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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Vom Gehen im Schnee
Eingestellt am 06. 01. 2004 21:36


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El Gazzo
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2003

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Dichter Nebel verwandelt das oberösterreichische Machland zwischen Mauthausen und Grein in eine WaschkĂŒche. Ein trĂŒber Ersatz fĂŒr ein kalendergerechtes tief verschneites Winterbild. Aber das Machland ist ein Flachland und heute gerade ein bisschen angezuckert.

Das Wetter kann mich an diesem klirrend blauen JĂ€nnertag also nicht daran hindern, eine flotte Runde zu gehen. Bei minus drei Grad quillt mein Atem in gleichmĂ€ĂŸigem Rhythmus aus meinem Mund, wie eine mĂ€ĂŸig belastete Dampfmaschine. Der Reif klebt an BĂŒschen und BĂ€umen entlang des Naarn-Flusses und verleiht ihnen das Aussehen von pelzigen Junggeweihen. Vereinzelte Vögel klammern sich Ă€ngstlich ans GeĂ€st, als ob sie es bereuen, nicht mit ihren sensibleren Artgenossen fĂŒr ein paar Monate in den SĂŒden gezogen zu sein.

Meine Gedanken zerstreuen sich, verlieren sich bald hier, bald dort hin, graben ihre eigenen KanĂ€le. Da trete ich versehentlich in eine zugefrorene PfĂŒtze. Dabei entsteht ein GerĂ€usch, das irgendwie nicht dazu passt, sich aus den vielen AlltagsgerĂ€uschen ausgliedert. Es zu beschreiben, fĂ€llt mir schwer. ZunĂ€chst kann ich keinen Vergleich finden. Es ist ein Knacken, ein scharfes Knacken, fast schon ein Krachen, wie ein Schuss. Trocken und ohne jedes Echo, wie ein Hammerschlag auf einen wulstigen Porzellanteller.

Andererseits bin ich geradezu angetan von diesem schallenden Kontrast, der ein Loch schlĂ€gt in die landschaftliche Stille und anders ist als alles, was meine Ohren in den vergangenen Tagen, Wochen, ja Monaten umgab. Zögernd weitergehend wenden sich meine Gedanken wieder dem „Fort-Schritt“ zu, die EisflĂ€che schon weit hinter mir.

Doch nach dieser Feststellung werde ich hellhöriger. Der nĂ€chsten gefrorenen Lache sehe ich mit Erwartung entgegen. Da es in den vergangenen Tagen wĂ€rmer war und mehrmals regnete, lĂ€sst diese nicht lange auf sich warten. Sie erscheint mir wie das Modell eines Bergsees. Beim gezielten Aufsetzen meines Fußes bricht die Decke abermals. Ich erwarte jenes „krach“, das mir noch in den Ohren sitzt. Aber es hört sich völlig anders an. Nicht mehr hell und scharf, sondern kompakt und stumpf. Genau genommen entstehen zwei GerĂ€usche knapp hintereinander, als kommen sie jedes aus einer anderen Quelle.

Das erste, einem Winseln oder Ächzen verwandt, klingt so als ob sich das Eis erst ĂŒberlegen muss, ob es brechen soll. Obwohl das alles sehr schnell geht, erfahre ich doch den Eindruck, als dehne sich dieser Laut, zöge er sich zĂ€h in die LĂ€nge.
Das zweite, das den grĂ¶ĂŸeren Anteil hat, ist irgendwie hohl, reißt nicht so jĂ€h ab. Ja, es hallt sogar ein bisschen nach und wird dadurch wuchtiger. Ich erschrecke, weil ich der Eisdecke soviel Varianz nicht zutraue. Mein sportlicher Ausflug bekommt so, völlig unerwartet, eine zusĂ€tzliche Bedeutung als akustische Erkundungstour.

Die nĂ€chste vermeintliche Schallquelle erspĂ€he ich schon von weitem, da sich ein verirrter Sonnenstrahl in ihr spiegelt. Ein gezielter Tritt - ein neues Erlebnis. So geht es wieder und wieder. Selten gleicht ein Brechen dem anderen. Einmal fĂŒhle ich mich an einen Donnerschlag erinnert, manchmal an eine losbrechende Lawine, einmal sogar an eine rollende Kugel beim Roulette. Ich beginne die Klangfarbe mitzu- bestimmen, indem ich mehr oder weniger an den Rand der PfĂŒtze steige oder mit unterschiedlicher StĂ€rke auftrete. Ähnlich einem Trommler, der auf seinem Instrument auf dieselbe Weise die Töne variiert.

Ich habe lĂ€ngst gewendet und kann so die EinbrĂŒche, die meine SchuhgrĂ¶ĂŸe zeigen, aus einer anderen Perspektive sehen. Der kleine Ausflug geht gleichzeitig mit meiner Kondition zu Ende, da ich auf dem RĂŒckweg mein Tempo beschleunige.
Nach einer knappen Stunde, in der wohlverdienten Badewanne weiter dampfend, komme ich zum Schluss, an diesem Tag auf eine kindliche Weise das Gehen neu entdeckt zu haben. Das Gehen - im Schnee.

__________________
als ich hörte, dass der Weg das Ziel sei, blieb ich unversehens stehen...

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wondering
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Hallo Snowwalker,

das gefÀllt mir gut, wie bewusst du deinen Spaziergang gemacht und wie genau du Einzelheiten wiedergegeben hast.
Fein beobachtet, den Moment genossen...
so kommt es sehr lebendig bei mir an.

schön!

ich habe nur eine ganz winzige Anmerkung:
"Vereinzelte Vögel klammern sich Ă€ngstlich ans GeĂ€st, als ob sie es bereuen, nicht mit ihren sensiblen Artgenossen fĂŒr ein paar Monate in den SĂŒden gezogen zu sein. "

...als ob sie es bereuTen... Konjunktiv

aber es ist winzig gegenĂŒber deinem Bewusst-Sein

Viele GrĂŒĂŸe
wondering



__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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Rainer
???
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hallo el gazzo,

auch von mir zuerst einmal herzlichen glĂŒckwunsch zu diesem text. sowohl sprachlich als auch inhaltlich finde ich ihn faszinierend; auch ansonsten schließe ich mich wondering voll an.

ein paar kleine problemchen habe ich aber noch damit :

der schon von wondering "monierte" satz. bereuen oder bereuten? da gefĂ€llt mir bereuen besser (`tschuldigung wondering ), da die armen federntrĂ€ger es wohl noch immer tun. mir "missfĂ€llt" ein anderes wort: sensibel. wĂ€ren die verbliebenen vögel nicht empfindsam (sensibel), so wĂŒrden sie doch unbeeindruckt von vĂ€terchen frost auf ihren Ă€sten hocken. demnach fĂ€nde ich sensibleren besser, da die zugvögel stark vereinfacht (wir lassen mal alle anderen aspekte aussen vor ) einfach empfindsamer als die hiergebliebenen sind.

das bild des hammerschlages auf den dickwulstigen porzellanteller finde ich schrĂ€g. bei mir stellt sich einfach kein ton im kopf dazu ein, der mit eigenen "pfĂŒtzenkrachenlassen - erfahrungen" korrelliert. birst der teller, so springen doch einzelne teilstĂŒcke davon, und erzeugen eigene, höherfrequente töne. das dĂŒrfte aber einem pfĂŒtzentritt nicht passieren. selbst wenn stĂŒcke aus der pfĂŒtze herausfliegen sollten, fallen diese meines erachtens nach anders als porzellan (dichteunterschied).


trotzdem, es ist ein sehr schöner und vor allem schwulstfreier text, an den ich bei meinem nÀchsten winterspaziergang bestimmt denken werde.


viele grĂŒĂŸe

rainer
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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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El Gazzo
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Hallo Wondering

Ich stimme deiner Verbesserung mit Freude zu. Danke fĂŒr deine Wortmeldung.

Hallo Rainer

Auch dir sei Bedankung angetan, denn dein Vorschlag ist ebenfalls besser als meine Lösung.
Im letzten Punkt stimme ich dir allerdings nicht zu. Das Eis fliegt nicht weg, sondern bricht ein. Der darunterliegende Raum wirkt als Resonanzkörper, wie bei einer Gitarre. Das ist es ja, was auch hohl klingen kann. Zerbrich mal einen dicken Blumentopf, es hört sich an wie ein dumpfer Knall.
Ein besseres Wort fĂŒr "wulstig" hĂ€tte ich allerdings auch gern. Es steht fĂŒr "dick". Die dĂŒnnen klingen heller.

Liebe GrĂŒsse und einen schönen Tag

El Gazzo
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als ich hörte, dass der Weg das Ziel sei, blieb ich unversehens stehen...

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Rainer
???
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hallo el gazzo,

okay .
statt wulstig (bezeichnet meines erachtens nach auch mehr den rand) fallen mir spontan nur sehr unprosaische wörter wie dickwandig, klobig etc. ein, die mir auch nicht gefallen.

zwei unbeholfene vorschlÀge:
beschrieb es doch so, wie du es mir beschrieben hast; mit dem blumentopf.
oder ersetze den porzellanteller durch eine fallende steingutschĂŒssel.

oberlehrerhafter exkurs: porzellan, steingut oder ton (ich denke du meinst einen ton-blumentopf) sind unterschiedliche materialien; zwar sind es alles keramiken, aber sehr differenziert in ihrer inneren struktur (die fĂŒr den klang beim brechen ausschlaggebend ist)
porzellan: sehr hart, deswegen heller klang beim brechen
(vergl. glas)
steingut: weniger hart, und meist, auf grund des gröberen ausgangsmaterials, mit großer wandstĂ€rke verarbeitet (tiefer ton)
ton: am "weichesten", da die körner je nach brenntemperatur nur teilweise bis kaum miteinander versintert sind, kommt es beim bruch zur verschiebung der körner gegeneinander, aber die körner selbst brechen nicht durch (sehr tiefer ton).
(vergl. den dumpfen klang beim auftreffen eines steines auf nassen sand; oder ein gegen die hausmauer geworfener schneeball. auch hier werden unterstrukturen gegeneinander verschoben, aber nicht gebrochen).


viele grĂŒĂŸe

rainerneunmalklug
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El Gazzo
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Hi Rainer,

Ich kann an Recherchen nicht anrĂŒchiges finden, ganz im Gegenteil!!
Auseinandersetzung dritter mit meinen Werken (?!?!),
der Sache auf den Grund gehen,
gibt es was Schöneres...

Danke fĂŒr deine Zeit

El Gazzo


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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber El Gazzo,

Ich las deinen Text und bin ĂŒberrascht.
Kenne ich dich doch bisher aus den Lyrik-Foren, wo du Akzente setzt.

Dein Gehen im Schnee hat Widerhall in mir ausgelöst. Ich hörte das Eis knacken, hatte auch mit dem Porzellanteller keine MĂŒhe und deine kindliche Freude auf die nĂ€chste PfĂŒtze ist mir sowieso sehr nahe.

Dein Stil hat sich im Vergleich zum ersten hier eingestellten Prosatext grundlegend geÀndert.
Er ist nun kompakt, prĂ€zise, ohne ĂŒberflĂŒssigen AusschmĂŒckungen. Mit kleinen Ausnahmen, zum Beispiel dem Nebensatz zu den Vögeln, die im GeĂ€st klammern. Dieser Satz wĂŒrde bei mir einfach lauten: "Vereinzelte Vögel klammern sich Ă€ngstlich ans GeĂ€st".

Ich gratuliere zu diesem Ergebnis und wĂŒnsche weiter viel Freude am Schreiben mit immer besseren Texten.

Lotte Werther

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