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Leselupe.de > Erzählungen
Weihnachtsliedergeschichte Teil 1
Eingestellt am 16. 06. 2005 19:30


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flammarion
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Weihnachtsliedergeschichte

O, es riecht gut, o es riecht fein, heut rührn wir Teig für Plätzchen ein.
In der Küche wird gebacken, helft nur alle Mandeln hacken.
O, es riecht gut, o es riecht fein!

O, es riecht gut, o es riecht fein, heut rührn wir Teig für Plätzchen ein.
Butter, Zucker, glatt gerührt, und die Bleche eingeschmiert.
O, es riecht gut, o es riecht fein!

Eier in den Topf geschlagen und die Milch herzu getragen.

Weißes Mehl, das wolln wir sieben, aber nichts daneben stieben!

Bärbel trägt heut Mutters Schürze und sie mischt schon die Gewürze.

Peter rollt denn Teig ganz stolz mit dem runden Nudelholz.

Inge sticht die Formen aus, Herzen, Sterne werden draus.

Wenn sie auf den Blechen liegen, heißt es, in den Ofen schieben.

So, nun wolln wir Ordnung machen von den vielen Backesachen!

O, es riecht gut, o es riecht fein! Die Plätzchen werden fertig sein.
Weihnachtskringel, braun und rund, eins zum Kosten in den Mund.
O, es riecht gut, o es riecht fein!

„O, es riecht gut, o, es riecht fein“, so klingt es zweistimmig aus der Küche. Da wollen wir doch einmal näher treten und schauen, was sich dort tut. Ah, Frau Niemeier ist beim Kekse backen! Sie hat ihre große blaue Schürze an und ihre blonde Lockenpracht wird durch ein Netz gebändigt, sie sieht wie eine echte Bäckersfrau aus.
Es ist noch früh am Tage und Frau Niemeier hat sehr viel vor. Sie will noch heute alle Kekse backen, die in der Vorweihnachtszeit von ihrer vielköpfigen Familie gegessen werden möchten. Man ist daran gewöhnt, dass es „bei Muttern“ in den Dezemberwochen jede Menge Kekse zu knabbern gibt, die leckersten der Welt, versteht sich.

Rezept für Weihnachtssternchen: 200gr Butterschmalz, 200gr Zucker, 1 Päckchen Vanillinzucker, etwas Salz, abgeriebene Zitronenschale, 2 Eier, 400gr Mehl, 2 Eßl. Weinbrand oder Rum, Zuckerglasur
Butterschmalz, Zucker, Gewürz und das Eiweiß schaumig schlagen. Das gesiebte Mehl und den Weinbrand unterkneten. Den Teig 8 bis 10 Stunden kühl gestellt rasten lassen. Beliebig stark ausrollen und Sternchen ausstechen. Auf leicht gefettetem Blech mit dem verquirlten Eigelb bestreichen und bei Mittelhitze goldbraun backen. Glasieren.

Frau Niemeier erwartete, dass noch andere Familienmitglieder dazu kommen und helfen.
Das Nudelholz glättete und streckte den Teig. Hin und wieder wurde es mit Mehl eingerieben, damit der Teig sich nicht um das Holz wickelt.
Die zwölfjährige Jana, das Nesthäkchen der Familie, stand am Ende des Tisches und wartete darauf, mit dem Ausstechen der Kekse beginnen zu können.
„Gleich ist es soweit“, sagte Frau Niemeier zu ihrer Jüngsten. „Gleich kannst du ans Werk gehen. Rühr mal schnell noch das Eigelb durch, damit es nicht klumpt, wenn es auf die Kekse gestrichen wird.“
Sofort fuhr Jana mit dem kleinen Schneebesen durch das mit Zucker angerührte Eigelb. Das Eiweiß ist im Keksteig. Es wurde vorher steif geschlagen, davon werden die Kekse luftig.
Aus dem Teigrest sollen zwei Figuren geformt werden, ein Junge und ein Mädchen, die sich bei den Händen halten. Das ist das so genannte „Familienorakel“. Zerbricht das Paar beim Lösen vom Backblech, dann wird es im kommenden Jahr Streit in der Familie geben. Bisher war das Paar in jedem Jahr zusammen geblieben.
Während Jana die Sternchen ausstach, bereitete die Mutter das Backblech vor und legte dann die ausgestochenen Kekse darauf, nachdem sie sie mit Eigelb bestrichen hatte. Bald war das Blech voll und wurde in den vorgeheizten Ofen geschoben. Der Teig reichte noch für weitere Bleche und die Frau griff wieder zum Nudelholz. Jana aber suchte schon immer die anderen Ausstechformen heraus, die Herzen, Vögel, Halbmonde, Sternschnuppen und Rosetten. Sie werden für die Weihnachtskekse benötigt.
Schwanzwedelnd gesellte sich Rolf, der Schäferhundmischling, zu ihnen. Er war vom Duft des Ofens angelockt worden und dachte nun Wunder, was für ein feines Essen gekocht wird und wollte natürlich etwas davon abhaben. Die Mutter schob ihn mit dem Knie zur Seite und sagte bestimmt: „Nein, Rolf, du bekommst erst einen Keks, wenn sie abgekühlt sind. Jetzt müssen sie erst einmal backen.“
Als habe der Hund sie verstanden, zog er sich zurück und setzte sich in die Mitte der Küche. Er gehörte schon seit vielen Jahren zur Familie und war an manches gewöhnt. An die Katze Maunzi, die Goldhamster Wusch und Hosch, den Nymphensittich Herodes und die Schildkröte Genofefa. Solange diese Hausgenossen ihm nicht zu nahe kamen, tat er ihnen auch nichts. Es könnte ihm sowieso nur die Katze zu nahe treten, aber die schlich gewöhnlich hoheitsvoll an ihm vorbei. Herodes hatte schon mehrmals versucht, auf seinem Rücken zu landen, ließ sich aber durch leichtes Schütteln vertreiben.

Jana fragte unvermittelt: „Mama, wollen wir noch ein Lied singen?“
„Gerne. Und welches?“
„Vielleicht Lasst uns froh und munter sein? Es ist doch bald Nikolaustag.“
„Hm, gute Idee.“
Und schon wurde das Lied angestimmt.

Lasst uns froh und munter sein und uns unsres Lebens freun,
lustig, lustig, traleralala, bald ist Niklausabend da,
bald ist Niklausabend da.

Bald ist unsre Schule aus, dann gehn wir vergnügt nach Haus,
lustig, lustig, traleralala, bald ist Niklausabend da,
bald ist Niklausabend da.

Dann stell ich den Teller auf, Niklaus legt bestimmt was drauf,
lustig . . .

Steht der Teller auf dem Tisch, sing ich noch mal froh und frisch:
lustig . . .

Wenn ich schlaf, dann träume ich: Jetzt bringt Niklaus was für mich.
lustig . . .

Wenn ich aufgestanden bin, lauf ich schnell zum Teller hin.
lustig . . .

Niklaus ist ein braver Mann, dem man nicht gnug danken kann.
lustig . . .

Kurz nach dem Ende des Liedes trafen fast zeitgleich die neunzehnjährige Friederike und der einundzwanzigjährige Daniel mit seiner festen Braut Carola ein. Gleich, nachdem sie ihre Mutter, die kleine Jana und Rolf, der freudig an ihnen hochsprang, begrüßt hatten, neckte Daniel wie seit altersher seine Schwester Friederike: „Na, Friedensrike, wo haste denn heute deine Tauben?“
Friederike schnitt ihm eine Grimasse und fragte schmollend die Mutter: „Sag mal, wie bist du eigentlich auf den blöden Namen gekommen?“
„Also, ich find den gar nicht so blöd. Du solltest dich freuen, dass ich dich nicht so genannt habe, wie ursprünglich vorgesehen.“
„Was, wie wolltest du mich denn eigentlich nennen?“
„Walburga. Aber dann hätte man dich dauernd mit der Walpurgisnacht aufgezogen. Eine Friedensrike zu sein ist doch bestimmt besser, als eine Hexe aus der Walpurgisnacht, oder?“
„Ja, da haste schon Recht, aber Friederike ist so ein verdammt alter Name.“
„Sollte ich mir für dich etwa einen ganz neuen ausdenken? Dann hätte man dich und vor allem mich für eingebildet gehalten.“
„Aber du hättest doch einen nehmen können, der gerade modern ist.“
„Dann hättest du wie jede zweite geheißen, das wollte ich nun auch wieder nicht.“
„Ja, ja“, meldet sich nun die kleine Jana zu Wort, „es recht zu machen jedermann ist eine Kunst, die niemand kann.“
Mit diesem altklugen Spruch erntete sie freundliches Gelächter.

Endlich war der Teig alle. Das Orakelpärchen lag, hübsch verziert mit Rosinenaugen und Marmeladenmund, auf dem Backblech und neuer Teig wurde angerührt, der Teig für die Weihnachtsplätzchen.

Rezept für Weihnachtskekse: 400gr Weizenmehl, 100gr Stärkemehl, 1 halbes Päckchen Backpulver, 200gr Zucker, 1 Päckchen Vanillinzucker, je 1 halben Teel. Zimt, gemahlene Nelken und Ingwer, etwas Salz, 100gr geriebene Walnüsse, 2 Eier, 250gr Margarine, Zitronenglasur.
Mehl und Backpulver sieben und mit den übrigen Zutaten rasch verkneten. Mindestens 30 min. rasten lassen, ausrollen und ausstechen. Auf gefettetem Blech bei Mittelhitze backen. Glasieren.

Dann wendete die Mutter sich an ihren Sohn: „Daniel, tu mir mal bitte einen Gefallen und geh einkaufen. Morgen wollen wir doch damit beginnen, das Pfefferkuchenhaus zu backen. Dazu brauche ich noch die Zutaten. Für einen guten Pfefferkuchenteig nimmt man Nelken, Zimt, Ingwer, Anis, Koriander, Kardamon, Muskat, etwas Pfeffer, Paprika und Salz, alles pulverfein, geriebene bittere Mandeln, Zitronen- und Apfelsinenschale.“
Daniel schlug entsetzt die Hände zusammen: „Das soll ich jetzt alles . . .“
„Nein, nein, mein Liebling“, fiel die Mutter ihm ins Wort. „Diese speziellen Ingredienzien habe ich schon. Ich brauche nur noch Mehl, Zucker und Eier.“
Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung brummte der junge Mann: „Jott sei s jedankt, jelobt, jetrommelt und jepfiffen. Ich dachte schon, ich muss die ganze Stadt abklappern. Aber die drei Sachen bekomme ich ja im nächst besten Laden.“
Nachdem er mit Carola das Haus verlassen hatte, kicherte Friederike: „Gut, dass er nur so einfache Dinge kaufen muss. Es könnte uns sonst so gehen, wie der Familie, wo auch die Mutter ihren Mann zum Einkaufen schickte, weil sie etwas ganz Besonderes zum Fest backen wollte. Er kannte sich mit den Sachen, die sie aufgeschrieben hatte, nicht aus und brachte statt Zitronat Zitrone und so. Echt zum Lachen!“
“Kann ich mir gut vorstellen“, schmunzelte Jana.
Friederike fragte: „Sind die Sachen für den Adventskranz noch am alten Ort? Ich wollte ihn doch dies Jahr bestecken.“
„Natürlich, bei mir ist alles am alten Ort. Du weißt doch, Ordnung ist das halbe Leben. Aber komm nicht mit dem ganzen Kram in die Küche, bleib in der Diele, ja? Es könnten sich Tannennadeln in unsere Kekse verirren, das mag ich nicht.“
Man hörte, wie Friederike eine Leiter an den Hängeboden lehnte. Dort oben befanden sich alle Weihnachtssachen, Osterschmuck und sonstige Dekorationsgegenstände, wie zum Beispiel ein riesiger Obstkorb, der immer zum Erntedankfest hervor geholt wurde.
Sie hatte gerade die erste Stufe betreten, als es klingelte.
„Nanu“, rief die Mutter erstaunt aus der Küche. „Ist Daniel schon vom Einkaufen zurück?“
Nein, es war ihr Ältester, Demian, mit seiner Frau Domenica. Sie wurden herzlich willkommen geheißen, auch von Rolf, der natürlich gleich von Demian Gassi geführt werden wollte, was er auch tat, aber etwas später.
Zuerst erkundigte er sich: „Ist Daniel noch nicht da?“
„Der ist schon fleißig“, gab Jana zurück. „Den hat Mama einkaufen geschickt.“
„Aha. Und Opa?“
„Den haben seine alten Kumpels so lange gelöchert, bis er einwilligte, auch mal wieder zum Frühschoppen zu gehen“, erklärte die Mutter. „Wer weiß, wann und wie wir ihn wieder sehen“, fügte sie kummervoll hinzu.
Demian schmunzelte. Er hatte schon oft erlebt, dass der Großvater stark angesäuselt aus der Gaststätte kam. Dann war er immer sehr fröhlich, brachte den Enkeln neue Lieder bei und ließ sich so manche Mark aus der Tasche leiern.
Und schon waren die beiden in die Arbeit mit eingebunden. Demian nahm seiner Schwester die große Schachtel mit dem Adventsschmuck ab, damit sie sich festhalten kann, wenn sie von der Leiter steigt, und Domenica half beim Kekse ausstechen.
Obwohl sich alle auf ihre Arbeiten konzentrierten, war noch Zeit für Scherze. Friederike rief aus der Diele: „Kennt ihr ein Wort, in welchem vier mal tz vorkommt?“
Alle grübelten. Keinem fiel ein solches Wort ein. Grinsend verkündete Friederike, in der Küchentür stehend: „Atzventzkrantzkertze“.
Jana plärrte sofort: „Das is Schummel mit Betruch! In dem Wort is ja in Wahrheit nicht ein einziges tz drin!“
„Darum is es ja auch so lustig, mein Mäuschen.“
Friederike tänzelte von dannen und rezitierte dabei:
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Erst eins, dann zwei, dann drei und vier,
dann steht das Christkind vor der Tür.
Jana prustete: „Das Christkind! Das liegt doch in der Krippe, oder?“
Frau Niemeier erzählte, dass in manchen Gegenden nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind in Gestalt eines erwachsenen Menschen die Geschenke verteilt. Gleich darauf stimmte sie ein Lied an:

Freude im Advent

Vorfreude, schönste Freude, Freude im Advent!
Tannengrün zum Kranz gewunden,
rote Bänder drein gebunden,
und das erste Lichtlein brennt!
Erstes Leuchten im Advent! Freude im Advent.

Vorfreude, schönste Freude, Freude im Advent!
Heimlichkeit im frühen Dämmern,
basteln, stricken, rascheln, hämmern,
und das zweite Lichtlein brennt.
Heimlichkeiten im Advent, Freude im Advent.

Vorfreude, schönste Freude, Freude im Advent!
Was tut Mutti, könnt ihr s raten?
Kuchen backen, Äpfel braten.
Und das dritte Lichtlein brennt!
Süße Düfte im Advent, Freude im Advent.

Vorfreude, schönste Freude, Freude im Advent!
Kinderstimmen leise, leise,
üben manche frohe Weise.
Und das vierte Lichtlein brennt.
Lieder klingen im Advent, Freude im Advent.

Endlich kam Daniel mit dem Einkauf. Es wurde aber auch Zeit, denn das Mehl war restlos alle und es musste neuer Teig angerührt werden.
Rezept für Schokoladenküchel: 325gr Kunsthonig oder Sirup, 175gr Zucker, 80gr Schokolade, 500gr Mehl, 1 Teel. Pfefferkuchengewürz, 80gr Nüsse, 3 bis 5 bittere Mandeln, 80gr Zitronat, etwas Salz, je 5gr Hirschhornsalz und Pottasche, 2 Teel. Rosenwasser, Schokoladen-Fettglasur, Schokoplätzchen.
Kunsthonig, Zucker und Schokolade erhitzen, während des Abkühlens Mehl und Pfefferkuchengewürz zusammen geben. Gehackte Nüsse, geriebene Mandeln, geraspeltes Zitronat, Salz und das im Rosenwasser getrennt aufgelöste Triebmittel zugeben. Mit der Honigmasse verarbeiten. Den abgelagerten Teig knapp 1cm stark ausrollen und zu Plätzchen von etwa 6cm Durchmesser ausstechen. Auf gefettetem Blech bei Mittelhitze backen. Mit Schokoladen-Fettglasur überziehen und mit Schokoplätzchen verzieren.
Frau Niemeier bat ihren Sohn und die angehende Schwiegertochter, die Nüsse zu hacken, die Mandeln zu reiben (nachdem sie gebrüht und geschält wurden) und das Zitronat zu raspeln. Daniel setzte den Teekessel auf, darin konnte das Wasser am schnellsten zum Kochen gebracht werden. Er legte Hackbretter und scharfe Messer zurecht, dann wuschen beide sich die Hände und gingen ans Werk.
Domenica holte ein Büchlein aus ihrer Tasche und sagte: „Es ist ja hier so üblich, dass bei der Arbeit gesungen oder etwas vorgelesen wird. Darum habe ich ein Paar Gedichte mitgebracht, an denen ihr hoffentlich viel Freude habt.“
Burschikos meinte Daniel: „Ja, lies mal vor. Endlich hört man hier mal was Neues.“

Und Domenica begann:
Vor Gott geht’s göttlich her,
und nicht nach Stand und Würden.
Herodem lässt er leer,
mit seinem ganzen Heer,
und Hirten auf dem Felde bei den Hürden
erwählet er.
Sie saßen da und hüteten im Dunkeln ihre Herde
Mit unbefangnem frommen Sinn;
Da stand vor ihnen, an der Erde,
der Engel Gottes und trat zu ihnen hin,
und sie umleuchtete des Herrn Klarheit,
und er sagte ihnen die Wahrheit.
Und eilend auf sie standen,
gen Bethlehem zu gehen;
und kamen hin und fanden,
ohn weitres zu verstehn,
Mirjam und Joseph beide,
und in der Krippe lag zu ihrer großen Freude
in seinem Windelkleide
aus Grummet von der Weide
der Knabe wunderschön.
Das ist von Matthias Claudius, der lebte von 1740 bis 1815.

Eine Weile waren alle still und hingen ihren Gedanken nach. Dann schraken sie aus der Besinnlichkeit auf, weil es an der Tür klingelte. Es waren Gundula, die Älteste von den Niemeier-Töchtern, und ihr Freund Jens. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht, um die Gesänge zu untermalen. Gundula spielte recht gut Gitarre und Jens verdiente mit seiner Geige sein Geld als Straßenmusikant. Doch zuerst mussten die Instrumente sich akklimatisieren. Dazu wurden sie in eine Ecke gestellt.
Die beiden wurden mit großem Hallo empfangen. Die Geschwister hatten sich ja eine Zeit lang nicht gesehen. Rasch wurden kleine Neuigkeiten ausgetauscht.
Dann wendete Gundula sich an die Mutter: „Ich möchte auch mal so einen Früchtekuchen backen, wie du ihn uns immer zu Weihnachten gebacken hast. Darf ich mir das Rezept abschreiben?“
“Klar darfst du. Das Backbuch steht da oben im Regal.“
Der große Bruder war so freundlich, es ihr herunter zu holen, denn sie hätte erst auf einen Stuhl klettern müssen, um es zu erreichen.
Rezept für Früchtekuchen: 3 Eier, 200gr Zucker, 250gr Mehl, abgeriebene Zitronenschale, je 1 halben Teel. Nelken und Zimt, etwas Salz, 65gr gehackte Mandeln, darunter 5 Stück bittere, 50gr gehackte Nüsse, 80gr geraspeltes Zitronat, 50gr gehackte Feigen oder Datteln, 80gr Sultaninen, 20gr Korinthen, 5gr Pottasche, 5gr Hirschhornsalz, 4 Eßl. Weinbrand.
Eier und Zucker recht gut verrühren, damit eine dickschaumige Masse entsteht. Das gesiebte, mit dem Gewürz vermischte Mehl und nach und nach auch die übrigen Zutaten – die Triebmittel getrennt im Weinbrand aufgelöst – zugeben. Den gründlich verarbeiteten Teig in eine gefettete Kranz- oder Ringform füllen und bei Mittelhitze etwa 50min backen. Nach Wunsch glasieren und mit Mandeln oder Nusshälften oder mit Trockenobst garnieren.
Nachdem sie das Rezept abgeschrieben hatte, holte sie ein Buch aus ihrer Tasche und gab die Geschichte zum Besten, in welcher eine „Weiße Frau“ durch die Straßen geht und jedem Kind, das sie erblickt, die Weihnachtsgeschenke wegnimmt.
„Also, was die Leute sich alles einfallen lassen! Weihnachtsspuk! Haste das auch deinen Kindern im Kindergarten vorgelesen?“, fragte Daniel.
„Aber nein“, antwortete die Schwester, ich habe jetzt die Dreijährigen, denen kann ich das nicht antun.“
Indessen hatte Jens seine Geige ausgepackt und probierte ein paar Töne. „Ich glaube, wir können jetzt“, meinte er.
Gundula nahm ihre Gitarre und beide begannen, die Instrumente zu stimmen. Dann ertönte das Lied „Sind die Lichter angezündet“.

Sind die Lichter angezündet

Sind die Lichter angezündet, Freude zieht durch jeden Raum,
Weihnachtsfreude wird verkündet unter jedem Lichterbaum.
Leuchte, Licht, mit hellem Schein,
überall, überall soll Freude sein.

Süße Dinge, schöne Gaben, gehen nun von Hand zu Hand.
Jedes Kind soll Freude haben, jedes Kind in jedem Land.
Leuchte, Licht, mit hellem Schein,
überall, überall soll Freude sein.

Sind die Lichter angezündet, rings ist jeder Raum erhellt,
Weihnachtsfriede wird verkündet, zieht hinaus in alle Welt.
Leuchte, Licht, mit hellem Schein,
überall, überall soll Friede sein.

Carola war lange fertig mit Zitronat raspeln. Einer ihrer langen Fingernägel hat dabei dran glauben müssen. Sie trug es mit Würde. Es dauert ja nicht lange, bis er nachgewachsen ist. Jedenfalls hatte auch sie ein Büchlein mit Weihnachtsgeschichten mitgebracht und las nun daraus vor, wie ein Kuscheltier seine Besitzerin in die Werkstatt des Weihnachtsmannes führt. Da konnte sie sehen, dass Puppen tatsächlich frieren, konnte einen Löwen streicheln, auf einem Elefanten reiten und das Bedauern der Spielsachen mit anhören, dass so viele Kinder lieber mit Computern als mit Puppen und Kuscheltieren spielten.

Nach dieser Geschichte ergab es sich wie von selbst, dass das Lied So viel Heimlichkeit gesungen wurde.

So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit!
Meine Puppen sind verschwunden, hab nicht mal den Bär gefunden.
So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit!

So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit!
Hansels Eisenbahn ist weg, steht nicht mehr am alten Fleck.
So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit!

So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit!
In der Küche riecht es lecker, ähnlich wie beim Zuckerbäcker.
So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit!

Noch während der letzten Töne hatte Gundula ihr Buch aufgeschlagen und begann auch sogleich mit dem Vorlesen des Märchens, worin eine Sternschnuppe auf dem Berliner Weihnachtsmarkt landet und sich dort mit einem kleinen Mädchen unterhält, das ihr erklärt, was Weihnachten ist.
“Eine sehr nette Geschichte“, meinte Frau Niemeier. „Die eignet sich wirklich gut für Weihnachten.“
“Und sie verbindet das Traditionelle mit dem Modernen“, fügte Domenica hinzu.
“Außerdem ist sie so schön gegenwartsbezogen, nicht wahr?“ Daniels Stimme war mal wieder nicht zu entnehmen, ob er ernst meinte, was er sagte.
Aus der Diele hörte man Friederike knurren und murren. „Was ist denn los, Rike?“, fragte die Mutter. „Fällt dir der Kranz auseinander?“
„Nein, das nicht, aber ich habe ihn so dicht mit allerlei Schmuck beladen, dass ich jetzt die vierte Kerze nicht rauf bekomme.“
Frau Niemeier schmunzelte: „Ich dachte ja, du hättest dir das vom vorigen Jahr gemerkt. Man steckt immer zuerst die Kerzen auf den Kranz, schon wegen der Symmetrie.“
„Ja, ja“, kam es brummig zurück. „Ich werd das schon noch packen.“
Jana fragte nachdenklich: „Sag mal, Mutti, warum müssen es denn immer vier Kerzen sein? Nur wegen der vier Sonntage? Viele Leute stecken doch alle vier gleich am ersten Sonntag an.“
„Ja, denen kann das egal sein, ob vier oder sonst wie viele Kerzen. Der Brauch schreibt vor, am ersten Tag nur eine anzuzünden und so weiter, dann haben die Kerzen eine unterschiedliche Höhe und werden am vierten Sonntag ganz abgebrannt. Vielleicht bedeuten die vier Kerzen die vier Jahreszeiten oder die vier Wochen, die jeder Monat hat, so, wie die zwölf Kerzen am Weihnachtsbaum für die zwölf Monate stehen.“
„Ich habe mal gehört“, mischte sich Domenica ein, „dass die zwölf Kerzen am Baum für die zwölf Apostel stehen.“
Frau Niemeier zog nachdenklich die Stirn kraus: „Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Aber wie es auch immer sei, die elektrische Lichterkette hat mehr als zwölf Kerzen. Da kann man mal wieder sehen, wie der Fortschritt alte Sitten und Bräuche zunichte macht.“
„Ja“, meldete sich Demian. „Wir waren – jedenfalls was meine Schulklasse betrifft – die einzigen Kinder, die noch Ketten aus Buntpapier gebastelt haben für den Weihnachtsbaum und weiße Papiersterne zum ins Fenster hängen.“
„Jedenfalls wart ihr mit etwas Sinnvollem beschäftigt“, schmunzelte die Mutter. „Und das zur selben Zeit, als dein Klassenkamerad Michele im Supermarkt beim Klauen erwischt wurde.“
„War doch nur n Auto für seinen kleinen Bruder.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass der kleine Bruder an diesem gestohlenen Auto Freude gehabt hätte. Und es war ja nicht nur dieses Auto, er hat noch viel mehr gestohlen, sogar Kleidungsstücke seiner Mitschüler, wie du weißt. Und er hat jüngeren Kindern das Taschengeld abgepresst. Außerdem – Armut rechtfertigt keine Straftaten. Ihr konntet auch nicht all das haben, womit andere Kinder angaben, und keiner von euch hat je etwas gestohlen, oder?“
Damit war das Thema beendet und die Mutter begann zu singen:

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen,
wie glänzt er festlich, lieb und mild,
als spräch er: „Wollt in mir erkennen
getreuer Hoffnung stilles Bild.“

Die Kinder stehen mit hellen Blicken,
das Auge lacht, es lacht das Herz.
O fröhlich, seliges Entzücken!
Die Alten schauen himmelwärts.

Zwei Englein sind herein getreten,
kein Auge hat sie kommen sehn.
Sie gehen zum Gabentisch und beten
und wenden wieder sich und gehn.

„Gesegnet seid ihr alten Leute,
gesegnet sei, du kleine Schar!
Wir bringen Gottes Segen heute
dem weißen wie dem braunen Haar.

Zu guten Menschen, die sich lieben,
schickt uns der Herr als Boten aus.
Und seid ihr treu und fromm geblieben,
wir treten wieder in dies Haus.“

Kein Ohr hat ihren Spruch vernommen,
unsichtbar jedes Menschen Blick
sind sie gegangen, wie sie gekommen,
doch Gottes Segen blieb zurück.

Alle waren mit in das Lied eingefallen und es klang sehr schön. Nur Domenica war nicht so recht bei der Sache. Und alle sollten erfahren, was ihr im Kopf umging:
„Ich habe die ganze Zeit daran gedacht, dass Advent „Ankunft“ bedeutet. Die Christen warten darauf, dass Jesus als Herr wieder auf die Erde kommt. Ob damit aber gleichzeitig „Das Jüngste Gericht“ gemeint ist, ist mir nicht so ganz klar.“
„Tja, uns auch nicht. Wir denken gar nicht erst darüber nach“, entgegnete Frau Niemeier munter. „Weihnachten is was Schönes, das wird einfach nur gefeiert. So.“
„Ja“, kicherte Carola. „Und in manchen Ländern viel länger als bei uns. In Italien und Spanien gibt es erst am sechsten Januar die Geschenke, in Frankreich gab es sie einst schon am sechsten Dezember. In Österreich und England endet die Weihnachtszeit am sechsten Januar, in Polen am zweiten Januar. Am ersten Januar bekommen die Kinder in Griechenland ihre Geschenke. In Amerika wird am 25. Dezember beschenkt und in Russland sogar erst am siebenten Januar. Dort endet die Weihnachtszeit gar erst am elften Januar. Und stellt euch nur mal vor: In Mexiko wird das Weihnachtsfest noch immer mit heidnischen Bräuchen vermischt gefeiert.“
Während dieser Ausführungen waren Frau Niemeiers Bewegungen immer langsamer geworden. Nun sprach sie bewundernd: „Kind, woher weißt du denn das alles?“
„Internet“, warf das Mädchen leicht hin und fuhr fort: „Den Weihnachtsbaum mit Schmuck zu behängen, ist übrigens eine rein deutsche Erfindung. Wurde von den Brüdern Humboldt um 1830 oder so erstmalig praktiziert und schnell von allen Leuten, die was auf sich hielten, nachgemacht. Etwa zur gleichen Zeit hatte man herausbekommen, wie man Glaskugeln von innen verspiegelt. So entstand ein neuer Industriezweig: die Christbaumschmuckherstellung. Besonders Lauscha in Thüringen hat sich damit einen Namen gemacht. Oder ist Lauscha im Vogtland? Jedenfalls hatte man davor bestenfalls Nüsse, Backwerk und Äpfel angehangen“.
„Was, erst 1830? Und unsereiner denkt, die Hallelujastaude ist so alt wie das Christkind selber!“
Alle lachten. Daniel aber ritt nun die Spottlust und er gab mit heller Stimme eine alte Parodie zum Besten:
„Am Weihnachtsbaume, da hängt ne Pflaume, wer hat die da bloß hin jehang? Det wa mein Bruder, det dumme Luder, der hat die Pflaume hin jehang.“
Die Mutter rügte scherzhaft: „Daniel, lass das. Sonst sagt Demian wieder, du seiest mutig, stark und schön.“
Daniel duckte sich neben Carola, die aber meinte: „Aber das wäre doch sehr nett, wenn er das sagen würde.“
Die Mutter schmunzelte: „Ja, das könnte man denken, wenn man die Geschichte nicht kennt. Es bedeutet nämlich: mutig gegen einen Baum gerannt, stark zurückgeprallt und davon schön doof geworden.“
Mit einem breiten Grinsen sang Demian auf die Melodie von „O Tannenbaum“:
O Tannebaum, schlag Purzelbaum, die Treppe ruff und runter. Dann darfst du wieder aufstehn und die Treppe wieder raufgehn. O Tannebaum, schlag Purzelbaum, die Treppe ruff und runter.
Daniel war dadurch wieder munter geworden und tönte: „Nee, das heißt ganz anders: O Tannebaum, o Tannebaum, der Lehrer hat mir blau jehaun. Dann musst ick in de Ecke stehn und mir die kahle Wand ansehn. O Tannebaum, schlag Purzelbaum, die Treppen ruff und runter.“
Die Mutter stimmte als Antwort darauf das Lied an:

Der Christbaum ist der schönste Baum

Der Christbaum ist der schönste Baum, den wir auf Erden kennen.
Im Garten klein, im engsten Raum, wie lieblich blüht der Wunderbaum,
wenn seine Lichter brennen, ja brennen!

Denn sieh, in dieser Wundernacht ist uns der Herr geboren,
der Heiland, der uns selig macht. Hätt er den Himmel nicht gebracht,
wär alle Welt verloren, verloren.

Doch nun ist Freud und Seligkeit, ist jede Nacht voll Kerzen.
Auch dir, mein Kind, ist das bereit; dein Jesus schenkt dir alles heut,
gern wohnt er dir im Herzen, im Herzen.

O lass ihn ein, es ist kein Traum, er wählt dein Herz zum Garten;
Will pflanzen in den engen Raum den allerschönsten Wunderbaum
und seiner treulich warten, ja warten.

Gundula legte die Gitarre zur Seite und holte wieder ihr Buch hervor. „Ich hab noch was Nettes zum Vorlesen“, sagte sie.
„Ja, mach mal. Du hast so ne nette Stimme“, gab Daniel seinen Senf dazu.
Und Gundula begann mit dem schönen Märchen, worin ein Waldgeist, der zufällig bei den Menschen gelandet ist, alle Nadeln vom Weihnachtsbaum abgeschnurpst hatte. Die Kinder der betroffenen Familie bringen den Gnom dazu, den Baum wieder grün werden zu lassen, aber der Zwerg hatte sie nicht richtig verstanden. Anstelle der Nadeln zauberte er allerlei Blätter an die Zweige. Jedenfalls konnte die Familie nun mit Fug und Recht singen „wie grün sind deine Blätter“.
Alle schmunzelten. Frau Niemeier meinte recht energisch: “Na, da passt ja wohl nur ein Lied dahinter, nämlich O Tannenbaum. Davon gibt es zwei Varianten, ich schlage vor, wir singen beide hintereinander weg.“

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerszeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter!

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit
ein Baum von dir mich hoch erfreut!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren:
die Hoffnung und Beständigkeit
gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren.


O Tannenbaum, du trägst ein grünen Zweig,
den Sommer, den Winter, das dauert die liebe Zeit.

Warum soll ich nicht grünen, da ich noch grünen kann?
Ich hab nicht Mutter, noch Vater, der mich versorgen kann.

Und der mich kann versorgen, das ist der liebe Gott,
der lässt mich wachsen und grünen, drum bin ich schlank und groß.
Dieses Mal hatte sich Domenica in Positur gesetzt und sprach: „Ich hab noch n ziemlich langes Weihnachtsmärchen mitgebracht. Wollt ihr es hören?“
„Klar doch“, entgegnete Daniel. „So, wie ich unsere Mutter kenne, geht das doch heute hier die Nacht durch.“
Alle prusteten, auch die Mutter. Und Domenica las eine Geschichte vor, in der fünf junge Mädchen per Mail von Santa Klaus aufgefordert wurden, von den Hexen Missgunst, Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit und Hinterhältigkeit die gefangen genommenen Gefühle zurück zu holen. Die fünf machten sich auch gleich auf den Weg, der sehr lang und beschwerlich war. Die eine musste ihre Jugend opfern, damit die anderen weiter gehen konnten, die andere ihre Schönheit, die dritte musste einen ungeliebten Mann nehmen und die vierte musste ihre schöne Singstimme abgeben. Nach vollbrachter Heldentat bekamen sie alles zurück und das Fest der Liebe konnte wie seit altersher gefeiert werden.
Nur das Nudelholz knarrte. Jeder hing seinen Gedanken nach. Dann sagte Frau Niemeier, ohne die Arbeit zu unterbrechen: „Siehste, darum is Weihnachten nicht tot zu kriegen. Kaum erfunden, haben auch schon der Weihnachtsmann und andere Himmelsgeschöpfe Zugang zum Internet. Es passt sich dem Fortschritt eben so schnell an, wie er fortschreitet.“
“Mama, du bist heute wieder mal umwerfend mit deiner Intelligenz“, sprach Demian mit gerunzelten Brauen.
Auch Frau Niemeier zog ihre Stirn in Falten, aber es wollte ihr keine gescheite Entgegnung einfallen. Sie spähte suchend umher, ob nicht irgendetwas geeignet war, vom Thema abzulenken. Sie hatte noch jedes Mal etwas gefunden, was ihr half, die Oberhand zu behalten. So auch heute. Die Schildkröte Genofefa mühte sich gerade, über die Schwelle zur Küche zu steigen, scheiterte aber daran, dass ihre kurzen Beine auch nur zwei Gelenke hatten. Immer wieder langte das rechte Vorderbein nach oben, aber es hätte zwei Gelenke mehr haben müssen, um Halt zu finden.
Die Mutter schimpfte: „Wer hat denn den Panzer aus dem Terrarium geholt?“
Daniel maulte: „Du sollst nicht immer Panzer zu Genofefa sagen, Mama. Sie ist doch auch ein Geschöpf Gottes.“
Die Mutter verbarg ein Schmunzeln in ihrer Schürze und fuhr scheinbar unwirsch fort: „Du könntest deine liebe Genofefa mit in deine Wohnung nehmen, weißt du?“
Sofort jaulte Jana auf: „Nein, Genofefa bleibt hier! Ich hab sie doch so lieb!“
„Na, dann trag sie mal in ihre Behausung zurück“, sagte die Mutter sanft. „Damit sie uns hier nicht unter die Füße kommt.“
Jana bückte sich nach dem Tier und nahm es zärtlich unter den Arm. Triumphierend blickte sie in der Küche umher und stolzierte von dannen.
Daniel winkte ihr nach. Dabei fiel sein Blick zum Fenster hin und seine Augen entdeckten etwas, das er schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Er kicherte: „Na sag mal, Mama, du hast ja immer noch das alte windschiefe Vogelhaus, das wir dir damals gebastelt hatten!“
„Klar doch“, gab die Mutter munter zurück. „Ob windschief oder nicht, es erfüllt noch allemal seinen Zweck, und das ist doch die Hauptsache, oder? Und ich seh das doch so gern, wenn die Finken, Ammern, Rotkehlchen, Blaumeisen, Sumpfmeisen und Kohlmeisen an meinem Fenster sitzen.“
“Bis auf die Ameisen, was?“, lästerte Daniel noch.
Alle schauten nun zum Fenster hin, zu dem Vogelhaus, wo gerade eine Goldammer mit einem Körnchen davon flog und eine Blaumeise zur Landung ansetzte.
Aber nicht das war das Bemerkenswerteste, sondern die kleinen weißen Flocken, die sachte zur Erde tanzten.
“Oh, seht nur, es schneit!“, rief Gundula verzückt. „Der erste Schnee in diesem Jahr! Und gleich so dicht!“
Es hub eine Diskussion an, ob dieser Schnee wohl liegen bleiben oder gleich wieder wegtauen würde. Mittendrin begann Gundula zu singen:
Leise rieselt der Schnee
Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See.
Weihnachtlich glänzet der Wald, freue dich, Christkind kommt bald.

In den Herzen ist s warm, still schweigt Kummer und Harm.
Sorge des Lebens verhallt. Freue dich, Christkind kommt bald.

Bald ist heilige Nacht, Chor der Engel erwacht.
Hört nur, wie lieblich es schallt: Freue dich, Christkind kommt bald.

Natürlich hatten wieder alle mit gesungen, denn dieses Lied konnten sie dreistimmig.
Daniel, der alte Scherzkeks – schon als zweijähriger hatte er von der Familie den Beinamen Kasper bekommen – musste wieder eins drauf setzen:
Leise rieselt die Vier
auf das Zeugnispapier.
Horcht nur, wie lieblich es schallt,
wenn Mutters Ausklopper knallt.
Alle lachten und erinnerten sich daran, niemals Schläge von der Mutter bekommen zu haben. Schon gar nicht für eine schlechte Zensur. „Da musste eben noch etwas üben!“, pflegte sie in diesem Falle zu betonen.
Gundula sagte nun: „Ich möchte noch eine niedliche Geschichte vorlesen, die jetzt gerade herpasst. Die Geschichte von der Schneesternprinzessin, die zusammen mit ihren Freundinnen zur Erde kommt, sich auf einen Baum setzt und den Menschen in die Fenster schaut und dabei beobachten kann, wie Weihnachten gefeiert wird.“
Völlig klar, dass nach dieser Schneesterngeschichte Schneeflöckchen, Weißröckchen gesungen wurde.

Schneeflöckchen, Weißröckchen, jetzt kommst du geschneit,
du wohnst in der Wolke, dein Weg ist so weit.

Komm, setz dich ans Fenster, du lieblicher Stern,
malst Blumen und Blätter, wir haben dich gern.

Schneeflöckchen, du deckst uns die Blümelein zu;
Dann schlafen sie sicher in himmlischer Ruh.

Schneeflöckchen, Weißröckchen, komm zu uns ins Tal,
dann baun wir den Schneemann und werfen den Ball.

„In dem Buch ist noch eine nette Geschichte. Sie handelt von dem kleinen Rentier Lars, das zum ersten Mal in seinem Leben den Schlitten des Weihnachtsmannes ziehen darf“, sagte Gundula.
„Lars kenne ich nicht, nur Rudolf The Red Nose Rentier.“, krähte Daniel.
„Also Daniel, du benimmst dich heute mal wieder . . .“, rügte Gundula.
„Na, wenn hier lauter Kindersachen gemacht werden, ist das doch kein Wunder.“, verteidigte Demian den Bruder.
„Nun lies schon die Geschichte vor, Gundi.“, bat die Mutter.

Schon während des Vorlesens hatte Friederike ihren Kopf zur Tür herein gesteckt. Nun trat sie hervor und präsentierte stolz den Adventskranz. Er war ihr wirklich gut gelungen, aber sie hatte auch einen Menge Zeit darauf verwendet. Die Familie ließ die üblichen „Ah!“ und „Oh!“ los, Frau Niemeier aber musste sich erst einmal vom Herd wegdrehen, um zu sehen, was für ein Wunder in ihre Küche getragen wurde. Sie hatte das x. Blech Kekse auf Teller und Schalen verteilen wollen, nun jedoch zollte sie erst einmal der Tochter Lob.
Der Adventskranz wurde in die dafür bestimmte große Steinschale gelegt und die Mutter stimmte an:

„Guten Abend, schön Abend . . .“
Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon.
Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon.
Am Kranze, die Lichter, sie leuchten so fein,
sie geben der Heimat einen helllichten Schein.

Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon.
Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon.
Der Schnee fällt in Flocken und weiß glänzt der Wald.
Nun freut euch, ihr Kinder, die Weihnacht kommt bald.

Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon.
Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon.
Nun singt es und klingt es so lieblich und fein.
Wir singen die fröhliche Weihnachtszeit ein.

„Na, Abend ist ja wohl noch lange nicht.“, unterbrach Daniel. Niemand reagierte darauf.
Die Geige wurde nachgestimmt. Währenddessen schob die Mutter ein weiteres mit Keksen belegtes Blech in den Ofen.
Friederike wusch sich die Hände, band eine andere Schürze um und stellte sich zu ihrer kleinen Schwester, um ihr beim Ausstechen zu helfen.

„Darf ich noch eine Geschichte vorlesen?“, fragte Gundula.
„Klar darfst du.“, entgegnete die Mutter.
Und Gundula las vor, wie jene Kuh, die damals bei der Geburt Christi mit im Stall anwesend war, einen kleinen Jungen zum Christkind führte, das gerade dabei war, Geschenke zu sortieren.

„Eine sehr schöne Geschichte.“, meinte Frau Niemeier.
„Darf ich auch mal ein Lied vorschlagen?“, fragte Jana.
„Natürlich darfst du, besonders, wenn wir es heute nicht schon hatten.“
„Nein, das hatten wir heut noch nicht. Es heißt: Es ist für uns eine Zeit angekommen.“
Auch dieses Lied kannten alle und es wurde zweistimmig gesungen.

Es ist für uns eine Zeit angekommen

Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud.
Übers Schnee beglänzte Feld wandern wir, wandern wir durch die weite, weiße Welt.

Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise, es träumt der Wald einen süßen Traum.
Durch den Schnee, der leise fällt, wandern wir, wandern wir durch die weite, weiße Welt.

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt wandern wir, wandern wir durch die weite, weiße Welt.

Als das Lied verklungen war, sagte Gundula: „Wisst ihr was, das Lied steht auch hier in meinem Buch, aber mit einem andern Text. Der scheint älter zu sein und ist als Volkslied aus der Schweiz bezeichnet.“
Es ist für uns eine Zeit angekommen, es ist für uns eine große Gnad.
Unser Heiland Jesu Christ, der für uns, der für uns, der für uns Mensch geworden ist.

In der Krippe muss er liegen, und wenn’s der härteste Felsen wär.
Zwischen Ochs und Eselein liegest du, liegest du, liegest du, armes Jesulein.

Drei König kamen ihn zu suchen, der Stern führt sie nach Bethlehem.
Kron und Zepter legten sie ab, brachten ihm, brachten ihm, brachten ihm ihre reiche Gab.“

Sie trug das Lied als Gedicht vor, dann blickte sie auf und sah in nachdenkliche Gesichter. Endlich brach Daniel das Schweigen: „Na ja, die Schweizer mit ihren Bergen. Für die ist es vielleicht selbstverständlich, auf hartem Felsen zu liegen, auch als so kleines Baby.“
„Ja, nicht wahr? Und bei uns heißt es schon Du bist als Kind zu fest gewickelt worden, wenn einer Unsinn von sich gibt“, meinte Friederike.
„Das haste jetzt aber nicht auf mich gemünzt, oder?“ vergewisserte Daniel sich.
„Aber nein“, betonte die Schwester mit übertriebener Geste. „Nein, nein, Hoheit können ganz beruhigt sein.“
Prustend zitierte Demian einen weiteren Satz aus „Das Spukschloss im Spessart“, dem Lieblingsfilm der Familie: „Jetzt kriegt Komtesschen feines Fresschen.“
Alle wussten, was gemeint war, und ein ganz neues Thema wurde angeschnitten:
„Abrumbus feines Fresschen, was essen wir denn dieses Jahr zu Weihnachten? Pute oder Gans?“, fragte Daniel.
„Weder noch. Ich habe euch doch erzählt, dass gegenüber eine Chinesin eingezogen ist. Zum Glück spricht Tu-Ha . . . .“
„Tu-Ha“, kicherte Daniel, „was n Name!“
„Gut, dass du dir die Adjektive verkniffen hast. Tu-Ha ist ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch, und sie spricht sehr gut deutsch, sonst könnten wir ja gar nicht miteinander reden. Ich hab ihr gesagt, wie man Rippchen, Goulasch und Krautwickel schmort . . .“
„Was denn, deine guten Kohlrouladen auf m chinesischen Mittagstisch?“
„Na klar, ihr Mann ist Deutscher. Soll ich ihn etwa bekochen?“
„Nee.“
„Na siehste. Tu-Ha hat versprochen, mir zu zeigen, wie man „Peking-Ente“ zubereitet. Dieses Weihnachten essen wir chinesisch!“
Nachdenklich murmelte Daniel: „Ob die Frau sich der Ehre bewusst ist?“ Und laut fragte er: „Gibt es eigentlich auch in China Weihnachten?“
Die Mutter antwortete resolut: „Weihnachten gibt es überall da, wo es Christen gibt. Man hat die Schwarzen in Afrika und die Indianer in Amerika christianisiert, und mit Sicherheit auch die Chinesen.“
„Ich werd mal im Internet nachsehen, bei Google finde ich bestimmt was darüber“, setzte Carola hinzu. „Da hab ich auch noch mehr Weihnachtsbräuche entdeckt, als ich vorhin schon aufzählte. Aus England stammt der inzwischen sehr bekannte Brauch, einen Mistelzweig über die Tür zu hängen, in Schweden geht die Lichtkönigin Lucia mit einem Kranz brennender Kerzen auf dem Kopf von Haus zu Haus, das bringt Glück und Segen, in ganz Skandinavien wird Julklapp gemacht, da legen sich die Leute gegenseitig nach Einbruch der Dunkelheit kleine Geschenke auf s Fensterbrett, in vielen Ländern werden Krippenspiele veranstaltet . . .“
„Hörst du, Mama?“, redete Daniel dazwischen. „Genau wie in deiner geliebten Trapp-Familie.“
„Ei, da bringst du mich auf eine Idee!“ Die Mutter strahlte über s ganze Gesicht, und eifriger rollte das Nudelholz. „Die Trapp-Familie bestand mit dem Baby aus zehn Personen. Wir sind mit Opa auch zehn . . .“
„Komm jetzt ja nicht damit, dass du mit uns ein Krippenspiel inszenieren willst!“, unterbrach Demian.
„Ach, wie schade, dass ich so leicht zu durchschauen bin“, seufzte die Mutter und wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. Dann fuhr sie in ihrer gewohnten energischen Art fort: „Außerdem haben die Trapps kein Krippenspiel aufgeführt, sondern das Märchen vom Dornröschen.“
„Ja, Mama, wir wissen, dass du den Film auswendig kennst“, gähnte Daniel.
Verhalten kichernd setzte Carola ihre Rede fort: „Wie weit der Brauch verbreitet ist, am Nikolaustag die blank geputzten Schuhe vor die Tür zu stellen, ist nicht genau bekannt.
In Deutschland gibt es das Sprichwort, dass es Unglück bringt, wenn man Weihnachtslieder außerhalb der Weihnachtszeit singt . . .“
„Auweia“, unterbrach Daniel, „morgen ist erst der erste Advent und wir singen heute schon!“
„Hab dich nicht so albern!“, rügte die Mutter. „Der eine Tag! Wolltest du noch was hinzufügen, Carola?“
„Nein, mehr fällt mir jetzt nicht ein. Außer natürlich die diversen Gedichte, die üblicherweise dem Weihnachtsmann vorgetragen werden.“
„Oh“, seufzt die Mutter, da fällt mir eines ein, das ich als Fünfjährige aufsagen musste. Es hat mich viel Mühe gekostet, es zu lernen. Mal sehen, ob ich es noch zusammen bringe.“

Von drauß vom Walde komm ich her

Von drauß vom Walde komm ich her,
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
All überall auf den Tannenspitzen
seh ich goldene Lichtlein blitzen.
Und oben aus dem Himmeltor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Wie ich so geh durch den finstren Tann,
da rief s mich mit heller Stimme an:
Knecht Ruprecht, rief es, alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan
Alt und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn.
Und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder Weihnachten werden!
So geh denn rasch von Haus zu Haus,
such mir die guten Kinder aus,
damit ich ihrer mag gedenken,
mit schönen Sachen sie beschenken.

Ich sprach: O lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist;
ich soll nur noch in diese Stadt,
wo s eitel gute Kinder hat.

Hast denn das Säcklein auch bei dir?
Ich sprach: das Säcklein, das ist hier;
Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern,
essen fromme Kinder gern.

Hast denn die Rute auch bei dir?
Ich sprach: Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten.
Christkindlein sprach: So ist es recht.
So geh mit Gott, mein treuer Knecht.

Von drauß, vom Walde komm ich her,
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find,
sind s gute Kind? Sind s böse Kind?

„Na, hoffentlich war s vollständig. Ich glaub, das ist von Theodor Storm.“
„Ja, genau“, bestätigte Carola. „Ich weiß noch ein schönes:

Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus.
Sinnend geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
sind so wundervoll beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins weite Feld,
hehres Glänzen, heilges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus des Schnees Einsamkeit
steigt s wie wunderbares Singen –
o du gnadenreiche Zeit!

Ein recht frommes Gedicht, nicht wahr? Das war wohl zu jener Zeit hoch im Kurs. Es ist von Joseph von Eichendorff.“
Dazu konnte niemand etwas sagen. Nicht einmal Daniel fiel eine schnoddrige Bemerkung ein. Da es nun also so still war, konnte man hören, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Das bedeutete, dass der Opa nach Hause kommt. Und schon steckte er die rote Nase zur Tür herein. Er inhalierte tief den süßen Backduft, rieb sich in großer Vorfreude die Hände und seine Augen begannen fröhlich zu glänzen.
„Na, Papa“, fragte Frau Niemeier leutselig, nachdem sie sich aus der Bärenumarmung gelöst hatte, „wie war s beim Frühschoppen?“
Der Alte fuhr wegwerfend mit der Hand durch die Luft: „Langweilig. Die Kumpels reden nur noch über ihre Krankheiten und dass das Geld so knapp ist. Als ich die vierte Runde ausgeben sollte, bin ich gegangen. Bin schließlich auch kein Krösus.“
Während dieser Worte war er von einem zum anderen gegangen und begrüßte jeden Anwesenden gebührend. Zwischendurch griff er sich von jeder Keksschale ein Stück Gebäck (das will ja erst mal gekostet werden!). Frau Niemeier kannte das schon von vorherigen Weihnachten und ließ ihn gewähren.
Sie sagte nur: „Recht so, Papa. Wenn du genug Kekse genascht hast, liest du uns dann ausnahmsweise mal die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vor? Ich hab die Seite schon aufgeschlagen.“
„Was, ausgerechnet ich soll aus der Bibel vorlesen? Fällt dir nichts Dümmeres ein?“, brummte der Alte. Doch Frau Niemeier kannte ihren Vater. Er wird ihr die Bitte nicht abschlagen. Und nachdem er sich mit einem gespielten Seufzer in seinen Lieblingssessel, den Demian extra aus dem Wohnzimmer geholt hatte, plumpsen ließ, begann er mit salbadernder Stimme zu lesen:

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quinius Statthalter in Syrien war.

Der Großvater fiel in seinen normalen Tonfall zurück und erklärte: „Der große Kaiser Augustus, dieser Schlawiner, wollte nämlich endlich mal wissen, über wie viele Menschen er eigentlich gebot, darum ließ er sie zählen. Gleichzeitig sollte geklärt werden, woher und aus welchem Volk ein jeder stammte, deshalb mussten sich alle an ihren Geburtsort begeben. Die Sklaven natürlich nicht, die waren ja nun Eigentum dessen, der sie besaß und zählten nicht.“
Wieder nahm seine Stimme die Färbung eines Pfarrers an:

Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

Frau Niemeier bemerkte, dass ihr Vater während des Lesens tastend mit der Hand über den Tisch fuhr, als würde er etwas suchen. Daher fragte sie: „Papa, was suchst du denn?“
Er antwortete bedrückt: „Ich dachte, du hättest mir ein Bierchen hergestellt, Tochter.“
Frau Niemeier verdrehte in gespielter Verzweiflung die Augen: „Aber Papa, wir haben doch nie Bier im Haus, das weißt du doch.“
„Na ja, aber heute wäre es schön, wenn . . . aber du kannst mir vielleicht einen Weinbrand geben, oder?“
„Nein, der ist auch nicht da.“
„Ooooch“, der Opa klang sehr enttäuscht. „Machst du denn in diesem Jahr nicht wieder den feinen Kalten Hund?“
„Doch, aber ich hab noch nicht gekauft, was ich dafür brauche. Du kannst eine Apfelschorle bekommen, die hilft auch gegen den Durst.“
Eines Tages hatte ihr eine Arbeitskollegin berichtet, dass sie ihre zehn und zwölfjährigen Söhne sturzbetrunken angetroffen hatte. Die Bengels hatten sich über den Alkoholvorrat hergemacht und waren knapp an einer Alkoholvergiftung vorbei gekommen. Seither wurde bei Niemeiers Alkohol immer erst kurz vor seinem Konsum eingekauft.
Der Alte war es zufrieden und Daniel mixte rasch das Getränk, damit der Opa weiter lesen konnte.

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.

„Hach“, stieß der Alte hervor, „ich erinnere mich daran, dass wir beim Krippenspiel an dieser Stelle das Lied singen sollten „Maria durch ein Dornwald ging“, aber das war uns Bengels zu blöd. Singt ihr mal, ihr könnt das.“

Geige und Gitarre wurden bereit gemacht und das Lied erklang im Jubelton.

Maria durch ein Dornwald ging, Kyrieleison!
Maria durch ein Dornwald ging, der hat in sieben Jahr kein Laub getragen,
Jesus und Maria!

Was trug Maria unter ihrem Herzen? Kyrieleison!
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria!

Da haben die Dornen Rosen getragen, Kyrieleison!
Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen,
Jesus und Maria!

Der Opa nickte beifällig und fuhr fort:
Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.
Und sie gebar ihren ersten Sohn . . .

„Wie, ihren ersten?“, unterbrach Daniel. „Hatte Jesus Geschwister?“
„Na sicher“, konterte Carola. „Damals waren Einzelkinder eine große Seltenheit. Und ein Bruder von Jesus kommt auch immer wieder in Kreuzworträtseln vor.“
„Lies weiter, Opa“, kommandierte die Mutter.

. . .und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Platz in der Herberge.

„Abrumbus Baby; wann ist es denn bei euch endlich mal so weit?“, unterbrach der Opa die Geschichte und blickte auf seine Enkelsöhne. „Ich glaube, die Friederike oder die Jana machen mich eher zum Ticktackopa als ihr.“
Alle lachten verhalten. Die Angesprochenen aber schlossen ihre Damen in die Arme und grinsten nur. Resigniert las der Opa weiter:
Und es waren Hirten in der selben Nacht auf dem Felde bei den Herden, und sie hüteten des Nachts ihre Herde.

Der Opa räusperte sich und sprach: „Es ist heute aber mächtig heiß in deiner Küche, Tochter. Daniel, machst du mir bitte noch so ein Appelschaschlyk?“
Jana korrigierte schmunzelnd: „Schorle, Opa.“
Er blinzelte ihr zu: „Nee, du, Scholle kann man nicht trinken, Scholle ist Ackerland. Jeder Bauer hält an seiner Scholle fest.“
„Könnte aber auch ein Tier sein, Opa“, warf Demian ein. „Scholle ist ein Plattfisch. Schmeckt gebraten besser als geräuchert.“
„Fisch? Igitt!“, stöhnte der Alte. „Da bekomme ich ja noch mehr Durst!“
Er ergriff das Glas und leerte es in einem Zuge.
„Papa, du gibst wieder mal n tolles Beispiel“, seufzte die Mutter.
Der Opa wischte sich vergnügt den Mund ab und las weiter:

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie und sie fürchteten sich sehr.

„Na, wenn hier nicht das Lied „Kommet, ihr Hirten“ hinpasst, dann weiß ich auch nicht . . .“, unterbrach der Opa die Geschichte aus der Bibel.
Er bekam von allen Seiten Zustimmung: „Ja, Opa, das singen wir gerne.“

Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun.
Kommet, das liebliche Kindlein zu schaun.
Christus, der Herr ist heute geboren,
den Gott zum Heiland euch hat erkoren.
Fürchtet euch nicht.

Lasset uns sehen in Bethlehems Stall,
was uns verheißen der himmlische Schall!
Was wir dort finden, lasset uns künden,
lasset uns preisen in frommen Weise.
Halleluja!

Wahrlich, die Engel verkündigen heut
Bethlehems Hirtenvolk gar große Freud.
Nun soll es werden Friede auf Erden,
den Menschen allen ein Wohlgefallen.
Ehre sei Gott!

Unterdessen hatte sich Gundula noch einmal das Backbuch herunter reichen lassen, um das Rezept für Kalten Hund abzuschreiben:

Lukullus:
300gr Kokosfett, 125gr klarer oder Staubzucker, 45gr Kakao, 2 – 3 Eier, 2 Pakete Butterkeks
das Kokosfett auf kleiner Flamme zerlaufen lassen. Inzwischen Zucker, Eier und Kakao verrühren und das sich abkühlende Fett fast tropfenweise dazu gießen. In eine mit Butterpapier ausgelegten Kastenform eine Schicht Lukullusmasse streichen, darauf Kekse anordnen und so fortfahren, bis die Form gefüllt ist. Zuoberst sollten Kekse liegen. Nach dem völligen Festwerden aus der Form stürzen und nach Wunsch mit Mandelhälften oder Schokoladenplätzchen garnieren. Durch die Zugabe von 1 halben Teel. fein gemahlenem Kaffee, 1 Eßl. Rum, 1 halbes Päckchen Vanillinzucker, 2 - 3 bitteren Mandeln oder ein wenig abgeriebene Zitronen- bzw Apfelsinenschale lässt sich die Lukullusmasse geschmacklich verändern.

Der Opa las weiter:
Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird:
„Halt, Opa, „die allem Volk widerfahren wird?“, rief Domenica dazwischen. „Da hat damals jemand ein schönes Lied auf eine noch schönere Melodie von Bach geschrieben: „Freue dich, Welt“. Kurioser weise habe ich es in einer amerikanischen Familien-Soap kennen gelernt. Ich sing s mal vor.“
Gleich nach den ersten Tönen rief Carola: „Das kenn ich! Das kenn ich! Ich kann sogar die zweite Stimme singen.“
„Das ist schön, dann klingt es noch besser.“
Und schon füllten die Töne des alten Chorals die Küche.


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