nicht.“
„Mit welchem Ihrer Kollegen haben Sie gesprochen?“
„Den Namen weiß ich nicht. Er ist allgemein bekannt als ‚Texas Tom’.“
„Sie wissen den Namen von Texas Tom wirklich nicht?“
„Nein.“
„Schade, das würde uns weiterhelfen.“ Der Polizist las sich durch die Dokumente, die ich ihm gegeben hatte.
„Welche Lizenznummer hat der Wagen von Texas Tom denn?“
„181.“ Die kannte jeder.
„Das ist die Lizenz, die hier übertragen werden soll.“
„Das habe ich gar nicht gemerkt, bei all den Dokumenten.“
„Glaub ich Ihnen fast, das ist ja auch ein ganzer Haufen. Der KfZ-Brief hier ist interessant, der Wagen ist noch gar nicht zugelassen, aber alle Dokumente sind bereits auf Ihren Namen ausgestellt. Die Unterschrift hier ist seine eigene?“
Er zeigte Dr. Feldmann das Dokument.
„Ist sie. Die würde ich im Schlaf erkennen.“
„Die Adresse auf dem Umschlag ist doch St. Johannis – Straße 10b, das ist doch nur ein paar Häuser weiter, gehen wir doch dorthin...“
Der Vorschlag von Frau Dr. Lapin war irgendwie so naheliegend, daß erst einmal keiner darauf gekommen war.
Wir machten uns auf den Weg. Der führte uns auf einen Hinterhof, der von einer hohen Hecke abgeschlossen wurde. Die war nur durch ein Garagentor unterbrochen. An dem war eine Klingel angebracht. Dr. Feldmann drückte auf den Knopf, aber er bekam keine Antwort.
Einem der Polizisten fiel auf, daß der Knauf des Tores etwas sehr schräg stand. Er drehte ihn, das Tor war nicht verschlossen. Das Tor schwang auf und uns fielen reichlich Decken und Zeitungspapier entgegen, mit denen das Tor abgedichtet worden war. Eine übelriechende Wolke aus Verdorbenem und Automief gleich hinterher. In der Garage stand die Taxe, die jeder in Werdenbrück kannte. Einer der Polizisten kämpfte sich durch die Decken und Papierknäuel zur Fahrertür durch und öffnete sie.
Er prallte regelrecht zurück und übergab sich. Sein bisher stummer Begleiter holte ein Handfunkgerät aus der Tasche und forderte die Spurensicherung an.
Der erste Polizist richtete sich wieder auf und fragte Frau Dr. Lapin, ob sie ihren Bruder erkenne. Die wühlte sich vor, sah ins Auto und nickte nur. Bleich und verstört ließ sie sich von Dr. Feldmann in die Arme nehmen und schluchzte ungehemmt.
Der zweite Polizist wandte sich an mich.
„Sie werden verstehen müssen, Herr, äh, Möhle, daß Sie sich bis auf weiteres zu unserer Verfügung halten müssen. Begleiten Sie mich bitte aufs Revier, wir haben da einige Fragen.“
Die beiden Polizisten komplimentierten mich gleich in ihren Zivilwagen und nahmen mich mit zur Kripo in der Mindener Straße. Dort nahmen sie meine Personalien auf und begannen, sich warmzufragen. Sie wollten nicht glauben, daß ich Texas Tom nur bei seinem Spitznamen kannte. Sie waren allerdings bei mir bald in einer Sackgasse. Ich wußte wirklich nichts von dem, was sie interessierte. Ich durfte immerhin meinen Chef anrufen und mich für heute Nacht krankmelden. Nach drei Stunden unerquicklicher Fragerei ließen sie mich heimgehen, wiesen mich allerdings darauf hin, daß ich mich zu ihrer Verfügung halten sollte. Die Nacht über fand ich keinen Schlaf, erst frühmorgens nickte ich ein.
Prompt klingelte mich früh um acht die Polizei aus dem Bett. Sie hatten so die üblichen Fragen, brachten aber auch meine Dokumente mit.
„Die gehören Ihnen. Wir können mittlerweile Fremdverschulden ausschließen, Herr Dr. Lapin hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Er hat die gesamte Garage abgedichtet und sich dann in sein Auto gesetzt und den Motor laufenlassen, bis das Kohlenmonoxid ihn getötet hat. Warum er das Garagentor nicht verschlossen hat, wissen wir allerdings nicht. Ein Abschiedsbrief lag in der Küche, adressiert an seine Schwester.“
„Die Anwältin?“
„Sie haben sie ja gestern kennengelernt.“
Ich kochte eine Kanne Kaffee und lud die beiden Polizisten dazu ein. Sie lehnten ab, nicht nur der Dienstehre halber, sie hatten schon bei der Revierkaffeemaschine zugeschlagen.
„Wenn Sie jetzt bei der Prüfung nicht versagen, steht Ihrer Karriere als Taxiunternehmer nichts mehr im Wege. Ihr Freund hat sogar schon die Gebühren im voraus bezahlt. Da er das als lebendige Person getan hat, kann das nicht in irgendwelche Erbstreitigkeiten hineingezogen werden.“
„Übrigens“, mischte sich sein Kollege ein, „seine Schwester möchte gerne mit Ihnen reden. Privat, also nicht in der Kanzlei. Sie hat mir eine Visitenkarte für Sie mitgegeben und bittet Sie, sie heute abend anzurufen.“
Weitere Fragen fielen ihnen nicht mehr ein und sie trollten sich. Den versäumten Schlaf nachzuholen war jetzt auch kein Thema mehr und so studierte ich die Unterlagen. Texas Tom hatte wirklich an alles gedacht. Sogar ein kleines Büchlein mit den Prüfungsfragen für die Unternehmerprüfung fand ich.
Eine Kanne Kaffee später klingelte das Telefon. Ich hob ab, am anderen Ende meldete sich eine nette Frauenstimme: „Anwalts- und Notarkanzlei Dres. Feldmann und Partner. Herr Möhle, Frau Dr. Lapin möchte Sie sprechen, ich stelle durch.“
„Lapin hier. Herr Möhle, ich hatte die Polizisten gebeten, Ihnen mitzuteilen, daß ich Sie gerne sprechen möchte. Paßt es Ihnen heute, sagen wir in einer Stunde?“
„Kein Problem. Wo?“
„Kommen sie bitte zu mir nach Hause, Georgenhütter Straße 148. Ich werde Sie erwarten.“
„Danke, dann bis gleich!“
Als ich aufgelegt hatte, begann ich leise zu fluchen. Irgendjemand hatte was dagegen, daß ich meinen wohlverdienten Tagschlaf genießen konnte. Georgenhütter Straße, das war keine allzufeine Gegend. Interessant für eine Anwältin aus einer der besten Kanzleien Werdenbrücks.
Noch eine Kanne Kaffee. Für eine Dusche war keine Zeit mehr. Ich machte mich halbwegs landfein und, nachdem ich mich noch einen Tag krankgemeldet hatte, machte ich mich auf den Weg.
Das Haus war eins der üblichen Mehrfamilienhäuser. Die Anwältin hatte zwei Wohnungen gemietet und durch eine Tür verbinden lassen. Eingerichtet war sie mit Stil und Geschmack.
Sie empfing mich an der Tür, nicht die coole Eleganz aus der Kanzlei, eher eine erschütterte Frau, die etwas zu erzählen hatte. Sie hatte eine Zigarette in der Hand, zitterte jedoch zu sehr, um sie anzünden zu können. Sie winkte mich herein und bat mich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Zwei Couches und ein niedriger Tisch, eine Menge exotischer Pflanzen und einige Bilder von exotischen Gegenden, kein Fernseher. An der Längswand ein Sideboard aus demselben schwarzen Holz wie Couches und Tische. Die Wand war mit einer Grastapete etwas altmodisch, aber zur Einrichtung passend, tapeziert.
Ich hatte mich gerade gesetzt, als sie erschien, eine Flasche irischen Whiskey in der Hand und zwei Gläser.
„Wenn Sie ihn nicht mögen, ich brauche jetzt einen. Ich habe es geschafft, einen ganzen Tag die Fassung zu behalten, aber jetzt ist Schluß.“
Sie schenkte ein, etwas reichlich für meinen Geschmack, aber ich sagte nichts.
„Sie werden es etwas seltsam finden, daß ich Sie hierherbitte, aber es scheint, daß Sie der einzige Mensch sind, dem mein Bruder etwas bedeutet hat. Sonst hätte er Ihnen nicht sein Taxi geschenkt. Den alten Ford hatte er übrigens noch am Morgen seines Todes abgemeldet. Erzählen Sie mir bitte, wie Sie ihn gekannt haben. Sie sagten da etwas von Texas Tom oder so...“
„Das ist der Name, unter dem ihn die Taxibranche in ganz Werdenbrück gekannt hat. Ich kenne ihn, seit ich vor fünfzehn Jahren angefangen habe, Taxi zu fahren. Seinen wirklichen Namen und seinen Doktorgrad habe ich erst durch seinen Tod erfahren.“
„Das hatte er raus, niemand an sich heranzulassen. Nur die, die ihm wirklich etwas bedeutet haben, und die auch nicht allzu intensiv.“
Sie schob mir ein Glas hin.
„Eiswürfel habe ich nicht. Was war er für ein Mensch in Ihren Augen?“
„Ein guter Kollege, ein sehr beliebter auf jeden Fall. Er hat jedem gerne geholfen.“
„Ein Samariter? Walter?“
„Ein guter Kamerad eher.“
Ich schluckte.
„Ich glaube, keiner von den Fahrern hat ihn wirklich gekannt, ich genausowenig wie die anderen. Sein Gesicht war überall bekannt, klar, aber ich glaube nicht, daß er irgendwen in das eingeweiht hat, was hinter seiner gefurchten Stirn vorging.“
„Das stimmt in weit höherem Maße als Sie glauben.“
„Was hat ihn dazu gebracht als Arzt Taxi zu fahren?“
„Zahnarzt, aber das ändert nichts an der Frage. Er war fünf Jahre älter als ich. Der Große Bruder aus dem Bilderbuch. Immer das Vorbild. Ich habe ihn nicht geliebt, ich habe ihn vergöttert. Verdammt, was habe ich seine Frau gehaßt, als sie ihn mir wegnahm.“
„Wo ist seine Frau jetzt?“
„Sie haben sich scheiden lassen. Schon recht schnell. Gerade hatte er seine Praxis ins Laufen gekriegt, da ist sie ihm dahintergekommen, daß er mit einer anderen Frau geschlafen hat. Sie hat ihm die Hölle heiß gemacht und versucht, ihre Rivalin auszustechen, koste es, was es wolle. Zum Schluß ist sie durchgedreht und hat versucht, ihn zu erschlagen. Das war dumm von ihr, denn damals galt noch das alte Scheidungsrecht, sie bekam, was sie verdient hatte: nichts.“
„Was ist weiter passiert?“
„Sie hat ihren Haß ersäuft. Es hat nicht lange gedauert, bis sie in der Großen Allee die bekannteste Wermutschwester war. Sie kannte im Haß wie im Suff keine Grenzen. Das Ganze hat fünf Jahre gedauert, dann hat sie sich in der Silvesternacht 1959 so zugesoffen, daß sie auf offener Straße erfror.“
„Mit 25 schon geschieden?“
„Das war damals schon etwas sehr besonderes. Sie haben geheiratet, da war er gerade 21, sie holde 19. Er hat das Abitur zwei Jahre vor der Zeit gemacht. Auf der Uni bekam er Rückenwind von Professoren, die seine Talente nach Kräften gefördert haben. Können Sie sich vorstellen, was für ein Held er für seine kleine Schwester war? Er hat Sondergenehmigungen gesammelt wie andere Fleißkärtchen in der Schule.“
„Klingt, als hätte er das große Los gezogen...“
„Klingt so, das stimmt. Als die Polizei ihm mitteilte, daß seine Exfrau in der Silvesternacht erfroren war, da ist etwas mit ihm passiert. Innerhalb eines halben Jahres ging seine Praxis zum Teufel und er verwahrloste zusehends. Zum Schluß hat er die Praxis für einen Pappenstiel verkauft und wurde erst einmal nicht mehr gesehen.“
Sie nahm einen tiefen Zug aus dem Whiskeyglas, lief rot an, verdrehte die Augen, hustete und schüttelte sich.
„Hätte nicht gedacht, daß das Zeug so stark ist. Gehen Sie bitte noch nicht, ich brauche jetzt jemanden.“
Sie schenkte nach.
„Er tauchte nach zwei oder drei Jahren wieder auf, hat mal hier, mal da gejobt, bis er dann auf der Taxe hängenblieb. Nachdem er seine Praxis verkauft hatte, haben wir kein Wort mehr miteinander gewechselt.“
„Wissen Sie etwas über die Frau, die seine Ehe zerstört hat?“
„Ja, die kenne ich gut. Es ist ihr auch nicht gut bekommen. Sie hat es seitdem nicht mehr fertiggebracht, sich an einen Menschen zu binden.“
Sie nahm noch einen Zug, mit recht ähnlichem Resultat.
„Was ich danach über ihn erfahren habe, weiß ich nicht von ihm selbst. Einen Teil habe ich von Freunden erfahren, einiges mir selbst zusammengereimt. Vor ungefähr zwölf Jahren at er eine Frau kennengelernt, die gerade von ihrem Mann verlassen worden war. Eine nette, intelligente Frau, die verlassen wurde, weil sie unter einer Krankheit Litt. Soweit ich weiß, Multiple Sklerose. Ihr Mann hat sie weniger verlassen, als aus dem Haus geworfen, weil sie krank war. Ein Schwein. Walter hat sie mit der Taxe aufgelesen, und weil sie nicht wußte wohin, hat er sie aufgenommen. Das muß in der Zeit gewesen sein, wo er diese Ruine gekauft hat, aus der er sich ein Zuhause gemacht hat. Waren Sie einmal drin?“
„Nein. Ich habe ihn einen Tag nach Silvester dort abgesetzt, als er vom Hospital heimfuhr, aber mehr als einen flüchtigen Blick in den Garten habe ich nicht werfen können.“
„Dann haben Sie bereits mehr gesehen als die meisten anderen. Er muß sich da mit seiner Frau regelrecht verkrochen haben. -“
Das Telefon klingelte, sie nahm ab, sagte ihren Namen und hörte dann eine Zeitlang aufmerksam zu.
„Ist in Ordnung. Komm vorbei.“
Sie legte auf.
„Das war meine Tochter. Sie ist in Marburg, studiert Jura. So drückt sie sich jedenfalls aus. In Wirklichkeit schreibt sie an ihrer Habilitation. Ich habe sie gestern abend angerufen, sie wird sich ein paar Tage von ihrer Arbeit loseisen, um auf mich aufzupassen, daß ich keinen Unsinn mache. Rede ich schon welchen?“
„Nein.“
„Nun, immerhin höflich. Ich hoffe doch, ich muß die Flasche Whiskey nicht alleine austrinken? Nehmen Sie einen tiefen Zug, daß sind Sie Texas Tom schuldig.“
Ich gehorchte. Das Feuerwasser stieg mir zu Kopfe, aber es schmeckte gut.
„Er hat die Frau gepflegt, als sie immer schlimmer krank wurde. Hat ihre Arztrechnungen beglichen, hat sie zum Schluß gefüttert, gewaschen, gewickelt, als sie nichts mehr selbst konnte. Er hat sie rund um die Uhr versorgt. Dabei waren sie nie miteinander verheiratet. Ihr Mann hätte einer Scheidung nie zugestimmt.“
„Warum hat er sie denn rausgeworfen?“
„Sie war krank und er wollte nichts Krankes im Haus haben. Er hat drei Kinder mit einer anderen Frau mittlerweile, aber er wollte die Ehe nicht lösen.“
„Er ist selbst krank.“
„Stimmt. Wohl kränker als seine Frau. Walter hat sie ein paar Tage vor Weihnachten ins Hospital gefahren. Sie ist in der letzten Silvesternacht gestorben.“
Mir kroch ein Kloß den Hals hoch.
„Sie haben ihn danach nach Hause gefahren. Die drei Monate danach hat er gebraucht, um alles, was er besaß, zu verkaufen, zu verschenken und sonst einige Sachen zu regeln. Unter anderem die Lizenz Ihnen zu überschreiben hat am längsten gedauert. Das Haus war schnell verkauft, die Stadt Werdenbrück ist seit Jahrzehnten scharf auf das Grundstück. Die wollen dort ein Einkaufszentrum bauen. Das Geld hat er seiner Tochter überschrieben. Der Tochter der Frau, die seine Ehe ruiniert hat. Meiner Tochter...“


Ein paar Tage später erschien im Werdenbrücker Tageblatt folgende Todesanzeige:

Plötzlich und unerwartet entschlief unser Bruder
Dr. med. dent. Walter Lapin
Am 19.3.1989.
Er ging seinen Weg aufrecht und allein
In tiefer Trauer
Deine Geschwister



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Montgelas
???
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lieber spinoza,

die geschichte sollen andere textlich bearbeiten.
ich bin sehr bewegt. ein eindrucksvolles denkmal !

alles gute

montgelas

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Montgelas
???
Registriert: May 2004

Werke: 1
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lieber spinoza,

das ende der geschichte. die auflösung des geheimnisses der schwester/frau - das ist etwas unklar.
ich ahne zwar im dunklen sogar inzest, bin aber nicht sicher !

kläre mich und vielleicht andere, die die gleichen oder ähnliche fragen haben, auf. auf inzest brachte mich meine frau, der ich gestern am späten abend die geschichte vorlas.

dir eine gute zeit!

montgelas

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MDSpinoza
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Deine Frau hat recht!
Schöne Grüße an euch beide!
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Vera-Lena
Routinierter Autor
Registriert: Oct 2002

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Lieber Ulrich,

Du drängst hier eine enorme Stoff-Fülle in eine relativ kurze Erzählung.

Da ich immer dran bleiben wollte, den Handlungsfaden nicht zu verlieren, hat mich der eigentliche Inhalt dann nicht so sehr berührt.

Als die Schlusspointe kam, musste ich noch einmal alles zurückkurbeln, um mich zu überzeugen, ob ich da nichts falsch verstanden habe. (Elisabeth hat mir dann im Chat gestern abend noch bestätigt, dass es sich um einen Inzest handelt). Mehrere zwischenmenschliche Verstrickungen, die mit dem Thema Schuld zusammenhängen, kommen in der Story vor.

Ich denke mir, man könnte einen Roman daraus machen, in dem dann die einzelnen Erlebensstationen für den Leser besser mit zu empfinden wären.

Die zweite Möglichkeit wäre ein stichwortartiger Bericht, vielleicht, dass jemand eine Akte durchliest, aber zu Hause in aller Ruhe, und das Geschen, dass sich ihm dort nur skizzenhaft offenbart, in ihm selbst Bilder und Lebenserinnerungen wach ruft. Das wäre auch eine interessante Form für diesen Inhalt, stelle ich mir vor.

Gut gefällt mir die Szene zwischen dem Erzähler und der Frau in ihrem Wohnzimmer, diese kleinen Details, das Verschlucken und wie Du das sich wiederholen lässt; an diesen Dingen erkenne ich Deine Schreibbegabung.

Auch Deine Dialoge zwischen den Taxifahrern überzeugen mich.
Soweit erst einmal mein Eindruck.

Liebe Grüße sendet Dir
Vera-Lena
__________________
Der Mensch ist sich selbst das größte Geheimnis, ein unverzichtbarer Blutstropfen im Universum, ein Spiegel allen Seins.

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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Texas Tom soll leben...

Hallo MDSpinoza,

Texas Tom hat mich wieder einmal an die Menschlichkeit erinnert, die offensichtlich noch gibt. Man muss sie nur suchen.
Da ich Moralist bin, erschrecken mich immer Bilder vom Selbstmord und Inzest.

Du hast viele Handlungsstränge, viele Personen und ihre Geschichte nebeneinander laufen lassen und dann am Ende ineinander verwoben.
Das ist dir sehr gut gelungen. Die Sprache kam meinem persönlichen Geschmack nicht so sehr entgegen.

Trotzdem, ich gratuliere.

L.G. Hans

__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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