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Bei einem Besuch des Hannoveraner Zoos lasse ich mir auf keinen Fall die Eisbären entgehen. Auch bei den Elefanten schaue ich immer vorbei und der Besuch im Lori-Haus ist ein Muss, wenn man erleben will, wie soliden Menschen von bunten Vögeln auf dem Kopf herumgetanzt wird. Im wahren Leben ist es schließlich oft genug genau anders herum. Mein Liebstes zum Abschluss ist aber der Besuch der Schlange am Bootshaus des Sambesi. Dort, artig hinter meinesgleichen eingereiht, kann ich zusammen mit dem kecken Erdmännchen aus dem Gehege nebenan besonders an den heißen Tagen vielen bunten Bildern frönen: Rankende Blumen auf strammen Waden. Tonnenweise asiatische Literatur unter Haaransätzen oder über Bizepse hinweg. Dämonen und Adler, Schmetterlinge, HelloKitty, Feen, Zauberer, alle treffen sich an der frischen Luft und zur Schau getragen auf Rücken, Bäuchen, Beinen, dort in der Menschenmenge vor dem Bootshaus des Sambesi. Was für ein Gleichnis! Die Gegensätze dieser Welt, friedvoll vereint, auf engem, ja oft allzu engstem Raum. Dort nämlich, wo sich Schmetterling, blutrünstiger Tiger und Co. über den Allerwertesten ihrer Besitzerin hinweg in toleranter Koexistenz Flügel oder Pfoten reichen. Aus jedem Dorf ein Hund.
Was im Zoo noch so angemessen erscheint, verwandelt sich nach Durchschreiten des Ausgangs in Erklärungsbedürftigkeit. Was soll dieses bunte Treiben? Und: Was ist daran so schön? Angelina Jolie jedenfalls hat eine einleuchtende Erklärung zur Hand. Hier Zaubersprüche zur Stärkung des Ego, dort die kosmischen Koordinaten ihrer Kinder. Die praktischer Weise auch gleich den Namen des Ex-Gatten verdecken. Neues, alte Wunden überlagernd. Wogegen unsere Heidi Klum schon fast konservativ erscheint: Erst der Name ihres Mannes, dahinter für jedes Kind ein Stern. Wie es sich für die moderne Patchworkfamilie gehört, auch Kind Nr. 1 hinter Seal aufgereiht, während wir doch alle wissen, dass sein leiblicher Vater in Italien weilt. In den heutigen Zeiten der Tattoo-Manie ließe sich fast fragen: Jedem Kind ein Stern, oder jedem Stern ein Kind? Immerhin getreuliche Verfolgung des Mottos: Sie müssen nicht zusammen passen. Weder die Väter, noch die Tattoos. Ein jedes, die Tattoss meine ich, muss nur eine Geschichte erzählen. Eine sehr persönliche noch dazu. Wie beispielsweise im Fall von Pink, deren tätowierter Lebensgeschichte ein Musiksender einstmals glatte 25 Minuten widmete.
Nun ist es im Falle von Künstlern nicht wirklich verwunderlich, wenn sie ihr Innerstes nach außen kehren. Das gehört nun mal zum Job desjenigen, der Lieder oder Bücher schreibt, oder einfach nur vor der Kamera auf Kommando irgendeines Regisseurs mal den Affen und mal den Superman mimt. Was führt aber Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher dazu? Meine Frage erübrigt sich, als mich ein Bodybuilding gestählter Typ anrempelt, der sich und seinem Nachwuchs in Kinderkarre mit Robby Williams Gebaren einen Weg zum Parkplatz bahnt. Um mich herum ziehen Träume vorbei. Bunte Farbblasen, so geschickt positioniert, dass sie nur angesichts des schönheitschirurgischen Laserstrahls platzen.
Bettina Wulf, die hatte einstmals auch einen Traum. Ob der wirklich war, als Bundespräsidentengattin ihren Job aufzugeben und Richtung Berlin zu ziehen, sei einmal dahingestellt. Böse Zungen behaupten ja, sie hätte Großburgwedel durchaus als weltpolitisches Pflaster zu bevorzugen gewusst. Das andere jedenfalls ist, dass ihr spätestens seit Erwählung ihres Gatten die konservative Presse das Tragen langärmliger Bekleidung nahe legt. Natürlich humoristisch angehaucht, man will es sich ja nicht mit 99% der Bundesbevölkerung versauen. Und wer ist heute noch so spießig, dass er seine Tattoos verhüllt oder auf das Lesen von Feuchtzonen-Literatur in aller Öffentlichkeit verzichten würde. Freie Meinung, freie Träume, freie Bürger – solange wir nur ordentlich dafür bezahlen. Und Sido und seiner Lebenspartnerin mit ihrem frisch eingerichteten Tattoo-Studio eine zusätzliche Einnahmequelle verschaffen, falls es mit der exhibitionistischen Sangeskarriere nicht mehr so klappen sollte. Auch ich blieb letzten Endes nicht vom Tattoowahn verschont, indem ich mich in nihilistischer Antipode übe. Die Schönheit meines bleichen Körpers im stundenlangen Chatmarathon beschrieben – statt gepierced, gebranded, tattooed oder getaggt. Womit ich in Zeiten wie diesen provozierend langweilig, ja nahezu avantgardistisch bin. Den Traum aufzufallen träumt schließlich fast jeder von uns.
Aber eben nur fast. So manch einer der von Dataprotection gebeutelten IT-Branche hingegen würde sich wünschen, unsere Bundespräsidentengattin fühlte sich durch ihr Tattoo auf dem Oberarm zu Höherem inspiriert, nämlich dazu, sich im schicken, ärmellosen Top in den Armen des Gesundheitsministers Philipp Rösler zu präsentieren. Welch Sinnbild das doch wäre. Für den unermesslichen, gesellschaftspolitischen Wert dieser auf kleinstem Raum gesammelten, hautnahen, persönlichen Information. Nicht mehr nur hip, sondern chip. Gesundheitschip! Bislang nur bei einem abgedrehten Millionstel unter uns vertreten und akzeptiert. Wer weiß, wie viele lägen Bettina Wulf unter Tränen in den Armen, sollte es ihr gemeinsam mit Philipp Rösler gelingen, nach dem Tattoing das Chippen zum Hype des jungen Jahrtausends zu lancieren. Bei Tieren hat es sich schließlich bereits bewährt. Und vielleicht wären mein Kumpel, das Erdmännchen, und ich dadurch endlich auch mittels innerer Werte vereint.
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