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Leselupe.de > Erzählungen
Waldgeflüster
Eingestellt am 30. 11. 2001 23:50


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Ludowika
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2001

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Waldgeflüster
Nach langen Regenwochen hat sich die Sonne durch die Wolken gekämpft und sie vertrieben. Ich öffne das Fenster, spüre ihre Wärme, und es hält mich nichts mehr im Haus. Die viel-leicht letzten Sonnenstrahlen, bevor die kalte Jahreszeit ihren Einzug hält, will ich auf einem Spaziergang genießen.
Die Wege sind naß, und ich muß achtgeben, weil abgefallenes Laub glatt und rutschig den Boden bedeckt.
Das Spiel des Windes in den Bäumen läßt viele Bilder entstehen. Zweige, die sich ihm widersetzen und schaukelnde Blätter, von der Sonne angestrahlt. Hin und wieder überqueren Rehe meinen Weg und genießen wie ich die Spätsommerstimmung: Ein letztes Aufatmen, bevor der Winter den noch leuchtenden Herbst vertreibt. Der Wald ist schön in seiner Vielfalt, seinem bunten Kleid.
Ich verlasse den Weg und steige über hervorstehende Wurzeln alter Bäume. Die Sonne hat blutrote Gassen durch den Wald geschnitten, und jeder einzelne Baum, ob Tanne, Eiche oder Buche, erstrahlt in seiner eigenen Schönheit.
An einer großen Tanne bleibe ich stehen und lehne mich an ihren Stamm, breite meine Arme weit unter ihrem sternförmigen Nadelkranz aus und schaue durch ihre Zweige in den blauen Himmel. In dieser Stille spüre ich eine starke Kraft, die von dem Baum ausgeht und fühle mich ganz eins mit ihm. Raschelnde Blätter, säuselnde Zweige und das Lied des Windes vereinen sich zur Sprache der Bäume, die bei genauem Hinhören verständlich ist. Die Tanne ächzt, biegt sich zur benachbarten Eiche und säuselt ihr zu:
„Warum wirfst du deine Blätter ab und behältst sie nicht wie ich? Ich bin immer grün, und du streckst deine kahlen Zweige in die Luft.“
Wohin führt mich nur meine Phantasie? Und schon geht es weitergeht.
„Du Angeberin, warst du jemals in deinem Leben so bunt wie ich? Und nennt man dich die Starke, wie ich genannt werde? He, jetzt bist du ganz still geworden“ tönt die Eiche und läßt sich weiter vom Wind streicheln. Während ich durch die bizarren Zweige ihrer Krone schaue, ihre Größe bewundere, kichert die Tanne:
„Du kitzelst mich, laß das! Hörst du nicht? Ich halte das nicht aus.“
Sie schüttelt sich. Alle Zweige hat sie in Bewegung gebracht. Beim näheren Hinsehen fallen mir einige schwankende Äste auf, und ich sehe Eichhörnchen in den Zweigen herumspringen. Ein weiteres Tier läuft den Stamm entlang.
Allmählich beruhigt sich der Baum und duldet die kleinen Gäste.
Majestätisch dreht sich die Tanne zur anderen Seite, berührt mit ihren Zweigen eine Buche.
„Warum wirfst du deine Bucheckern auf den Boden? Nicht genug, daß du auch dein schönes Kleid ausziehst. Sieh mich an und alle Tannen hier. Wir behalten immer unsere grünen Nadeln und bringen den Menschen Freude, besonders an Weihnachten. Viele von uns wurden schon mit Kerzen und bunten Kugeln geschmückt. Kein Baum kam zurück. Aber wir bringen Licht und Fröhlichkeit in die Häuser. Ich hätte auch gerne einmal ein solches Fest erlebt. Leider bin ich schon zu alt dafür. “
Über weiches Moos gehe ich leise weiter und lege mein Ohr an den Stamm der Buche, die sich sehr schlank in die Höhe reckt. In ihrer Rotfärbung ist sie durch das Sonnenlicht noch leuchtender und einmalig schön.
Mückenschwärme hängen über dem Waldboden, können mich aber nicht ablenken, denn die Rinde der Buche wird unruhig, und ich höre sie murmeln :
„Ihr Tannen seht doch alle gleich aus. Oh, ist das langweilig. Mit meinen grünen Blättern im Frühling und dem roten Laub im Herbst lieben mich die Menschen. – Ach, sei doch nicht so laut“, ermahnt sie einen Specht, der an ihr herumhackt, sonst versteht mich die Tanne nicht!“
Und ihrem Gegenüber wieder zugewandt, plappert sie weiter: „Alle Tiere des Waldes, Rehe, Hirsche, Igel und viele andere, ernähren sich von meinen Früchten. Was tut ihr denn schon für sie? Sag mal, hörst du mir überhaupt noch zu?“ fragt sie die Nachbarin, die sich abgewandt hat.
Ich bin so in diesen Dialog vertieft, daß ich die Elstern, die mittlerweile mit großem Lärm den Nadelbaum bevölkern, nicht bemerkt habe. Inzwischen beherrschen sie mit ihrem Gezeter den Wald, so daß ich nichts mehr verstehen kann. Bunte Blätter wirbeln auf, fliegen durch die Luft, und ich sehe, wie der Wind sein Spiel mit dem Laub treibt. Tannen biegen sich einander zu und reiben sich aneinander, ihre Zapfen stehen aufrecht. Nur wenn das Gedränge zu groß wird, fallen einige auf den Boden. Auch hier höre ich wieder die Stimmen der Bäume und bleibe stehen.
„Hast du mitgekriegt, was die Buche dort drüben erzählt hat? Eigentlich hat sie recht mit dem Futter. Das haben wir Tannen und Fichten nicht. Aber wir bieten jede Menge Platz für viele Tiere, die bei uns wohnen möchten.“
Wie auf Kommando brechen Käfer die Rinde auf und kommen hervor. Verschwinden wieder sehr schnell, als sie den Vogel-schwarm in der Baumspitze über sich erblicken.
„Ach“, erinnert eine Tanne, „ich muß immer noch an die dicke Spinne denken, wie sie vor dem Kleiber davonlief, und wie der immer wieder neu nach ihr pickte. So fett sie auch war, ihre Schnelligkeit hat ihr das Leben gerettet.
Gerne würde ich noch lange weiter durch den Herbstwald spazieren, doch die Sonne steht schon weit am Horizont, und es wird merklich kühler. Auf dem Rückweg wieder bei der gro-ßen Tanne angekommen, lehne ich mich an sie, will noch einmal ihre Energie empfinden und mich an dieser Kraft stärken. Warum wippt sie nur so wütend mit ihren Zweigen und wirft die vielen Zapfen ab? überlege ich, als auch schon die Eiche brummt:
„Bist du wütend, du immergrüner Baum? Wir sollten uns nicht gegenseitig ärgern. Jeder hat etwas, was der andere nicht hat. Und das ist gut so.“
Die Tanne windet sich hin und her, will einfach nicht auf das Friedensangebot eingehen und raunt zurück: „Wir heißen nun mal die Immergrünen. Du kannst noch so viel reden. Und wir sind eben für die Menschen da, wenn sie ihr Weihnachtsfest feiern wollen. Ist je eine Eiche oder Buche oder sonst wer in ein Wohnzimmer geholt worden? Nein! Die Menschen kommen zu uns, suchen ihre Wunschtanne aus und tragen sie mit Vorfreude auf das Fest nach Hause.
Als die anderen Bäume sich abwenden und schweigen, wird die Tanne nachdenklich und muß zugeben, daß sie Unrecht hat, wenn sie den Waldfrieden mit ihrem Gehabe stört. Ich spüre den Ruck, der durch den Baum geht und höre sie sagen:
„Ihr habt ja recht! Da wir Lichtträger sind, müssen wir auch Friedensstifter sein!“
Plötzlich erfüllt ein großes Rauschen den Wald. Tannen, Eichen und Buchen neigen sich einander zu und schließen Frieden.
Neugierig lauern kleine und große Waldbewohner hinter den Baumstämmen hervor und spüren die Größe dieses Augenblicks. Obwohl ich noch lange bleiben möchte, gehe ich leise davon und lasse dem Wald und seinen Bewohnern ihre Geheimnisse..
Der Wind hat sich zurückgezogen. Letzte Vogelstimmen verklingen im Abendrot, und ich wünsche sehnlichst, daß ich etwas von diesem Frieden mit nach Hause nehmen kann. Tiefe Ruhe ist in mir und der Wunsch, zum nächsten Weihnachtsfest, einen Tannenbaum ganz besonders hübsch zu schmücken.



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