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Leselupe.de > Erzählungen
Ungemütlich ist der Herbst
Eingestellt am 30. 05. 2003 17:35


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Somerset
Hobbydichter
Registriert: May 2003

Werke: 2
Kommentare: 1
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Ungemütlich ist der Herbst
Die Bäume sagten, daß es wieder einmal Herbst geworden war.
Es ist die Zeit, in der man sich in keinen Biergarten mehr setzen kann.
Das Licht war mal wieder anders geworden, und die Luft gemahnte so manches Mal an Schnee, und doch dauerte es noch so lange, bis es endlich soweit war-
Die Herbststürme setzten ein und rasierten so manche Kronen der Bäume. Man wußte, daß es bald regnen würde, und prompt regnete es. Nein, der Schnee würde noch auf sich warten lassen...
Ich ging zum tausendsten Male die gleiche Straße entlang und patschte zum ich weiß nicht wievielten Male in mein Spiegelbild der Pfütze.
Ich fühlte mich erinnert an den letzten Herbst und spürte die gleiche Traurigkeit, die mich auch letztes Jahr überwältigte. Es war immer wieder das gleiche: Die Traurigkeit und die Melancholie wollten sich nicht verabschieden. Nein, sie nisteten sich ein wie ein ungebetener Gast.
Herbst war für mich keine Jahreszeit, sondern immer wieder eine neue Prüfung, die ich zu bestehen hatte.
Herbst Nummer 37.
Die ersten zehn oder zwölf Herbste waren nur Herbste, die in Kindertagen untergingen wie die Sonne im Sommer, mehr nicht. Aber dann gingen die Prüfungen los. Am Anfang nur wohliges Unbehagen, das nicht richtig ins Bewußtsein dringen wollte. Das Bewußtsein wehrte sich noch, ohne zu ahnen, wie vehement sich die Gedanken schon ins Unterbewußtsein gedrängt hatten.
Der Herbst war längst wie ein Geschwür geworden, wie ein bösartiger Krebs, der Stück für Stück durch das Gewebe brach.
Ich saß da und fragte mich, wie ich die vergangenen Herbste überstanden hatte.
Mein Gott, dachte ich, wenn mir das jemand prophezeit hätte!
Es war mal wieder Herbst geworden... Und jeder einzelne Herbst wurde Jahr für Jahr ein bißchen schlimmer: ein bißchen trauriger, ein bißchen trostloser, ein bißchen quälender und ein bißchen tödlicher...
Die Musik, die ich noch im letzten Herbst gehört hatte, kam mir jetzt lächerlich vor, und die Kleidung, die mir noch in der gleichen Zeit gefallen hatte, fand ich nun unmöglich.
Herbst Nr. 37 spielte eine Sinfonie der Trauer, nur dauerte sie länger als jede Melodie zuvor.
Ich dachte darüber nach, was mich im letzten Herbst noch fast umgebracht hätte und stellte fest, daß dieser Herbst an Traurigkeit noch mehr zu bieten hatte.
Die Bemerkung eines Kollegen, daß man das Grau in Grau bald nicht mehr sehen könne, brachte mich niemals weiter. Ich blieb der traurigste und verzweifeltste Mensch auf der ganzen Welt. Ein Selbstmörder belehrte mich ab und zu eines Besseren, ohne meine Lage verbessert zu sehen.
Eine solche Todesnachricht irgend eines Menschen versetzte mich in Sehnsucht. Wie erlösend wäre gerade jetzt der Tod, doch wem erzählen, ohne als potentieller Selbstmörder dazustehen?
Herbst Nr. 37.
Und jedesmal dachte ich, ich würde so viele Herbste durchmachen, wie ich eben durchzumachen hätte.
*
Ich verließ das Haus und dachte wieder einmal daran, wie viele Herbste mir wohl noch bevorstünden.
Dann ging ich wie immer zur U-Bahn und setzte mein Todesgesicht auf, das lachte, wenn es eben lachen mußte.
"Guten Morgen, Frau Meyer!"
*
Das einzig Bedenkliche an der ganzen Erzählung ist eigentlich nur, daß ich sie bereits schon im Frühling schrieb.
Der Krebs schreitet also voran und rückt seiner Zeit voraus.
***

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