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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Vampire und andere Phantasien
Eingestellt am 25. 06. 2010 10:16


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Michael Schmidt
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Vampire und andere Phantasien – Der Wandel der phantastischen Literatur vom Manne zur

Der gute alte Vampir. Man nennt ihn auch Blutsauger oder Eckzahn. Allgemein als Blaupause gilt Graf Dracula, der basierend auf der historischen Gestalt Vlad Tepes – auch genannt der Schlächter -, ein grausames Wesen ist. Gestorben, aber trotzdem lebendig nennt man ihn auch Wiedergänger. Er findet sich vor allem in osteuropäischen Legenden und es gibt die wirksamen Mittel dagegen: Knoblauch, Kreuz und Weihwasser.
Der gute alte Vampir sollte aber auch die sexuelle Lust symbolisieren, die latente Begierde und damit der Dämon im Inneren einer prüden Gesellschaft im 19. Jahrhundert.
Im 20. Jahrhundert symbolisierte den beliebten Grafen, und eine andere Vampirgestalt gab es nicht, die Figuren aus den entsprechenden Horrorfilmen: Bela Lugosi und Christopher Lee.
Auch in der Literatur war der Vampir fortan das böse Wesen. Mal mit mehr oder mal mit weniger Erotik bzw. Sex garniert, aber die Rollen waren klar.
Der Vampir war böse und die zugehörige Gattung Literatur nannte sich Horror oder Grusel.
Das war einmal.
Heute ist der Vampir ein Edelmann und die Erotik sehr latent. Eher handelt es sich um Liebesromanzen, Meister Spitzzahn ist jung und unglaublich edel, eher ein Wesen des Lichts als ein Wesen der Dunkelheit. Seine Andersartigkeit Fluch und Last, nicht verabscheuungswürdige Dunkelheit.

Gleicher Wandel erlebt man im Bereich der klassischen Fantasy. Klassische Fantasy war die um die Magie erweiterte Rittergeschichte. Im Herr der Ringe standen Kameradschaft und Treue im Vordergrund, Männer waren die handelnden Akteure und Frauen schmückendes Beiwerk.
Auch muskelbepackte Helden wie Conan und Kane schwangen ihr Schwert für ihre Angelegenheiten. Selbst die Ironie der Scheibenwelt wird aus männlicher Sicht dargestellt.
Dann kam der Wandel. Die Fantasygeschichten wurden immer epischer. Das blaue Blut stand im Vordergrund. Intrigen, Verwandtschaften und Hochzeiten bildeten die Essenz dieser Werke. Die moderne Fantasygeschichte ist ein historischer Roman, der mit weiblicher Mystik garniert wird und sich vor allem nach Liebe und einem aufrechten Bild sehnt.

Zwei Beispiele für das gleiche Phänomen. Die moderne phantastische Literatur wird von der weiblichen Seele dominiert. Schon immer hieß es, die meisten Leser seien Leserinnen. Das scheint jetzt auch das phantastische Genre erkannt zu haben. Einzig die SF ist bisher verschont geblieben. Krieg im Weltraum oder technologische Fiction bleibt noch überwiegend in Männerhand.
Aber wer weiß, wie lange dies noch anhält. Auch Frauen spekulieren „Was wäre wenn?“ und hinter den Lenkrädern und Bildschirmen sind längst nicht mehr nur Männer.
Wahrscheinlich wird „Bad Earth“ bald von „Royal Earth“ ersetzt und die Cyberromantik ersetzt den Cyberpunk.
Die männliche Seele ist verletzt. Doch es ist kein Aufbäumen erkennbar. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, dann werden Barbaren Tee trinken und in Burgen gibt es Alkoholverbot. Zum Fest wird mit Messer und Gabel der Getreidebackling genommen. Der feindliche Alien, der die Erde erobert, wird weg gemobbt oder tot geredet. Und die Invasion des Bösen endet damit, dass die Dämonen übereinander herfallen, da die weibliche Zwietracht auf fruchtbaren Boden fällt.
Frauen sind einfach wesentlich geschickter als wir Männer.

Ist so ein Wandel schlimm?
Prinzipiell nicht.
Es gibt genügend tolle Literatur. Und genügend davon wird neu geschrieben. Doch ich finde es immer bedenklich, wenn sich Wellen in solcher Breite über den Leser ergießen. Wenn statt Schriftstellerei die Buchindustrie Blaupausenvarianten en Masse druckt, die schematisch sich selbst kopiert oder gar karikiert.

Der Zeitgeist ist feminin.
Also liebe Männer:
Erhebt euch! Schlagt zurück!
Echte Männer braucht die Phantastik.
Bevor der phantastische Spannungsroman für immer unwiderruflich durch die phantastische Liebesromanze ersetzt wird.

__________________
DerErnstFallMichaelSchmidt
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jon
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Protest! Nicht DER Zeitgeist ist feminin, sondern jene Trends, auf die du Bezug nimmst. Im Übrigen ist die Wahrscheinlichkeit, dass "Frauengeschmack" je die SF so dominieren wird, wie es bei Vampir-Romantik zu beobachten ist, nicht sehr groß. Denk ich zumindest, denn es geht bei dieser Welle weniger um Vampire sondern um "romantische Trivialliteratur". SF hat nicht das Zeug dazu, ihre Trivial-Abteilung ist die von "Krieg" und/oder "Entdeckungsreisen". Oder Horror. Aber das nur am Rande ...


Handwerk:

Die Unterzeile ist unvollständig.

"Er findet sich vor allem in osteuropäischen Legenden"
... tatsächlich? Oder ist das nicht eher Teil der Legende?

"Der gute alte Vampir sollte aber auch die sexuelle Lust symbolisieren, die latente Begierde und damit der Dämon im Inneren einer prüden Gesellschaft im 19. Jahrhundert."
... das war aber doch noch nicht Teil der (angeblichen) alten Legenden.


"Heute ist der Vampir ein Edelmann und die Erotik sehr latent. "
latent = vorhanden, aber nocht nicht in Escheinung tretend
... das heißt also, die Erotik ist (heute) eben nicht mehr nur latent, sie ist ganzt offen Teil jener Geschichten. Bei Bram Stokers Dracula kann man eventuell von noch latenter Erotik reden (also im Buch, nicht in den Verfilmungen).

"Gleicher Wandel erlebt man im Bereich der klassischen Fantasy."
.. du meinst "Den gleichen Wandel...", oder?

"Die moderne Fantasygeschichte ist ein historischer Roman, der mit weiblicher Mystik garniert wird und sich vor allem nach Liebe und einem aufrechten Bild sehnt."
... du meinst die "modische", die "trendige" Fantasy-Geschichte.
Argumentationsproblem: Du redest von dem, was als DIE Fantasy gehandelt wird (diese "historisierende"), das ist aber nicht wirklich die Fantasy. Auch allerlei Super-Helden-Fantasy liegt im Trend (wenn auch eher im TV). Knackpunkt ist auch eigentlich weniger das Einzelwerk jener Coleur als die Serien-Manie (in Film und Text) ...


"Auch Frauen spekulieren „Was wäre wenn?“ und hinter den Lenkrädern und Bildschirmen sind längst nicht mehr nur Männer."
... versteh ich nicht. Hinter welchen Lenkrädern und wieso HINTER Bildschirmen?


"Die männliche Seele ist verletzt."
Ach was ...
" Doch es ist kein Aufbäumen erkennbar."
... ach deshalb hab ich das mit der verletzten männlichen Seele noch nicht bemerkt! Nein im Ernst: Warum ist die (DIE, nicht deine!) männliche Seele verletzt?

Argumentationsproblem: Findest du wirklich die "Verweiblichung" schlimm oder eher die "Trivialisierung" (die du eher in ihrer femininen als in ihrer maskulinen Prägung wahrnimmst)? "Solche Wellen" und das mit den "Blaupausen" klingt eher nach letzterem (wobei es solche Wellen immer gab, die Frage ist "Was ist an den heutigen Wellen schlimmer als an den früheren?") - das an der "Verweiblichung der Fantasy" fest zu machen (und erst recht, die SF bedroht zu wähnen) ist ein gewissermaßen diskriminierender Schachzug. "Solche Wellen" erfassen auch den männlichen Leserkreis (der aber wohl, was Kaufzahlen angeht, kleiner als der weibliche ist) sowie allerlei Phänomene außerhalb der Literatur, die dann wieder pari-pari von Männern und Frauen besetzt oder sogar von Männern dominiert werden.


Nachtrag: Deine SF-Spekulationen finde ich zum Schreien komisch! Das stellt die Scheibewelt glatt in den Schatten! Bitte schreib mal sowas!

Nachtrag nach dem Nachtrag: Warum SF "männlich" wohl bleiben wird, ähnelt stark dem, warum es der Krimi bleiben wird - sehr schön in der aktuellen Federwelt (Uschtrin) nachzulesen.
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Protest! Nicht DER Zeitgeist ist feminin, sondern jene Trends, auf die du Bezug nimmst.

Na, es gibt da schon einen breiten Trend als die Beispiele die ich genannt habe. Der Wandel der Geschlechterrolle, der seit den sechziger Jahren vollzogen wird, zeigt sich immer mehr in der Gesellschaft.
"Die moderne Fantasygeschichte ist ein historischer Roman, der mit weiblicher Mystik garniert wird und sich vor allem nach Liebe und einem aufrechten Bild sehnt."
... du meinst die "modische", die "trendige" Fantasy-Geschichte.
Argumentationsproblem: Du redest von dem, was als DIE Fantasy gehandelt wird (diese "historisierende"), das ist aber nicht wirklich die Fantasy. Auch allerlei Super-Helden-Fantasy liegt im Trend (wenn auch eher im TV). Knackpunkt ist auch eigentlich weniger das Einzelwerk jener Coleur als die Serien-Manie (in Film und Text) ...

Fantasy ist leider ein Sammelbegriff, der mittlerweile für alles eingesetzt wird. Im vorangegangenen Abschnitt habe ich aber erläutert, auf welchen Teilbereich ich ziele. Ich wüsste aber nicht, dass es da noch einen alles erschlagenden Begriff gibt, den ich da verwenden könnte.


"Auch Frauen spekulieren „Was wäre wenn?“ und hinter den Lenkrädern und Bildschirmen sind längst nicht mehr nur Männer."
... versteh ich nicht. Hinter welchen Lenkrädern und wieso HINTER Bildschirmen?

Die klassische katholische Frau aus der alten BRD hatte keinen Führerschein und hielt sich von der Technik fern. Auch in meiner Generation ist die Gleichung "Mathe und Physik= Männersache" noch relativ weit verbreitet (Mangel an Frauen in Handwerksberufen, Mangel an Frauen im technischen Studium).
Da hat ein langsamer Wandel stattgefunden. Das der jugendliche Raser männlich ist, ist nicht mehr selbstverständlich. Und ich schätze mal, bei der jungen Generation gibt es keinen Geschlechterunterschied in der Nutzung des PC oder sonstiger technischer Geräte.


Argumentationsproblem: Findest du wirklich die "Verweiblichung" schlimm oder eher die "Trivialisierung" (die du eher in ihrer femininen als in ihrer maskulinen Prägung wahrnimmst)? "Solche Wellen" und das mit den "Blaupausen" klingt eher nach letzterem (wobei es solche Wellen immer gab, die Frage ist "Was ist an den heutigen Wellen schlimmer als an den früheren?") - das an der "Verweiblichung der Fantasy" fest zu machen (und erst recht, die SF bedroht zu wähnen) ist ein gewissermaßen diskriminierender Schachzug. "Solche Wellen" erfassen auch den männlichen Leserkreis (der aber wohl, was Kaufzahlen angeht, kleiner als der weibliche ist) sowie allerlei Phänomene außerhalb der Literatur, die dann wieder pari-pari von Männern und Frauen besetzt oder sogar von Männern dominiert werden.

Beides. Natürlich sind so Wellen nervig, die gehen aber vorbei. Aber gerade in der Literatur ist eine Verweiblichung doch sehr zu spüren. Genauso wie in der Vergangenheit der Spannungsroman sehr testosteron gesteuert war. Der Aufruf "Männer erhebt euch" ist natürlich satirisch und die ganze Angelegenheit von mir überspitzt und damit auch stellenweise diskriminierend.
Ich gebe aber zu, die Actionfilmwelle "Schneller, lauter, Krach…" nervt genauso.

Und ob deine Aussagen für SF und Krimi so passen, bliebt abzuwarten. Gerade Horror eignet sich normalerweise nicht für eine Liebesschnulze. Trotzdem gibt es eben dieses Crossover.
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jon
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Ach so! Die Lenkräder und Bildschirme bezogen sich gar nicht auf Fantasy oder Literatur. Das wird nicht klar im Text. (PS: "Hinter Bildschirmen" ist eine andere Aussage als "vor Bildschirmen" - das Zweite ist der User, der auf den Bildschirm sieht, das Erste ist z. B. der Beamte, der sich hinter dem Bildschirm verschanzt bzw sich damit wichtig tut.)

Ich weiß auch keinen Begriff, der für den Vampir-Romantik-Bereich der Fantasy stehen kann. Der Haken ist auch eher, dass meines Erachtens zwar tatsächlich dieser Teil der Fantasy "verweiblicht", aber eben nicht die Fantasy schlechthin. Wenn du Ersteres sagen willst und kein Wort dafür hast, ist es - schreibhandwerklich gesehen - keine Lösung, einfach das zweite zu sagen. Vielleicht wäre es strategisch besser, irgendwas zu erwähnen wie "Ähnliches (wie beim Vampir-Thema) findet man auch bei ..."

In Sachen Diskriminierung ... Schweiß von der Stirn wisch! Ne, es wirkt tatsächlich so, weil Frauen generell mehr Belletristik und da speziell die eher der Trivialliteratur zuzurechnenden Sparten lesen. Oder es nur eher zugeben?




Sicher: Horror als Genre an sich bietet wenig Anknüpfung für Romantik mit Happy Ende(!), aber Vampire sind eben anders als die üblichen Monster ...
Beim Krimi z.B. kann man Liebesschnulzen als Parallel-Handlung anlegen, aber man braucht für diese Schnulze den Krimi nicht (dito bei SF) - bei Vampir-Romantik braucht man den Vampir. Wollte man etwas Analoges "in Real" erfinden, käme man schnell an die Grenze des Glaubhaften und hat zudem den Nachteil, umfangreich "herleiten" zu müssen, was in diesem Genre mit der bloßen Erwähnung von "Vampir" erreicht wird. Das ist schon verlockend für Schreiber, die mit ihren Büchern Geld verdienen wollen/müssen.
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