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Leselupe.de > Erzählungen
Und Rübezahl wacht über die Heimat
Eingestellt am 25. 03. 2010 15:16


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Ruedipferd
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Registriert: Jun 2009

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Willi, komm, der Zug fährt gleich ein. Wir wollen den Führer sehen!“ Aufgeregt winkte mir meine sechzehnjährige Tante Elisabeth zu. Ich sah noch einmal auf die friedlich dahinfließende Glatzer Neiße. Dann drehte ich mich um und rannte so schnell mich meine elfjährigen Beine tragen konnten zum Bahnhof. Auf den Straßen wimmelte es von Menschen. Die Leute beeilten sich, einen Platz mit Blick auf die Bahngleise zu erhaschen. SS Männer in Uniform marschierten an mir vorbei. An den Gebäuden hingen die Fahnen mit den Hakenkreuzen. Ich lief wie üblich zum Bahnhofsschuppen und kletterte flink auf die alte knorrige Eiche. Von hier oben hatte man den besten Ausblick. Meine Freunde Georg und Heinz aus dem Jungvolk waren schon da. Heinz rückte etwas zur Seite und zeigte plötzlich in die Richtung, aus der sich langsam schnaufend die Lokomotive näherte. Wie elektrisiert rissen die Menschen die Arme hoch. Aus tausend Kehlen riefen sie ihrem Führer zu. Auch wir wurden von der allgemeinen Begeisterung angesteckt. Wir streckten unsere Arme so weit es nur möglich war nach vorne und schrieen mit Leibeskräften seinen Namen.

Das Erlebnis ist nun zwölf Jahre her. Zwölf Jahre Albtraum, die meine heile Kinderwelt völlig veränderten. Ich sitze am Tisch, schaue die alten Bilder an und blicke dann auf meine Lebensmittelmarken für Januar und Februar 1950. 250g Fett, 500g Brot, 500g Zucker und 125g Fleisch steht aufgedruckt auf dem Papier. Was ist bloß aus unserem Land geworden?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals nicht genug zu essen hatten. Wir waren ein riesiges blühendes Land, das die nächsten tausend Jahre noch bestehen sollte. Die Menschen waren zufrieden. Es gab Arbeit für alle und jeder hatte sein Einkommen. Wer wenig verdiente und zum Beispiel die Uniformen für die Kinder nicht bezahlen konnte, dem wurde vom Staat geholfen. Es ging uns gut und wer zur Volksgemeinschaft gehörte und sich anpasste, hatte auch unter dem Regime nichts zu befürchten. ‚Der Führer wird das schon machen‘, hörte ich die Erwachsenen reden.

Meine Gedanken wandern zurück und ich sehe alles vor mir, als wenn es gestern gewesen wäre.

Ich wurde am 06.Mai 1927 in Kamenz in Niederschlesien geboren.
Meine Mutter war eine von sieben Schwestern einer Ofensetzer Familie. Großvater Gustav war nach Urgroßvater Rudolf bereits in zweiter Generation Ofensetzer Meister gewesen und starb im Oktober 1930. Meine beiden Onkel fielen in diesem sinnlosen furchtbaren Krieg. Vater war Schlosser, aber ich habe ihn leider nie richtig kennengelernt. Warum meine Eltern in der streng katholischen Familie nicht heirateten, hing wohl mit Eifersüchteleien und persönlichen Differenzen zwischen meinem Vater und meinen Großeltern zusammen. Aber als kleiner Junge merkte ich davon nicht viel. Nach den sieben Töchtern war ich der erste männliche Nachkomme und wurde dementsprechend verhätschelt. Über meine Kindheit im Riesengebirge konnte ich mich nicht beklagen. Es waren schöne Jahre. Ich wurde 1933 eingeschult und konnte eine große Schultüte mein eigen nennen. Am Führergeburtstag, dem 20.04.1933, gab es in der Schule Würstchen. Natürlich nahm ich unkritisch alles hin, was man uns bei brachte. Aber ich war ein kleines Kind und wer konnte ahnen, dass wir für eine Ideologie missbraucht wurden, die uns nur zwölf Jahre später den Untergang des ganzen Landes bescheren würde!

In der Schule kam ich recht gut mit. Das war wichtig, denn die Lehrer hatten sehr viele Freiheiten und der Rohrstock gehörte obligatorisch zur Ausstattung eines Klassenzimmers dazu. Wer Pech hatte, musste zur Bestrafung die flache Hand ausstrecken und der Stock sauste darauf. Es war eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit und wohl dem, der davon verschont blieb. Ich fing wie jeder andere Junge mit zehn Jahren im Jungvolk an. An den Nachmittagen hatten wir unsere Gruppentreffen. Der Sport war sehr wichtig im dritten Reich. Ich konnte einigermaßen mithalten und fiel nicht weiter auf. Die Bälle und Keulen zum Werfen hatten bereits exakt das Gewicht und die Größe von Handgranaten oder Panzer Fäusten.
Wir wurden ganz gezielt auf unseren Einsatz als Soldaten ausgebildet. Es gab nur den Führer und die Nationalsozialistische Gesinnung. Bevor man allerdings Jungvolkjunge wurde und ins Jungvolk aufgenommen werden konnte, musste die sogenannte „Pimpfen“ Probe bestanden werden. Diese bestand sportlich aus einem 60 Meter Lauf, Schlagballweitwurf und Weitsprung. Zusätzlich musste man an einer eintägigen Fahrt teilnehmen und den Aufbau des Fähnleins (so hieß der Aufbau der gesamten Organisation aller Gruppen und Züge) kennen. Natürlich gehörte das Wissen um den Lebenslauf des Führers genauso dazu, wie das Singen des Horst-Wessel-Liedes, des Deutschlandliedes und unseres HJ Fahnenliedes. Daneben gab es das Motto oder wie man heute sagen würde, den Slogan aller Pimpfe, wie wir Jungvolkjungen auch genannt wurden.‘Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu. Jungvolkjungen sind Kameraden. Des Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre. ‘

Den Sinn verstand kaum jemand, gelernt haben wir es aber alle.
Es war auch gar nichts anderes möglich. Keiner konnte sich ausschließen. Die Teilnahme war Pflicht und die Eltern riskierten eine Menge Ärger, wenn sie ihre Kinder nicht ins Jungvolk schickten. Wir waren zuhause seit jeher katholisch gewesen und so war meine Erziehung auch christlich geprägt geblieben. Meine Mutter legte großen Wert auf die Schule, so habe ich die späteren Leistungsabzeichen und Prüfungen nicht mehr mitgemacht. Weil ich zum Besuch der Handelsschule mit dem Zug nach Glatz fahren musste und dann zum Gymnasium auch nach Münsterberg, wurde ich durch die langen Schulwege der HJ Organisation etwas „entrissen“. Allerdings nahm ich an Freizeiten teil und fuhr in ein Skilager, welches, wie sich hinterher herausstellte, von der SS geleitet wurde. Die Enttäuschung war groß. Durch mein eigentliches Hobby, das Segel fliegen, mit Kameradschaft und Unterbringung verwöhnt, dachte ich, so eine Skifreizeit wäre auch nur eine kleine Abwechslung in den Ferien. Weit gefehlt! Es ging gleich mit enormem militärischem Drill zur Sache und morgens um halb sechs hieß es, alle in Unterhosen raus und antreten zur Schneeballschlacht. Ich dachte, was mich nicht umbringt, macht mich nur härter und sah zu, dass ich diese Freizeit so gut es ging, schnellstens überstand. Es war das erste und letzte Mal, dass ich mich für so etwas anmeldete. Zukünftig blieb ich bei der Fliegerei. Dort war die Unterbringung nicht nur besser, auch der harte Drill fehlte.

Flieger sind eine Spezies für sich und das vermittelten uns auch die Ausbilder. Natürlich mussten wir viel lernen. In den Schulungsräumen paukten wir stundenlang theoretische Grundlagen und Wetterkunde. Am Anfang ging es dann im offenen Gleiter über die Wiese. Es gab den A, B, und C Schein. Ich hab sie alle gemacht und ein Hakenkreuz ziert die Prüfungszeugnisse. Die Segelflugschule in Grunau bei Hirschberg wurde mein zweites zuhause. Ich verbrachte dort jede freie Minute. Nach den ersten erfolgreichen Starts und Landungen, ging es dann natürlich auch bald in die „richtige“ Maschine und man wurde mit der Winde hoch gezogen. Zuerst flog noch ein Ausbilder mit. Später kam dann der große Moment, als wir auf uns allein gestellt, im wahrsten Sinne des Wortes über den Wolken schweben durften. ‚Schnitzer‘ konnten wir uns allerdings keine erlauben! Einer der Jungen schaffte es nicht rechtzeitig, die Winde wieder auszuklinken, so dass er im Flugzeug mit der Nase vorne über abgestürzt wäre, hätte der Ausbilder diese nicht gekappt. Der arme Bursche konnte sogleich seine Sachen packen und nach Hause fahren.
Hirschberg war natürlich auch die Heimat unserer großen Fliegerin Hanna Reitsch. Ich sah sie ein paar Mal.
Wir Jungen vergötterten sie und schlugen uns fast um die Plätze an ihrer Maschine, wenn es darum ging, ihr Flugzeug wieder in den Hangar zu schieben. Dass sie vor hatte, junge Burschen wie uns zu Kamikaze Fliegern auszubilden, treibt mir noch heute eine Gänsehaut über die Arme. Ich wollte ja eigentlich auch zur Fliegerstaffel. Doch für diese Ausbildung kam der Krieg zu schnell.
Ich war sechzehn, als ich zum Reichsarbeitsdienst ging und als siebzehnjähriger meldete ich mich dann freiwillig an die Front. Mein Vorgesetzter wollte mich nicht gerne gehen lassen.
Durch Handelsschule und das Aufbaugymnasium konnte er mich in der Schreibstube gut gebrauchen und bot mir einen gesonderten Lehrgang an, wenn ich bliebe. Ich war aber genauso verblendet wie die anderen und lehnte ab. Erst wollte ich für den Führer und das Vaterland kämpfen. Mir wäre sicher vieles erspart geblieben, wenn ich sein Angebot angenommen hätte. Er sah mich sehr merkwürdig an, als ich ablehnte. Heute weiß ich natürlich, warum.

Aber damals ahnten wir nichts von Tod, Leiden und Entbehrung. Auch ich dachte nur an Heldentum und an die Ehre des Vaterlandes, die es zu verteidigen galt. So hatte man es uns jahrelang beigebracht. An etwas anderes zu denken, kam mir gar nicht in den Sinn. Wie auch! Wir waren hundertfünfzig junge Männer zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Jahren, die ihre Grundausbildung in der Kaserne ‚Hermann Göring‘ zu Berlin erhielten. Den großen imposanten Reichsadler am Eingang habe ich noch gut in Erinnerung. Wir hatten auch alles. Warme Kleidung, gutes und reichliches Essen und jede Menge Spaß in unserer Kameradschaft. Die Front war weit weg und kaum einer wusste, was wir dort vorfinden würden. In der Wochenschau wurde nur von den Eroberungen und Siegeszügen der Deutschen Wehrmacht berichtet. Die Propaganda gestaltete sich genauso effektiv, wie der schon an Größenwahn grenzende Enthusiasmus, der uns als Kinder in Jungvolk und HJ beigebracht wurde.
Wir genossen unsere Grundausbildung und fühlten uns als erwachsene Männer und zukünftige Helden, die das Deutsche Vaterland erretten und wieder zu höchstem Glanze führen würden. Die meisten träumten insgeheim vom Eisernen Kreuz und der feierlichen Zeremonie, wenn es womöglich noch vom Führer persönlich überreicht wird.
Eines Tages dann war unser Glück fast perfekt.
Hermann Göring kam mit seinem Gefolge in die Kaserne und aß mit uns einfachen Soldaten in der Kantine. Er saß nur wenige Meter vor mir am Tisch. Wir konnten es kaum fassen, dem Reichsmarschall des Großdeutschen Reichs so nahe gegenüber zu sitzen. Meine Begeisterung damals war grenzenlos!
Zumal ich ja auch später einmal Förster werden wollte und Göring als Reichsforstmeister und Reichsjägermeister natürlich eine zentrale Figur für diesen Berufswunsch darstellte. Dass es hinter den Kulissen für ihn nicht zum Besten stand, wusste natürlich keiner von uns.

Wir wussten damals im Spätsommer 1944 eigentlich überhaupt nichts. Dass der Krieg bereits verloren war, ist den Generälen sicher schon bekannt gewesen, aber die haben natürlich nichts gesagt. So wurde auch uns die Wahrheit verschwiegen und wir fuhren völlig blauäugig ohne auch nur den geringsten Schimmer zu haben, was uns erwartete, gen Osten.
Nach einigen Gefechten folgte auf die anfängliche Begeisterung dann auch relativ schnell Ernüchterung. Zu allem Übel bekam ich auch noch die Krätze und musste ins Feldlazarett. Wir konnten uns wochenlang nicht ordentlich waschen und das Ungeziefer richtete entsprechenden Schaden an. Der Winter 1944/45 war bitterkalt und wir hatten kaum Unterstände, um der größten Kälte zu entgehen.
Ich dachte manches Mal an die Schneeballschlacht im Skilager.
Durch diese „Spielerei“ sollten wir abgehärtet werden. Nicht alle überstanden die eisigen Nächte. Wir mussten uns dann im Zickzack wieder von Warschau nach Westen zurückziehen.
Der Russe kam immer näher und die Gefechte nahmen kein Ende.
Als ich das erste Mal aus dem Feldlazarett zurückkam, fehlte bereits die Hälfte der Kameraden. Es waren einige sehr gute Kumpels darunter gewesen.
Nachts, wenn es keiner sah, weinte ich um sie, dachte auch an Mutter und die kleine Schwester zu Hause in Schlesien.

Irgendwie hatte ich Glück.
Im Schützengraben schlief ich einmal völlig entkräftet und übermüdet ein und als ich erwachte, gab es den Wald um mich herum nicht mehr. Staunend blickte ich mich um. Das nächtliche Sperrfeuer hatte ich nicht mitbekommen und wie tot geschlafen. Anscheinend glaubten auch die Kameraden, dass ich nicht mehr am Leben sei.
„Willi, bist du noch da?“ hörte ich meinen Landser Freund leise rufen. „Ja“, antwortete ich nach der ersten Schrecksekunde. Ich musste austreten, doch wohin sollte ich gehen? Es machte wenig Sinn, den schützenden Graben zu verlassen. Der Feind stand draußen und wartete wahrscheinlich nur auf einen unvorsichtigen Jungen, der mal eben nur pinkeln wollte. Ich hätte das allzu menschliche Bedürfnis sicher mit dem Leben bezahlt. Also machte ich es wie die anderen. Zu essen hatten wir auch nichts mehr und es wurde Zeit, über einen weiteren Rückzug nachzudenken. In der nächsten Nacht kam der entsprechende Befehl. Die Kälte durchdrang die Kleidung, die uns verdreckt und stinkend keinen wärmenden Schutz mehr bot.

Beim Reichsarbeitsdienst hatte ich mich immer über unsere Fußlappen mokiert. Damals lachte ich nicht mehr und hätte gerne ein ganzes Königreich, welches ich nicht besaß, dafür gegeben, wenn ich zusätzlich welche gehabt hätte. Wir zogen uns immer weiter vor den angreifenden Truppen der Roten Armee zurück. Viele waren wir nicht mehr. Später erfuhr ich, dass nur siebzehn von einst hundertfünfzig jungen Männern zurück kamen. Ich bin einer davon.
Aber was machte das schon, wenn man an die Freunde dachte, die mit vollem Enthusiasmus losgezogen waren und nun häufig nicht einmal ordentlich begraben, irgendwo im Feindesland bis zur Unkenntlichkeit zusammen geschossen herum lagen und anonym ihre letzte Ruhe finden mussten. Unsere Jugend, die Zukunft der ganzen Nation, lag tot auf dem Schlachtfeld.
Zuhause warteten Freundinnen, Mütter und Ehefrauen vergeblich auf ihre Heimkehr. Eventuell würden sie irgendwann ein Schreiben der Wehrmacht erhalten, in dem ihnen mitgeteilt wird, dass der geliebte Sohn, Freund, Ehemann und Vater ihres Kindes gefallen und den Heldentod fürs Vaterland gestorben sei.
Dafür konnte sich niemand etwas kaufen. Das Leben ohne den geliebten Partner weiter führen zu müssen, den unsäglichen Schmerz und die Trauer aushalten, all das müssen die Angehörigen selbst bewältigen. Keiner kann ihnen dabei helfen.
In mir kam während dieser Tage mehr als einmal der Verdacht auf, dass die Ideale, die man uns als Kinder eingetrichtert hatte, gar nicht so ideal waren und ich ertappte mich dabei, daran zu denken, dass lieber fünf Minuten feige im Leben besser wären, als den Rest des Lebens mit dem Heldentod zu verbringen. Ich beschloss also, künftig weniger Gedanken an das Eiserne Kreuz sowie Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld zu verschwenden, als vielmehr darauf hinzuarbeiten, diesen verdammten Krieg zu überleben.

Irgendwann standen wir dann auf den Seelower Höhen am Oderbruch. Der Russe folgte uns unbarmherzig. Unsere Einheit gab es faktisch nicht mehr. Ich hatte mich zwei älteren Soldaten angeschlossen. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich mit meinen siebzehn Jahren sicher. Allerdings war ich ja trotzdem schon ein „alter“ Frontkämpfer. Darauf legte ich großen Wert, wenn ich ältere Jungen traf, die gerade aus der Kaserne kamen und noch keine „Kampferfahrung“ besaßen.
Einer der älteren Kameraden war Melder und schon Anfang fünfzig. Für mich verkörperte er gleich so etwas wie eine Vaterfigur. Ich hörte ihm deshalb gerne zu, wenn er von seiner Familie sprach. Und der andere lachte in der Scheune, in die wir uns über Nacht schlafen gelegt hatten. „Die Kugel für mich ist noch nicht gedreht“, meinte er.

Am frühen Morgen dann hörten wir das Artilleriefeuer.
Es kam näher, zu nahe! Wir mussten aus der Scheune ‘raus.
Plötzlich war da nur noch Rauch. Ich warf mich instinktiv auf den Boden und schloss die Augen.
Kein Geräusch mehr, nichts. Beängstigende Stille.
Nur dichter Rauch.

Ich lag eine ganze Weile eng an den Boden gepresst und wartete. Nach einiger Zeit konnte ich wieder etwas sehen und begann, nach vorne zu kriechen. Langsam arbeitete ich mich Stück für Stück weiter. Immer auf der Hut, rechtzeitig die zischenden oder heulenden Geräusche einer herannahenden Granate wahrzunehmen. Ich hatte inzwischen ein gutes Gespür für die todbringenden Dinge des Lebens entwickelt. Die damals erlernte Vorsicht sollte meine Persönlichkeit für die ganze Zukunft prägen. Und dann erblickte ich sie.

Erst lag da der Kopf meines Melder “Vaters“. Einige Meter weiter sah ich weitere Teile seines Körpers. Der andere Kamerad lag in einer Mulde. Er hatte die Augen geschlossen, als wenn er nur schlafen würde. Seine Gedärme quollen aus dem Bauch hervor. Trotz Würgereiz spürte ich in mir tiefste Leere, die in diesem Moment nicht einmal Grauen oder Trauer zu ließ. Fassungslosigkeit und die Hoffnung, dies alles nur zu träumen und im nächsten Augenblick in meinem Zimmer in Kamenz aus einem furchtbaren Albtraum auf wachen zu dürfen, machten sich breit.
Ich duckte mich, stand dann langsam auf und lief. Und wieder rannte ich. Aber diesmal nicht mehr, um den Führer zu sehen, sondern um mein Leben!

Ich konnte mich einer anderen Gruppe versprengter Landser anschließen. Wir waren zu viert. Einer war Fallschirmspringer gewesen und bereits in Frankreich hinter den feindlichen Linien abgesprungen. Seine Geschichten riefen natürlich Bewunderung in mir hervor. Er war ein feiner Kerl, mit dem ich mich gut verstand.
Wenn unsere Erziehung etwas erreicht hatte, dann war es die Kameradschaft, die uns Jungen und Männer in diesen schweren Zeiten zusammen schweißte. Jeder half dem anderen völlig uneigennützig und stand für den Kollegen ein. Ich habe später nie wieder einen solchen Zusammenhalt unter Männern erlebt.

Während unseres Marsches Richtung Westen über holte uns plötzlich ein Wagen mit zwei Feldjägern darin.
Sie stiegen aus und fragten, was wir hier machten.
So genau wusste das natürlich niemand. Der Russe war ja nur einen halben Tag hinter uns. Sie meinten, wir wären Deserteure, nahmen uns die Gewehre ab und wollten uns kurzerhand aufhängen. Sprachlos und entsetzt bemerkte ich, dass sie es ernst meinten.

Ich war doch erst siebzehn und hatte, sollte ich den Krieg heil überstehen, noch mein ganzes Leben vor mir!
Zweimal war ich nun schon im Feldlazarett gewesen. Das erste Mal kurz nach dem wir an die Ostfront gekommen waren. Ich hatte Krätze und Juckreiz am ganzen Körper. Wir konnten uns ja nicht waschen und sauber halten. Gegen die Läuse und das Ungeziefer waren alle machtlos.
Und ein paar Wochen später, verfehlte mich eine Granate nur um wenige Millimeter. Doch die kleinen Splitter drangen in meinen Nacken ein und ich musste operiert werden.
Zweimal konnte ich also wieder genesen an die Front zurückkehren. Dann fand ich während eines Gefechts eine Pistole neben einem toten Soldaten. Er konnte sie gewiss nicht mehr brauchen und mir würde sie vielleicht noch gute Dienste leisten. Es war eine nahezu neuwertige „ Mauser“ und noch ehe ich sie neugierig untersuchen konnte, hatte sie mir ein zweiundzwanzigjähriger Unteroffizier bereits wieder abgenommen. Er fragte mich, ob sie geladen wäre und ich antwortete, dass ich das nicht wüsste, weil ich sie mir noch nicht hätte ansehen können. Er drückte ab und schoss einem Kameraden in den Fuß. Selbstverständlich bekam ich sofort die Schuld an dem Unglück und musste ihn zum Vorgesetzten begleiten. Das Unfassbare geschah: Ich sollte vors Kriegsgericht!
Ich erklärte unserem Hauptmann, dass ich die Waffe gerade erst gefunden hätte und nicht wissen konnte, ob sie geladen sei. Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erzählte, dass ich im Übrigen erst siebzehn wäre und der Unteroffizier im Gegensatz zu mir bereits ein erfahrener Soldat, der doch wesentlich besser wissen müsste, wie man sich in einem solchen Moment verhielte. Der Kommandeur schien beeindruckt zu sein und stimmte mir zu. Ich konnte gehen und war dem sicheren Tod entgangen.
Und nun sollte ich schon wieder unschuldig und dann auch noch durch die Hand unserer eigenen Leute sterben?
Diesmal sah es allerdings sehr gefährlich aus. Wir hatten keine Waffen und konnten uns nicht mehr verteidigen. Es war somit auch unerheblich, dass wir vier und die anderen nur zu zweit waren.

Ich hatte dem Führer stets treu und enthusiastisch gedient und schloss mehr als enttäuscht mit meinem Leben ab. In meinem Kopf wanderten die Bilder schnell nach Hause. Ich dachte noch einmal an meine Mutter, die kleine Schwester, meine Onkels und Tanten und an Kamenz in Schlesien.
Wir gehörten zum Kreis Frankenstein. Die Glatzer Neiße floss am Ort vorbei und das Riesengebirge mit dem alten Rübezahl lag vor der Haustür. Kamenz war eine sehr alte Gemeinde, die sich bereits 1096 im Schutz eines Klosters entwickelt hatte.
Das Kloster wurde später berühmt, als am 27. Februar 1741 König Friedrich II, also Friedrich der Große, dort auf der Flucht vor den Österreichern Schutz fand. Ich sah das Schloss vor mir, in dem mein Großvater als Ofensetzer Meister die großen alten Kachelöfen reparierte. Wie oft war ich dorthin gelaufen, um den Männern ihr Vesperbrot zu bringen und hatte stundenlang in den vielen Räumen gespielt. Es gehörte natürlich den Hohenzollern und wenn der Prinz anwesend war, wurde immer geflaggt. Als 1812 das Kloster Kamenz säkularisiert wurde, kaufte die Prinzessin Friederike von Oranien den Ort Kamenz. Ihr Sohn, der später im Jahre 1840 als Wilhelm II König der Niederlande wurde, lebte längere Zeit hier. Die Herrschaft Kamenz ging dann 1830 an dessen Schwester Marianne und wurde Mitgift bei ihrer Hochzeit mit dem Preußen Prinzen Albrecht. Weil das Kloster zwischenzeitlich teilweise abgebrannt war, beauftragte Marianne den Baumeister Schinkel mit dem Bau eines Schlosses, welches 1873 fertiggestellt wurde und im Besitz der Hohenzollernfamilie verblieb. Kamenz wurde dann Ende des neuzehnten Jahrhunderts ein Eisenbahnknotenpunkt und zählte im Mai 1939 2500 Einwohner. Breslau liegt etwas nördlich und war mit der Bahn gut und schnell erreichbar.

Ich sah in Gedanken unseren Mühlgraben, in dem die Freunde im Sommer badeten und die Neiße, an der ich so gerne gespielt hatte. Auf den Schulausflügen wanderten wir regelmäßig ins Riesengebirge. Ich bekam stets eine Zitrone von meiner Mutter mit, die ich dann in eine Flasche ausdrückte und mit herrlichem eiskaltem Bergquellwasser auffüllte. Keine gekaufte Limonade konnte diesen wunderbaren Geschmack ersetzen. Mutters Klöße und das selbst hergestellte Sauerkraut ließen mir das Wasser im Munde zusammen laufen. Ich war ja im Jahr der Machtergreifung des Führers eingeschult worden und zum Führergeburtstag am 20.April, gab es jedes Jahr Würstchen in der Schule. Was hätte ich jetzt für eine schöne Bockwurst mit Senf gegeben!

Das Jungvolk und die HJ hatte ich wie jeder Junge im Dorf durchlaufen. Ein Fahrtenmesser bekam ich irgendwann auch. Es ging uns Kindern gut. Wir hatten sogar Witze über den Führer gemacht und nichts passierte. Die Lehrer waren zwar sehr streng gewesen, aber ich hatte meistens Glück und erhielt kaum Prügel. In der Schlageter Schule zu Münsterberg wollte ich mein Abitur machen und dann Förster werden. Mit meiner Großmutter ging ich als kleiner Junge oft in den Wald zum Pilze sammeln. Sie war sehr erfahren darin und fand schnell die besten Plätze mit den schönsten Pfifferlingen. Die schlesischen Wälder sind ohnehin ein Naturwunder für sich.
Häufig begleitete uns meine sechzehnjährige Tante, die mir eigentlich mehr eine große Schwester war. Im November liefen wir Schlittschuh und pünktlich mit dem ersten Schnee, meistens Anfang Dezember, wurden dann die Ski hervorgeholt.
Es gab wunderschöne Berge, die wir hinunter sausten.
Natürlich bauten wir Jungens uns auch einige kleine Sprungschanzen. Es verging kein Wintertag ohne Blessuren oder blaue Flecke, aber das schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil. Ich ließ mich immer wieder hinuntergleiten, presste dann die Arme an meinen Körper und stellte die Füße zusammen, um soweit wie nur möglich zu fliegen.

Mein Leben lief in diesen schrecklichen Augenblicken wie in Zeitlupe an mir vorbei.

Was dann geschah, übertraf allerdings alles, was ich bisher erlebt hatte. Auf einmal entriss der Fallschirmspringer einem der Feldjäger das Maschinengewehr und plötzlich lagen beide Feldjäger tot am Boden.

Wir rannten los. Wieder lief ich um mein Leben.
Ein LKW hielt neben uns an. Darauf saßen die wenigen Kameraden, die übrig geblieben waren. Unser Kommandeur wusste schon lange, dass wir den Krieg verloren hatten. Er wollte nicht auch noch die letzten seiner Soldaten sinnlos verheizen. Wir fuhren nicht mehr nach Berlin sondern Richtung Ostsee. So konnte ich dem ‚Kessel‘ entfliehen.

Ich kam dann nach ‚Himbergen’ in Niedersachsen in englische Gefangenschaft und erlebte dort am 06. Mai 1945 zusammen mit hunderten Kameraden hinter einem hohen Stacheldrahtzaun hungernd und ausgezehrt meinen achtzehnten Geburtstag. Gemessen an dem Essen, das wir in der Gefangenschaft erhielten, kann ich mir mit dem, was ich mir heute für die Lebensmittelmarken holen darf, tagelang den Bauch vollschlagen. Nicht einmal an der Front mussten wir so hungern, wie wir es in Gefangenschaft erlebten.
Der Führer war inzwischen in Berlin den Heldentod gestorben und hatte sein Land in Trümmern zurück gelassen. Ich wusste nicht mehr an wen oder an was ich noch glauben sollte.
Irgendwann konnten auch wir dann nach Hause gehen.
Aber wo war mein zuhause?
Ich erfuhr, dass Schlesien nun von Polen besetzt war und sie alle Bewohner aus ihren Häusern vertrieben hatten. Meine Mutter und meine Schwester waren mit der Großmutter und den Tanten sicher auch geflohen. Aber wie sollte ich sie in dem zerbombten Land je wieder finden?
Die rote Armee stand an der Elbe. Auf der anderen Seite teilten sich die Amerikaner unser tausendjähriges Reich nun mit den Engländern und den Franzosen.
Siegermächte nannten sie sich. Und ich wollte doch nur meine Mutter und die kleine vierjährige Schwester wiedersehen!
Hatten wir unsere Heimat wirklich für immer verloren?

Ich war so sehr ausgemergelt und fast verhungert, dass ich
dankbar das Angebot eines Kameraden, eines hessischen Bauern, an nahm und ihn zu sich nach Hause begleitete. Dort in Hessen konnte ich mich wieder etwas „aufpäppeln“.
Dann fuhr ich im Güterwaggon quer durch Deutschland bis nach Österreich und wieder zurück, suchte verzweifelt meine Familie und schlief dabei draußen unter Brücken---wie die meisten anderen, die ich unterwegs traf.
Das Leiden der Menschen im zerstörten Land war unvorstellbar. Ständig kamen neue Flüchtlingsströme aus dem Osten an. Meine Mutter war nie dabei. Die Männer erzählten von Gräueltaten der Sieger an der Bevölkerung. Zu grausam, um sie niederzuschreiben.
Ich hörte ihnen zu und dachte dann auch an die eigenen Erlebnisse mit unseren Leuten. Es klingt hart, aber wir waren nicht besser gewesen. Es bewahrheitete sich nur ein altes Sprichwort: ‚Wie du mir, so ich dir. ‘ Ich musste hilflos zu sehen, wie Kameraden kaltblütig unschuldige Zivilisten und unsere Kriegsgefangenen töteten. Meine katholische Erziehung war tief mit meinem Gewissen verwurzelt und ich flehte den Herrn an, mich nicht solchen furchtbaren Erlebnissen auszusetzen. Die Bilder werde ich nie vergessen und als es dann auch die dafür verantwortlichen Kameraden traf, konnte ich kein Mitgefühl mehr für sie aufbringen.
„Meinen“ Gefangenen ließ ich in einem unbeobachteten Moment frei und hoffe, dass er es wieder nach Hause ins „Mütterchen“ Russland geschafft hat.

Nach dem Krieg heuerte ich als Matrose auf einem Minensuchboot an und versah meinen Dienst als Steward beim Kapitän. Vom 11.02.1946 bis zum 18.12.1947 räumten wir Minen in Norwegen. Es war alles in allem keine schlechte Zeit. Ich hatte Arbeit und genug zu essen. Der Kapitän war ein guter Vorgesetzter und auch mit den Kameraden an Bord verstand ich mich gut. Da ich nicht schwimmen konnte, lag meine Rettungsweste stets griffbereit. Sehr zur Freude der Kollegen, die immer wieder lachten, wenn sie mich in Schwimmweste auf dem Schiff herum laufen sahen.
Doch meine Gedanken wanderten vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, zu meiner Familie. Ich hatte noch kein Lebenszeichen von Mutter erhalten und auch sonst nichts von Bekannten oder Verwandten aus dem Dorf erfahren. Als wir wieder nach Kiel Friedrichsort kamen und das Schiff eine Zeitlang auf der Werft überholt werden musste, hörte ich plötzlich, dass jemand auf dem Flaggschiff Kontakt zu Leuten aus Kamenz hergestellt hatte. Nach einigen Tagen erfuhr ich endlich den Aufenthaltsort meiner Mutter. Sie hatte das Elternhaus bei Nacht und Nebel mit nur wenigen Habseligkeiten verlassen müssen und war mit vielen anderen zusammen mit meiner kleinen Schwester im Güterwaggon in den Westen geflohen.
Der Flottenkommandant gab mir sofort frei und mit einem Seesack voller Lebensmittel konnte ich ihnen etwas aus der schlimmsten Not helfen. Doch Bleiben wollte ich nicht, denn es war schon so viel zu wenig Platz in der Notunterkunft im niedersächsischen Dinklage. Aber wir hatten überlebt und waren wieder zusammen. Mutter meinte, wir müssten dem Herrgott dafür dankbar sein. Durch ihren starken Glauben konnte sie sich mit der Situation arrangieren. Doch die Heimat sah sie nie wieder!

Langsam fing ich an, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich kannte ja nur die Nazidiktatur und war wie selbstverständlich damit aufgewachsen.
In der Familie gab es zwar keine übermäßige Sympathie, aber andererseits auch keine Ablehnung. Wir fügten uns in das System, welches von der Regierung vorgegeben wurde. Von den Gräueltaten in den Konzentrationslagern wurde nichts in der Wochenschau berichtet. Erst nach dem Krieg hörte ich, was man dem jüdischen Volk und all den anderen, die nicht ins Regime passten, dort angetan hatte. Fassungslos und ungläubig las ich voller Entsetzen die Zeitungsberichte und schämte mich einmal mehr, damals dem Führer so begeistert wie die anderen Kinder und Erwachsenen zu gewinkt zu haben.

Vor mir liegt das Foto des Schlosses Kamenz.
Es ist eines der wenigen Bilder, die mir von zu Hause geblieben sind. Ob ich es je wiedersehen werde?
Unsere Begeisterung haben wir mit dem Verlust der Heimat teuer bezahlt. Und wie viele Menschen sind in diesem sinnlosen Krieg gestorben! In meinem Kopf sehe ich gefallene Kameraden und verbrannte Erde. Diese grauenvollen Erlebnisse werde ich niemals vergessen!
Nachdenklich schaue ich auf meine Lebensmittelmarken.
Wir hatten uns als die Herren der Welt aufgespielt und uns über andere Völker erhoben. Gott lässt nichts ungestraft geschehen. So war es mir im Kommunionsunterricht und im Elternhaus beigebracht worden. Wir wurden für unseren Hochmut bestraft. Es ist beruhigend zu wissen, dass es auch die Verantwortlichen getroffen hat. Bis zum 11.April 1949 dauerten die Nürnberger Prozesse. Fast alle wurden zur Rechenschaft gezogen. Nur das macht all das Leid und Grauen leider nicht ungeschehen.

Im August 1949 habe ich nun meinen ersten Zollgrenzschutzlehrgang in Cuxhaven absolviert. Das Gruppenfoto vor mir zeigt die Klasse 7 mit den Kollegen.
Und jetzt bin ich hier in Groß Saarau an der Zonengrenze und versehe meinen Dienst. Einmal im Monat fahre ich mit dem Rad nach Lübeck, um Geld zu holen und meinen Anzug mit 5 DM im Monat abzubezahlen. Für fünfzig Pfennige kann man sich dort in einem Badehaus auch baden.
Unser Zoll Haus ist alt und es gibt nur einen einzigen Ofen. Wir sind vier Kollegen, die sich zwei feuchte kleine Schlafräume teilen. Wer ein Geschäft zu verrichten hat, muss in den angrenzenden Wald gehen. Es ist wieder bitterkalt und doch fühle ich etwas Wärme in mir. Mutter und die kleine Schwester leben. Es geht ihnen zwar nicht übermäßig gut, aber sie haben ein Dach über dem Kopf und sie sind am Leben. Nur das allein zählt im Augenblick. Und ich habe nun einen Beruf, der mir ein, wenn auch sehr geringes, Einkommen gewährleistet. Meinen Traum konnte ich nicht verwirklichen. Für die Ausbildung zum Forstgehilfen war ich zu jung und für den Polizeidienst zwei Zentimeter zu klein.
Aber die Zollprüfung habe ich mit guten Noten bestanden.
Am Schlagbaum stehen wir uns nun mit den russischen Soldaten Aug in Aug gegenüber. Einer schenkte mir gestern Nachmittag eine kleine Friedenstaube in Form einer Anstecknadel. Ein gutes Omen?

Es war eine sehr gefährliche Situation. Er hatte sie mir gezeigt und auf den Grenzstreifen gelegt, den wir eigentlich nicht betreten durften. Ich wollte nicht unhöflich sein, obgleich ich mir der Gefahr bewusst war. Ich sah mich rasch um und sprang dann in wenigen Sätzen über den Schlagbaum.
Es ist ein schönes Andenken und ich habe versucht, ihm auf Russisch zu danken. Vielleicht bringt das unsere Völker eines Tages wieder näher.

Wir Bürger werden ja nicht gefragt. Wir sind abhängig vom Handeln der Politiker und es bleibt nur zu hoffen, dass diese auch weise und gut für unser Land entscheiden.
Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft und seit dem 14. August gibt es in Deutschland wieder eine demokratisch vom Volk gewählte Regierung. Kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland mit unserem neuen Präsidenten Theodor Heuss, entstand drüben im anderen Teil ebenfalls ein neuer Staat. Die Ereignisse haben sich eigentlich für uns fast überschlagen.
Wird die ganze Welt denn jetzt in zwei Hälften geteilt?
Ich fühle mich hier westlich der Elbe recht sicher, aber was ist, wenn es wieder einen neuen Krieg gibt? Wir haben uns doch von dem Letzten noch gar nicht erholt. Überall liegen die Städte in Trümmern. Die Menschen suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen und viele meiner Kameraden sind in russische Gefangenschaft nach Sibirien verbracht worden.

Ob die Menschheit jemals vernünftig wird und die Völker lernen werden, in Frieden mit einander zu leben?




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