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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Verdammt - Nach einer Zeitungsmeldung
Eingestellt am 12. 11. 2006 08:53


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HFleiss
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Registriert: Jan 2006

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November, November. Die Pappel auf der anderen Stra├čenseite, unter der Sven Worgetzki seine Selbstgedrehte rauchte, hatte beinahe all ihr Blattwerk verloren, es lag, wunderbar sonnengelb, nun aber vom Regen verschmutzt, auf der Stra├če. Sven ├Ąrgerte sich, seit er das Haus verlassen hatte, regnete es. Er verabscheute Kopfbedeckungen, und der Schirm, den ihm Andrea aufdr├Ąngen wollte, kam erst recht nicht in Frage. Er fror ein wenig und stampfte auf dem nassen Laub herum, als wolle er nicht nur den November ungeschehen machen. Das Arbeitsamt war noch nicht ge├Âffnet, dennoch hatten sich bereits Leute eingefunden. Rauchend und frierend standen sie beisammen, schweigend, jeder f├╝r sich, kaum sprachen zwei miteinander. Jetzt war es Punkt neun, aber die breite gl├Ąserne Eingangst├╝r, durch die sich bald Str├Âme von Menschen ins Amt bewegen w├╝rden, war noch verschlossen.

Sven zertrat ver├Ąrgert den Zigarettenstummel. Mit schnellem Schritt ging er ├╝ber die Stra├če, und ohne einen Blick in die zugekn├Âpften Gesichter der Wartenden zu werfen, reihte er sich am Ende der Schlange ein. Es war drei Minuten nach neun, als ein hochgewachsener Mann mittleren Alters die T├╝r von innen aufschloss. Noch immer schweigend, ohne Murren, str├Âmten die Wartenden ins Amt.

Sven zog eine Wartenummer. Er war gleich in den vierten Stock gestiegen, zu seiner Zust├Ąndigen, Frau Meyer-Kaske. Was dachte sich die Frau bei diesem Bescheid? Wovon sollte er denn mit Andrea und Murkel leben? Von den paar Piepen? Sie hatte etwas falsch verstanden, sicher hatte sie etwas falsch verstanden, etwas vergessen in den Computer einzugeben. Ja, jetzt war er in Hartz IV gefallen, aber mein Gott, doch nicht in die Gosse.

Frau Meyer-Kaske hatte auf ihren Computer gestarrt und nichts erwidert, als er sagte,
nichts sei ihm lieber als ein neuer Job, m├Âglichst in seiner Branche, Metall, er sei gelernter Dreher und geeignet f├╝r alles, was so anfallen k├Ânnte, auch unter Tarif.

Im Warteraum fand er keinen Sitzplatz mehr. Ein paar T├╝rkinnen, sehr jung, sa├čen am Fenster und tuschelten. Sie hatten Kinderwagen dabei, eines der Kinder greinte. Die meisten der Wartenden waren Frauen, nur wenige M├Ąnner seines Alters sa├čen in den unbequemen St├╝hlen an der Wand aufgereiht. Sven lehnte sich an eine S├Ąule und sah auf die Armbanduhr, der erste Kunde, wie man jetzt die Arbeitslosen nannte, war schon hinter Frau Meyer-Kaskes T├╝r verschwunden.

Frau Meyer-Kaskes T├╝r ├Âffnete sich ├╝berraschend schnell. Eine junge Frau trat heraus, an der Hand einen Dreij├Ąhrigen. Mit unbewegtem Gesicht stand sie einen Moment, Sven kam es vor, als sei sie bet├Ąubt, dann b├╝ckte sie sich und zog den Anorakrei├čverschluss des Jungen zu. Der Apparat an der Wand rasselte und piepte. Sven sah hoch: Er war dran, die 18, Zimmer 14.

Frau Meyer-Kaske l├Ąchelte nicht, als sie Sven erkannte. ÔÇ×Guten Tag, Herr WorgetzkiÔÇť, sagte sie reserviert. ÔÇ×Was f├╝hrt Sie zu mir?ÔÇť

Sven err├Âtete, er merkte, dass ihm Schwei├č ausbrach. ÔÇ×Der BescheidÔÇť, stie├č er hervor. ÔÇ×Da kann doch was nicht stimmen. Ich habe auch alle Papiere bei. Rechnen Sie doch noch mal nach.ÔÇť Er nestelte nach den Papieren in der Innentasche des Anoraks.

ÔÇ×Nicht n├Âtig.ÔÇť Frau Meyer-Kraske wandte sich ihrem Computer zu. Minuten vergingen, schweigend, nur Stra├čenger├Ąusche und Svens gespanntes Atmen waren zu h├Âren.

Frau Meyer-Kraske ├Âffnete den Mund. ÔÇ×Ich kann keinen Fehler feststellen. Ich habe alle Ihre Angaben ber├╝cksichtigt. In ein paar Monaten kann ich Ihnen eine Ma├čnahme anbieten.ÔÇť

ÔÇ×Was f├╝r eine Ma├čnahme?ÔÇť

ÔÇ×Das ergibt sich dann.ÔÇť

Sven verstummte. Er h├Ątte sich den heutigen Gang sparen k├Ânnen. Was f├╝r eine Ma├čnahme konnte sie ihm schon anbieten? Einen 1-Euro-Job? Darauf war geschissen. Er war qualifizierter Dreher und verkaufte sich nicht unter Wert. Ruckartig erhob er sich, ohne ein Wort ging er zur T├╝r.

Noch immer wie bet├Ąubt, nahm er den Weg durch eine Seitenstra├če zum U-Bahnhof. Vor der Imbissbude blieb er stehen, las das Angebot auf dem Aufsteller: Gr├╝ne Bohnen mit Fleisch, Bockwurst, Currywurst mit Salat, Glasnudeln mit ausgesuchtem Gem├╝se. Entschlossen ├Âffnete er die T├╝r. Er steuerte zum Tresen. ÔÇ×Pils und einen KurzenÔÇť, sagte er. Der Verk├Ąufer, ein junger Mann, wies auf einen freien Tisch. In der Ecke, an dem anderen Tisch, sa├čen zwei Mann, vor sich die halbleeren Biergl├Ąser. ÔÇ×Nicht am TresenÔÇť, sagte der Verk├Ąufer.

Sven sah nicht auf die Uhr. Er sah ├╝berhaupt nichts. Das einzige, was er wahrnahm, war, dass das Bier nicht gut genug gek├╝hlt war. Trotzdem bestellte er eines nach dem anderen, dazu jedesmal einen Kurzen. Der Verk├Ąufer runzelte die Stirn, schob aber das Bestellte ├╝ber den Tresen.

Pl├Âtzlich erhob sich Sven, er hatte doch auf die Uhr gesehen, es war halb zwei, Andrea wartete. Heute w├╝rde sie sehr lange warten m├╝ssen. Er bezahlte am Tresen, gab gro├čz├╝gig Trinkgeld und verlie├č die Bude. Auf der Stra├če merkte er, dass er zuviel getrunken hatte.

Er torkelte. Das Stra├čenpflaster flutschte ihm unter den F├╝├čen weg. Eine ├Ąltere Frau sah ihm emp├Ârt nach, f├╝hlte er im R├╝cken. Sven versuchte sich zusammenzunehmen, es gelang ihm nur halb. Vor dem Laden mit allerlei Werkzeugen in der Auslage blieb er stehen. Er gab sich einen Ruck und betrat das Gesch├Ąft. ÔÇ×Benzin? F├╝hren Sie so was?ÔÇť Die junge Verk├Ąuferin bongte den Kauf, Sven bezahlte und schnappte sich die Flasche.

Er verlief sich auf dem Weg zum Arbeitsamt, fand dann aber doch wieder die Hauptstra├če.
Er stellte sich unter die Pappel, unter der er heute morgen auf das ├ľffnen der T├╝r gewartet und dabei die Leute beobachtet hatte. Es regnete nicht mehr, der Himmel hatte aufgeklart.
Die Leute waren verschwunden, nur ab und zu kamen ein paar Eilige und tauchten in die Dunkelheit des Geb├Ąudes ein.

Sven wartete. Er tastete nach der Benzinflasche in der Anoraktasche. Er hatte einen Entschluss gefasst.

Langsam ├╝bergoss er sich mit dem Benzin, sto├čweise. Er schauerte zusammen, als die Fl├╝ssigkeit ihm durch die Kleidung auf die Haut drang. Er nestelte das Feuerzeug heraus, noch immer ohne ein Wort. Ein Mann blieb stehen und beobachtete ihn. Dann sah er die leere Benzinflasche am Boden. Entgeistert las er die Aufschrift: Benzin. Er begann zu schreien und lief ins Arbeitsamt. Ein paar Leute st├╝rzten heraus.

Zwei M├Ąnner umklammerten Sven von hinten, einer versuchte ihm das Feuerzeug zu entrei├čen. Eine Frau kreischte. Drei Polizeiautos hielten. Neugierige hatten sich gesammelt. Sven f├╝hlte sich unsanft gepackt, ihm wurden Fesseln angelegt. Das Kreischen der Frau lag ihm in den Ohren. Sie filzten ihn. Ein Polizist zerrte seinen Ausweis aus der Anorakinnentasche.

Sie fuhren. Durch Stra├čen, die Sven nicht kannte, belebte Stra├čen. Der Polizist, der neben ihm auf der R├╝ckbank sa├č, beobachtete ihn. ÔÇ×Wie f├╝hlen Sie sich?ÔÇť, fragte er. ÔÇ×Anst├Ąndig gepichelt, was?ÔÇť Sven brummte irgendwas.

Das Polizeiauto stoppte, die beiden Polizisten sprangen heraus. ÔÇ×Aussteigen! Wir sind da.ÔÇť

ÔÇ×Wo? Sagen Sie mir, wo ich hier bin! Meine Frau wartet.ÔÇť Sven machte Anstalten, die Fesseln loszuwerden. ÔÇ×Das lassen Sie mal sch├Ân sein.ÔÇť Ein Polizist schloss die Fesseln auf.

ÔÇ×Sie wird benachrichtigt. Nun nehmen Sie sich endlich zusammen! Herrgott nochmal. Wo Sie hier sind? Raten Sie mal. Wo Sie hingeh├Âren. In Ihrem Zustand.ÔÇť

Sven lie├č sich auf einen Stuhl fallen. Der Raum war ein Warteraum. Vor dem Fenster h├Ârte er die Polizisten reden, sie gingen zu ihrem Wagen zur├╝ck. ÔÇ×Br├╝sewitz-Kopie! Es ist zum Lachen!ÔÇť

Es roch, unangenehm, nach Krankenhaus. Sven st├╝rzte in die Ecke am Fenster und ├╝bergab sich. Er tapste zu seinem Stuhl zur├╝ck und wischte sich mit dem Tempotaschentuch den Mund ab.

Eine T├╝r ├Âffnete sich. Mit besorgtem Gesicht blickten zwei Krankenschwestern zu ihm her├╝ber. Dahinter, einen Kopf gr├Â├čer, zeigte sich in der T├╝r ein kahlk├Âpfiger Arzt. Sein Kittel war wei├č. Wei├č wie Svens Gesicht.

(2006)








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