Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87725
Momentan online:
199 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
U-Bahn
Eingestellt am 23. 03. 2003 20:58


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
JennyP.
Hobbydichter
Registriert: Nov 2002

Werke: 16
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um JennyP. eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

U-Bahn

Ich stehe frierend am Bahnsteig der U-Bahnhaltestelle. Es ist MĂ€rz und keine Minusgrade mehr, wenn es dunkel wird. Trotzdem ist mir kalt. Die modischen Sachen sind nicht wirklich vorteilhaft fĂŒr die kĂŒhlen WetterverhĂ€ltnisse. Sie bedecken mich spĂ€rlich und sorgen dafĂŒr, dass ich mir immer wieder eine ErkĂ€ltung zuziehe. Ich nehme es aber in Kauf. Das ist der Preis dafĂŒr.
FĂŒnfzehn Minuten sind es noch, bis die nĂ€chste Bahn kommt. Wie soll ich die Zeit bloß rum kriegen? Wie immer, wenn ich diesen Satz denke, öffne ich meine weiße Handtasche und fange an in ihr herumzuwĂŒhlen. Irgend etwas interessantes wird darin schon zu finden sein. Ein Motorola Handy auf dem keine neuen Nachrichten abgespeichert sind. Ich sehe trotzdem mal in meinen Nachrichtenspeicher. Über die alten Nachrichten von penetranten mĂ€nnlichen Bekanntschaften, kann ich immer wieder lachen.
„Hey Jenny, du sĂŒĂŸe Maus, warum kommst du nicht vorbei, damit ich dir die Langeweile vertreiben kann. Am besten geht es mit Schlagsahne, Sekt und Fesseln.“
Oder, „Jenny, wenn ich an dich denke, muss ich schon wieder unter die Dusche hĂŒpfen, damit ich nicht vor Hitze ĂŒberkoche.“
Es sind immer dieselben inhaltslosen SprĂŒche, die zumindest vor Humor strotzen. Anrufen könnte ich jetzt auch niemanden. Ich habe schließlich kaum noch Geld auf meiner Karte. Im ĂŒbrigen sind die TelefongebĂŒhren sowieso völlig ĂŒberteuert. Die Spiele auf dem Handy habe ich auch schon hundertmal ausprobiert. Sie langweilen mich.
Direkt daneben finde ich mein Portemonnaie. Immer wieder BlĂ€tter ich die Visitenkarten der Ärzte durch, die Rabattkarten der ShoppinglĂ€den, meine eigenen Kinderfotos und mein Ă€gyptisches Pfund, von dem ich nicht mehr weiß, wie viel es ĂŒberhaupt wert ist.
Mit meiner Schminke kann ich im Augenblick nichts anfangen. Den Maskara, den Eyeliner, den Lippenstift und die Kondome kann ich wohl nicht an einer U-Bahnhaltestelle verwenden.
Kaugummis sind immer gut. Ein Airwave-Kaugummi fĂŒr den frischen Atem und Ablenkung durch angestrengtes Kauen bis zur Kieferverkrampfung.
Im Grunde bleibt mir nichts anderes ĂŒbrig, als zu den Schienen zu blicken und zu ĂŒberlegen, wie jemand bloß auf den Gedanken gekommen sein mag, eine U-Bahn zu erfinden und schließlich zu bauen. Mit wie vielen Bauarbeitern mag wohl dieser Tunnel entstanden sein. Als hĂ€tte sich eine Art riesiger Wurm durch die Erde gebohrt und diese furchterregend dunkel Röhre hinterlassen.
Ein Blick auf die grell leuchtenden Reklametafeln und meine Gedanken schweifen ab. Warum mĂŒssen auf den Werbeplakaten immer superschlanke Topmodels Schokolade in den HĂ€nden halten und so tun, als wĂŒrden sie davon auch noch abnehmen. Auch der Marlboroman passt nicht unbedingt in mein Weltbild. Als Nichtraucher mag ich mich in unangenehmer KĂ€lte damit schwer tun, an qualmende Cowboys zu denken, die in tropischer Hitze auf ihrem Mustang die PrĂ€rie durchreiten und sich sagen, „ohne Marlboro bin ich ein Niemand“.
Die tristen dĂŒsteren Gesichter, die sich langsam um mich herum anhĂ€ufen, mögen wohl dasselbe denken oder an gar nichts. Sie sehen aus, als wĂŒrden sie in der Luft hĂ€ngen und angestrengt mit dem Atmen so beschĂ€ftigt sein, dass sie damit schon fast ĂŒberfordert sind.
Zum GlĂŒck höre ich schon das ankĂŒndigende unheimliche Rauschen der U-Bahn. Wenige Geistesblitze spĂ€ter, sich ich die zwei leuchtend gelben Augen, die mit dem lauterwerdenden GerĂ€usch im grĂ¶ĂŸer werden. Aus dem Dunkel heraustretend erblicke ich die wĂŒste, graue von Dreck zerschlissene Fassade des Wurmes, der gemĂ€chlich seine Geschwindigkeit drosselt und neben mir zum stehen kommt. Eine karge ausladende TĂŒr öffnet sich und zwingt mich dazu in den belebten Bauch des Wurmes zu steigen. Mir bleibt nicht viel Zeit. In meiner Überlegung stand die Menschenmasse völlig unbeachtet hinter mir, die sich nun in Bewegung setzt und mich durch die TĂŒr schiebt. NatĂŒrlich bekomme ich keinen Sitzplatz mehr. Der letzte ging an eine alte Dame, die sich mit ihrem KrĂŒckstock bewaffnet, durch die Defensive kĂ€mpfte. Egal, das ist nichts ungewöhnliches in einer Großstadt, in der jeder nur an sich denkt. Ich will schließlich auch einfach nur nach Hause.
Nachdem sich alle Mitfahrer in der U-Bahn eingefunden haben und allgemein Ruhe eingekehrt ist, schließt sich die TĂŒr mit einem schleifenden Laut. Mit sirenenartigem Gejaule setzt sich der Wurm wieder in Bewegung und rauscht in die Dunkelheit.
Nun habe ich keine weitere Möglichkeit, die Ă€ußere Umgebung zu betrachten, da durch die Fenster reine Finsternis zu erblicken ist. Irgendwohin muss ich allerdings schauen. Mir bleiben nur die tristen und genervten Gesichter um mich herum. Alle schweigen sie sich gegenseitig an und schauen sich auf die FĂŒĂŸe.

Eine gedrĂŒckte Stimme bahnt sich schwerfĂ€llig ihren Weg an den stehenden Mitfahrer vorbei, die sich an Stangen und Haltschlaufen festhalten.
„Möchten sie eine Zeitung der Obdachlosen? Tun sie ein gutes Werk, indem sie die sozialen Opfer unterstĂŒtzen...“
Niemand rĂŒhrt sich, niemand sieht zu dem Ă€rmlichen ZeitungsverkĂ€ufer, der sich seine Kleidung aus zerschlissenen und modrigen Stoffen selbst zusammengenĂ€ht haben muss.
„Einen Euro fĂŒr eine Obdachlosenzeitung. Ein Euro kann schon viel fĂŒr einen Obdachlosen ausrichten...“
Niemand hat einen einzigen Euro. Alle scheinen sie ihren einen Euro nötiger zu haben als der Obdachlose.
„Wollen sie keine Zeitung? HĂ€tte mich auch gewundert. Egoistische Snobs.“ Antwortet der Obdachlose auf die Reaktionen der U-Bahninsassen.
Auch jetzt ist niemand bereit einen Euro zu spenden. Ich gebe auch keinen. Ich hĂ€tte genug Geld in meiner Tasche, dass ich ihm alle Zeitungen abkaufen könnte, die er bei sich trĂ€gt, aber ich tue es nicht. Ich weiß nicht, warum ich ihm kein Geld gebe. Wenn kleine Ponys und zottelige Lamas in der FußgĂ€ngerzone stehen, um Geld fĂŒr ihren Zirkus zu sammeln, kann ich nie ohne eine kleine Spende vorĂŒber gehen. Auch im Urlaub in Marokko oder Ägypten kann ich nicht anders und drĂŒcke bettelnden Kindern Bonbons und Schokolade in die schmutzigen HĂ€ndchen, die sie sich ohne zu Kauen sofort einverleiben. Sie freuen sich darĂŒber, als hĂ€tte ich fĂŒr sie ein Wunder vollbracht. Ihre Freude und ihre Dankbarkeit bestĂ€rkt mich darin, etwas gutes getan zu haben.
Aber in der U-Bahn bin ich nicht besser als all die anderen geizigen Mitfahrer. Der einzige Grund ist wohl, dass ich nicht auffallen will. Ich möchte nicht, dass andere ihr Urteil ĂŒber mich fĂ€llen, wenn ich einem, ihrer Meinung nach nicht Arbeitswilligen, eine Zeitung abkaufe. Somit wĂŒrde ich die Arbeitslosen in ihrer Einstellung noch bestĂ€rken und sie nicht zur Arbeit zwingen. Vielleicht gebe ich kein Geld, weil ich mir nicht sicher bin, wirklich etwas gutes zu tun.
Andererseits möchte ich helfen. Irgendwann könnte ich durch die U-Bahn laufen und Zeitungen verkaufen, um mich durch die Einnahmen im Nötigsten zu ernĂ€hren. Aber warum bin ich so erpicht darauf, etwas gutes fĂŒr die Menschheit zu tun. Ich glaube nicht an eine höhere Macht, die mir Absolution erteilen könnte. Vielleicht versuche ich mir auf diesem Weg, meine Zukunft zu sichern. Wenn ich gutes tue, wird man mir auch spĂ€ter helfen, wenn ich es nötig habe. Habe ich mir jetzt meine Chancen verbaut, indem ich nicht geholfen habe?

__________________
wĂŒrde mich ĂŒber Kommentare und jedwede Kritik freuen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rainer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo jenny p.,

ist das nicht besser unter humor und satire aufgehoben?

kleiner fehler:
"...Immer wieder (BlÀtter) blÀttere ich die Visitenkarten..."

grĂŒĂŸe

rainer

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

Bearbeiten/Löschen    


JennyP.
Hobbydichter
Registriert: Nov 2002

Werke: 16
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um JennyP. eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Rainer

Findest du die Geschichte denn so ironisch und witzig?
Das ist mir gar nicht aufgefallen. Ich hatte mit dem Text eine ganz andere Absicht und fand das Thema eher ziemlich ernst und bedrĂŒckend.
Aber vielleicht sollte ich noch ein paar Dinge daran verÀndern, sodass deutlich wird, wie ernst es mir damit ist.
Danke fĂŒr deine Bemerkung

Tschau
__________________
wĂŒrde mich ĂŒber Kommentare und jedwede Kritik freuen.

Bearbeiten/Löschen    


Wanni
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2003

Werke: 4
Kommentare: 11
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wanni eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Jenny

Ich hab auch schon öfter ĂŒber diese Situation in der U-Bahn nachgedacht. Ich finde, das gehört wirklich nicht unter die Überschrift Satire. Du hast es wirklich gut getroffen und auch deine BegrĂŒndung warum sich alle so verhalten, ist plausibel. Aber einen Kritikpunkt habe ich - deinen Stil.
Es ist irgendwie nicht flĂŒssig, es klingt mehr wie ein Schultext. Trotzdem, mach weiter so
Tschau

Bearbeiten/Löschen    


JennyP.
Hobbydichter
Registriert: Nov 2002

Werke: 16
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um JennyP. eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hey Wanni

Danke, fĂŒr den Tipp. Ich glaube meine Texte hören sich immer sehr stark nach "Schulaufgabe" an, weil ich noch Abi mache und sehr viel fĂŒr den Deutschunterricht schreibe. Ich dachte, dass merkt man nicht. Na mal schauen, ob ich daran etwas Ă€ndern kann.
Andererseits, wenn der Text nicht so flĂŒssig zu lesen ist, braucht man lĂ€nger dafĂŒr (logischerweise). Das bedeutet auch, dass man sich lĂ€nger damit befasst und darĂŒber nachdenkt und das ist es ja, was ich erreichen wollte.
Trotzdem danke.

Tschau
__________________
wĂŒrde mich ĂŒber Kommentare und jedwede Kritik freuen.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!