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Leselupe.de > Erzählungen
Walburga D.
Eingestellt am 16. 11. 2007 18:38


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Raniero
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Walburga D.

Rückblickend kann man in der Tat nicht anders als festzustellen, und darin sind sich alle, die sie kannten, einig, Walburga Dünngesäß war schon eine außergewöhnliche Frau.
Nicht nur die Tatsache, dass sie seinerzeit ausgerechnet Alfred Dünngesäß, ihren späteren Ehemann, gegen den Willen ihrer verzweifelten Eltern auserkor, um mit ihm gemeinsam durchs Leben zu schreiten, sondern vor allem die Hartnäckigkeit, mit der sie diesen Plan umsetzte, legt ein beredtes Zeugnis über die unbändige Willenskraft dieser einmaligen Frau ab.
Walburga hieß natürlich nicht immer Dünngesäß, und nach dem Willen ihrer Eltern, die diesen Namen geradezu hassten, sollte sie so auch nie heißen.
Zu Anfang, als sie ihn kennenlernte, ihren Alfred, und der Gedanke langsam Gestalt annahm, mit ihm das ganze Leben zu teilen, herrschte auch bei Walburga ein wenig Unsicherheit.
Mit Alfred das Leben teilen, sagte sie sich, warum nicht, aber unbedingt auch noch seinen Namen, für’s ganze Leben und darüber hinaus, auf dem gemeinsamen Grabstein?
So versuchte Walburga vorsichtig, die Situation zu retten, indem sie Alfred in einer zärtlichen Stunde vorschlug, doch künftig ihren Geburtsnamen zu übernehmen, doch hierbei stöhnte der Ehemann in spe entsetzt auf:
„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mich für den Rest meines Lebens Doppelkien nennen werde.“

Walburga, die noch gehofft hatte, das langgezogene ie könne ihren Freund umstimmen, versuchte es stattdessen mit einem Kompromiss, doch weder die Bindestrichkonstruktion Doppelkien- Dünngesäß noch deren Umkehrung ließ bei Alfred Begeisterung aufkommen.
„Was willst du denn, Schatz?“ gab er zurück, „uns Dünngesäße gibt es schon seit vier Generationen, welchen Anlass hätte ich, das zu ändern?“
Ein wenig enttäuscht sah Walburga ein, dass sie in diesem Punkt absolut nicht weiterkam; wenn sie ihn haben wollte, den Alfred, dann nur zusammen mit seinem Namen, und sie wollte ihn halt unbedingt, und so wurde eines schönen Tages aus dem Fräulein Walburga Doppelkien die Frau Walburga Dünngesäß.

Die alten Doppelkiens blieben der Hochzeit fern, aus vorgenannten Gründen, während die Dünngesäße, Alfreds Eltern, umso lebhafter teilnahmen.
Schließlich war Alfred ihr einziger Sohn, und nichts freute die Eltern mehr, als dass ihr Name, den sie schon vom Aussterben bedroht sahen, in der nächsten Generation fortgesetzt würde. Aus diesem Grund erhofften sie sich natürlich von Walburga und Alfred zahlreiche Enkel, und zumindest einer davon hatte männlichen Geschlechts zu sein.
Allerdings kam es anders, als sie es sich vorgestellt hatten.
Im Verlauf der nächsten sieben Jahre brachte Walburga fünf Kinder zur Welt, ausnahmslos Mädchen, und die Großeltern Dünngesäß wie auch ihr Sohn Alfred machten sich Sorgen.
Den kleinen Mädchen hingegen blieben diese Sorgen vorerst weitgehend verborgen, und sie erlebten eine unbeschwerte Kindheit, die jedoch abrupt endete, als sie eingeschult wurden und dort zum ersten Mal ihren vollständigen Namen buchstabieren lernten. Was waren das für peinliche Situationen, für eine jede von ihnen, als sie von anderen Kindern verlacht und über den Inhalt ihres Nachnamens aufgeklärt wurden.
Die Mutter vertröstete sie, eine nach der anderen, mit dem Hinweis, dass sie später einmal durch Hochzeit einen bürgerlicheren Namen erwerben könnten, und so kehrte für eine Zeitlang eine gewisse Ruhe ein, in ihre kleinen Seelen.
Der Vater aber hatte für die Probleme der Töchter kein offenes Ohr und sehnte sich stattdessen nach einem Stammhalter, der den Namen Dünngesäß ins nächste Jahrhundert tragen würde.
Hier aber hatte die Natur ein Einsehen und verhinderte weitere Schwangerschaften von Walburga, sodass sich Alfred Dünngesäß schließlich schweren Herzens von dem Gedanken einer Fortführung seines Namens trennen musste.
Aus Kummer darüber biss er eines Tages sogar ins Gras, doch einen Trumpf hatte er zuvor noch im Ärmel.
Als es ihm dämmerte, dass sich kein Stammhalter mehr einstellen würde, rang er seiner Walburga das Versprechen ab, sie möge, sollte sie ihn überleben, auf ihrem gemeinsamen Grabstein in wohlfeilen überdimensionalen Lettern und weithin leuchtend seinen Nachnamen einmeißeln lassen.
Schweren Herzens hatte sie damals zugestimmt, die Walburga, und am Tag der Beerdigung stellte sich daher keine rechte Freude ein, weder bei ihr noch bei den Töchtern. Im Gegenteil, als einige Tage später der Grabstein aufgerichtet wurde und der verhasste Nachname weithin sichtbar über das Feld hinausragte, bestürmten die Töchter, welche inzwischen alle geheiratet hatten und nicht mehr Dünngesäß hießen, ihre Mutter, doch endlich den verfluchten Nachnamen zu ändern, bevor es zu spät sei.
Walburga kamen die Tränen; ob über den schmerzlichen Verlust ihres Ehegatten oder über die rührende Fürsorge ihrer fünf Töchter, sei dahingestellt, und von diesem Tag an hatte sie keine Ruhe mehr, bis, ja bis sie selbst auf dem Sterbebett lag und statt des Pfarrers der Standesbeamte herbeieilte, um sie endlich zu erlösen und umzutaufen.
Befragt, wie sie in Zukunft heißen möge, konnte Walburga nur noch röcheln:
„Breit…“, danach neigte sie das Haupt zur Seite.

Auf dem Friedhof aber steht nun ein Grabstein mit einer recht merkwürdigen Inschrift:
Hier ruhen Alfred Dünngesäß und Walburga Breit... vormals Dünngesäß geborene Doppelkinn
und an manchen Tagen nimmt die Schlange der Schaulustigen vor der Gruft kein Ende.

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