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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Verteidigungshaltung
Eingestellt am 12. 12. 2007 20:43


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Eigentlich hatte Werner Mastrich immer geglaubt, ein Sohn brauche nicht viele Worte, um seinen Vater zu verstehen. Doch gestern lag er allein in der KĂŒche. Vor dem KĂŒhlschrank. War sich noch nie so allein vorgekommen. Der Kopf dröhnte, als sei er gegen eine Wand gelaufen. Vorsichtig wischte er sich mit dem HandrĂŒcken ĂŒber die Unterlippe und die Nase. Kein Blut.
MĂŒhsam stand er auf. Erschrak. Die HaustĂŒr krachte ins Schloss. Ralf! Er haute ab. Ohne ein Wort zu sagen.
GebrĂŒllt hatte er. Vorher. Wie ein gereizter Stier. „Du Arschloch! Scheißvater!“ Seine Augen sprĂŒhten Hass. UnbĂ€ndiger Hass, den er vorher nie in seinen Blicken sah.
Da musste Werner Mastrich zuschlagen. Mitten in den Hass.
Wieder verkrampfte sich seine Hand zur Faust. Schmerzte noch.
Ralf stutzte, schlug zurĂŒck. Zweimal mit beiden FĂ€usten.
Dabei musste Werner zu Boden gegangen sein.
Sein Hintern brannte. Ob Ralf ihn noch getreten hatte, als er schon am Boden lag?
Ralf, seit vorgestern gerade einmal sechzehn, war in den letzten Jahren Ă€ußerst reizbar.
Hatte auch schon seine Mutter geschlagen. Damals kurz vor ihrer Scheidung, er war gerade dreizehn.
Ralf hatte sich entschieden nach der Scheidung bei ihm zu bleiben. Ohne wirkliche BegrĂŒndung. „Weil ich bei dir bleiben will, Papa!“
Werner Mastrich hatte nicht damit gerechnet.

Humpelnd ging Werner aus der KĂŒche ins Wohnzimmer und setzte sich in den weichen Ohrensessel neben dem Kamin. Sein Hintern brannte immer noch. In dem weichen Polster war der Schmerz ertrĂ€glich.
Sein Vater, der Alte mit seinen riesengroßen TischlerhĂ€nden, gelb in den InnenflĂ€chen, voller Hornhaut, hielt ihm oft die HĂ€nde unter die Nase. „Riech mal, hiermit kriegst du sie, wenn du nicht hören willst, was ich dir sage. Hiermit
! Haben wir uns verstanden?“ Meistens bekam Werner SchlĂ€ge, ohne dass sein Vater vorher mit ihm sprach. Und nachher behauptete er: „Du weißt schon wofĂŒr du sie gekriegt hast?!“ Manchmal fiel ihm dann ein, dass er vergaß, die Schuhe des Vaters zu putzen. Oft wusste er es wirklich nicht. Es war sinnlos, nach dem Grund zu fragen. „Soll ich dich schlagen, bis es dir einfĂ€llt?“ Bei dieser Gegenfrage erhob sein Vater schon wieder die rechte Hand. Er schlug immer zuerst mit der rechten.

Beim Elternabend in der vergangenen Woche ging es um Gewalt. Werner hatte sie noch genau im Ohr, die unterwĂŒrfige Stimme von Bens Vaters. Ben und Ralf sind seit dem Kindergarten Freunde. Werner und Dieter - Bens Vater – waren die beiden einzigen VĂ€ter an dem Abend. Sie gingen schon mal zusammen ein Bier trinken. Auch an diesem Abend hatten sie sich fĂŒr danach verabredet.
Ohne aufzusehen sprach Dieter vor sich hin. „Ben muss doch lernen sich durchzusetzen.“
Bens und Ralfs Klassenlehrerin, Frau SchĂ€tzke, hatte zum Elternabend der Klasse 10 einen vollbĂ€rtigen, grauhaarigen Psychologen von der Katholischen Familien- und Erziehungsberatungsstelle eingeladen. Stellte ihn als „renommierten Gewaltexperten“ vor. Der korrigierte sie umgehend. Wenn ĂŒberhaupt Experte, kein Gewaltexperte sondern Fachmann fĂŒr gewaltfreie Kommunikation. LĂ€chelnd versuchte der Psychologe die Blicke der vor ihm sitzenden MĂŒtter und VĂ€ter einzufangen. Werner war er sofort unsympathisch.
Frau SchĂ€tzke, ihre großen graugrĂŒnen Angstaugen weit aufgerissen, begann vor allem ĂŒber ihre SchĂŒler zu klagen, betonte jedoch mehrfach, auch die SchĂŒlerinnen hĂ€tten inzwischen in Sachen Gewalt aufgeholt. Aber die Jungs, die wĂŒrden noch nachtreten, selbst wenn einer hilflos am Boden liege, wĂŒrden mit Messern drohen, erbarmungslos andere mit der Faust ins Gesicht schlagen und manches, was diese Kerle mit den MĂ€dels veranstalteten, sei mehr als grenzwertig und könne als sexuelle Nötigung angesehen werden. Und selbst sie als Lehrerin mĂŒsse sich von den Jungs Schimpfworte wie Arschloch, Zicke, Schlampe und Worte gefallen lassen, die sie vor den Eltern sich nicht zu wiederholen traue.
Mathe- und Sportlehrer Goertz, noch ziemlich jung aussehend, von den SchĂŒlern Peppi Goertz genannt, hob lĂ€chelnd seine Hand. „Wenn ich da mal was sagen darf. Also, Jungs brauchen Raufereien. Ist doch normal! Und ein paar KraftausdrĂŒcke gehören auch dazu. Verflucht noch mal! Und außerdem, wir leben in einer Ellenbogengesellschaft. Und die, die haben wir Erwachsene geschaffen.“
Frau SchĂ€tzke verzog den Mund und sah schweigend die MĂŒtter und VĂ€ter an, die ebenso schweigend vor ihr saßen.
Bens Vater hinten an der schmuddligen Wand des Klassenzimmers rutschte auf einem unbequemen SchĂŒlerstuhl herum. Plötzlich drehten sich alle Eltern zu ihm um. Er sprang auf, blieb unschlĂŒssig stehen, rĂ€usperte sich und versicherte leise, es gehe auch ihm darum, seinem Sohn friedliche Lösungen beizubringen. Unter Androhung von SchlĂ€gen habe er seinem Sohn strikt verboten, sich zu schlagen. Aber ein Junge mĂŒsse sich auch durchzusetzen lernen.
Der grauhaarige Psychologe lĂ€chelte verzeihend. „Klar mĂŒssen Jugendliche selbstbewusst werden. Aber halten Sie es nicht fĂŒr widersinnig, einem Kind friedliche Lösungsmodelle unter Androhung von Gewalt beibringen zu wollen?“ Gewalt sei UnterdrĂŒckung und erzeuge vor allem Untertanen.
„Haben Sie Kinder?“ wollte Werner Mastrich wissen. Der Psychologe schĂŒttelte den Kopf. „Man braucht keine eigenen Kinder zu haben, um zu wissen, dass Gewalt in der Erziehung nicht erfolgreich sein kann.“
Alle MĂŒtter nickten. Frau SchĂ€tzke meinte bemerken zu mĂŒssen, sie habe einmal irgendwo gelesen, Gewalt sei ein Mittel der Schwachen.
Bens Vater stand noch immer, setzte sich zögernd, verfolgte das GesprĂ€ch zwischen Eltern, Frau SchĂ€tzke und dem Psychologen, erhob sich plötzlich wieder, verließ grußlos das Klassenzimmer, warf die KlassentĂŒr von außen zu, öffnete sie noch einmal, steckte den Kopf herein und entschuldigte sich. Beim zweiten Versuch knallte die TĂŒr kaum weniger heftig. Werner Mastrich sprang auf. Wollte Bens Vater zurĂŒckholen.
Doch der Psychologe stellte sich Werner in den Weg, lĂ€chelte und sagte leise: „Er ist ein erwachsener Mann. Wenn er gehen will, halten wir ihn nicht auf.“
„Wenn ich ihn aber holen will?“ „Brauchen Sie seine Hilfe?“ Werner blieb einem Moment schweigend vor dem Psychologen stehen, spĂŒrte einen stechenden Schmerz im Magen, zuckte schließlich mit den Schultern und setzte sich widerwillig.
Lenas Mutter, klein, drahtig, dunkelhaarig, hautenge schwarze Jeans und sehr hochhackige Lackstiefel, wollte anschließend wissen, woher denn die Gewalteskalation an diesem Gymnasium komme.
Der noch immer lĂ€chelnde Psychologe zuckte mit den Schultern. „Aus Opfern werden TĂ€ter.“
„Sie glauben doch nicht wirklich, dass alle Jungen nur die SchlĂ€ge austeilen, die sie selbst einmal bekommen haben? Mein Vater hat auch geschlagen.Und ich prĂŒgele heute weder mich noch meinen Sohn.“ Werner schlug sich mit der rechten Faust so heftig in die offene linke Hand, dass sie zu schmerzen begann.
„Wer zudem nicht genug Zuwendung von seinen Eltern bekommt, wird endgĂŒltig zum Opfer. Er verhungert sozusagen emotional und kann selbst nicht mehr zugewandt sein, verstehen Sie?“ Zur Illustration seiner Worte breitete der Psychologe beide Arme aus, um langsam den leeren Luftraum vor sich zu umarmen.
„Kinder brauchen das GefĂŒhl, von starken Eltern getragen zu werden, wenn Sie verstehen, was ich meine?“
„Als mein Sohn klein war, habe ich ihn im Tragetuch und spĂ€ter auf den Schultern getragen.“
„Körperliche NĂ€he gibt gutes KörpergefĂŒhl. Und gutes KörpergefĂŒhl macht selbstbewusst!“ lobte ihn der Psychologe.

Trotz des weichen Wohnzimmersessels spĂŒrt Werner noch immer seinen schmerzenden Hintern. Er sieht zur Standuhr, die er von seinem Vater erbte.
Kurz nach Drei. Genau um die Zeit haute Ralf gestern ab.
Ralf war noch nie weg gegangen, ohne ihm vorher zu sagen, wohin er gehen wollte.
Es klingelt an der WohnungstĂŒr. Werner Mastrich steht auf und humpelte in den Flur. Es klingelt ein weiteres Mal. Werner sieht durch den Spion. Ralf! „Papa! Mach auf!“ Sein Sohn klopft gegen die TĂŒr. Lauter und lauter.
Werner wartet, drĂŒckt schließlich die TĂŒrklinke herunter. Ralf, der sich gegen die TĂŒr stemmte, stĂŒrzt in den Flur, rutscht auf dem Teppich aus und ĂŒber den glatten Parkettboden auf seinen Vater zu, bleibt vor ihm liegen. Werner holt mit dem rechten Bein aus.
„Tritt mich!“ schreit Ralf und sieht mit dem Blick eines geschlagenen Hundes zu ihm auf. „Los, tritt mich.“
Werner schĂŒttelt den Kopf, sieht auf seinen Sohn herab, gibt ihm die Hand und zieht ihn hoch. „Ich glaube, wir mĂŒssen reden.“
„Und ĂŒber was?“
„Weiß ich jetzt noch nicht.“

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 12. 12. 2007 20:43
Version vom 15. 12. 2007 19:44
Version vom 21. 12. 2007 17:11

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