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Leselupe.de > Erzählungen
Unwetter
Eingestellt am 06. 11. 2005 17:07


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bassimax
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Registriert: Feb 2002

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Wegen der Erkrankung eines Lehrers durften wir bereits nach der dritten Stunde heimgehen. Eine Nachricht, die für allgemeine Euphorie sorgte. Beschwingt machte ich mich auf den Heimweg. Zu Hause wunderte ich mich darüber, dass Vaters Auto in der Einfahrt stand. Eigentlich hatte er noch keine Mittagspause. Vermutlich hatte er sich gestern beim Baden einen Schnupfen geholt und ist deshalb daheim geblieben, dachte ich. Mutter öffnete und zog mich in den Flur.
„Komm’ mal mit mein Junge!“
Mit sanftem Druck dirigierte sie mich die Treppe hoch in mein Zimmer und schloss die Tür hinter uns.
„So, mein Kleiner, setz' dich mal hin, ich muss dir etwas sagen.“
Schweigend nahm ich auf meinem Schreibtischstuhl Platz. Mutter holte tief Luft.
„Also, dein Vater wurde heute entlassen!“
„Nein!“
„Doch, es ist wirklich wahr.“
„Aber warum denn?“
„Dr. Krauses Tochter hat sich mit einem Schreinermeister verlobt. Und der kriegt Vaters Stelle. Er soll in die Firma einsteigen!“
„Aber das ist ungerecht! Der kann sich doch eine eigene Arbeit suchen!“
„Ja, das ist ungerecht.“
„Oder Vati sucht sich einen neue Arbeit. Vielleicht sogar eine bessere.“
„Dein Vater hat gesagt, gäbe es irgendwo eine freie Stelle, so hätte er schon längst davon gehört. Wir müssen jetzt erstmal abwarten. Aber das ist nicht das Einzige. Deinem Vater geht es nicht gut. Er ist sehr traurig. Ich glaube er ist richtig geschockt.“
„Dann sind wir eben besonders nett zu ihm. Also Oma gestorben ist, hat das auch geholfen!“
„Ja, wir werden nett zu ihm sein.“
Ich wollte das so nicht hinnehmen.
„Aber ich weiß, wenn man gekündigt wird ,muss man nicht gleich gehen. Man kann noch ein bisschen arbeiten!“, beharrte ich.
"Ihm wurde angeboten als Geselle weiter zu arbeiten, das ginge allerdings nur, wenn dafür ein anderer Geselle entlassen wird. Und das will dein Vater natürlich nicht. Er hat jetzt bezahlten Urlaub bis die Kündigung gilt!“
Mir war schwindlig. Das war zuviel auf einmal.
„Wir müssen jetzt einfach warten bis er sich etwas gefangen hat!“, fuhr sie fort.
„Wo ist er denn?“
„In der Werkstatt. Aber jetzt lass’ ihn erst mal in Ruhe. Mir wäre es am liebsten wenn du bis zum Essen spielen gehst, zu Freunden oder sonst wie!“
„Jetzt gleich?“
„Ja, wenn es dir nichts ausmacht!“
Ich verließ das Zimmer und ging unsicher die Treppe hinunter. Mein Kopf fühlte sich neblig und diffus an. Als ich draußen stand, war ich unschlüssig, denn eigentlich wäre ich lieber geblieben. Nach Spielen war mir schon gar nicht. Nur zaghaft setze ich mich in Bewegung. Wieso hatte Mutti gesagt das Vati geschockt ist? Ist er wütend? Was meint sie nur?
Ich beschloss, der bravste Sohn der Welt zu sein und Vati zu trösten. Was sollte schon passieren? Ich kannte Männer die schon ganz lange arbeitslos waren und die lebten auch irgendwie. Vielleicht wäre das sogar recht schön? Wir könnten zusammen in der Werkstatt basteln, oder andere Sachen machen.
Diese Gedanken gaben mir wieder etwas Auftrieb. Sogar soviel Auftrieb, mich daran zu erinnern, dass ja drei Schulstunden ausgefallen waren. Ein kleines Zeitgeschenk, das immer noch ein Grund zur Freude war!
Ich ging schneller, zum Sportplatz. Und richtig: Meine Schulkameraden waren da. Sie schnippten Münzen gegen eine Mauer. Sieger war, wessen Münze am nächsten an der Mauer liegen blieb. Ich spielte mit. Um die Spannung zu steigern beschlossen wir um Geld zu spielen. Spaß, Ärger und Siegeswille vergrößerten sich proportional zum Einsatz. Muttis Worte traten in den Hintergrund und wurden für die Dauer des Spiels schließlich ganz vergessen. Zwei Stunden später machte ich mich auf den Heimweg. Zufrieden pfeifend ließ ich meine Beute in der Hosentasche klingeln. Zwei Mark vierzig hatte ich abgeknöpft und war somit Sieger. Vielleicht könnte man später ja mal Berufsspieler werden?
Ich hatte Hunger und fragte mich, was es wohl zu essen geben würde. Montags gab es entweder Reste vom Sonntag oder, wenn nicht genug übrig war, etwas Süßes. Pfannkuchen oder Griesauflauf. Nachdem es wegen des Ausfluges gestern kein Mittagessen gegeben hatte, musste es eigentlich etwas Süßes geben. Ich war Experte darin, bereits im Flur zu erschnüffeln was es gab.
Die erste Aufregung wird sich schon wieder gelegt haben, dachte ich. Ich hatte mich schließlich auch wieder beruhigt, als ich damals erfahren hatte, dass man mich ins Zeltlager stecken wollte.
Mutti ließ mich ein.
„Ich hab’ Geld beim Spielen gewonnen.“
„Das ist ja toll, mein Junge.“
Mir fiel auf, dass es im Flur nicht nach Essen roch.
„Was essen wir denn heute?“
„Heute musst du dir mal ein Brot machen wenn du Hunger hast!“
„Zum Mittagessen ein Brot?“
„Ja, ein Brot.“
„Geht es Vati besser?“
„Nein mein Junge. Das wird wohl noch etwas dauern.“
„Wo ist er denn?“
„Er ist hinten.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen öffnete ich die Tür zum Garten. Dort sah ich Vati auf dem Rasen stehen. Den Rücken mir zugewandt, hatte er seine Hände hinter sich gefaltet. Ob ich ihn stören würde? Befangen näherte ich mich ihm.
„Hallo Vati!“
„Helmut“, flüsterte er, ohne sich zu mir umzudrehen. „Ja ja, Helmut“, fuhr er fort. Seine Stimme klang so schwach, als läge er im Sterben.
„Vati!“ Ich zog ihn am Hemd. Langsam drehte er sich um.
Ich erschrak, als ich sein Gesicht sah. Seine Augen waren halb geschlossen, seine Mundwinkel hingen herab. Es schien, als sei jede Spannung aus diesem viel zu blassen Gesicht gewichen. Sein Körper war gebeugt. Ich bekam Angst.
„Was ist denn mit dir?“
Vati versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nur, einen Mundwinkel leicht anzuheben. Er nahm seine Hand und ließ sie schlaff über meinen Kopf gleiten. Zwar sah er mich an, ich konnte direkt in seine Pupillen sehen, dennoch hatte ich das Gefühl, dass er mich nicht wirklich sah. Ich erkannte meinen Vater kaum wieder.
„Vati!“, sagte ich laut. Er drehte sich wieder um und blickte in die Ferne. Ich lief ins Haus zurück. Meine Mutter war in der Küche und räumte Geschirr ein.
„Mutti! Er hat fast gar nichts gesagt!“
„Ich weiß. Ich habe schon den ganzen Vormittag versucht mit ihm zu sprechen.“
„Aber was machen wir jetzt?“
„Wir warten jetzt erstmal ab.“
„Aber wie lange? Vielleicht können wir ja einen Arzt rufen!“
„Das kann schon sein. Aber noch nicht. Er muss sich erst mal von seinem Schock erholen.“
„Du kannst ihm eine Ohrfeige geben. Dann wacht er bestimmt wieder auf!“
„Du spinnst wohl! Ich kann doch deinen Vater nicht schlagen!“
„Versuchs doch wenigstens! Er ist bestimmt nicht böse, wenn er wieder richtig ist. Ich habe das mal in einem Film gesehen. Und da hat es auch geklappt.“
„Schluss mit dem Unsinn! Wenn es ihm morgen nicht besser geht, dann
rufe ich den Arzt. Und jetzt beschäftige dich irgendwie.“
Ich verließ die Küche und ging hoch in mein Zimmer. Dort blickte ich aus dem Fenster. Er stand immer noch auf dem Rasen. Das konnte doch nicht sein! Ein erwachsener Mann, der einfach wie ein Zombie auf dem Rasen steht! Ich ärgerte mich darüber, dass Mutti meine Ohrfeigenidee nicht ausprobieren wollte. Ich selber traute mich natürlich nicht. Jetzt betrat sie den Garten, nahm Vater bei der Hand und führte ihn rein.
Ich war aufgebracht und wollte nicht hinnehmen, dass sich mein Vater in diesem Zustand befand. Ich ging wieder hinunter. Meine Eltern saßen auf der Couch im Wohnzimmer. Mutti saß ihm gegenüber und hielt seine Hand. Sanft sprach sie zu ihm.
„Paul, das Leben geht doch weiter. Wir schaffen das schon! Andere werden doch auch mal arbeitslos.“
„Wir werden arm sein.“ Er blickte ins Nichts und sprach sehr langsam.
„Aber wieso denn? Du bekommst doch Arbeitslosengeld und eine Abfindung!“
„Dann werden wir das Haus verlieren und in einer Wellblechhütte hausen."
„Blödsinn! Der Kredit ist doch fast bezahlt. Und selbst wenn das Haus verkauft werden müsste, bliebe immer noch ein ganzer Batzen Geld übrig. Ich meine, die Hauptsache ist doch, dass wir uns haben.“
„Und dann werden die Leute auf uns herabsehen.“
„Aber das werden sie doch nicht! Niemals wird irgendjemand auf dich herabsehen!“ Mutter begann ärgerlich zu werden, denn ihre Worte erreichten ihn nicht.
„Mutti, die Ohrfeige“ wagte ich flüsternd.
„Du bist jetzt ruhig, du Schafskopf!“
„Ich glaub’ ich geh’ jetzt schlafen.“
„Ja, das ist eine gute Idee. Du wirst sehen, wenn du ein bisschen geschlafen hast geht es dir schon besser. Und dann besprechen wir, wie es weitergehen soll!“ Mühsam erhob er sich und quälte sich wie ein kraftloser Greis die Treppe hoch.
„Oh Gott“, seufzte meine Mutter.
„Warum sagt Vati so schlimme Sachen?“
„Ich hab’ keine Ahnung!“
„Und in welche Hütte müssen wir ziehen?“
„Helmut! Bitte!“
„Wieso?“
„Wir ziehen natürlich in gar keine Hütte. Jetzt geh mal in die Küche. Da wo die Backformen sind, dahinter ist eine Schachtel Zigaretten. Hol’ die mal eben. Und das Feuerzeug.“
„Was? Zigaretten?“
„Jetzt mach’ schon!“
Ich ging in die Küche und fand das Gesuchte.
„Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.“
„Früher hab’ ich mal geraucht. Jetzt gönne ich mir nur manchmal morgens eine“, sagte sie und zündete sich eine Zigarette an. Das war ein komischer Anblick, ich hatte sie bis dahin nie rauchen sehen.
Meine Mutter wirkte stärker als gewohnt. Ihre Stimme klang entschiedener. Ich denke, sie hatte gespürt, dass sie einen Ausgleich zu plötzlichen Schwäche meines Vaters bilden musste.
„Ich werde heute alle Schreinereien im Landkreis anrufen. Wer weiß, vielleicht gibt es ja doch eine freie Stelle. Und du, mein Junge, darfst dir jetzt etwas Geld aus dem Portemonnaie nehmen und dir etwas zu essen kaufen. Beim Metzger oder Bäcker, wie du willst. Aber lass dich erst mal in den Arm nehmen!“
Eigentlich mochte ich solche Knuddeleien damals nicht mehr so gern, aber dieses mal empfand ich es als sehr wohltuend.
„Du wirst sehen Helmut, das wird schon wieder alles gut. Mach dir keine Sorgen!“
Ich nahm das Geld, setzte mich aufs Rad und machte mich auf den Weg. Bäcker oder Metzger? Das war hier die Frage. Und „Bäcker“ lautete die Antwort.
Die tröstenden Worte meiner Mutter hatten mich wieder beruhigt. Wenn sie sagt, dass alles gut wird, dann wird auch alles gut. Ich wollte und musste ihr glauben, denn sonst wäre in mir die Idee aufgekeimt, dass mein Vater vielleicht immer so bleiben würde. Diese Vorstellung hätte ich nicht ertragen können
Mir fiel ein, dass ich auf dem Weg zum Bäcker an der Schreinerei vorbei musste. Mir war unbehaglich, aber ich fuhr trotzdem weiter. Als ich dann die Firma sah, hielt ich doch an und besah mir das Gebäude, wenn auch von der anderen Straßenseite. Es war modern, grau und hatte ein flaches Dach. Früher empfand ich diesen Ort als angenehm, denn mein Vater hatte sich immer positiv über seine Arbeit geäußert und ich war oft zu Besuch bei ihm gewesen. Jetzt war das anders. In diesem Gebäude waren Worte gesprochen worden, die wie ein Hammer in unser kleines Paradies eingeschlagen waren und aus unserem lachenden Buddha einen todtraurigen, ängstlichen Mann gemacht hatten.
Zwei Männer standen vor der Halle. Beide trugen Arbeitskleidung. Einen von ihn kannte ich, es war Johann. Er war Schreinergeselle und schon mal bei uns zu Gast gewesen. Er schien den anderen in die Funktion des Rolltors einzuweisen. Ich überquerte die Straße, verbarg mich hinter der Hecke, die den Parkplatz zur Strasse hin abschirmte, um mir den Fremden genauer zu besehen. Das musste er sein! Ein junger Mann mit kurzen dunklen Haaren und einem Schnurrbart. Er stand da einfach herum, als wenn nichts gewesen wäre. In Nigel-nagel-neuer Arbeitskleidung. Aufrecht stehend, während mein Vater gebückt ging, ließ er sich von einem seiner neuen Untergebenen in den Betrieb einweisen.
Ich wurde zornig. Dieser Typ hatte den Platz meines Vaters eingenommen. Nein! Er hatte ihn geraubt! Dieser Schweinehund! Dieses Arschloch! Je länger ich ihn mir ansah, mit jeder Bewegung die er machte, wuchs meine Wut. Bis sie so groß geworden war, dass ich einfach ein Ventil brauchte. Verbissen griff ich nach einem Stein, der bei der Hecke lag, holte aus und warf ihn mit voller Kraft. Hätte ich gewusst wie gut ich treffen würde, wäre der Stein wohl liegengeblieben, denn ich traf ihn ausgerechnet am Kopf! Mein Opfer griff sich an die Stirn und taumelte kurz herum. Um Gottes Willen! Jetzt ging er langsam in die Hocke. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Ich geriet in Panik. Bloß weg hier! Ich setzte mich auf mein Rad und floh. Lieber Gott lass ihn nicht sterben! Wie von Furien gehetzt trat ich in die Pedale. Weg! Weg! Weg! Mein Herz klopfte bis zum Hals, mein Atem raste, und meine Knie waren weich. Nach ein paar Minuten konnte ich nicht mehr. Außerdem meinte ich, dass der Sicherheitsabstand zum Tatort jetzt ausreichend war. Ich beruhigte mich etwas und dachte nach. Ich hatte große Angst, etwas wirklich Schlimmes angerichtet zu haben und beschloss daher umzudrehen, um mir Gewissheit zu verschaffen. Lieber Gott, bitte, bitte, lass keinen Krankenwagen oder gar die Polizei gekommen sein!
Wieder am Betrieb angekommen, sah ich durch das geöffnete Rolltor beide Männer in der Halle stehen. Obwohl der Neue an der Stirn blutete, war ich erleichtert. Denn, wenn er schon wieder stand, konnte der Schaden nicht besonders groß sein. Johann sah mich und rollte gequält mit den Augen, als wolle er sagen 'Musste das sein?' Woher wusste er, dass ich es gewesen bin? Der Andere schenkte mir keine Beachtung. Nachdem Schuld und Angst verflogen waren, drängte meine Abneigung gegen diesen Mann wieder in den Vordergrund und ich stand wieder zu meiner Tat.
„Gut gemacht Helmut!“ sagte ich zu mir,
In meinem darauffolgenden Tagraum wurde ich von meinen Eltern wie ein Held behandelt. Überschwänglich dankte man mir, denn der Eindringling hatte ängstlich das Feld geräumt. Vater wurde wieder eingestellt und mein Taschengeld verdreifacht. Mir dämmerte allerdings recht bald, dass diese Wunschvorstellung einem Abgleich mit der zu erwartenden Realität nicht standhalten würde. Schließlich hatte ich feige gehandelt, aus dem Hinterhalt einen Stein auf jemanden geworfen. Und damit wären meine Eltern niemals einverstanden gewesen.
Ich fuhr zur Bäckerei und kaufte mir einen Kuchen, um dann zu überlegen, was als nächstes zu tun sei. Ich dachte, je später ich wieder daheim sei, desto größer die Chance, wieder von einem normalen Vater begrüsst zu werden. Schliesslich musste der Mittagsschlaf erst noch seine Wirkung tun. Ich konnte und wollte nicht vom Glauben ablassen, dass sich noch heute alles zum besseren wenden würde.
Ich fuhr zu Thomas. Ihn konnte man immer besuchen und bleiben solange man wollte. Er war ein Aussenseiter, ängstlich und schwach wie er war, wurde er kaum respektiert, stattdessen oft genug gehänselt. Thomas' Eltern verwöhnten die seltenen Besucher ihres Sohnes bis zum geht nicht mehr. Bereits einige Monate zuvor war ich mal bei ihm gewesen. Wir hatten einen ganzen Nachmittag miteinander gespielt, was weniger am langweiligen Thomas lag, als vielmehr am tollen Spielzeug, das er besaß. Am Abend hatte Thomas’ Mutter tatsächlich bei uns angerufen und gefragt, ob ich mit ihnen in Urlaub fahren wolle!
Mit großem Hallo empfing mich seine Mutter. Nachdem sie mich ins Kinderzimmer geführt hatte, wo sie mich wie ein Weihnachtsgeschenk präsentierte, ging sie hektisch in die Küche um einen Pudding zu kochen. Ich rief meine Mutter an und sagte ihr, dass ich erst zum Abendbrot wieder daheim sein würde. Nach meinem Vater fragte ich nicht.
Thomas und sein Vater hatten eine riesengroße Eisenbahnanlage auf dem Dachboden. Es war leicht, damit die Stunden bis zum Abendbrot zu überbrücken und alles andere zu vergessen.
Aber schließlich musste ich mich doch auf den Weg machen. Nach einer langwierigen Verabschiedungsprozedur, bei der ich eindringlich gebeten wurde, doch mal wieder vorbeizuschauen, „Ich finde ihr seid richtige Freunde geworden!“, schwang ich mich auf mein Rad. Das fiel mir nicht leicht, denn neben einer gewissen Erwartungsangst war ich durch riesige Mengen von Leckereien belastet. Kuchen, Pudding, Schokolade und Kakao hatten meinen Bauch kugelig werden lassen.
Sehr langsam fuhr ich heim. Mir war etwas unwirklich zumute, was wohl an den vielen Eindrücken des Tages gelegen haben mochte.
Als Mutti die Tür öffnete, bemühte ich mich erfolglos an ihrem Gesichtsausdruck die allgemeine Stimmungslage abzulesen.
„Na, war’s schön?“, fragte sie.
„Ja. Wir haben mit der Eisenbahn gespielt!“
Ich hängte meine Jacke an die Garderobe und zog meine Schuhe aus.
Dann ging ich ins Wohnzimmer. Vati saß auf der Couch.
„Hallo Vati", sagte ich betont freundlich.
„Hallo mein Sohn!“ Wieder diese Greisenstimme. Es hatte also nicht geklappt! Enttäuscht setzte ich mich zu ihm. Er sah mich kurz an und blickte dann zu Boden, als würde er sich schämen. Das brachte meine Welt noch mehr durcheinander. Ohne aufzublicken, ergriff er meine Hand, hielt sie kraftlos in seinen fleischigen Fingern. Dann begann er zu schniefen und leise zu weinen. Nun kamen auch mir die Tränen. Ich umarmte ihn und küsste seine stachelige Wange. „Bitte lass uns nicht allein!“ sagte ich, ohne zu wissen weshalb. Er weinte nur noch mehr, fast geräuschlos wurde sein mächtiger Leib geschüttelt.
„Wir können basteln!“, sagte ich schluchzend, „Oder endlich den Gartenteich machen! Das wollten wir doch immer mal tun! Und wenn wir in die Hütte ziehen müssen, macht das auch nichts!“
Mein Vater stand auf und verließ das Zimmer. Ich hörte wie sich die Tür zu seiner Werkstatt schloss. Zusammengesunken saß ich jetzt allein auf der Couch. Ich fühlte mich machtlos und leer.
Es klingelte an der Tür. Ich hatte keine Lust zu öffnen. Nachdem es noch ein zweites Mal geklingelt hatte, kam Mutti von oben herunter und öffnete.
„Hallo Schwesterchen!“, hörte ich Onkel Benno.
Ausgerechnet! Diesmal schien er ohne seine Frau gekommen zu sein. Und das bedeutete für gewöhnlich, dass er sich Geld „leihen“ wollte, wie er es ausdrückte. Und zwar auf die ihm eigene Art, nicht bescheidend darum bittend, sondern sich mit lauter Selbstverständlichkeit darauf berufend, dass er schliesslich ihr Bruder sei. Meine Mutter bat ihn herein. Kurz angebunden und bestimmt dirigierte sie ihn in die Küche. Welchen Widerwillen hatte ich gegen Onkel Benno! Dieser abgeknickte Kopf, sein lauernder Blick, die fettigen Haare. Und das war mein Onkel, mein einziger Onkel!
Ich konnte nicht genau verstehen was in der Küche vor sich ging. Die wenigen Worte, die ich verstand, deuteten aber daraufhin, dass Mutti ihn in die neue Situation einweihte. Vielleicht als Begründung für die Verweigerung seines Ansinnens. Zwischendurch hörte ich Onkel Benno immer wieder „Was?“, „Wahnsinn!“ und „So schlecht?“ sagen. Aber es war keine Trauer, die in seiner Stimme schwang, eher Sensationsgier.
Jetzt erschien Onkel Bennos’ Kopf am Türrahmen der Küche. Er blickte um die Ecke ins Wohnzimmer, wohl um zu überprüfen ob mein Vater dort saß. Seine Augen hatten einen verblödeten, aufgeregten Ausdruck. Zwar sah er mich, aber er grüßte nicht. Zu unbedeutend war ich angesichts der Ereignisse. Er zog seinen Kopf wieder zurück, und sprach lauter als zuvor. Für ihn war die Luft jetzt wohl rein.
„Man kann nicht immer Glück haben! Das konnte ja auf Dauer nicht gut gehen!“, hörte ich ihn sagen, als handele es sich dabei um eine uralte Regel, die sich wiedermal als richtig erwiesen hätte.
Ich ging in die Küche und nahm wortlos auf einem der Stühle Platz. Ich sah ihn misstrauisch an. Wehe, er würde es wagen, auch nur ein einziges Wort gegen meinen Vater sagen! Ich hätte ihn sofort angegriffen und mir war egal, dass Onkel Benno stärker war. Als unsere Blicke sich kurz trafen, zuckte er überrascht zusammen, um sich dann lieber wieder meiner Mutter zuzuwenden.
„Immer weiter! Nur nicht stehen bleiben!“, schwadronierte er selbstherrlich.
Meine Mutter wirkte belästigt, hatte die Arme verschränkt und blickte an sich herab.
Wie wütend mich dieser Klugscheißer machte! Wie ekelhaft es
aussah, wenn er die Kaffeetasse zu seinem bartstoppelumkränzten Mund
führte und Speichelfäden ziehend wieder absetzte. Ja, dieser Tag war für
mich ein Tag des Zornes!
„Hinfallen darf man. Aber man muss wieder aufstehen!“
„Jetzt lass es doch mal gut sein“, sagte meine Mutter.
„Aber wieso denn? Das stimmt doch was ich sage! Weißt du, man muss
sich auch mal zusammenreißen kön...“
Er erstarrte. Mein Vater war in der Tür erschienen.
„Oh nein“, flüsterte meine Mutter.
Onkel Benno stand behände auf.
„Paul!“, sagte er entschieden und besorgt zugleich. Es hätte nur noch gefehlt, dass er „Was machst du bloß für Sachen?“ angefügt hätte. Er griff meinen Vater an den Schultern und zwang ihn auf den freien Stuhl neben ihm Platz zu nehmen. Dann legte Onkel Benno auch noch seinen Arm um meinen Vater und sah ihn von der Seite an.
„Paul! Ich hab’ gehört was passiert ist. Für dich ist jetzt das Wichtigste, dich nicht hängen zu lassen!“ sagte er und tätschelte die Schulter meines Vaters, der auf die Tischplatte blickte.
„Magst du nichts sagen? Paul? Paulchen?“
'Paulchen?' Wieso schmiss Mutter ihn nicht einfach raus?
Was als nächstes geschah, sehe ich in der Erinnerung immer in Zeitlupe und zwar sehr gern. Onkel Benno zog eine kleine Flasche Chantree aus seiner Gesäßtasche. Er öffnete sie und trank einen Schluck. Dann sah er wieder meinen Vater an. „Magst du nicht doch mal was trinken? Hm? Jetzt wo es so schwer ist?“ Er hielt meinem Vater die offene Flasche unter die Nase. In der Geschwindigkeit, die ein Löschblatt braucht, um einen Tropfen Wasser aufzusaugen, verfinsterte sich Vaters Gesicht.
„Oder?“, sagte Onkel Benno ängstlich ahnend. Aber es war zu spät.
Vater packte ihm am Kragen, riss ihn hoch. Stühle polterten. Wie ein wütender Stier warf er ihn gegen das Küchenbüfett, Glas klirrte .
„Paul! Paul!“, schrie meine Mutter. Der aber hörte nicht und schlug Onkel Benno mit seinen Fäusten zu Boden, zog den Traumatisierten mit einer Hand wieder hoch und schob ihn in die Zimmerecke, wo er ihn mit seinem Griff arretierte. Er brachte sein Gesicht so nah wie nur möglich an Onkel Bennos’. Mit schwarzen Augen sah er ihn an. Onkel Benno blutete aus der Nase und aus einer geplatzten Augenbraue. Beide atmeten scharf durch die Nase. Ansonsten Totenstille. Onkel Bennos Augen schienen spiegeleiergroß. In Höhe seines Schrittes zeichnete sich ein größer werdender, dunkler Fleck ab. Ich war fasziniert. Diese Kraft, diese Schnelligkeit. Spielend hatte mein Vater seinen Gegner ins Aus befördert.

Meine Mutter näherte sich den beiden, ergriff das Handgelenk meines Vaters und sagte leise:
„Jetzt is’ gut Paul. Du kannst jetzt loslassen. Is’ schon wieder gut mein Dicker!“
Mein Vater blickte erstaunt auf seine blutigen Fäuste, dann auf Onkel Bennos verletztes Gesicht. Er erschrak und ließ ab. Onkel Benno nutzte die Gelegenheit, rannte aus der Küche, stürzte zur Haustür, blickte sich kurz um, kreischte „Der ist ja wahnsinnig!“ und knallte die Tür hinter sich zu. Vater stellte die Stühle auf, ergriff einen Besen und begann die Scherben zusammenzufegen.
„Ich will deinen Bruder hier nicht mehr sehen!“
„Paul? Dir geht’s wieder besser?“, fragte mein Mutter. Vater hielt inne und stützte sich auf den Besen.
„Ja, es geht mir wieder besser!“
Er setzte sich an den Küchentisch, seufzte und fuhr sich mit den Händen durch das Haar.
„Ich kann selber nicht sagen, was mit mir los was!“ „Diese Kündigung“, fuhr er fort, „hat etwas Furchtbares in mir geweckt. Ein Gefühl, das alles sinnlos macht. Wie ein Todesurteil.“ Er seufzte erschöpft und machte eine Pause. „Ich war weit weg von der Welt, in mir drin und konnte nicht raus, zu euch. Als ich dann in die Küche gekommen bin, war das so eine Art Instinkt. Ich wollte nicht, dass ihr allein mit Benno seid. Ich hab’ schon gemerkt, wie mies er sich benommen hat, aber ich konnte mich nicht wehren. Bis er mir den Schnaps unter die Nase gehalten hat. Dieser widerliche Geruch! Da bin ich wieder aus mir rausgekommen und jetzt bin ich wieder da.“
Er lehnte sich zurück, lächelte verlegen und beförderte imaginäre Krümel von der Tischplatte.
Ich hatte kein Wort verstanden. Nur, dass es ihm besser ging und jetzt sah ich ihn lächeln. Das war vollkommen ausreichend für mich.
„Und dann hast du ihn verprügelt.“, stellte ich befriedigt fest.
„Ja, leider. Ich habe die Kontrolle verloren. Da hat sich wohl mit den Jahren einiges aufgestaut!“ verlegen blickte er meine Mutter an.
„Naja. Benno ist zwar mein Bruder, aber er hat sich wirklich schäbig benommen. Der schmollt jetzt ein paar Wochen, dann entschuldigst du dich und dann ist wieder gut.“
„Eigentlich muss ich mich bei ihm bedanken“ ,sagte Vater
„Was?“, polterte ich dazwischen.
„Wer weiss, ob ich ohne ihn aus diesem Tief rausgekommen wäre?“
„Stimmt.“, gab Mutter nachdenklich zu. „Wie wäre es weitergegangen, wenn er dich nicht so provoziert hätte? Ich war jedenfalls mit meinem Latein am Ende. Morgen wollte ich den Arzt rufen und der hätte dir sicher irgendwelche Psychopillen gegeben. Der liebe, gute Benno“, sagte sie und macht einen ironischen Gesichtsausdruck.
„Ich rufe ihn gleich morgen an und entschuldige mich“, sagte Vater.
„Eines ist mal sicher, wenn das nochmal mit dir passiert, dann halte
ich dir sofort eine Schnapsflasche unter die Nase, egal was du dann machst.“
„Es müsste allerdings Chantree sein“, gab Vater mit erhobenem Zeigefinger zurück.
Wie ein schwarzer Vogel, der sich nur kurz bei uns eingenistet hatte, war das Grauen verflogen und das alte Wir-Gefühl hatte seinen angestammten Platz eingenommen.
„Ach ja, Helmut, das mit der Ohrfeige habe ich übrigens gehört! Du Rotzlöffel!“, sagte Vater, zog mich am Ohr und lachte.
„Was machen wir jetzt eigentlich?“, knüpfte meine Mutter zaghaft an die Ursache allen Übels an, den Verlust des Arbeitsplatzes.
„Tja, was machen wir jetzt eigentlich?“, wiederholte Vater, stand auf, streckte sich und schüttelte seine Arme, als gelte es, wieder ganz in seinem Körper Platz zu nehmen. „Normalerweise hätte ich Folgendes gesagt: Es ist das Recht Dr. Krauses, seinen Schwiegersohn in die Firma aufzunehmen und ich hätte Verständnis für ihn gehabt. Vielleicht hätte ich es an seiner Stelle ebenso getan. Aber jetzt denke ich anders!“
„Was denkst du denn jetzt und warum denkst du jetzt anders?“, fragte meine Mutter.
„Ich fühle mich stark, vielleicht deshalb. Jedenfalls denke ich nicht daran, das Wohl der Firma über unseres zu stellen. Er könnte mich genausogut weiterbeschäftigen, schließlich geht Matthias in einem halben Jahr in Rente. Dann zahlt der Chef eben ein bisschen drauf. Warum denn nicht? Der Firma geht es doch gut. Und sollte sich die Sache nicht einrenken, dann mache ich meine eigene Schreinerei auf.“
„Aber Paul, was das kostet! Und wenn es dann nichts wird?“
„Wir beleihen das Haus. Kunden werde ich genug mitbringen, das ist mal sicher. Ich werde Dr. Krause sagen, dass er mir keine Wahl lässt, wenn er seine Kündigung aufrecht erhält. Er kann's sich ja überlegen.“
BING BONG!
„Oh, wer kommt denn jetzt?“ Mutter stand auf, wir hörten, wie sie die Tür öffnete, gleich darauf „Paul, es ist Benno mit der Polizei! Sie fragen ob sie reindürfen!“
„Scheisse!“, sagte Vater, um machte ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Jahaa, können reinkommen!“ Er stand auf und überprüfte mit einem flüchtigem Blick, ob die Küche ordentlich wirkte, griff den Besen und stellte ihn in die Ecke. Dann stellte er sich aufrecht in den Raum, was einen fast militärischen Eindruck machte. Zwei Beamte kamen herein, zwischen ihnen, leicht nach hinten versetzt, verbarg sich Onkel Benno. Seine geplatzte Augenbraue war von einem riesigen Pflaster bedeckt, in der geschwollenen Nase steckten zwei Watteröllchen. Nur die gesprungene Lippe hatte man nicht versorgt. Wir kannten die beiden Polizisten, Michael und Armin, von den üblichen dörflichen Aktivitäten, wie Kegeln und Feuerwehrfesten.
„Sag mal Paul, was war denn hier los?“, fragte Michael. „Warst du das?“
und deutete mit dem Daumen hinter sich. Benno schwieg. Meine Mutter schüttelte mit dem Kopf und das schneller werdend, dann brach es aus ihr heraus. „Benno! Du spinnst wohl! Du kannst doch nicht die Polizei rufen! Soll ich dir mal vorrechnen, wieviel Geld wir dir in den letzten Jahren gegeben haben?“ Sie steigerte sich weiter. „Also das ist doch ungeheuerlich! Als wenn wir Asoziale wären. Kommt hier mit der Polizei an!“ Sie begann zu weinen und verließ die Küche, kam schnell wieder, als sei ihr etwas eingefallen. Onkel Benno mit dem Zeigefinger bedrohend fuhr sie fort. „Was hast du Paul auch so provoziert. Da müsste man ja eine Leiche sein um nicht durchzudrehen. Schäm' dich!“
„Aber er hat mich doch verprügelt“, gab er zaghaft wieder. „Habe ich denn nie recht?“ Das erste mal, seit ich meinen Onkel kannte, klangen seine Worte ehrlich und nicht so aufgesetzt wie gewohnt.
„Leute, ich denke, ihr kriegt das untereinander geregelt“, warf der andere Beamten ein. „Sollten sie auf einer Anzeige bestehen,“ fuhr er zu Onkel Benno gewandt fort, „dann können sie uns jederzeit auf dem Revier aufsuchen. So, Paul, wir gehen jetzt mal langsam. Heute ist übrigens ein recht gewalttätiger Tag. Gegen Mittag wurde ein Kollege von dir von einem Steinwurf verletzt. Täter unbekannt. Also Tschüss.“ Bei diesen Worten zuckte ich zusammen. Sie hatten also doch die Polizei gerufen! Damit hatte ich nicht mehr gerechnet.
Nachdem die Polizisten gegangen waren, herrschte erstmal Stille.
„Benno, ich kann dir nur sagen, dass es mir wirklich Leid tut“, durchbrach mein Vater das Schweigen. „Ich habe einfach die Kontrolle verloren.“ Er reichte ihm die Hand, Benno ergriff sie schweigend, drehte sich um und verließ das Haus. Vater setzte sich ins Wohnzimmer und stöhnte. „Das ist ein Tag. Oh Gott!“
„Hast du den Stein geworfen? Helmut? Ich hab' gesehen, dass du richtig erschrocken bist, als Armin das gesagt hat." Ihr giftiger Blick traf mich unvorbereitet. „Helmut! Ich habe dich was gefragt! Warst du das?“
„Ja“, gestand ich und zog meinen Kopf ein.
„Ihr seid wohl alle verrückt geworden!“
„Für ihn war das wohl auch alles etwas zuviel“, klang es aus dem Wohnzimmer, wenn auch nicht sonderlich überzeugend.
„Ach was!“, schimpfte Mutter weiter. „Was ist denn bloß innerhalb eines Tages aus uns geworden? Schlägereien, die Polizei im Haus und ein Attentat! Innerhalb eines Tages! Los Helmut, such' Werkzeug und brech' heute abend den Kiosk auf! Vielleicht kann dein Vater dir ja dabei helfen! Dann machen wir das gleich offiziell, wer wir neuerdings sind!“
Ich verkrümelte mich auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer und setzte mich neben meinen Vater. Der wiegte mit zusammengebissenen Zähnen seinen Kopf, als wollte er sagen 'Ob das wohl gut geht?' Wäre Mutter nicht so wütend geworden, hätte ich die ganze Angelegenheit sogar cool gefunden. Zwei Gangster, die sich nicht ans Bein pissen lassen, die wissen, wie man sich wehrt. Im Augenblick saßen wir allerdings mucksmäuschenstill auf dem Sofa und fühlten uns schuldig. Mutter hatte ihr Schimpfen eingestellt, und stattdessen damit begonnen abzuwaschen. Wütend abzuwaschen. Mit Wucht knallte sie Teller und Töpfe auf die Ablage und schlug Schranktüren zu. Ein Verhalten, das auch das auch die Gefühlswelt eines erwachsenen Mannes zu dem eines Kindes werden lässt. Nach Minuten sagte sie:
„Daran ist nur Dr. Krause schuld!“
Beide seufzten wir erleichtert.
BING BONG
„Was denn jetzt noch!“ hörten wir aus der Küche. „Helmut, geh' du!“
In banger Erwartung der Polizei, die wohlmöglich das erste Verbrechen des Tages aufgeklärt hatte, öffnete ich die Tür. Es war Johann.
„Na, du?“, sagte er gut gelaunt und ging an mir vorbei ins Wohnzimmer.
„Huhu Paul!“, alberte er. „Rate was passiert ist!“ und riss scherzhaft die Augen weit auf.
„Was meinst du denn?“, fragte Vater.
„Ab-ge-hau-en!“, antwortete Johannn, jede Silbe genüsslich auskostend.
„Wie 'abgehauen'?“
„Andrea und Kai.“
„Verdammt, wer ist denn Kai?“
„Na, dein ehemaliger Nachfolger.“
„Was?“ Vater stand auf.
„Da staunst du, was?“, fragte Johann und nickte mit dem Kopf, als beantworte er sich selber diese Frage. „Tja, und jetzt ist Holland in Not!“
„Puuh!“, machte Vater und setzte sich wieder.
„Helmut, hol' doch nochmal die Zigaretten!“, bat meine Mutter, die mittlerweile auch den Raum betreten hatte. Mein Vater warf ihr einen konsternierten Seitenblick zu, um sich dann wieder Johann zuzuwenden.
„Und warum ist er abgehauen?“
„Weil er den schlimmsten ersten Tag in der Geschichte der ersten Tage hatte. Begonnen hat alles damit, daß er meinte, von dir eingearbeitet zu werden. Pustekuchen! Wir sollten das machen. Und wir waren stinksauer, auf einmal ist unser guter Paul weg! Ich meine, der kommt aus dem Küchenbau, der braucht mindestens ein halbes Jahr. Ein Vorgesetzter kann sich doch nicht ein halbes Jahr von seinen Untergebenen einarbeiten lassen!“, sagte Johann und tippte sich gegen die Stirn. „Der Chef hat zu ihm gesagt, man könne nicht erwarten, dass du ihn einarbeitest. Das sei dasselbe, als wenn du einen Löwen großziehen sollst, der dich dann frisst, wenn er soweit ist, oder so. Und das wolle er dir nicht zumuten. Der hat gedacht, das funktioniert einfach so, von allein. Wie blöd kann man denn sein?“ Nach einem Blick auf meine rauchende Mutter zog Johann eine Zigarette aus seiner Brusttasche, klopfte sie fest und zündete sie an.
„Aber das ist noch lange nicht alles, höret und staunet. Dann sind wir nämlich zu Möbel-Otto gefahren. Da musste sich Kai dann selber als dein Nachfolger vorstellen, echt klasse. Otto war baff, der arbeitet ja seit fünfzehn Jahren mit dir. Und sauer war er auch, hat sich dann ins Büro verkrümelt und Kai einfach stehen lassen. Das war eine Rückfahrt, kann ich dir sagen! Totenstille. Ich glaub', Kai war kurz vorm Heulen, jedenfalls hab' ich gesehen, wie seine Unterlippe gezittert hat. Der tat mir echt leid.
Der alte Krause hat mir vorhin erzählt, dass Kai sowieso eher sensibel ist, schreibt Gedichte und so. Und dass er nur Schreiner geworden sei, um seinen Vater zu ärgern, der ist nämlich Physiker. Egal, jedenfalls ging das Drama dann erst richtig los. Und das film-reif! Wieder auf dem Gelände zurück, war das Rolltor unten. Ich wollt' ihm eben zeigen, wie man es bedient, da trifft ihn volles Rohr ein Stein am Kopf. Wer das war, muss ich ja nicht unbedingt rausposaunen, Stichwort 'Welpenschutz'.“
„Helmut hat bereits gestanden“, sagte Vater.
„Hat er? Na, schön blöd“, grinste Johann. „Das war jedenfalls zuviel für Kai. Und ehrlich gesagt, für mich wäre das langsam auch zuviel gewesen. Wir gehen rein, ich mache ihm einen Verband 'rum und Andrea kommt in die Halle. Kai ist blass, zittert, ist wieder kurz vorm Heulen und hat einen blutigen Verband auf dem Kopf. Toller Start in ein neues Leben! Andrea ist aus dem Häuschen und fragt, was denn passiert sei. Da tickt Kai aus 'Was passiert ist?' brüllt er und nochmal 'Was passiert ist?', nimmt eine Wasserwaage, ausgerechnet meine, knallt sie zu Boden und rennt raus. Vor allen Leuten. Sie hinterher. Ich meine, normalerweise läuft das umgekehrt, der Mann rennt trostbereit hinterher!"
„Du mit deinem Stein“, zischte meine Mutter dazwischen, als litte sie mit dem jungen Paar.
„Mit 'Kai, Kai!' isse' ihm hinterher. Fünf Minuten später, da hatte er ihr wohl alles erzählt, kommt sie wieder. Stinksauer. Die hatte ein Gesicht, damit hätte sie Mike Tyson in die Flucht geschlagen. Rein in Papas Büro. Gnädigerweise hat sie die Tür aufgelassen. 'Wo ist Paul?' hat sie ihn angeschrien. Eine Maschine nach der anderen wurde ausgestellt, der Stromverbrauch tendierte Richtung null. Wir haben nur noch so nebenbei gearbeitet. 'Entlassen? Du spinnst wohl! So eine Übergabe muss doch vorbereitet werden! Das weiss doch jeder!'", äffte Johann Andrea nach."'Die Leute sind gegen ihn! Kein Wunder, wenn Paul auf einmal verschwunden ist, nach fast zwanzig Jahren! Herr Otto wollte kaum ein Wort mit ihm wechseln, wie einen Vertreter hat er ihn stehen lassen! Jetzt hat ihm noch irgendein Idiot einen Stein an den Kopf geworfen! Guck' dir doch mal an, in was für einer Verfassung dein künftiger Schwiegersohn ist! Er ist mit den Nerven am Ende!... Was heisst da 'muss man von einem Meister erwarten können?'. Ab da haben wir nur noch dumpfes Gebrülle gehört, der Chef hat nämlich die Tür zugemacht." Johann machte eine Pause.
"Und dann sind sie abgehauen?", bohrte mein Vater weiter.
"Immer schön der Reihe nach. Kai is' wieder in die Halle. Wusste aber nicht, was er tun soll. Stand rum und hat nachgedacht. Er sah aus, als hätte
er sich wieder etwas gefangen. Dann geht er ins Büro und nach ein paar Minuten kommt er mit Andrea raus, stellt sich hin und sagt zu uns 'Tut mir leid Leute, das wird hier nichts mit mir. Machts gut.' Dann sind'se weggefahren. Ich glaub' der kommt nicht wieder. Nicht, nachdem das alles so öffentlich gelaufen ist. Kann er nicht bringen. Dann ist der Chef aus'm Büro, steht in der Tür und guckt nur. Irgendwie traurig, als hätte er gedacht, 'was habe ich da nur angerichtet'. Da sieht man mal, was ein einziger Fehler anrichten kann, wie der immer größer wird und alles kaputt macht. Fast wie'ne Seuche, die sich ausbreitet."
Wir schwiegen betroffen. Die Ereignisse dieses Tages hatten nur Verlierer
hervorgebracht. Angefangen von meinem Vater, über Benno, Kai, Andrea und den Chef selbst.
"Schlimme Sache", sagte Vater. "Bin ja mal gespannt, wie das weitergeht." sinnierte er.
"Paul, warte mal auf einen Anruf. Der kommt bestimmt."
"Fragt sich nur, ob ich dann noch will."

Der Anruf kam tatsächlich. Und mein Vater wollte. Die Idee, eine eigene Firma zu gründen, blieb als As im Ärmel meines Vaters verborgen. Er hatte nicht vergessen, wie schnell man den Boden unter den Füßen verlieren kann. Dieser eine Tag war der furchtbarste und gleichzeitig der aufregendste, den unsere Familie jemals zu bestehen hatte.



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flammarion
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hm,

ein sehr gutes werk. da könntest du bequem mindestens drei geschichten draus machen. ist autobiografisch? jedenfalls wünsche ich mir mehr davon.
lg
__________________
Old Icke

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bassimax
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danke für Dein Lob. Die Geschichte ist nicht autobiografisch,
ich hatte allerdings ein Vorbild. Und zwar Onkel Hans, der als Bäckermeister in der norddeutschen Pampa gelebt hat.
Gruss
Sebastian

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Venora
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hi

mir gefällt deine Geschichte sehr gut. Sie ist flüssig geschrieben, man kann sich in die Figuren hineinversetzen und Mitgefühl entwickeln. Aber Flammarion hat durchaus Recht: sie bietet Stoff genug für drei weitere Storys. Überleg dir doch mal, ob du nicht einen Roman draus machen möchtest. Oder zumindest eine Fortsetzung schreibst, wie es nun mit dem neuen Geschäft weitergeht.
Viele Grüße

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majissa
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Man kann beim Lesen eintauchen und ist fast ärgerlich, dass es aufhört. Eine Fortsetzung wäre prima. Der erste Satz ist etwas abgehackt. Vielleicht könntest du noch einen Ort einfügen? "Ich wohnte mit meinen Eltern in einem größeren Dorf nahe Schleswig Holstein". Nur ein Vorschlag.

LG
Majissa

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bassimax
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Hi Majissa, hi Venora

Ich danke für euer Lob.
Stimmt, der erste Satz ist tatsächlich unglücklich. Ausgerechnet der erste. Ich werde ihn mal ummodeln.
Wir wäre es mit "Ich lebte mit meinen Eltern in einem grossen Dorf in der niedersächsischen Provinz". Oder wäre es besser einfach "Wir... lebten" zu schreiben? Meinung erbeten. Ich habe leider ein Talent dahingehend, gerade die ersten Sätze ungeschickt zu formulieren. Sieht man wohl auch am ersten Satz dieses Beitrages.
Fortsetzung habe ich in Angriff genommen, weiss allerdings noch nicht in welche Richtung die Sache gehen wird.
Bis denne,
Sebastian

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