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Wieder ist so ein junger Mensch, wieder mal Anfang zwanzig vielleicht, schlank und mittelblond, vorbei an uns, hat sich rumgedrückt und ist abgetaucht jenseits vom Mittelweg drüben in der Dunkelheit. Wieder wissen wir, dass da einer Interesse hat und dennoch machen wir jetzt wieder nichts. Aber Knut sagt, der könnte vielleicht was sein.
Ich weiß, dass Knut sich für attraktiv hält, für einen, dem der Erfolg so gut wie sicher wäre, er müsste nur wollen. Aber ein Restrisiko der Niederlage gibt es dann noch und darum kann Knut so einem Burschen erst nachsteigen, wenn ich vorher dran war und schon abgeblitzt bin. Dass einer, den er will, ihn, Knut, nicht will, dafür aber mich, eine kuriose Vorstellung eigentlich, soll niemals sein. Daran will man sich in Jahren nicht erinnern müssen. Ich meinerseits habe oft so ein Gefühl, dass die meisten tatsächlich lieber was mit Knut machen als mit mir. Und dass sowieso die meisten das nicht wollen, was sich ihnen aufdrängt, sondern, was sich spröde zeigt. Würde ich also rennen, gäbe ich letztlich nicht mehr ab als der dumme Bauer in Knuts Schach. Weiß ich doch, ist oft vorgekommen. Wo jetzt aber so wenige hier drin sind und wir uns nicht rühren, wenn einer schon mal Druck hat, geht das dann, auch oft vorgekommen, so aus, dass der Typ bald wieder verschwindet, wir beide nichts bekommen und nicht mal wissen, ob wir was versäumt haben. Freilich könnten wir uns darauf verständigen, dass der Typ von Anfang an nichts Rechtes gewesen ist. Bei einem Fremden, den man in spärlich erhellter Nacht zum ersten Mal sieht, darf man sich schon mal verhauen haben mit dem anfänglichen Interesse.
Habe ich es denn so nötig heute Abend? Nein, nötig habe ich es überhaupt nicht. Aber kann ich hier denn nichts mehr machen, einfach nur, weil ich es will, ohne auf Knuts Egoprobleme Rücksicht zu nehmen? Ja, wenn ich jetzt renne und abblitze, wird Knut bestätigt: Mich nimmt keiner, wenn so ein Knut zu haben wäre. Wenn ich den Schlanken aber doch bekomme, ist es entweder ein Schuss in den Ofen. Knut hat das dann gewusst, ist nicht gesprungen, weil er’s von Anfang an gesehen hat. Oder der Blonde wäre ein echter Treffer. Aber nur für mich, Knut wird sich scheckig lachen über meinen kranken Geschmack. Oder stellt sich raus, ist einer, den Knut wirklich wollte. Dann wird er nachher sehr schweigsam sein und so Sachen sagen wie, dass ich immer schon bei der schnellen Truppe war und dass die schnell an Aids sterben von solcher Truppe oder mal tot geschlagen werden, weil sie immer so aufdringlich ankommen. Was immer gewesen sein wird, wie immer der Typ gewesen sein wird, ich werde zu spüren bekommen, dass man seinen besten Freund nicht allein lässt, um einem Wildfremden nachzulaufen. Dass man zumindest wartet, bis sich der beste Freund überlegt hat, ob er selber laufen möchte.
„Schauen wir doch mal nach, wo er herkommt“, sage ich.
Wir gehen vors Tor. Da steht ein kremfarbener Ford mit Stadt-Nummer. Wir gehen rein, sehen, dass er mittlerweile eine Runde gedreht hat, auf unserer Seite vorbeigekommen ist, jetzt aber schon wieder drüben verschwindet im Finsteren. Die helle Jacke und die mehr oder weniger weiße Hose ahnt man noch in der Nacht. Knut setzt sich auf die Lehne.
Ich sage: „Jetzt guck ich mir den aber mal an.“
Trotz seiner hellen Hose hat er sich auf einen Stein gesetzt, er guckt so rauf zu mir, so, er will was, aber irgendwie eher trotzig, sagt bestimmt gleich „Hau ab!“, wenn man was sagt. Als „gut aussehend“ werde ich ihn später in meinem Bericht bei Knut beschreiben, jeder würde ihn so beschreiben, aber gut aussehend heißt nicht unbedingt, dass einen so jemand besonders an sich zieht. Und der hier zieht eher nicht an, ist aber natürlich gut aussehend und jung.
„Hallo. So spät unterwegs?“
Ich finde mich dämlich und weiß nicht, was ich hätte sagen sollen.
Er kommt schnell auf den Punkt: „Hast du Lust? Bei mir geht’s nicht. Geht’s bei dir?“
Hier passt was nicht zum vertrauten Ablauf. Im Park habe ich ihn noch nie gesehen, also kann er noch nicht oft hier gewesen sein, so oft, wie ich hier bin. Dennoch geht er nicht ein paar Schritte weiter, wenn ein älterer Mann sich ihm auf mehr als drei Meter nähert, was sonst die machen, die neu und jung sind. Er will nur kurz Sex haben, sagt er, aber nicht hier, was üblich wäre, sondern in der Wohnung. Natürlich nicht seine Wohnung. Gibt es bei Burschen dieses Alters niemals. Schwören könnte ich, den Knut hätte der genauso gewollt, wie er mich will. Dass der Knut weit weg wohnt und keine Leute mitnimmt, das kann er noch nicht wissen. Und er hätte mehr oder weniger jeden anderen genommen von den Leuten, die er nicht kennt und jetzt nicht sieht bei diesem kritischen Wetter, die aber ich kenne und bis zur Vergasung gesehen habe. Geheuer ist mir die Sache nicht. Wenn ich ihn wenigstens auf Anhieb mögen würde, dann hätte ich keine Angst mehr vor ihm. Wenn er wenigstens so alt und so hässlich wäre wie ich oder die Leute, die sonst immer hier sind. Da müsste man keine Angst haben. Dumm ist, dass man vor den schönen Leuten immer solche Angst haben muss.
Ich erfahre, dass er Carlos heißt. Und Spanier will er sein. Beides buche ich sofort als Lügen ab. Sein Haar ist hell, sein Gesichtszüge sind so, wie sie öfter vorkommen hier in der Gegend, auch die milden Dialektanklänge, die er hat, sind so.
War aber klar, dass Knut nicht alleine hocken bleibt, wo er vielleicht nicht mal mitkriegt, ob ich den abschleppe oder verschickt werde und mich heimlich hier drüben vom Acker mache. Klar, dass Knut antrabt, als ginge er nur die große Runde, um seinen Überblick zu behalten. Dann stehen bleibt, zehn Meter weg von mir und dem Knaben auf dem Stein. Rauchend, eingefroren in der Zeit, stumm lauernd. Der hübsche, willige, dabei aber kühl distanzierte Blondschopf, ich steh ja auch mehr auf dunkel, Spanier wäre nicht mal übel, guckt mehrfach zu Knut hin, sagt aber nichts.
„Was ist jetzt? Gehen wir zu dir?“
„Na schön. Aber wart noch! Ich muss meinem Kumpel Ade sagen. Der Typ da. Bleib hier! Bin gleich wieder da.“
„Knut, das ist komisch. Der hat gleich als Erstes gefragt, ob ich was mache. Wo du gekommen bist, hat er extra Druck gemacht. Er will, dass wir zu mir gehen.“
„Lass es!“, sagt Knut. „Da stimmt was nicht. Da kann alles Mögliche dahinter stecken. Du musst vorsichtiger sein, Ralf! Mit dir nimmt’s ein schlimmes Ende. Hab ich dir schon mal gesagt.“
Ja, hat Knut wirklich schon öfters gesagt, überhaupt sagt er immer alles öfters, was er jemals sagt.
„Ja komm, umbringen wird der mich nicht und was kann er sich krallen bei mir daheim? Wenn einer was vorhat, stellt er das Auto nicht da hin, wo jeder seine Nummer sieht.“
„Ich hab dir gesagt, was ich davon halte.“
„Hab’s gehört. Also, ich geh mit dem zu mir. Morgen oder übermorgen sehen wir uns. Wenn ich ’ne Woche weg bin, kannst du mal im Krankenhaus anrufen, ob du mich besuchen darfst. Würd ich dir hoch anrechnen. Wenn ich als Mordopfer in der Zeitung steh, hörst du hier drin schon auch was davon. Dann wär’s nett, wenn du zur Polizei gehst, denen erzählst, wie der ausgesehen hat. Sagt, er heißt Carlos und ist Spanier. Glaub’s ihm aber nicht.“
Mit dem Auto dauert es nur wenige Minuten, aber der Weg kommt mir lang vor. Keiner lässt ein Wort raus, abgesehen vom Scheiß, den der Moderator im Privat-Radio verzapft.
Da öffnet Carlos seinen Mund zum Sprechen. „Mal ’ne Frage. Wie stehst du zu Drogen?“
„Drogen! Was für Drogen? Na, kann ich nichts zu sagen. Ich nehm keine, noch nie. Das heißt, Wein, Bier, Zigaretten.“ Ich lache verklemmt und Carlos sagt nichts mehr, bis ich das Licht in meiner Wohnung angemacht habe.
Er schaut sich um. Meine nicht sonderlich zahlreichen nächtlichen Besucher sind meist etwas betreten, wenn sie sehen, wie ich mir mein Leben mit Büchern und Schallplatten verbaut habe. Carlos fällt auch hier aus dem Rahmen, ihm scheint nicht das Geringste aufzufallen. Hat sich sogar halb schon ausgezogen.
„Hast du was dagegen, wenn wir uns waschen vorher? Gibt’s 'ne Dusche?“
Wir stellen uns nackt in die Wanne. Ich gebe ihm Gel, er schmiert mich ein. Was etwas Nettes ist, wenn man eine frische Sexbekanntschaft ins Haus bekommt. Bei mir allerdings unheimlich selten vorkommt und dann nie ohne Verlegenheit abgeht, denn ich weiß, dass mein Körper nicht schön ist in seiner Schwerfälligkeit, mit den Haaren überall, dem nicht mehr ganz straffen Arsch, dem, nun ja, eher unauffälligen Schwanz. Eigentlich immer, wenn in meinem Leben das vorkommt, sind die Körper meiner Besucher viel schöner als mein eigener. Voller Verlangen und innerer Unruhe fasse ich sie an. Jetzt bin ich es, der angefasst und abgewaschen wird von einem jungen Mann, der einen Körper hat wie ein Gott, sozusagen perfekt, nur sein Gesicht ist das von einem Typen, der mich irgendwie stört. Ich schaue in dieses Gesicht. Völlig unmöglich zu sehen, ob er enttäuscht ist von mir oder ob er sich freut auf das mit mir. Er ist so teilnahmslos, der falsche Carlos.
Dann seife ich ihn ein und habe einen stehen, während ich ihn sorgfältig wasche am Schwanz und am Arsch. Ich habe einen stehen, aber immer noch halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass er mir gleich seine Faust auf die Nase donnert, dass mein Schlüsselbein oder mein Kinn brechen könnten, falls er sich überraschend entschließt, mich für einen miesen Perversen zu halten. Carlos merkt es. Er spürt meine Angst und versucht, mich zu beruhigen. Das heißt, ganz unfähig oder unwillig zu kommunizieren, ist er also doch nicht. Er klappt sein Gesicht nach unten und nimmt unter dem Wasserstrahl meinen Schwanz in den Mund. Er bläst mich wie ein Verrückter. Ich muss ihn schnell wieder hochziehen; ich weiß ja nicht so genau, ob ich noch kann, wenn ich schon beim Duschen gekommen bin. Ich merke, dass das Ding bei ihm kein bisschen steht. Er hat geblasen, ohne sexuell erregt zu sein. Ich ziehe ihn an mich und küsse leichthin sein Kinn, mehr traue ich mich nicht. Ich sehe die Augen wieder. Die Augen von irgendwem, der mich nicht kennt und nie kennen lernen wird.
„Sag du mal, hier stimmt doch was nicht!“
„Was soll nicht stimmen?“ Carlos kann immerhin lächeln wie andere junge Männer auch.
„Ich würd gern mal wissen von dir, auf was du hier aus bist.“
„Was denn? Ficken will ich.“
Ich lege die Hand um seinen Schwanz. „Du bläst, du willst ficken, aber bei dir rührt sich nichts. Auch jetzt nicht.“
„Du weißt noch die Sache, die wir im Auto besprochen haben?“
„Drogen?“
„Manchmal nehm ich was. Das hier ist eine von den Wirkungen. Ich bin genauso geil wie du, aber wegen der Droge reagiert der Schwanz langsamer bei mir als bei dir.“
Ich rubbele ihn trocken. Ich muss mir das merken: Was immer die Nacht noch bringen wird, zumindest bin ich mal wieder mit einem Schönen unter der Dusche gewesen und habe ihn trocken gerieben. Ich meine, das ist ja ein Glück. Mehr oder weniger. Man muss es nur merken und man müsste es sich merken können, das Glück.
Er hat noch was zu erledigen und setzt sich nackt an den Schreibtisch.
„Hast du ’ne Karte?“
„Ne Karte? Was für ’ne Karte?“
Er hat ein Papierchen von der Jacke geholt und faltet es auseinander.
„Kokain?“
„Scheckkarte oder was.“
Mit meiner Telefonkarte hackt er sein Pulver und schiebt es hin und her auf der Schreibtischplatte. Besser knallen, denke ich, wird es wohl nicht deswegen, aber gehört vielleicht zur Etikette, dass man es vorher so macht. Er holt seinen Geldbeutel aus der hinteren Tasche von seiner Hose, die auf dem Sessel liegt, nimmt einen Zwanzigmarkschein, rollt ihn zu einem Röhrchen zusammen und zieht sich Pulver ins linke, dann ins rechte Nasenloch, mehrfach wechselnd. Immer noch liegt ein Berg von dem weißen Zeug auf meinem Tisch.
Ich stehe hinter ihm und streichle ihn an der Schulter und an der Brust. „Wie wirkt das jetzt?“
„Gigantisch! Coca ist die Droge der Götter. Macht locker und stark. Sex auf Coca, da gehst du tierisch ab!“
Seit er dieses Pulver geschnieft hat, hat sich nichts geändert bei ihm, was ich wahrnehmen könnte. Immer noch sehe ich einen schönen nackten jungen Besucher, dessen Körper alle Versuchungen des Paradieses anzukündigen scheint, dessen Gesicht aber eher das von einem x-beliebigen Angestellten ist, der sich für mich persönlich nicht weiter interessiert, eher für das Geschäft, das er mit mir vorhat. Vielleicht braucht seine Verwandlung noch ein wenig mehr Zeit.
„Wie sieht’s aus mit den unliebsamen Nebenwirkungen? Ist doch eine starke Droge, macht sicher auch abhängig?“
Carlos grinst. „Drogen sind kein Spielzeug. Gibt immer Leute, die das nicht checken. Ich hab’s unter Kontrolle. Solange man Kontrolle hat, kann nichts passieren. Rutscht dir die Kontrolle weg, dann gehst unter du wie ein Stein im Wasser.“
Ich will wissen, was das Zeug gekostet hat. Komme drauf an, bei wem man kaufe, wie stark verschnitten, sagt er. „Das hier zweihundert.“
„Ne Menge! Allein schon darum könnt ich es nie.“ Mein Blick wandert immer wieder zu dem weißen Häufchen auf meinem Schreibtisch. Längst wundert mich, dass er diesen Rest dort weiter liegen lässt und mich zu nichts einlädt.
Dann sagt er doch: „Willst du was haben davon?“
Ich schäme mich ein wenig, weil ich das Gefühl habe, er sagt das nur, weil er gespürt hat, wie ich gewartet habe. Und es geht natürlich nicht, weil ich nicht weiß, was das Zeug mit mir anstellen könnte und ich nackt und allein in der Wohnung und in diesem Zustand sein werde mit einem Mann, dem allerlei sexuelle Dienste zu erweisen ich zwar bereit bin, ansonsten mehr oder weniger aber nicht traue. Man kann Männern nahezu blind vertrauen, wenn sie ihren Steifen stehen haben. Sie wollen dann immer so gut sein. Aber ansonsten kann man Männern in vielem nicht ganz so trauen, wie es wünschenswert wäre.
Dann tut er seinen Koks wieder in das gefaltete Papier und verstaut alles in seiner Kleidung und wir gehen ins Bett.
Gedämpftes Licht. Ich verstehe nicht, warum ich mich nicht freue, dass Carlos neben mir liegt. Als hätte ich halbherzig eine Pflicht auf mich genommen, als müsste ich wo durch mit zusammengebissenen Zähnen, weil ich es nun mal eben angefangen habe. Diese Coolness von ihm, die lässig abwartende Abgebrühtheit. Er ist mir nicht geheuer. Ich nehme sonst nie welche mit, die mir nicht geheuer sind.
Dann jedoch gibt er sich folgsam, wie ich es ja auch möchte, antwortet mit seinem Körper auf jede geringste Andeutung einer Vorgabe von meiner Seite. Er küsst mich sogar ein wenig zurück. Machen die sonst ja so gut wie nie, die man nur kriegt, weil sie keinen anderen kriegen als man. Er streichelt ein wenig, reizt ab und an auch meine Brustwarzen, als hätte er seinen „Der kleine Sex-Ratgeber“ aufmerksam gelesen. Zwischendurch fingert er meinen Arsch; ich war es natürlich, der damit angefangen hat. Jetzt bläst er wieder so stürmisch und doch auch seltsam unparteiisch, wie ich das von der Dusche her schon kenne. Und ich bin nicht ganz blöd und in dem Geschäft kein Frischling mehr. Mir ist klar, der hier, der wartet auf was. Das alles hier war bis jetzt nicht, was er wirklich haben will. Der will was anderes und das hat er bis jetzt noch nicht gekriegt. Vielleicht wird er dann steif, wenn das kommt, was der will.
Ich würde lügen, würde ich sagen, überrascht mich doch, als kommt: „An sich wär’s mir recht, wenn das Ficken du übernehmen könntest.“
Aber ich bin ziemlich erschöpft und blase die Luft aus wie ein Walfisch, der jetzt gleich ganz tief und lange runtergehen muss, weil die Babys immer noch nicht zurück sind. Strample mich von der Matratze frei und wanke zum Schrank, wo die Kondome sind. Gehe zurück zum Bett, sehe das knusprig glatte Hinterteil mir winken, sehe schon auch diesen schrecklichen Film in mir drin. Den ich nicht sehen darf, ich darf nie denken, das wird jetzt nix, da wird es nie was, wenn ich das vorher gedacht habe.
Aber sicher doch! Dieses Mal komme ich nicht mal mehr rein, obwohl ich ihn gut feucht gemacht habe. Und obwohl ich auch weiß, dass die echten Kniffeleien erst dort drin beginnen werden, wenn es vielleicht nicht vorangeht, wenn ich auf einmal keinerlei Gefühl mehr habe. Das warme, feuchte, weiche, bergende Fleisch um mich herum nicht mehr fühlen kann und bald nicht mehr weiß, ob ich jetzt ein ganz Großer oder ein ganz Winziger bin in der Welt. Enttäuscht sinke ich zurück. Gummi dran und schon mal drin gewesen, da bringt Carlos es nicht mehr über sich, das noch mal in den Mund zu nehmen. Dafür gibt er sich anständig Mühe mit der Hand.
„Hast du einen Dildo?“
Ich kichere. „Wollte schon mal einer haben. Hab aber immer noch keinen.“
„Oder sonst was.“
„Du meinst, etwas, was man wie einen Dildo gebrauchen könnte... Da muss ich jetzt mal nachdenken.“
Und den Dildo dann hoffentlich für ihn. Und überhaupt: was? Mir fällt rein nichts ein.
„Irgendwas, muss nur ungefähr die Form und die Länge von ’nem Schwanz haben.“
„Na, du hast’s aber nötig! Sonst machst du’s mehr mit Frauen, hab ich Recht?“
„Wieso sagst du das?“
„Weil du mir nicht vorkommst wie ’ne Jungfrau. Und weil ich dich noch nie im Park gesehen hab und auch in der Kneipe nie.“
„Wie geht das denn bei dir, wenn du es dir selbst machst?“, fragt er. „Da steckst du dir doch den Finger rein, oder?“
„Kann schon mal vorkommen.“
Obwohl ich das jetzt eher für eine lustige Vorstellung halte, dass sich alle Männer einen Finger reinstecken müssen, damit sie spritzen können, wenn sie onanieren.
„Und du, Schatz, hast also einen Dildo für das bei dir daheim, ja?“
Es ist außerordentlich unkooperativ, einen jungen Bisexuellen, der sich den um so vieles älteren Schwulen extra dafür genommen hat, dass der ihn brutal vernascht und dann wegwirft, um den nächsten jungen Arsch zu vernaschen, „Schatz“ zu nennen, als wäre man ein Liebespaar von etwa demselben Alter. Anscheinend, fällt mir auf, will ich den zweifelhaften Spanier mittlerweile eher etwas auf die Palme bringen.
„Ich nehm den Schraubenzieher.“
„Den Schraubenzieher?“
„Griff natürlich. Ich hab einen Schraubenzieher, wo der Griff genau richtig ist. Hast du keinen?“
„Einen Schraubenzieher mit einem langen und einigermaßen dicken Griff? Also, Mädel...“
Ich werde tollkühn, irgendwas in mir sagt mir, er macht mich nicht platt, obwohl es an die Männerehre geht.
“...da müsst ich jetzt erst mal die Handwerkerkiste auspacken und schauen. Finde ich die jetzt denn? Weißt du, ich hab’s nicht so mit Handwerk und Basteln und so. Auto hab ich ja auch keins.“
Ich wälze mich hinweg über den liegenden Carlos, tappe unter dem Bogen hindurch in den kleinen offenen Vorplatz von meiner Wohnung. Dort in der Besenkammer ist der Werkzeugkasten. Der größte Schraubenzieher hat einen lackierten Griff aus hellem Holz, der ist annähernd so lang wie mein Zeigefinger. Und auch nicht viel dicker. Carlos, der, seitlich auf dem Bett aufgestützt, zugesehen hat, winkt schnell ab.
Dann muss also des Mannes bestes Stück noch einmal ran. Der Gummi ist auch noch dran. Jetzt komme ich tatsächlich problemlos in ihn rein, es ist erst mal ganz nett dort drin; ich bin wohl auch sogar immer noch steif.
Zufällig habe ich es schon mal früher erlebt, wie einer fast wahnsinnig wurde unter mir, als ich so lag auf ihm und schaffte unter Fontänen von Schweißtropfen, die von mir spritzen in diesen Momenten. Darum weiß ich recht gut, dass das, was Carlos mir da gerade als Lust andreht, keine ist, nur sein Versuch, mich immer schärfer zu machen, damit ich nicht am Ende doch noch zu früh absacke, ihn im Gegenteil immer rücksichtsloser ramme und versenke in sein anales Nirwana hinein.
„Ja-aaa. Das machst du gu-uut. Du kannst das.“ Wie gut oder schlecht ich das mache, glaube ich im Allgemeinen selbst immer noch am besten beurteilen zu können.
„Auf, weiter! Fick mich!“ Was glaubst du denn, Trottel, ist das, was ich gerade mit dir veranstalte?
„Los! Knall mich!“ Halt die Klappe. Knallen mag ich rein vom Wort her schon nicht.
„Ja-aaa, tiefer rein! Oh ja! Mach mich fertig!“ Schätzungsweise werde ich nie wieder so tief reinkommen, wie ich schon mal war. Ist bei mir so, ich habe das gerne, wenn ich meine, ich raube mir das, also wie gehen ihren Willen, ihren Widerstand. Muss ich mir vorkommen wie der Depp, dem man zu sagen hat, was er zu tun hat, wird mein Einer gleich wieder ein kleiner.
„Fick die Fotz!“ Eine niedliche Vorstellung, aber können vor Lachen.
„Mann, bist du gut! Oh ja!“ Wahrscheinlich spricht er nie mit jemand über diese Art von Abenteuern, die er manchmal hat. Aber wenn er es täte, würde er sagen: „Und der war so ’ne Lusche! Zum Ficken zu dumm.“
„Deiner steht übrigens immer noch kein Stück.“
„Hab ich dir erklärt. Ist die Droge. Du machst das gut. Hör jetzt nicht auf! Du bist ’ne geile Sau. Ich bin noch nie so gut gefickt worden wie von dir. Gib’s mir jetzt mal richtig derb!“
Und man muss sich dann auch vergegenwärtigen, dass diese Buben bei Beate Uhse und Dr. Müller in der Videokabine hocken und sich die Lümmelchen reiben, wenn Synchronsprecher solche Übersetzungen verlesen.
Doch da stoppt mich seine Hand. „Wart! Ich würd’s lieber vor dem Spiegel machen. Du hast einen großen Spiegel. Das kommt geil, meinst du nicht?“
Nämlich befindet sich auf dem Vorplatz, wo ich vorhin Licht gemacht hatte, um nach einem Schraubenzieher zu suchen, zwar keine Garderobe, dafür aber ein tadelloser Garderobenspiegel, übernommen von den Vormietern. Mehr oder weniger Ganzkörper, unten steht noch ein niedriges Schuhschränkchen davor.
„Vor dem Spiegel?“
Carlos, durchtrainiert wie er ist, hat mein beträchtliches Gewicht abgeworfen wie einen Hauch und ist in den Vorraum gewetzt, hat die Beine gespreizt, den Kopf gesenkt, sich stützend mit den Händen an den Kanten vom Schuhschränkchen.
Ich habe mit einem Mal das unleugbare Gefühl, Clownfigur in einer Farce zu sein. Was ein total unpassendes Gefühl ist, denn wie soll ich brutalst möglich einficken auf einen jugendlichen Spritzinsfeld, wenn ich die Narrenfigur bin in einer anzüglichen Komödie?
Ich wackele und dackele. Komme zwar fantastischerweise ein weiteres Mal hinein in Carlos, drinnen aber ist finster, duster, aus und finito.
Spiegel lieben mich nicht. Sie zeigen einen unsäglich harmlosen männlichen Erdenbürger von etwa Mitte, Ende dreißig, der eine große Nase hat, etwas zu volle und leicht schon hängende Backen, ein kleines, irgendwie enttäuscht wirkendes Mündchen, dünne Haare, mit denen sich keinerlei Kopfputz anstellen lässt, die von sich aus aber oft in alle Richtungen stehen, als hätte man eine von diesen Elektrokugeln berührt, wie sie bei naturwissenschaftlichen Lehrausstellungen vorgeführt werden. Schöne blaue Augen, wenn man blaue Augen mag, was ich leider nicht tue.
Jetzt ist dieser unscheinbare Mann gänzlich nackt und vorgebeugt. Da hängt alles von seinem Leib, vorn und seitlich. Die Brust fängt an zu hängen, die Seiten hängen übers vom Jeansgürtel hinterlassene Tal. Überall so Haare daran, zum Teil sogar graue schon, obwohl er keine vierzig ist. Überall sind sie, dann aber wieder nicht genug, dass man es auf einen Achtungsapplaus als Waldmensch oder Bär anlegen könnte. Und all diese hellbräunlichen Pigmentstörungen, Punkte, Male, Flecken, verdeckt sonst von bürgerlicher Garderobe, nackt jetzt im kalten Licht des Flurs.
Ich sehe im Spiegel, wie Carlos dasselbe Bild in sich hineinschlingt. Er mag es. Ihm gefällt, was er sieht. Faktisch ist es das erste Mal, seit ich ihn kenne, dass er so etwas wie glücklich zu sein scheint. Als er Schnee sich ins Hirn zog, geschah nichts mit ihm. Er blieb cool, wie er vorher schon gewesen war. Jetzt, hier, er der Junge, der Männliche, der Straffe, der Gutaussehende, der hemmungslos Geile, wie er sich wegwirft, sich bespringen lässt von einem durch und durch mittelmäßigen Parkstecher, das geilt ihn, das haut rein, das knallt. Mit einem Mal passiert, was sonst fast immer andersherum geschieht: Ich möchte diesen Blick nicht mehr sehen im Spiegel, darum schließe ich die Augen, bevor ich es ein letztes Mal noch probiere.
Gleich werde ich dort sein. Ich muss es mir nur ausmalen, wie ich in seinen warmen Unterleib hineinspritze. Muss mir den Gummi kurz wegdenken. Denk am besten, er will gar nicht wirklich, sondern er muss. Ich strenge mich nicht an für ihn, sondern ich lasse ihn leiden unter meinen schmutzigen Gelüsten. Ja, jetzt, so endlich geht’s.
Geht aber nicht und er sagt: „Gehen wir zurück ins Bett!“
Im Bett blase ich. Blasen ist etwas vom Schönsten, was es gibt auf der Welt. Komischerweise ist es aber überhaupt nichts, wenn der Schwanz, den man bläst, nicht steif ist. Und der hier ist es nicht, war es nämlich noch nie. Schraubenzieher, denke ich. Die Schnauze so was von voll habe ich von dem allen, so was von vergeigt diese Nacht!
„Ruh dich aus! Du bist überreizt. Wir machen nachher noch mal. Ich hab Zeit.“
„Vergiss es! Bei mir geht gar nix mehr. Muss wohl am Alter liegen.“ Also, es liegt nicht an dir, mein schöner Mann.
Aber es liegt an ihm.
Ich lange rüber zu ihm und versuche, die Droge hereinzulegen.
„Hör auf! So nicht!“
Wir liegen so da. Streichle ihn ein wenig. Da weiß ich’s plötzlich. Ich weiß, ich kann das, ich weiß, wie es gehen wird. Ich muss die Kontrolle haben. Ich muss die Kontrolle haben über ihn, so, wie er die Kontrolle über sein Coca immer haben muss, sonst sinkt er wie ein Stein im Wasser. Aber ja doch! Von Anfang an, die ganze Zeit, habe ich Angst gehabt vor ihm, weil er jung und schön und kräftig ist und weil er ungerührt war ohne Unterlass. Schluss jetzt damit! Ich übernehme jetzt hier mal die Kontrolle. Er ist ein Ding, das mir gehört. Ich besitze ihn und benutze ihn, wie ich es brauche, für mich, und er ist nur noch einen Scheiß wert von jetzt ab. Totale Kontrolle ab jetzt.
Aber es ist doch eine Komödie. Darum sagt er exakt in diesem Augenblick meiner Gewissheit: „Kommt vor. Wir probieren es wieder, ein anderes Mal. Ich treff dich dann von jetzt ab ja häufiger im Park. Jetzt muss ich aber mal los, muss morgen früh raus.“
Er zieht sich an. Ich sitze nackt auf dem Bett und sehe ihm zu.
Sage: „Sag mal, würdest du dich als süchtig bezeichnen?“
Ich frage die Leute gern nach Sachen, die ich wissen will. Auch, wenn sie nicht danach gefragt werden wollen.
„Klar, bist du! Wenn du dermaßen Geld rauswirfst für das Zeug und dabei hinnimmst, dass es dich impotent macht. Der war keine einzige Sekunde steif, die ganze Zeit nicht. Den kleinsten Ansatz nicht mal.“
Carlos sagt nichts dazu.
Knut sagt, die Drogen sind das. Drogen verändern den Menschen. Deswegen muss der Sex dann abartig werden. Aber er hatte mich gewarnt. Knut hat gleich gesagt, dass ich den nicht nehmen soll, dass da was nicht hasenrein ist mit dem. Hat man ja auch gleich gesehen, dass nicht viel dran war, dass er nichts taugt.
Allerdings ist das immer so. Alle, mit denen Knut nichts hat, taugen nie was. Aber die, mit denen er was macht, die sind alle „Spitze“. Bloß, dass man sich selbst niemals davon überzeugen kann, weil Knut in unserem Park so gut wie niemals was macht, bei Knut geschieht das nur, wenn er sehr weit weg ist und sonst niemand dabei ist.
Carlos, oder wie immer er geheißen hat, kommt nicht mehr in den Park. Auf alle Fälle nicht, wenn ich dort bin. Wundert mich wenig. Ich denke schon bald nicht mehr an ihn.
Jahre später, es ist Wochenende, Freitag auf Samstag, aber Winter, nasskalt, Niesel, ganz spät, im Sommer würde um diese Zeit die Nacht schon leicht milchig, jetzt ist sie stockdunkel und kalt, ist mal wieder so ein einzelner Tourist da. So ein junger, gar nicht schlecht aussehender Typ, der vorbeihuscht, um drüben im Dunkeln zu verschwinden. Kommt immer wieder mal vor, so etwas, und ich komme dann immer flugs hinterher, jetzt, wo es keinen Kumpel Knut mehr gibt, dessen Gefühle man schützen muss.
Carlos ist unverkennbar immer noch kein Jeansträger und er kennt sich immer noch nicht aus in diesem Park. Er geht immer noch zu den Steinen hin, wo er sich dieses Mal nicht setzen kann, zu denen sonst nie einer geht, die sind irgendwie weit ab vom Schuss, denkt man nicht mal drüber nach.
Ich weiß genau, wer das ist. Ich tänzele unentschlossen herum um ihn. Wenn er sich erinnert, wer ich bin, wird er nicht mehr wollen, denke ich. Wenn er es nicht mehr weiß, könnte es die zweite Chance geben.
Ich tue so lange nichts, bis sich der Jüngere genötigt sieht, den Älteren anzusprechen. Nämlich auch schon wieder sehr direkt, nämlich hier mache er nichts, bei ihm ginge es auch nicht, aber bei mir daheim, da könne was laufen mit ihm.
Ich versuche, seinen Blick zu bannen. „Ja, kennst du mich denn nicht mehr? Du bist da doch schon mal gewesen, in der Wohnung von mir. Ich bin der Ralf. Übern Fluss und Richtung Hauptbahnhof. Wir haben zusammen geduscht. Wie heißt du noch mal?“
„Stefan. Möglich, dass wir uns schon mal begegnet sind. Ich erinnere mich nicht mehr an dich. Kannst mich ficken, wenn du magst. Aber nur in der Wohnung, hier geht gar nichts.“
Ich sehe auf die Armbanduhr. Es ist verboten früh am Morgen, ist eine Schande, wie viel Zeit in einer so miserablen Nacht ich vergeudet habe in diesem leeren, bitterkalten Park.
„Nee, du. An sich wär ich gar nicht abgeneigt. Aber ist einfach nicht mehr drin, jetzt. Merk grade, dass ich überfällig bin. Muss morgen wegen Filmaufnahmen nach Baden-Baden. Bin jetzt so Statist, bisschen nebenher. Aber kann immer sehr lang gehen, da brauch ich ’ne Mütze Schlaf vorher.“
Freundlich weist er mich darauf hin, dass es aber immer nur noch später wird, wenn ich weiter rumzicke. Dass es auch nicht lange gehen wird, nur bissel Sex noch, dann ist er wieder weg. Ich hole die Zeit ja auch wieder rein, weil er mich ja fährt, ich sonst laufen müsste.
Ich bleibe beim Nein. Was bedeutet, dass ich jetzt wirklich schnell gehen muss, sonst kommt er wieder an, auf sonst einen warten kann ich um diese Zeit ja nicht. Und da weiß ich nicht, ob ich dann noch mal Nein sagen könnte.
Es hat keinen Wert mit dem, denke ich auf dem Weg. Ich kriege ihn nicht unter die Kontrolle. Immerhin kriege ich meinen Tagesablauf jetzt schon ein bisschen mehr unter meine Kontrolle. Also nicht so, dass man nicht irgendwann schlau wird aus seinen Fehlern.
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"Die uns bekannte Welt versinkt, indem sie Geschichten für passé erklärt, im Wahnsinn."
(John Ashberry)
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