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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Unberechenbar
Eingestellt am 15. 10. 2006 18:35


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Seit jenem unsĂ€glichen FrĂŒhsommermorgen fĂŒhrte Gerhard SelbstgesprĂ€che, keine lauten, eher lautlose, und er vermied es, ihn zu duzen. Gut acht Wochen, nachdem er in Rente gegangen war, und vierzehn Tage, nachdem ihn Gerda an ihrem dreiundfĂŒnfzigsten Geburtstag verlassen hatte, war er aus einem wĂŒsten Traum erwacht. An den Inhalt konnte er sich nicht recht erinnern. GekĂ€mpft musste er haben. War schweißnass, als er die Augen öffnete. Und sein Herz klopfte, wie nach einem Langlauf.
Bereits am FrĂŒhstĂŒckstisch fuhr Gerhard ihn mit unerklĂ€rlicher Wut an: „Frag mich bloß nicht, was ich wert bin?“ Dabei hĂ€tte er ohnehin nie jemanden zu Beginn eines frĂŒhmorgendlichen GesprĂ€chs nach dessen Wert gefragt. Nie. Wer kann denn schon in halbwachem Zustand derartige Fragen beantworten.
Außerdem brauchte er auf die Frage gar nicht eingehen, antwortete doch sein ĂŒberaus abschĂ€tziger Blick. Und ohne dass er ihn darum bat, gingen sie gemeinsam aus dem Haus zur Parkbank oberhalb des Flusses, setzten sich aufseufzend und starrten auf seine im Schoß gefalteten altersfleckigen HĂ€nde.
NatĂŒrlich kannte er seine Fragen alle. Und obwohl er ihn nicht neben sich haben wollte, saß er da, weil er nur eines mehr hasste als ihn - allein auf der Bank am Fluss zu sitzen.
Ein Mann am Fluss brauche GesprĂ€che, belehrte Gerhard ihn. Am besten natĂŒrlich mit einer GesprĂ€chspartnerin. Mit ihr könne er ĂŒber das Fließen des Flusses und die Morgensonne reden. GesprĂ€chspartner hingegen interessiere, was vorbeifahrende Schiffe geladen haben, wo sie herkommen und was so ein neuer Frachtkahn wohl - und ein alter - wohl noch koste.
Anbiedernd legte er einen Arm um seine Schulter. Und als vom Spazierweg unten am Fluss eine junge Frau mit halblangem braunen Haar herauf kam, ließ er ihn sofort wieder los.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Da sie bereits siegesgewiss lĂ€chelte, rĂŒckte er von ihm ab, und immer noch lĂ€chelnd setzte sie sich, holte Strickzeug aus ihrer hellbraunen Basttasche und begann an einem großen braunen, mit gelben WĂŒrfeln gemusterten Teil weiter zu stricken.
Was das denn da werden solle, wollte er nach einiger Zeit von ihr wissen. „Ein Pullover. FĂŒr meinen Freund.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Hat sich von mir getrennt. Dabei brauchte der dringend was Warmes. Habe extra dicke Wolle gekauft.“
Einen Pullover, sagte er, den könne er auch gebrauchen.
Maß nehmend sah sie ihn an und lachte. „UngefĂ€hr die gleiche Figur haben Sie ja.“
Wirklich. Gerd heiße er ĂŒbrigens.
Sie lachte. „Oh! Wie mein Freund! Eigentlich Gerhard.“
Gerhard, genau wie er eigentlich auch.
Sie legte das Strickzeug beiseite und sah hinunter auf den Fluss.
„Der fließt einfach vor sich her. Beneidenswert!“
Er drehte sich zu ihr. Sie fing seinen Blick auf, sein Kopf spiegelte sich in ihren weit geöffneten dunkelblauen Augen und sie redete sehr langsam, als spreche sie vor sich hin. „Möchte mein Leben fließen lassen, von hier ins Meer. Und das Ende wĂ€re wunderbar, wenn an der MĂŒndung alles ineinander fließt.“
Er musste sich rĂ€uspern. FĂŒr sich habe er auch schon an ein SeebegrĂ€bnis gedacht, so mit Blumen, die auf dem Meer schwimmen.
WĂ€hrend sie ihn kopf schĂŒttelnd ansah, antwortete sie sich leise. „Wie meine Hinterbliebenen mich beisetzen, sollen die entscheiden! Wer ĂŒber den Tod hinaus ĂŒber sich bestimmen will, vergisst zu leben.“
Und wĂ€hrend sie wieder zum Strickzeug griff, rutsche er nĂ€her. Sie aber rĂŒckte von ihm ab und zeigte mit einer Nadel auf einen rot-weißen Rettungsring mit Rettungsleine, der unweit der Bank an einem weiß getĂŒnchten Holzgestell hing. „Wer sich retten lassen will, muss erkennen, dass er in Gefahr ist. Wer die Gefahr nicht erkennt, ist verloren. Und Retter, die das nicht bemerken, sind erst recht nicht zu retten.“
Eine Zeit lang schwiegen sie. Die mittelblonde Frau, die unter ihrer groben, hellbraunen Leinenbluse eine volle hoch geschnĂŒrte Brust trug, strickte hastiger, wĂ€hrend er sich erneut rĂ€uspern musste.
Er versuchte unauffĂ€llig auf ihre mĂ€chtige Brust zu schielen. Ob sie ihm denn damit sagen wolle, er sei nicht zu retten. Und obwohl sie nicht von ihrem Strickzeug aufsah, bemerkte sie seine Blicke, wie er an ihrem leicht ironischen Gesichtsausdruck zu erkennen glaubte. Schließlich legte sie das Strickzeug auf die Bank neben sich, lachte, hielt sich die Hand vor den Mund und prustete heraus: „Eva heiße ich! Und wir, wir können uns gewiss nicht gegenseitig aus dem Wasser ziehen. Wenn ich da an Adam denke.“
Er zuckte mit den Achseln. Ein Mann, der am Fluss sitze, brauche ein Schiff und eine GesprĂ€chspartnerin, die mit ihm nicht nur ĂŒber den Fluss rede sondern mit ihm stromabwĂ€rts fahren wolle.
„Und was ist mit dem Pullover?“ fragte sie und spitzte ihre vollen Lippen.
Den brauche der Mann auf dem Schiff fĂŒr kalte Abende.
„Es ist das RĂŒckenteil.“ Sie stand auf, bat ihn, sich vorzubeugen und hielt es gegen seinen RĂŒcken. „In der Breite passt es. Die LĂ€nge, na ja, gut zwanzig Reihen noch.“
Sie setzte sich, diesmal an das Ende der Bank, stand wieder auf.
„Darf ich noch mal messen?“ Wieder legte sie ihm das RĂŒckenteil an. „Sagen wir, es sind noch etwas mehr als zwanzig Reihen.“
Wie lange es denn dauernd werde, bis der Pullover fertig sei.
Sie hob kurz beide Schultern und ließ sie wieder fallen. „Meine Mutter hat behauptet, MĂ€nner mögen es, unberechenbar zu sein. Berechenbare MĂ€nner sind langweilig. Welcher Mann will schon ein Langweiler sein?“
Sie nickte anerkennend, setzte sich und begann umgehend wieder zu stricken. „Ich muss mich beeilen. Muss ja noch einen zweiten Pullover stricken.“
FĂŒr ihn brauche sie nur einen zu stricken.
„Ein Mann ohne Rivale ist ein halber Mann und wird doppelt so dick! Warum werden EhemĂ€nner unansehnlich dick? Glauben selbst heute noch, ihre Frau durch Heirat in sicheren Besitz genommen zu haben.“
Seine Antworten kannte er. Gerade jetzt wollte er ihn nicht neben sich haben, aber auch nicht ohne ihn auf der Bank am Fluss sitzen.
Sicherlich werde er den zweiten Pullover haben wollen, versicherte er.
Eva lĂ€chelte. „Und wo ist die nĂ€chste Anprobe?“
Er, Gerd werde ihr sicherlich frĂŒhzeitig Bescheid geben.
Sie stand auf, ging hinunter zum Fluss, lief auf dem schmalen Spazierweg ein StĂŒck flussabwĂ€rts, blieb stehen, bĂŒckte sich, schöpfte mit der offenen Hand Wasser, ließ es durch die Finger fließen, holte das RĂŒckenteil aus der Basttasche und warf es in den Fluss.
Er stutzte, wollte empört zu ihr laufen, fĂŒhlte sich auf der Bank fest gehalten.
Eva drehte sich langsam nach ihm um, winkte, kam noch langsamer zurĂŒck, blieb schließlich vor ihm stehen, streifte sich mit der rechten Hand die Haare aus dem Gesicht und sagte leise: „Manches musst du einfach dem Leben ĂŒberlassen.“

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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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flammarion
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ein

sehr gutes stĂŒck literatur ist dir hier gelungen.
lg
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Old Icke

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
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Liebe Flammarion,
herzlichen Dank fĂŒr deine positive Anmerkung. Sie tut mir gut.
Leibe GrĂŒĂŸe
Karl
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HFleiss
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Unberechenbar

Hallo Karl, mir gefĂ€llt die Geschichte auch, ich finde sie wie schon die andere Geschichte stilistisch wirklich gut geschrieben. NatĂŒrlich aber habe ich was zu mĂ€keln: Warum, wenn er ein notorischer Mit-sich-selbst-Sprecher ist, schreibst du die Geschichte nicht so, dass diese Frau nur scheinbar strickend neben ihm sitzt und er sich das GesprĂ€ch und den Schluss einfach nur einbildet? Das wĂŒrde Komik transportieren und gĂ€be dem Ganzen einen Schuss ins Skurrile. Ich bin ja sehr fĂŒr Realismus, hier aber bei diesem Text stört er mich ein wenig, und die Pointe kommt bei mir nicht recht an.

Gruß
Hanna

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Liebe Hanna,
danke fĂŒr deinen Hinweis. Er gefĂ€llt mir. Wahrscheinlich werde ich den Schluss entsprechend umschreiben.

Herzliche GrĂŒĂŸe
Karl
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