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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Untiefen
Eingestellt am 16. 12. 2011 09:13


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Lustlos rekelt sich Gerhard Melzer auf seinem neuen besonders bequemen Sofa unter dem Dachfenster. MĂŒde sieht er hinauf, will er doch immer schon vor allem bequem liegen und hinaufsehen.
Das Sofa bedecken zwei braun-graue langhaarige Heidschnuckenfelle, die er im vorletzten Herbst bei einem Kurzurlaub in der LĂŒneburger Heide in einem Souvenir-Laden erwarb. Und obwohl die dazugehörigen Schafe vermutlich schon vor Jahren einem Schlachter zum Opfer fielen glaubt Melzer, wenn er mit gekrĂŒmmten Fingern durch die leicht fettigen Haare streicht, Leben unter den Fellen zu spĂŒren.
Er fÀhrt mit der rechten Hand durch die leicht verfilzten Haare, liegt besonders bequem und sieht hinauf.
Der föhnige Dezemberwind treibt graue Wolken vor sich her, die nur gelegentlich etwas Himmelblau durchschimmern lassen.
Ab und zu prasseln Graupeln auf die Scheibe und rutschen, nasse Bahnen hinter sich herziehend auf dem Glas abwÀrts.
KrÀhen, Tauben und eine Elster fliegen vorbei.
Schon lange gibt er sich MĂŒhe, nicht einer von diesen mĂŒden abgebrĂŒhten Greisen zu werden. Staunen will er wie ein Kind, um sich nicht zu langweilen wie ein Erwachsener. Und auch wenn er Angst davor hat, möchte er noch Abenteuer erleben.
Mit gekrĂŒmmten Fingern streicht er durch die verfilzten Haare, liegt besonders bequem und sieht hinauf.
Alles fĂŒhlt sich flacher an. In letzter Zeit sehr viel flacher. Kaum einmal wĂŒhlt ihn etwas wirklich auf. Und begeistert hat ihn schon viel zu lange nichts mehr.
NatĂŒrlich könnte er diesen gefĂŒhlsarmen Zustand auch als Gelassenheit des Alters registrieren. Aber die passt weder zu seiner stĂ€ndigen Anspannung noch zur Fantasie, die in seinem Hirn die alten Gedanken hinter neuen herjagt. Er hat keine Lust, sich selbst zu belĂŒgen und den vernĂŒnftigen Altersweisen zu geben.
Immer wieder glaubt er an fast jedem Morgen, wenn er zumeist lustlos aufsteht, noch Tiefe zu empfinden.
Nicht viel. Doch wenigstens fĂŒr Momente.
Auch heute Morgen.
Aber schon beim FrĂŒhstĂŒck stellte sich dieses in den letzten Jahre so bekannte Empfinden ein. Fade war es wie Kaffee, der einmal mehr nicht stark genug sein durfte oder wie die aus GrĂŒnden leichter Verdaulichkeit seniorenfreundlich mĂ€ĂŸig gewĂŒrzten HĂ€hnchenschenkel, von denen er in letzter Zeit zu Abend hĂ€ufig mindestens einen zu viel ißt.
Selbst wenn ein ordentlicher Verdauungsschnaps seine Speiseröhre hinabfließt, muss er sich nicht mehr – wie einst – krĂ€ftig schĂŒtteln. Immer öfter trinkt er ihn schon viel zu frĂŒh am Tag, auch, wenn er gerade gar nichts zu verdauen hat. Wenn er mit seinem Freund Heinz Werner Augstein einen trinkt, schĂŒttelte der sich, offenbar ohne es zu mĂŒssen: Denn Hein, wie er seinen Freund nennt, ist noch in der Lage, sich spontan zu schĂŒtteln.
Gerhards erhöhter Blutdruck vertrage keine grĂ¶ĂŸere Aufregung mehr, behauptete vorgestern Doktor Brantel, sein inzwischen auch schon reichlich gealterter Hausarzt, der ihn stĂ€ndig mit seinem geflĂŒgelten Wort nervte: „Wenn Ihr Herz noch klopft, leben sie, wenn es zu stark klopft, vielleicht nicht mehr lange.“ Und wie es denn mit dem Alkohol sei?
„Wenig“, erwiderte Gerhard wahrheitsgetreu.
„Besser gar nichts mehr,“ meinte der Arzt und ließ sein Haupt bedĂ€chtig hin- und herschwanken. „Viel besser, ĂŒberhaupt gar nichts mehr.“

Gerade heult eine heftige Sturmböe um das Haus.
Gerhard schließt die Augen und sieht aufs Meer hinaus. Er hat sich immer gewĂŒnscht, ein Haus am Meer zu besitzen. Jetzt wohnt er mitten in einem Dorf im Bergischen Land. Das Meer wogt und schĂ€umt. Krampfhaft hĂ€lt er sich an der Reling fest. Gerade taucht das ziemlich große FĂ€hrschiff in ein weites Wellental, um kurz danach wieder daraus aufzutauchen.
Ein wenig ĂŒbel ist ihm schon. Aber er weiß, so lange er an Deck in der frischen Luft bleibt, hat er keine Seekrankheit zu befĂŒrchten.
Kalter Regen prasselt ihm ins Gesicht. Er friert. Lacht laut. Und schreit ein triumphierendes „Jaaah“ in das Getöse.
Vorsichtig lĂ€sst er die Reling los und schwankt zum Vorschiff. Die FĂ€hre ist Ă€lter. Überall wie Altersflecken auf der Haut kleine und grĂ¶ĂŸere Roststellen an den weiß-schmuddeligen Aufbauten.
Gerhard Melzer stemmt sich gegen den Wind, kommt schließlich nicht mehr voran und greift nach einer Stange, die neben mehreren anderen Stahlrohren ein klapperndes blaues Plastikdach trĂ€gt.
Schließlich dreht er um und tritt den RĂŒckweg zum Heck an. Eine zerfledderte griechische Fahne knattert rĂŒckschiffs an ihrem Mast.
Das Oberdeck ist menschenleer. Ein paar PlastikstĂŒhle hat der Wind umgeworfen und an der hinteren Decksreling zusammen geschoben und ineinander verkeilt.
Melzer stellt sich einen Stuhl auf dessen Beine, setzt sich und atmet tief die salzige Luft ein.
Das Schiff hat den Kurs geĂ€ndert. Es stampft nicht mehr sondern beginnt immer mehr zu rollen. Gischt spritzt von der Seite hoch und besprĂŒht den grĂŒn gestrichenen Decksboden.
Melzer genießt es, nass zu werden.
Seine Augen will er nicht öffnen. Als er dennoch mĂŒhsam die verklebten Lider hebt, fliegen hinter der Dachfensterscheibe ĂŒber ihm Regenwolken vorbei.
Keine Möwe sondern eine KrĂ€he versucht gegen den Wind zu segeln. RĂŒckwĂ€rts verschwindet sie aus seinem vom Fensterrahmen begrenzten Blickfeld.
Melzer hasst eingrenzende Fensterahmen und Ausblicke durch Glas. Kommt sich vor wie in einem Aquarium. Eingesperrt unsichtbaren Blicken ausgesetzt.
Angewidert schließt er die Augen erneut.
Das Schiff schwankt heftiger. Aus einem Lautsprecher krĂ€chzt eine MĂ€nnerstimme: „Liebe Passagiere, hier spricht der KapitĂ€n. Wegen des starken Seegangs und der Untiefen in diesem Gebiet mĂŒssen wir Ă€ußerst vorsichtig und langsam manövrieren. Daher werden wir mit erheblicher VerspĂ€tung im Hafen von PirĂ€us einlaufen.“
Gerhard Melzer wundert sich, dass der KapitÀn einer griechischen FÀhre in deutscher und nicht wenigstens noch in griechischer und englischer Sprache seine Ansagen macht.
Was wĂŒrde passieren, wenn das Schiff jetzt auf eine der Untiefen auflĂ€uft? WĂŒrde es brechen? Umkippen? Gegen die VerspĂ€tung hat er nichts. Überhaupt nichts. Je lĂ€nger er auf dem Schiff bleiben kann, desto lieber.
Er greift neben sich, fĂ€hrt mit der rechten Hand durch leicht verfilzte Haare, liegt besonders bequem und sieht hinauf. Über ihm jagen sich immer noch dunkel- und hellgraue Wolken.
Sein Herz schlĂ€gt heftiger. Immer einmal hat er sich vorstellen wollen, Amok zu laufen, auf neugierige und entsetzte Gesichter zu schießen. Einfach so. Niemand wĂŒrde einem harmlos, ja liebenswĂŒrdig aussehenden alten Weißhaarigen Morde zutrauen. Nicht einmal er selbst.
Das Schiff ist besonders geeignet. Kein Paasgier könnte auf offener See einfach abhauen. Und alle, die ĂŒber Bord springen, braucht er nicht zu erschießen. Sie wĂŒrden schnell in dem eiskalten Wasser ertrinken.
Zuerst wird er die KommandobrĂŒcke stĂŒrmen, den KapitĂ€n umlegen, dann in den Salon. Dort sitzen die arroganten Typen mit den teuren Tickets und trinken Sekt

Ob es Waffen an Bord gibt?
Sein Herz schlĂ€gt heftiger. Wieder fĂ€hrt mit der rechten Hand durch die leicht verfilzten Haare, liegt besonders bequem und spĂŒrt Leben unter dem fettigen Fell. Er verkrallt sich mit beiden HĂ€nden in langen Heidschnucken-Haaren, reißt die Augen auf, sieht zwei KrĂ€hen gegen den Sturm segeln.
Ein unertrÀglicher Schmerz zerrt von innen in seinem Brustkorb.
Er schließt die Augen. Das Schiff schwankt nur noch leicht. „Wir sind aufgelaufen!“ brĂŒllt eine Stimme aus dem Lautsprecher „Bitte bewahren Sie Ruhe und befolgen Sie die Anweisungen der Mannschaft.“
Wieder fĂ€hrt Gerhard Melzer mit den Fingern durch die verfilzten Haare, liegt besonders bequem und spĂŒrt kaum Leben unter dem fettigen Fell.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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