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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Walpurgisnacht
Eingestellt am 31. 08. 2007 13:16


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Inu
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Walpurgisnacht


"Die Nacht zum 1. Mai ist die gefĂ€hrlichste des Jahres", hatte eine alte Frau im Dorf zu Marie gesagt,"da kehren die Seelen der Gestorbenen wieder - solche, die im Jenseits nicht in die Gemeinschaft der Seligen kommen können, weil sie im Zustand einer TodsĂŒnde starben ... zum Beispiel Menschen, die einem Mord oder Unfall zum Opfer fielen und keine Zeit mehr hatten, in der Beichte ihre Taten zu bereuen. Von Gott aus dem Himmelreich verbannt, irren diese armen Wesen ruhelos durch die Öde des Alls und kehren nur in dieser einen Nacht zur Erde zurĂŒck, um sich den Menschen in Erinnerung zu bringen."

Sonderbare Geschichten gehen um und alte Leute raunen von Zauberern und Hexen, die mit Pentagrammen, mit magischen Formeln in die andere Welt einzudringen suchen ... und es manchmal sogar schaffen. Da rĂŒckt dann die unsichtbare Welt ganz nah an die sichtbare heran, es lĂŒftet sich zumindest ein Zipfel vom Geheimnis der jenseitigen SphĂ€ren.“


"Lasst mich doch bitte heute Nacht lĂ€nger aufbleiben und mit den anderen Kindern draußen herumlaufen, ihr wisst schon - MaikĂ€fer sammeln!", bettelt Marie beim Abendessen.
"Der Vater sagt "nein“, sagt "im nĂ€chsten Jahr vielleicht, wenn du vierzehn bist!"
"Och, bitte, bitte!"
„Nein.“
Die Tochter heult vor EnttÀuschung
Mama schaut den Vater an und versucht ein aufmunterndes, mild stimmendes Nicken.
"Na gut", sagt der, „na ja ... aber um halb elf bist du wieder da ... sonst ..."
"Klar ", ruft Marie und ist schon weg.

Nun tauchen jedoch die Überirdischen niemals vor Einbruch der Geisterstunde auf. Das weiß jedes Kind. Erst nach Mitternacht wird es richtig interessant. Deshalb haben die HalbwĂŒchsigen nicht vor, so zeitig zurĂŒckzukommen, wie sie daheim versprochen haben. Auch Marie hat gelogen, sonst hĂ€tten die Eltern sie erst gar nicht fortgelassen. Und natĂŒrlich hat das draußen-Herumfegen in der Hexennacht nur am Rand etwas mit MaikĂ€fer-Einsacken zu tun!

Die zirka fĂŒnfzehn MĂ€dchen und Jungen, VolksschĂŒler sind sie noch allesamt, treffen sich also am Rand des Ortes auf dem Hahnenkopf. Der Hahnenkopf ist der höchste HĂŒgel in der Umgebung.

Um genau zu sein: am ‚Bildstöckel‘ haben sie sich verabredet, einer aus rotem Backstein gemauerten MariensĂ€ule. In deren oberem Teil ist eine kleine Kammer eingelassen und darin steht, geschĂŒtzt hinter schmiedeeisernem Gitterwerk, die Muttergottes. Jemand steckt im Sommer immer frische Blumen zwischen die Metallornamente. Im Winter sind es Kiefernzweige. Oder weiße Chrysanthemen.

Das Bildstöckel erhebt sich am Ende des Dorfes, an jener berĂŒhmten Stelle, wo vor Zeiten ein Pilger, auf seinem Weg zum Eifelkloster Maria-Laach, Halt machte.

Das muss um das Jahr dreizehnhundert nach Christus gewesen sein. Ohne jede menschliche Ansiedlung, von dichtem, nordischem Urwald ĂŒberzogen, lag damals das Land. Der einsame Wanderer - viele Tage war er schon zu Fuß unterwegs gewesen - legte sich unter eine Eiche zum Schlafen nieder. In der Nacht schreckte er entgeistert hoch. Die Hölle war losgebrochen: RegengĂŒsse, Hagel, Orkan! Das Unwetter hörte nach einer Stunde nicht auf, nicht nach drei, noch nicht einmal nach acht Stunden. Ein Sturm fegte ĂŒber die Erde, dass die Äste von den BĂ€umen herunterkrachten und die StĂ€mme brachen. Dazu dröhnte Donner, ohrenzerreißend, Schlag auf Schlag.

Der Pilger, starr vor KĂ€lte, bis auf die Knochen nass, fast um den Verstand gebracht vom Gezucke und Leuchten der Blitze, die in Sekundenschnelle einander jagten, dachte, nun werde die Welt untergehen.
Dann schlug ein gezackter Strahl auch noch in die Eiche ein, unter der er zitternd hockte und verfehlte ihn selbst um Haaresbreite. Der Mann in seiner Todesfurcht betete ... wahrscheinlich. Dann nahm er die kleine, steinerne Skulptur der heiligen Jungfrau, die er als Gabe fĂŒr die Mönche von Maria Laach in seinem Ranzen mit sich trug und stellte sie in die Höhlung des vom Blitz gespaltenen Baumstammes.
Wollte er vielleicht einen Pakt mit Maria schließen ... ihr sagen: "Sieh, ich werde dir diese Statue, dein kostbares Abbild, zum Geschenk machen, indem ich sie, fortan fĂŒr jedes menschliche Auge unsichtbar, tief in diesem Baumstumpf versenke, hier inmitten der UrwĂ€lder. Du, heilige Mutter, sollst mich im Gegenzug vor kommendem Unheil schĂŒtzen!"


Es gibt noch eine andere Version der Geschichte. Von einem Handwerksburschen im Mittelalter, einem Steinmetzgesellen auf Wanderschaft, berichten die Alten. Im Ranzen trug er ebenfalls eine kleine Statue der Madonna, die er seinem Meister, einem Bildhauer, gestohlen hatte und auf dem Markt zu Trier fĂŒr gutes Geld verkaufen wollte. Tagelang durchquerte er die dichten, weg- und steglosen WĂ€lder. In einer Gewitternacht schien alle Unbill der Natur auch auf ihn niederzuprasseln: losgelassen waren die DĂ€monen und Geister des alten Germanien, sie rasten auf ihren schĂ€umenden Rossen durch die Dunkelheit und wirbelten den armen Handwerksburschen nur so herum, dass ihm Hören und Sehen verging. Die unerbittlichen, heidnischen Götter trachteten ihm nach dem Leben ... Wotan und seine wilde, mordgierige Jagd! Dazu Freya, flammend im Blitz ... ihr Lachen dröhnte ihm aus den DonnerschlĂ€gen entgegen. So, weltenweit entfernt von jeder menschlichen Behausung, packte auch diesen armen Wicht die Todesangst.

Bestimmt hatte er wegen seines Madonnen-Diebstahls Furcht vor Gottes Zorn und mochte das unrechte Gut nicht mehr lÀnger bei sich behalten? Oder er wollte die Statue als heiligen Schutzschild benutzen, Fetisch gegen die MÀchte des Bösen, gegen Wotan und seine Meute? Mit letzter Kraft nahm er jedenfalls das kleine Standbild und stellte es in die Spalte des zerborstenen Eichenstammes.

Als er am Morgen weiterzog, musste er die Figur dann in dem Baum vergessen haben. Weiterzog??

Über die verlassenen WĂ€lder wehte nun der Wind der Jahrhunderte.
Dann kam ein Tag - man schrieb das Jahr 1640, in Europa wĂŒtete der DreißigjĂ€hrige Krieg - da waren Soldaten unterwegs, versprengte Bauernsöhne, Deserteure aus dem Heer eines der unzĂ€hligen, deutschen LandesfĂŒrsten, Heimatlose ohne Ziel, deren Dörfer und Familien das Morden und Brandschatzen nicht ĂŒberlebt hatten. Auf der Flucht vor den schwedischen Horden und nicht zuletzt, um der wild grassierenden Pest zu entgehen, war die Gruppe in das riesige, unberĂŒhrte Waldgebiet geraten.

Als sie sich an jenem Abend zerstreut hatten, um Holz fĂŒr das Lagerfeuer zu sammeln, schrie plötzlich einer von ihnen laut auf und da ... inmitten eines Teppichs von Anemonen lag, umhĂŒllt von altem Laub und den Fasern eines fast vermoderten Baumes, die liebliche Statue der Muttergottes und des Kindes. Der Stamm, lĂ€ngst schon umgestĂŒrzt, hatte seinen kostbaren, steinernen Schatz freigegeben.

Die rauen MĂ€nner fielen bei diesem Anblick auf die Knie, sahen das Geschehen als ein Wunder Gottes an. Und weil sie ohnehin die Hoffnung auf eine neue Heimat mit sich herumgetragen hatten, war ihnen schlagartig klar: Hier wĂŒrden sie bleiben, hier war gottgeweihtes Land. Den Fingerzeig des Himmels nahmen sie ernst. An solche heiligen Dinge glaubte man damals.

Es waren bei der Söldnergruppe auch Dirnen und Marketenderinnen, sowie ehrbare Bauersfrauen, deren MÀnner im Krieg erschlagen, deren Gehöfte die Schweden verbrannt hatten. In der Wirrnis der Zeit hatten sie sich alle zusammengeschlossen und waren zu Gleichen geworden.

Am nĂ€chsten Morgen fanden sie eine Quelle, die sich zu einem kleinen, klaren Bach formte, entdeckten in geringer Entfernung eine Reihe fischreicher Weiher. Zu ihren FĂŒĂŸen breitete sich in der Sonne eine liebliche, und, wie sich spĂ€ter herausstellen sollte, ziemlich fruchtbare Ebene.

Von nun an wĂŒrden sie nicht mehr weiter ziehen.
Sie begannen den Urwald zu roden. Der Ort, den sie bauten, wurde von ihnen ‚Marienstock‘ genannt, nach der Gottesmutter und nach dem Baumstumpf (Stock) worin sie die Statue auf so wunderbare Weise gefunden hatten.

Jetzt sind die tiefen WĂ€lder zum großen Teil abgeholzt.
An Stelle der alten, zerfallenen Eiche steht die gemauerte AndachtssĂ€ule, das Bildstöckel. Die ursprĂŒngliche Madonnenfigur ist daraus verschwunden, ist im Lauf der Generationen durch eine neue ersetzt worden, die ebenfalls auf mysteriöse Weise verschwand und einer noch neueren Platz machte. Der Name des Ortes ist geblieben.

*

Vom 'Bildstöckel' aus stĂŒrmt die Meute der jungen Abenteurer los. Aufs Brachland geraten sie jetzt, in die Gegend des Ginsters und der roten Sandkaulen. Rasend wie der Wind geht es ĂŒber Böschungen und Schotterwege. Die Kinder halten sich bei den HĂ€nden, bilden eine Kette. Keiner darf die Hand des anderen loslassen, dass die Kette nicht zerreißt. Die Jungen ziehen die MĂ€dchen mit. Leicht wie Luft und schriekend vor VergnĂŒgen, fliegen sie dahin ... berĂŒhren die Erde kaum.

Unten im Tal laufen sie querfeldein. Ackerboden heftet sich klumpig an ihre Schuhe. BĂ€che mit glucksend feuchten Ufern ĂŒberspringen sie wie nichts.

Nun tĂŒrmen sich vor ihnen die grauen Schlackenhalden. Vereinzelte Birken wachsen da. Ihre Zweige zittern, tanzen vor dem Hintergrund der Sterne. Hell, silberweiß leuchten die BlĂ€tter im Mondlicht.

An den Halden, auf die tagsĂŒber der dampfende Abraum aus den Kohlegruben ausgekippt wird, sind die HĂ€nge wie Rutschbahnen. All die kleinen, anthrazitfarbenen, krĂŒmeligen, noch warmen Gesteinsbröckchen fangen unter den FĂŒĂŸen zu rollen an ... Die Kinder stellen sich einfach oben auf die Halde, gleiten dann auf ihren Schuhsohlen bergab, als stĂŒnden sie auf Skiern. Andere setzen sich gleich auf den Allerwertesten und rutschen auf diese Weise mit den kullernden Steinchen nach unten. RiesengelĂ€chter. Mit den kahlen, grauen Schlackenhalden sind sie aufgewachsen ... ihre SpielplĂ€tze von Kindheit an.

SpĂ€ter auf den Wiesen im Mondlicht schĂŒtteln die MĂ€dchen und Jungen MaikĂ€fer von den BĂ€umen. KĂ€fersammeln muss sein ... es ist – vorgeschobene BegrĂŒndung fĂŒr das lange Ausbleiben in der Hexennacht. Marie hat wie die anderen, ein ZigarrenkĂ€stchen mit Luftlöchern. Da hinein steckt sie die Krabbeltiere.

Dann rennen sie wieder los.
Dicht steht das junge Getreide auf den Feldern, ein grĂŒner Teppich aus Samt soweit das Auge reicht. Und Mottenfalter fliegen.
Am Himmel flimmert und glitzert es vor lauter Sternen. Wie ein dicker, gelber Ball hĂ€ngt der Mond da. Nur noch ein kleines StĂŒck fehlt ihm zur vollen Rundung.

In den GĂ€rten leuchten, weiß wie Schnee, ĂŒbersĂ€t von Millionen BlĂŒten, die KirschbĂ€ume aus der Nacht. Tief hinunter auf den Boden biegen sich die duftenden Dolden.


Die herumvagabundierende Kinderschar verschleppt FahrrĂ€der, FensterlĂ€den, eine Schubkarre ... und schafft das Zeug dorthin, wo es spĂ€ter kein Mensch vermutet. Dann kommt Robert auf die gloriose Idee, am Haus von Frau Zang, der ‚Lieblingslehrerin‘, die hĂŒfthohe, schmiedeeiserne GartentĂŒr auszuhĂ€ngen. Mit vereinten KrĂ€ften schleppen sie das schwere StĂŒck ĂŒber eine ziemlich weite Wegstrecke, wuchten es polternd die Stufen hinauf auf den - ganz aus Holz gebauten - Aussichtsturm, der als uraltes Wahrzeichen der Gegend, oben auf dem Hahnenkopf thront. Das windschiefe Konstrukt knarrt und Ă€chzt schaurig im morschen GebĂ€lk. Es ist lebensgefĂ€hrlich, da hinaufzusteigen- so warnt ein Schild mit Totenkopf.

Gerade haben die Kinder die GartentĂŒr bis auf die zweitoberste Plattform gehievt, da biegt unten eine dunkle Gestalt um die Ecke. Es ist der Schutzmann und er kommt geradewegs auf den Turm zu. Seinen SchĂ€ferhund hat er bei sich ... den kennen alle, T e u f e l heißt er und veranstaltet jetzt an seiner Leine ein Riesengezerre und beim NĂ€herkommen ein Mordsgebell, nur ab und zu unterbrochen von blutrĂŒnstigem Hecheln. Pechschwarz ist der RĂŒde, sieht aus wie ein riesiger Wolf.

"Ich hab euch gesehen, kommt sofort da herunter ... aber vorsichtig", schreit Herr Stinnes, "oder der Teufel wird euch holen ...“

Jetzt lassen die jungen Wilden GartentĂŒr GartentĂŒr sein und spurten durchs enge, hölzerne Stiegenhaus nach unten. Nichts wie weg hier! In ihrer Flucht kugeln ein paar von ihnen ĂŒbereinander.

Der OrdnungshĂŒter hĂ€lt das heftig an der Leine reißende Satansvieh mit ziemlicher MĂŒhe zurĂŒck. Auch nĂ€hert er sich absichtlich nur langsam dem ‚Tatort‘. Er will ja keine Bösewichte fangen, es liegt ihm einzig daran, dass die jungen Leute von dem Bauwerk heil herunter kommen, bevor es endgĂŒltig zusammenkracht.

Als auch der letzte glĂŒcklich auf dem Erdboden steht und Herr Stinnes dann einige Male schrill auf seiner Trillerpfeife loslegt wie die Polizisten in den Dick-und-Doof-Filmen, da stieben sie, Jungen wie MĂ€dchen, johlend, kreischend in alle möglichen Richtungen davon.

SpĂ€ter sammeln sie sich wieder. Wie ein summender Bienenschwarm, driften sie ĂŒber die Wiesen gegen Alvansberg hin.
Jenseits der GÀrten des Dorfes wÀchst dann der Schörener Forst vor ihnen auf wie eine schwarze Wand. Durchs Unterholz schlagen sie sich. Hier im Dunkel unter den alten Baumriesen gibt es keine Wege. Es ist still. Nur ein Kauz ruft ab und zu in der Ferne.
Ein immer gleicher Laut. Der Kauz klagt und klagt. Unheimlich. Die Kinder erzÀhlen sich lieber lustige Sachen. Machen Witze. Manchmal prusten die MÀdchen vor Lachen los.
Nach und nach hören sie aber auf, zu reden. Das letzte Kichern verstummt. Denn seit einer Weile spĂŒren sie ihn ganz stark, IHN, den uralten Zauber ihrer heimischen WĂ€lder, durch die man noch immer wochenlang streifen könnte, ohne ein Dorf oder ein Gehöft zu berĂŒhren.

Irgendwann fĂ€ngt jemand an, Gruselgeschichten zu erzĂ€hlen. Vom verfluchten ‚Malditz‘. In WintersturmnĂ€chten rast er in Schnee und Eis durch die Tiefen der WĂ€lder ... eine verlorene Seele, ein Verfluchter, der schreckliche Taten begangen hat: Folter, Mord. Im Unwetter kann man ihn mit seinen Spießgesellen vorbeireiten und schauerlich heulen hören. Ihre Stimmen ĂŒbertosen das Brausen des Windes. Wer die Töne vernimmt, wird sterben.

Und dann die Geschichte vom riesigen, schwarzen Eber, der 1930 am helllichten Tag Mutter und SĂ€ugling zerfleischte. Das ist im ‚Saufang‘ geschehen, fĂŒnf Minuten von da, wo die Kinder jetzt herumlaufen. Sie wissen: Wildschweine gibt es im Schörener Forst noch immer. In Rotten streifen sie nachts durchs Unterholz.

Auch da, wo die jungen Leute jetzt sind, spielte sich ein Ereignis ab, das haben die Menschen nicht vergessen. Obwohl ... es ist Ewigkeiten her. Geschah lang vor dem ersten Weltkrieg. Um 1895 oder so.

Im Morgengrauen war der Förster wieder einmal jenem geheimnisvollen Wilderer auf der Spur, der immer die besten Rehböcke wegschoss. Verbissen lauerte der Staatsdiener dem Unbekannten auf, denn er spĂŒrte irgendwie seine Anwesenheit und entdeckte plötzlich die Blutflecken eines getöteten Tieres im Laub. Die Beute und den Verbrecher bekam er jedoch nicht zu sehen. War es ein Phantom, das hier sein Unwesen trieb? War der brave Beamte Opfer seiner eigenen Einbildungskraft oder von Halluzinationen? In der Vergangenheit hatte er oft gehört, wie SchĂŒsse knallten, konnte aber keinen Menschen ausfindig machen ...

An jenem frĂŒhen Morgen, nicht weit vom Saufang entfernt, gelang es dem Förster dann zu guter Letzt doch, den MissetĂ€ter zu stellen:
"Hab ich dich endlich, Elender!".
Aber der Wilddieb hob blitzschnell sein Gewehr, zielte und ... bevor der brave Waidmann das seine in Anschlag bringen konnte, war er schon tot. Eine einzige Kugel des frevlerischen SchĂŒtzen hatte ihn aus weiter Entfernung mitten ins Herz getroffen.

Der Mörder wurde schnell gefasst.
In der ganzen Umgebung begann man nun an heimischen Herden und in den Wirtsstuben wild zu streiten. Sollte der Mann gehenkt oder nur lebenslang eingekerkert werden? Es sah schlecht aus fĂŒr ihn, den Friedrich Schroth. Der Name des Försters war ĂŒbrigens Friedrich Poth. Und da machte jemand einen Reim darauf. So konnte man sich generationenlang an die Namen erinnern:

Es schoss der Schroth
den Förster Poth
im Walde toth.
Oh welche Noth,
er starb im frĂŒhen Morgenroth.

Nicht alle Sympathien der Dorfbewohner waren auf Seiten des ehrbaren Försters. Der war schroff zu Kindern gewesen und hatte sie verjagt, wenn sie im Wald spielten und eingebildet und stolz war er auch. Der Mörder aber, der Schroth, schien ein zweiter Robin Hood, der zu Zeiten großer Armut auf verbotene, doch vom Volk bewunderte Weise, das Fleisch fĂŒr Familie und Freunde, aber auch fĂŒr arme BedĂŒrftige, besorgt hatte. Von Beruf war er ohnehin SchĂŒtze. Der beste ScharfschĂŒtze weit und breit. Er hatte in einem Kaiserlich-Königlichen Infanterie-Regiment mit Auszeichnung gedient in jenem deutsch-französischen Krieg, der unzĂ€hligen Menschen das Leben kostete und heute komplett vergessen ist. Der Mann hatte viele Medaillen fĂŒr seine Meisterleistungen bekommen.

Auch beim Scheibenschießen spĂ€ter auf den KirmesplĂ€tzen, als er kein Soldat mehr war, erntete er stets Lorbeeren. Es musste die jahrzehntelange Übung an der Waffe gewesen sein, die ihn auch an jenem Schicksalsmorgen sein Gewehr so lĂ€ssig hatte abfeuern lassen.

In der Bevölkerung standen die meisten MĂ€nner auf seiner Seite. Sie hatten VerstĂ€ndnis fĂŒr den Wilddieb und seine Jagdlust. Dass er den Förster erschossen hatte, wurde ihm eher als trauriger Unfall ausgelegt. Auch die Richter im Prozess wollten ihn nicht ganz und gar verderben.

"Der Schroth ist ein untadeliger Soldat und bewunderter SchĂŒtzenkönig gewesen. Das hat ihn in einer Zeit, als Kriegshandwerk und Schießkunst noch hoch im Kurs standen, vor dem Galgen gerettet", erzĂ€hlte der alte Heinrich. "Er bekam acht Jahre. Zwei davon hat er verbĂŒĂŸt, dann soll er begnadigt und wieder auf freien Fuß gesetzt worden sein. Es gab nĂ€mlich wieder einen Krieg, wo man gute MĂ€nner brauchte. Aber ich weiß das nur von meinem Großvater.“

*

Die Kinder halten auf ihrem Lauf durch die WĂ€lder jetzt am Gedenkstein fĂŒr den unglĂŒcklichen Förster an. Stehen nun genau an der Stelle, wo vor ĂŒber sechzig Jahren die Bluttat geschah. Umgefallen liegt der Granitblock am Boden, in Humus und Laub versunken, die Aufschriften von Moos ĂŒberwuchert.
Im Licht von Brunos Taschenlampe und mit vereinten KrĂ€ften schaben sie die Flechten vom Stein. Entziffern halbverrottete Relief-Buchstaben. Worte eines alten Liedes tauchen auf ... Es war des toten Waidmanns Lieblingslied, verkĂŒndet die verwitterte Inschrift. Die meisten Zeilen sind nicht mehr lesbar, aber die Kinder kennen den Text ohnehin auswendig:

Im grĂŒnen Wald, da wo die Drossel singt,
das muntre Rehlein durch die BĂŒsche springt,
wo Tann' und Fichten stehn am Waldessaum,
verlebt ich meiner Jugend schönsten Traum.


Das Rehlein trank wohl aus dem klaren Bach,
derweil im Wald der muntre Kuckuck lacht,
der JĂ€ger zielte hinter einem Baum,
das war des Rehleins letzter Lebenstraum.


Getroffen wars und sterbend lag es da,
das man zuvor noch munter springen sah,
da trat der JĂ€ger aus des Waldes Saum
und sprach: "Das Leben ist ja nur ein Traum."

Er nahm die Flinte, schlug sie an ein Baum
und sprach: "Das Leben ist ja nur ein Traum."

*

Die Alten haben auch erzÀhlt, der Wilddieb hÀtte dem toten Förster nach seiner Tat noch die Ohren abgeschnitten. Als JagdtrophÀe sozusagen ...

Marie sitzt neben Helga auf dem umgefallenen Erinnerungsstein. Der ist eisig kalt an ihrem Hintern. Feucht und klamm. Marie hat ein komisches Kribbeln im Bauch. Das muss das ‚Grauen‘ sein? Schauer rieseln ihr ĂŒber den RĂŒcken.

Dann rennen die Kinder weiter. Bald taucht zu ihrer Linken der alte Wilhelmsthaler Friedhof auf. Durch eine LĂŒcke in der Taxushecke schlĂŒpfen sie hinein. Ein Teil der GrĂ€berfelder liegt in Dunkelheit unter den weit ausladenden Kronen der Baumriesen, der Rest bleckt ihnen hell im Mondlicht entgegen. Jetzt ĂŒberqueren sie brache, plattgewalzte FlĂ€chen.
Hoch aufgetĂŒrmt, sperrig, ragen dort Stauden- und KrautstĂ€ngel und dĂŒrre Äste zum Himmel. Auf einen Haufen geworfen, schimmern sie weiß im Mondlicht ...
"Hier pflĂŒgen sie alte GrĂ€ber um, machen Platz fĂŒr neue", sagt Andi, "... huh, guckt mal, an der Mauer da hinten sind Totenköpfe gestap...!"
"TatsÀchlich ...."

Sie rennen, so schnell ihre FĂŒĂŸe sie tragen, zwischen Holzkreuzen und vermoderten Blumengebinden dahin, dort, wo gestĂŒrzte Engel aus Stein ihnen aus kalkweißen Augen zulĂ€cheln. Dann ein metallisches Scheppern. Alle fahren hoch ... aber es war bloß Andi, der ĂŒber einen Blechkranz gestolpert ist.

In einem anderen Teil des Friedhofs sind, von Efeu ĂŒberwuchert, GrabstĂ€tten aus den letzten zwei Jahrhunderten. Hinter Marmor, Stuck, Ornamenten, SĂ€ulen, ruhen Tote, die einmal reicher und bedeutender waren als andere. Ihr Andenken kennt heute niemand mehr... Doch ihre wuchtigen EhrengrĂ€ber sind noch da. Familiengruften ... pathetische Bauwerke, umgrenzt von kunstvollen, schmiedeeisernen UmzĂ€unungen, die jetzt, windschief und verrostet, nach allen Seiten heruntergebrochen sind.
Dieser Teil des Kirchhofs ist von Zypressen verdunkelt. Dort schlĂŒpfen die HalbwĂŒchsigen durch die Hecke zurĂŒck in den Wald.

So wie in dieser Nacht war es noch nie. Es ist, als ob sie auf rĂ€tselhafte Weise tiefer und tiefer in den Forst gezogen wĂŒrden. Ein ‚Etwas‘ ist da, eine fremde Existenz. Es ist in der Starrheit der Baumriesen, in den spĂ€rlichen Kringeln und Mustern, die das Mondlicht hier und da durchs BlĂ€tterdach auf den Boden malt.
"SpĂŒrst du es auch?" Inges ZĂ€hne klappern.
Marie spĂŒrt es auch. Schon wieder ĂŒberfluten sie Schauer. Da ist eine Kraft, die von weither kommen muss ... von jenseits ... oder ...
Am liebsten hĂ€tte sie die TĂŒr vollends aufgestoßen zu dieser geheimnisvollen SphĂ€re.
Anni und Hilde – Zwillingsschwestern - fangen an, merkwĂŒrdige Worte zu murmeln. Die wollen sich wichtig machen. Aber ... ihre Tante besitzt nun einmal das sechste Buch Mose. Dort sind ZaubersprĂŒche drin.

"Fangt bloß nicht wieder mit eurer Spinnerei an!", grinst Markus.
"Ramire mano mafunju."
"Eh, stoppt den Quatsch!"
Hilde kniet auf dem Boden und malt mit seltsam geformten Wurzeln - oder Knöchelchen kleiner Nager? - die sie gefunden hat, Zeichen in die Walderde.
"Ramire mano mafunju."
"Hu, hu, Hexe." Werner zieht scherzend an Hildes Zöpfen. Doch niemand lacht.
"Ich will nach Haus", murmelt Inge.

Wirklich ... da ist dieses ‚Etwas‘ ... es nĂ€hert sich. Die ANDERE SphĂ€re ... Kreaturen, unsichtbare ...
Zuerst ist es vielleicht nur e i n jenseitiges Wesen, aber dann rĂŒcken sie aus allen Richtungen heran. Immer mehr, als sei ein verschĂŒtteter Weg plötzlich frei oder eine Mauer gestĂŒrzt worden. Sie ergießen sich scharenweise, ergießen sich in einer Flut, die die Kinder nicht sehen, nur spĂŒren können. AngefĂŒllt ist die Luft mit ‚Fremdem‘. Schwerer wird das Atmen. In unsichtbaren, dichten Schwaden drĂ€ngen die Wesen heran, wer immer sie sind, gestorbene Seelen oder die geheimen Mitbewohner des Planeten.

Die SchĂŒler fĂŒhlen mit Schaudern, wie in dieser Nacht eine mĂ€chtigere Welt auf ihre sichtbare trifft. Vielleicht, weil sie selbst im richtigen Augenblick am richtigen Ort sind, an der Nahtstelle, wo die beiden Dimensionen ineinander ĂŒberfließen. Von dort schlĂŒpfen die Jenseitigen herein. Sie kommen in einer unsichtbaren Prozession. Werden sie sich zeigen? Werden sie den Kindern ein Zeichen geben?

Die Laute der KĂ€uze sind verstummt.
"Mabut, nara, natumi", murmelt Hilde.
Und Anni: "Teje, abrum, teje abrum ..."

Da kommt es Marie vor, als hĂ€tten sich die KrĂ€fte um sie herum noch mehr verdichtet. Sie fĂŒhlt ihren eigenen Körper schwerer werden und schwerer, als sei sie im Mittelpunkt eines mĂ€chtigen Magnetfelds. Gefangen! Keinen Schritt kann sie mehr tun. Obwohl sie es mit aller Kraft versucht. Nicht vor, nicht zurĂŒck. Den anderen scheint es ebenso zu gehen. Die Nacht ist erfĂŒllt von einem rĂ€tselhaften Beben und Vibrieren. Gleich wird etwas Unsagbares geschehen.
"Teje abrum, teje abrum!"
Da scheinen die Zeit und das All stillzustehen. Ein hörbares metallisches Sirren ist jetzt ĂŒberall.
.
Der Ton, ein brausender, schwellender Zikadenlaut, zusammengesetzt aus tausend insektenartigen Stimmen durchhallt die Luft. Die Kinder sind starr .
„Teje abrum, teje abrum.“
Dann gehen diese Augenblicke der Ă€ußersten Kraftansammlung - leider - vorbei. Die Jenseitigen bleiben unsichtbar. Es gelingt nicht, sie vollends aus ihrer SphĂ€re herĂŒberzuziehen ... der Ton wird leiser ... die fremden Wesen beginnen anscheinend, sich wieder zurĂŒckzuziehen. Dann ist alles vorĂŒber. Stille herrscht. Da löst sich die Spannung. Da atmen die Kinder auf. Plötzlich schreit ein Eulenvogel. Die Baumriesen fangen wieder an, ihre Wipfel im Nachtwind zu schaukeln. Es ist vorbei. Marie spĂŒrt es wie eine Erlösung. Und doch mit vagem Bedauern.

Aber jetzt rennen die Kinder. Rennen, rennen, als sei der Teufel hinter ihnen her. Gut geht es ihnen erst, als sie die offenen, mondhellen Wiesen wieder unter den FĂŒĂŸen haben und im Tal die Dörfer liegen sehen. Da beginnen sie zu marschieren, zĂŒgig, sicher. Zaghaft lĂ€cheln sie einander zu, spĂ€ter plappern sie drauflos, werden laut, vergnĂŒgt und reichlich albern. .

Marie fĂŒhlt sich gut, so aufgehoben in der Gruppe. Nie zuvor hat sie eine so schöne Nacht erlebt. Mit den Sternen am Himmel, dem BlĂŒtenduft des FrĂŒhlings ĂŒber dem samtblauen Land, das sich weit im Mondlicht breitet, kommt ein wohliges GefĂŒhl in ihr auf. Heimat. Heimat. Im Tal zu ihren FĂŒĂŸen, tief unten Marienstock.

Am Hang lassen sich alle nieder. Und wieder erzĂ€hlen sie einander haarstrĂ€ubende Begebenheiten. Man ist in der rechten Stimmung. Ach ja, es grassieren viele Legenden von grĂ€sslichen Bluttaten ... ewig ungeklĂ€rten Verbrechen, dass es einem eine GĂ€nsehaut nach der anderen ĂŒber den RĂŒcken jagt.

"Kennt ihr die Geschichte von den drei Mördern und der Jungfrau in der unterirdischen Höhle?"
"Komm hör auf!“
"Es i s t Tatsache. Steht in alten Gerichtsakten ."
"Oder von dem verschwundenen Bergmann ... neunzig Jahre spĂ€ter fand man ihn in einem verschĂŒtteten Stollen. Er sah lebendig aus, ganz frisch. Weil er irgendwie versteinert war. Seine Verlobte kam und kĂŒsste ihn und weinte furchtbar. Er war jung und schön. Sie war uralt. Hundertzehn?

Ja, sich gruseln ist wunderbar. Vor allem, wenn man im Schutz einer großen, fröhlichen Schar geborgen ist!

Aber nicht nur um Spukgeschichten geht es.
"Leo sieht aus wie Gregory Peck", flĂŒstert Inge. "Sie nennen ihn ĂŒberall ‚ das Peckchen‘, Er ist soo sĂŒĂŸ!"
Die jungen Dinger finden auch noch ein paar andere Burschen ‚sĂŒĂŸâ€˜.
Jetzt will man auf keinen Fall heimgehen, nun, wo es gerade interessant wird. Obwohl Mitternacht vorbei ist.
Die MĂ€dchen können plötzlich auf Teufel komm heraus flirten. Die Jungen geben sich ĂŒberlegen:
"Ach Weibervolk".
Dennoch: der eine oder andere legt seiner heimlich Angebeteten die eigene Jacke ĂŒber die Schulter, damit sie in der aufkommenden MorgenkĂŒhle nicht friert. Werner bietet Marie seinen Anorak zum Draufsetzen, weil der Boden klamm ist.
Walter und Ilse haben doch tatsÀchlich angefangen, zu knutschen ...
"Wo ist denn der Hans?" ruft auf einmal jemand. Das HĂ€nschen Jordan aus der Mozartstraße, einer der jĂŒngsten der Meute. Er fehlt.
"Ist bestimmt heimgelaufen?"
"Allein? Das wĂŒrde der nie tun!"
Da rennen sie ihn suchen. Trauen sich sogar wieder in den schwarzen Schörener Forst hinein.
"Hansi, Hansi", rufen sie laut durch die Nacht.
Nur Echos hallen zurĂŒck.

SpĂ€ter, am Morgen durchkĂ€mmen Polizisten mit SpĂŒrhunden die heimischen WĂ€lder. Die Einwohner suchen eifrig mit. Auch Schulklassen. Feuerwehrleute tauchen hinab auf den Grund der Weiher.
Hansi Jordan bleibt verschwunden ...

*




Copyright Irmgard Schöndorf Welch







Version vom 31. 08. 2007 13:16
Version vom 30. 01. 2008 10:19
Version vom 15. 09. 2008 11:41

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