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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Über die Wurzeln des Konflikts um Israel
Eingestellt am 14. 04. 2012 14:33


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Mark Braverman, Verhängnisvolle Scham, Gütersloher Verlagshaus 2011, ISBN 978-3-579-06684-4


Dieses Buch ist ein mutiges und sich sowohl an Christen wie auch Juden richtendes Werk, das dazu auffordert, gründlich nachzudenken über die eigene Identität und sie zu revidieren. Mark Braverman, der Autor dieses Buches, ist in einer traditionellen jüdischen Familie in den USA aufgewachsen. Geprägt „von der zionistischen Romantik der Rückkehr in das jüdische Heimatland“ waren die Gründung und die Existenz des Staates Israel ein unverzichtbares Merkmal seiner jüdischen Identität. Die Staatsgründung 1948 war für die Juden nach Auschwitz die Erfahrung von Gerechtigkeit und fast so etwas wie Erlösung.

Für viele Juden in Europa gilt das genauso. Doch auch für die wie auch immer durch das Christentum und natürlich durch die deutsche Vergangenheit geprägte deutschen Regierungen und Politiker steht das Existenzrecht Israels außer Frage. Angela Merkel hat jüngst wieder die Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsräson bezeichnet, wobei immer unklar bleibt, was das im Ernstfall bedeuten würde und noch unklarer, wie sich die deutsche Öffentlichkeit dazu verhalten würde.

Schon als jungem Mann kamen Mark Braverman bei seinen dann in der Folge immer häufiger werdenden Aufenthalten in Israel große Zweifel an seiner bisherigen Haltung. Er lernt Palästinenser kennen, die ihm ihre Geschichte erzählen, er sieht und er lernt Vertreibung, Unrecht, Schikanen und Willkür kennen. Weil er ein Jude ist und weil er Israel liebt und seinen Fortbestand will, beginnt er sich viele Fragen zu stellen nach den Ursachen dessen, was verschiedene israelische Regierungen tun. Und er fragt sich, warum es für seine Politik aus den westlichen, christlich geprägten Staaten so wenig Widerspruch erntet.

Und er stellt fest, dass keine der bisherigen Lösungsvorschläge auch nur irgendeine Aussicht haben, einen dauerhaften Frieden in Israel und Palästina zu gewährleisten. Erst wenn alle Unrechtszustände aufgehoben sind, und der Mut aufgebracht wird, die theologisch-ideologischen Grundlagen des Konflikts zu durchleuchten und zu revidieren, kann es den Ansatz einer Lösung geben.

Die Wurzel des Konflikts identifiziert der überzeugte Jude Braverman in Israels Grundüberzeugung, dass es Gottes auserwähltes Volk sei und dass deshalb bestimmte politische und soziale Regeln für Israel keine Geltung haben. Es sei letztlich die Behauptung, auf allen Gebieten einzigartig und eine Ausnahme zu sein, die ein ernsthaftes und politisch realistisches Denken unmöglich mache und immer wieder die Rechtfertigung für die umstrittenen politischen Maßnahmen der israelischen Regierung liefere. Diese Identität, etwas Besonderes zu sein, reiche von den Orthodoxen verschiedener Couleur bis hin zu weltoffenen Kritikern. Zwar bezögen sie sich immer wieder auf den Holocaust. Braverman weist aber darauf hin, dass dieses Denken viel älter sei und dass in der heutigen Zeit ein so geartetes Selbstverständnis genau jenen Realismus ausschließe, der für das von ihm gewünschte und ersehnte Überleben des Staates Israel und seiner Wohlfahrt nötig sei.

Auch für die Christen findet er tadelnde Worte, wobei er die rechten Christen besonders in den USA mit ihrer großen Leidenschaft für Israel kaum erwähnt, sondern sein Augenmerk hauptsächlich auf die progressiven Christen richtet. Sie hätten die Tendenz, aus lauter Angst, antisemitisch zu wirken und sich so erneut schuldig zu machen, dem Staat Israel alles nachzusehen und zu dem Unrecht zu schweigen. Diesen wohlmeinenden Christen will er verdeutlichen, dass eine reflektierte Kritik der zionistischen Politik etwas anders ist als Antisemitismus. Es ist eine legitime Kritik, die Christen vorbringen müssen, wenn sie sich um Israels Wohlergehen Sorgen machten.

Doch er geht mit seiner Kritik an dem „Schweigen der Christen“ noch einen Schritt weiter und beobachtet, dass insbesondere die progressiven Christen aus ihrem Wunsch heraus, einen gemeinsame Boden mit dem Judentum zu finden ( in manchen Grundtexten evangelischer Kirchen in Deutschland ist von der gemeinsamen Wurzel die Rede, d.R.), den jüdischen Glauben oft leichtfertig nach den Kategorien des christlichen Glaubens umgedeutet hätten:
„Die Torah ist kein Evangelium. Auserwählung ist nicht das Gleiche wie Gnade. Der alttestamentliche Bund ist nicht das neutestamentliche Heilsgeschenk. Die Verheißung im Judentum handelt nicht von der Vergebung der Sünde. Vielmehr geht es hier um Segnung in dem Sinn, wie die antike Welt diesen Begriff verstand: um Volkstum, Nachkommenschaft, Wohlstand und - im Falle des Judentums- Land.“

Braverman sagt, dass das jüdische Beharren darauf, Gottes auserwähltes Volk zu sein in der heutigen pluralistischen Welt nicht mehr länger lebbar ist. Gleichzeitig fordert er die Christen auf, ihre Vorstellung, sie seien das neue von Gott auserwählte Volk und Anhänger des einen auserwählten Messias zu überdenken.

Der Alttestamentler Walter Brüggemann schreibt in seinem Nachwort zu diesem Buch:
„Dieses Buch ist eine Einladung, dem man Gehör schenken muss. Würde man sie beherzigen, so könnte schon bald in Jerusalem Friede sein, wenn auch nicht gleich nächstes Jahr. Lässt man sich nicht auf sie ein, so wird der heilige Boden immer mehr zum Schlachtfeld werden. Es gibt eine Zeit zum Festhalten und eine Zeit zum Loslassen.“

Und das gilt für Juden wie für Christen. Sie sollten endlich die Verheißung des Deuterojesaja ernst nehmen:
„Denkt nicht mehr an das, was früher war;
auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.
Sehr her, nun mache ich etwas Neues.
Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jesaja 43,18-19)

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