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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Und einer zog die Gerade
Eingestellt am 30. 05. 2003 11:42


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David Winterhurst
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Registriert: Apr 2003

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Mitunter hatte meine Mutter wirklich grandiose EinfĂ€lle, und zu einem ihrer besten zĂ€hlte der, jeden Sonntag - und das mit heller Freude und Begeisterung - eine riesige SchĂŒssel Götterspeise und die dazugehörige Vanille-Soße zu kochen und der gesammelten Familie zu prĂ€sentieren und zu ĂŒberlassen. Und das Gute daran war vor allem, dass sie nicht wie die meisten Leute zu wenig Vanillesoße kochte. Sie machte immer mehr als genug davon, vor allem weil sie wusste, dass ich sĂŒchtig danach war, sie am liebsten Tassenweise pur trank.
An einem solch besagten Sonntag jedenfalls, gestand ihr dann mein Bruder Andrew, dass er ausziehen wolle. Unser Vater war an diesem Sonntag nicht zuhause, sondern zu irgendeinem Computerseminar nach Silicon Valley gefahren. Ich glaube kaum, dass mein Bruder in seiner Anwesenheit groß mit dieser Sache herumposaunt hĂ€tte. Denn immerhin rutschte schon mir ein StĂŒck grĂŒner Götterspeise vom Löffel, als er es aussprach - kurz vor dem Mund.
Ich blickte auf, wie ein ahnungsloses GlĂŒhwĂŒrmchen, das in der lauen Mittagsson-ne erwachte, und leckte die Vanille-Soße von meinem Löffel.
„Hör auf, mit solchen Dingen zu spaßen“, sagte unsere Mutter, obgleich nie etwas ernster geklungen hatte, als diese Worte aus dem Munde meines Bruders.
„Du weißt, wenn es dein Vater hören wĂŒrde, dass du so sprichst, ...“
„Er hört es aber nicht“, schnitt er ihr das Wort ab. „Und ich weiß, warum ich gerade diesen Augenblick nutze, um es dir zu sagen. Es ist mir ernst, Mom ...“
„Sprich nicht weiter. Bitte nicht jetzt.“
'Bitte nicht vor Billy', schien fast zu fehlen, doch ich bemĂŒhte mich nur, mir meine kleine grĂŒne SchĂŒssel zum Versteck zu machen. Die mit den wundervollen grĂŒnen Glaskugeln am Rand, meine LieblingsschĂŒssel.

Meine Mutter ist ein Mensch, der noch nie großartig viel davon hielt, den Dingen ins Auge zu blicken.
„Mutter, ich bin Vierzehn“, musste ich sagen, ehe sie damit aufhörte meine Unterhosen, Socken und so weiter fein sĂ€uberlich sortiert in den Schrank meines Zimmers zu rĂ€umen. Dann jedoch hörte sie blind auf. FĂŒr immer, und schluckte den Schmerz mit der Gewissheit herunter, dass es irgendwann so kommen musste, obgleich sie wohl die Letzte war die wirklich daran glaubte.
Manchmal frage ich mich, weshalb meine Mutter kein geistig oder körperlich behindertes Kind zu Welt gebracht hat. Es mag brutal klingen, aber ich bin nun mal dafĂŒr, der Wahrheit kalt entgegen zu blicken. Sie wĂ€re die perfekte Mutter fĂŒr ein behindertes Kind, denn auch wenn es ihr nicht ewig möglich gewesen wĂ€re, so hĂ€tte ihr doch ein behindertes Kind die Gelegenheit gegeben, sich um ein lĂ€ngeres zu kĂŒmmern als bei uns.
Als ich meiner Mutter sagte, dass ich Vierzehn sei und so weiter, legte sie die Sachen noch zuende in den Schrank und auch ein paar Tage spĂ€ter fand ich sie dort, immer rechtzeitig, immer ordentlich. Doch nie mehr ließ sie sich dabei erwischen und nach ca. drei Tagen fand ich die WĂ€sche nur noch auf meinem Bett liegen.
Meine Mutter braucht ihre Zeit, von den Dingen Abschied zu nehmen. Sie braucht ihre Ruhe, den Schmerz der diskreten Aufforderung zu schlucken und zu vergessen, und die Worte PrivatsphÀre, Persönlichkeit und EigenstÀndigkeit zwischen sich und ihre Kinder zu schieben.
Vielleicht liegt es an ihr, vielleicht auch daran, dass sie eine Mutter ist. Und ich wĂŒrde mich nicht einmal wundern, wenn es sogar an der Verzweiflung und Verbitterung lĂ€ge, welche sich mit der Zeit unter allen denkenden Menschen ausbreitet. Bei ihr mag es mitunter auch die Einsamkeit sein, die mein Vater ihr mit den Jahren der Arbeit mehr und mehr zuteil werden lĂ€sst, und vermutlich die Konfrontation mit dem Älterwerden. Doch es lĂ€sst mich erschrecken, dass ein weiterer Teil ihrer Depressionen der gleiche ist wie bei mir - die Welt, das Leben, das Sein und alle Qual einer gesicherten Zukunft.
Es ist nicht leicht, an seiner eigenen Mutter depressive Emotionen zu erkennen, denn es verdeutlicht ihre Ausweglosigkeit, trotz ihrer scheinbaren Sicherheiten. Sie, die dir Kraft und UnterstĂŒtzung geben sollte, weiß offensichtlich selbst keine Antwort, keinen sicheren Rat. Und je frĂŒher du das feststellen musst, desto frĂŒher musst du anfangen, erwachsen zu werden. Aber zugleich ist diese Feststellung auch wie der unausgesprochene Satz: „Werde nicht Ă€lter!“
Schnell zu leben und frĂŒh zu sterben, ist nicht mehr als die Umsetzung dieser Warnung. Und sie erfordert eben von dir, auch jenes Haus zu verlassen, in dem dir diese Warnung in jeder Minute ĂŒber den Weg laufen kann und wird.
Genau deshalb wollte mein Bruder ausziehen. Weil er wusste, er wĂŒrde sterben. Irgendwann. Doch er wollte nicht lĂ€nger davor gewarnt werden.

In der Nacht des Sonntags, an dem mein Bruder unserer Mutter sagte, dass er ausziehen wĂŒrde, blieb sie außergewöhnlich lang wach. Sie hörte leise europĂ€ische Musik und versuchte mehrmals, meinen Vater zu erreichen - ohne erfolgversprechende Ergebnisse. SpĂ€ter, noch viel spĂ€ter, nĂ€mlich als ich und mein Bruder schon lĂ€ngst in unseren Betten lagen und schliefen, wachte ich doch noch einmal auf und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin sah ich, dass die ZimmertĂŒr meines Bruders leicht offen stand. Da ich seit jeher sehr anfĂ€llig bin, was halb offene TĂŒren betrifft, ging ich sofort hin, sie zu schließen. Doch als ich dabei einen Blick in Andrews Zimmer warf, sah ich, dass unsere Mutter dort neben seinem Bett kniete und ihn ansah. Sie hielt die alte, hĂ€ssliche Brille in den HĂ€nden, welche Andrew als Kind hatte tragen mĂŒssen. Sie hielt sie in beiden HĂ€nden zwischen dem Schoß und sah ihn einfach nur an. Im Licht der Straßenlaterne, welches seicht durch das vom Regen beperlte Fenster ins Zimmer schien, konnte sie nicht einmal viel erkennen. Aber sie saß dort und tat es noch immer, als ich schon lĂ€ngst von der Toilette zurĂŒck war. Sie saß da und war die Frau, die sie immer war. Die Frau mit den Sorgen, den Depressionen und der Liebe zu ihrer Familie. Sie saß dort als die Mutter die sie war, die Mutter die wusste, dass sie diesmal nicht sehr viel Zeit hatte, um in Ruhe Abschied zu nehmen und den Schmerz zu schlucken.
Ich weiß bis heute nicht, wie lang sie noch dort gesessen hat und ich habe sie auch niemals danach gefragt. Ich erinnere mich nur, die TĂŒr nicht geschlossen zu haben und daran, dass sie am nĂ€chsten Morgen noch immer das gleiche Kleid trug wie am Abend zuvor. Und ich erinnere mich, dass auf Andrews Nachttisch diese Brille lag. Die Brille, die er als Kind hatte tragen mĂŒssen. Als Kind unserer Mutter.

Kinder haben ebenso herausstechende Merkmale wie alte Menschen. Denn sie beide sind Extreme, die sich mehr und mehr einer Mitte nÀhern, oder sich von ihr entfernen. Vielleicht hat man sein Leben ja gerade dann richtig gelebt, wenn man als alter Mensch wieder genauso ist wie als kleines Kind. Vielleicht. Und vielleicht hat es auch deshalb irgendetwas zu bedeuten, dass mein Bruder Andrew 1965 bereits im Alter von 19 Jahren starb und beerdigt werden musste.
Babys sind fast zurĂŒckhaltend was ihr Verhalten in der Öffentlichkeit betrifft, wohingegen Sechs/SiebenjĂ€hrige wahre Unterhaltungstalente sind. Sie springen, tanzen und imitieren, setzen sich vor aller Öffentlichkeit in Szene, sind Schauspieler und Akrobat. Immer gut, immer gekonnt, immer amĂŒsant. SpĂ€ter, mit Vierzehn oder FĂŒnfzehn, werden sie nur frech und dumm bei ihrem stĂ€ndigen Versuch, sich und ihre Art, ihr Können als etwas Herausragendes in den Vordergrund zu spielen. Von dort an spalten sie sich in viele verschiedene Typen auf und erst im Alter ist es wieder zu erkennen: Wie sie nach harter Arbeit und der GrĂŒndung einer Familie langsam damit beginnen zu verreisen, Töpferkurse und Umschulungen zu belegen, wie sie sich ein Haustier anschaffen oder anfangen zu malen. Wie sie damit beginnen, sich selbst zu beweisen, dass sie noch frisch und aktiv sind, dass ihre Arbeit etwas wert war und sie durchaus Freizeit, Freiheit und AktivitĂ€t besitzen. Sie wollen zeigen, welch schönes Leben sie sich erbaut haben, doch es lĂ€sst sich einfach nicht leug-nen, wie traurig sie darin aussehen. Sie tun es allein fĂŒr sich selbst, damit bin ich einverstanden und ich will mich auch gar nicht darĂŒber lustig machen. Es ist nur so, dass mich diese Dinge unglaublich deprimieren. Ein alter Mann, der endlich eine große Sommerreise macht, beispielsweise, sieht erbĂ€rmlich aus, wenn er in seiner trist geschnittenen, marineblauen Badehose ĂŒber den Strand lĂ€uft und sich die weißen Haare auf seiner bleichen, knochigen, faltigen Brust vor dem frischen Wind des Meeres fĂŒrchten. Ich will nicht sagen, dass man sein Alter verstecken muss. Jeder Mensch hat das Recht zu sterben und zu leben, so frĂŒh oder so lange er will. Doch ich kann in Falten keine Schönheit entdecken. Hin und wieder eventuell Respekt. Aber was ist denn schön daran, fast nichts mehr zu verstehen und Sachen doppelt falsch zu machen? Was ist schön daran, HĂ€nde aus Sandpapier zu haben und beim Luftholen Speichel aus dem Mundwinkel zu verlieren? Ich weiß zwar nicht mehr, was ich als kleines Kind bezĂŒglich meiner Großeltern darĂŒber gedacht habe, aber ich glaube kaum, dass es in mir den Wunsch auslöste, so bald wie möglich wie sie zu sein. Niemand will auf diese Art alt werden, aber es scheint keinen anderen Weg zu geben.
Meine Mutter beispielsweise hat sicher ein junges Herz, wenn es auch lĂ€ngst etwas blass, traurig und einsam geworden ist. Und dennoch sieht sie nicht gut aus, wenn sie in den karierten Flanellhemden, den dreckigen Jeans und mit ihren langen, offenen, weißen Haaren in ihrem Garten hockt und mit MĂŒhe das Unkraut zupft. StĂ€ndig will man zu ihr sagen: „Lass mich das doch machen." Dabei will man es gar nicht tun. Meine Mum ist alt. Und ihre Spuren sind die Spuren eines harten Lebens. Eines Lebens voller Arbeit und himmlisch höllischer Familienidylle. Wenn ich in die grauen Augen meiner Mutter blicke, ohne dass sie es bemerkt, und wenn ich ihre dunkle, faltige Haut betachte, dann sehe ich, dass sie keinen wahrhaft guten Grund hat, glĂŒcklich zu sein, da sie einzig und allein die Erinnerung an ein Leben besitzt. Man wird glauben, meine Mutter hĂ€tte alles richtig gemacht. Doch wenn ich sie betrachte, kann mir niemand sagen, dass in ihren leeren Augen irgendwo ein Funken Hoffnung oder GlĂŒck verweilt. Was ist schön daran, auf den Tod zu warten, wenn man das Leben schon vor langer Zeit verloren hat?

Der Tag an dem mein Bruder von zuhause auszog, war ein seltsamer Tag. Unser Vater war gerade nicht zuhause und hatte noch immer keine Ahnung von den PlÀnen Andrews. Mein Bruder nahm seine Sachen, sagte uns auf Wiedersehen und verschwand.
Ich hatte erwartet, dass meine Mutter etwas in der Art sagen wĂŒrde wie: „So, nun sind wir wohl allein“, oder zumindest: „- einer weniger.“ Doch sie sagte nichts. Zwei Stunden lang schwieg sie und nachdem das Abendessen fertig war, bat sie mich den Tisch zu decken und rief laut in den Flur, dass das Essen fertig sei, wie sie es immer getan hatte wenn das Essen fertig war. Ich hielt einen Augenblick lang inne und wollte erst etwas sagen. Doch dann blickte ich auf die drei Teller, die ich gewohnheitsgemĂ€ĂŸ auf dem Tisch verteilt hatte und schwieg, sah meine Mutter an, wie sie das Essen vom Feuer nahm. „Das Essen ist fertig!“ hatte sie gerufen, in ein leeres Haus hinein. Ich werde diese Worte nie vergessen, die sie rief als wir ganz allein in der KĂŒche standen.
Andrews Teller blieb voll und wurde kalt. Als unser Vater nachhause kam, fand er den Brief, welchen Andrew fĂŒr ihn geschrieben hatte. Es war ein sehr dicker Brief und mein Vater nahm ihn und zog sich damit in seine Bastler-Garage zurĂŒck. Er holte sich nur Kaffee und ein Sandwich und blieb damit die ganze Nacht in der Garage.
Manchmal, wenn sich mein Bruder Zeit nahm, konnte er genau das sagen was es zu sagen gab. Und manchmal gelang es ihm sogar, das in den Worten unseres Vaters zu tun.
Andrew besuchte uns nach seinem Auszug nicht sehr oft, ehe er ein paar Wochen spĂ€ter zur Armee eingezogen wurde. Andrew hielt es fĂŒr keine schlechte Sache und meinte sogar, es wĂŒrde ihm in gewisser Weise gut tun. Seine Briefe sprachen jedoch bald von etwas anderem, als er in Vietnam stationiert wurde. Sie waren immer sehr lang, doch es waren nicht viele. Wenn er schrieb, schrieb er darĂŒber was er tat und tun musste und davon, dass er gern zurĂŒck möchte, dass er das GefĂŒhl habe es wĂ€re eine Art Strafe dafĂŒr, dass er zuhause ausgezogen war. Was er schrieb war hart und es Ă€nderte meine Sicht in Bezug auf eine Menge Dinge. Ich begann mich fĂŒr den Kennedy-Mord zu interessieren, fĂŒr die Ermordung Martin Luther Kings und fĂŒr die Watergate-AffĂ€re. Ich erschrak ĂŒber ihre ZusammenhĂ€nge und darĂŒber, wie mein Bruder Opfer dieser Verkettung und dieses Wahnsinns wurde. Ich hatte das GefĂŒhl, dass er dem einen System, nĂ€mlich dem der Familie, der geregelten Arbeit und des Einfamilienhauses entkommen war, doch dass unser GlĂŒck noch von einer viel grĂ¶ĂŸeren Macht, einem noch grĂ¶ĂŸeren System beeinflusst werden konnte. Und in diesem System schien mein Bruder nun hoffnungslos verfangen und konnte auch dort nicht glĂŒcklich werden.
Schnell leben, jung sterben. Doch sobald du beginnst selbststÀndig zu denken und danach zu handeln, scheinen sie dich auszuschalten. Auf sehr makabere Art und Weise.
In einem seiner Briefe schrieb mir mein Bruder, dass sie immer dann wenn sie sich versteckten und einer raus musste, um zu sehen was der Feind trieb, die Sache auslosten. Er schrieb, dass sie ein paar Spielkarten hĂ€tten, genau so viel wie sie gerade Soldaten waren - fĂŒnf/sechs in seinem kleinen Trupp. Es waren lauter ungerade Karten, bis auf eine. Und wer die zog, musste raus.
Mein Bruder fiel in diesem Krieg und sie meinten, wir könnten von GlĂŒck reden, dass wir ihn immerhin beerdigen konnten und er nicht vom Napalm zerfressen im vietnamesischen Schlamm verkam.
Ich weiß nicht, ob mein Bruder getötet hatte. Doch ich weiß, dass er getötet wurde. Sie lagen vor dem Feind, versteckt hinter Schlamm und Gras. Und einer zog die Gerade. Andrew.

(c)David Winterhurst[1996]
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