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Leselupe.de > Erzählungen
Weihnachtsliedergeschichte Teil 2
Eingestellt am 16. 06. 2005 19:32


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flammarion
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Freue dich, Welt, der Herr ist da! Nimm deinen König an!
Und jedes Herz empfange ihn, mach für ihn Raum und singe ihm!
Ja, Erd und Himmel sing, ja, Erd und Himmel sing,
ja, Erd, ja, Erd und Himmel sing!

Freue dich, Welt, dein Heiland kommt. Stimmt, Völker, stimmet an!
Und Feld und Wald und Strom und Strand und Felsen, Hügel, flaches Land,
nehmt auf den Lobgesang, nehmt auf den Lobgesang,
nehmt auf, nehmt auf den Lobgesang.

Sünde und Schuld sind abgewandt, in Frieden ist das Land.
Denn Gottes Heil erhellt die Welt, sein reicher Segen sie erfüllt,
von allem Fluch befreit, von allem Fluch befreit,
von allem, allem Fluch befreit.

Er herrscht mit Wahrheit, Recht und Gnad, und alle Völker sehn
den Ruhm seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe Mächtigkeit,
die alle Welt erneut, die alle Welt erneut,
die alle, alle Welt erneut.

Gundula hatte während des Singens in ihrem Buch geblättert und endlich gefunden, was sie suchte. Da konnte sie nun verkünden: „Hier steht, die Melodie ist von Händel, der Text von Isaac Watts nach dem Psalm 98 und es wurde 1985 aus dem englischen übersetzt von Annette Sommer.“
„Na gugge“, kommentierte Frau Niemeier lakonisch. „Da haben wir wieder was gelernt.“
„Und was haben wir gelernt?“, fragte der Opa. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er sich anschickte, einen Scherz zu machen. Alle hörten deshalb gespannt zu.
„Wir haben gelernt, dass irgend so ein Jude Händels Melodie durch einen gelungenen Text veredelt und in die alte Heimat über den Ozean zurück geschickt hat.“
Seine Tochter nickte zustimmend. Dann fragte sie ihre Söhne und deren Frauen, ob sie nicht schon immer anfangen wollten, die Kartoffeln für das Mittagessen zu schälen. Es sollte Goulasch mit Rotkohl geben, das aßen alle gerne. Und da der Goulasch schon am Vortag geschmort worden war, würde er heut noch besser schmecken.

Nach einer kurzen Pause fuhr der Opa in der Weihnachtsgeschichte fort:
Denn euch ist heut der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.

Ausgerechnet an dieser Stelle krächzte der Nymphensittich in der Stube, als hätte ihn die Katze gebissen. Wie auf Kommando rief die ganze Familie: „Halt den Schnabel, Herodes!“ Dabei hatte das gute Tier doch nur darauf hinweisen wollen, dass Maunzi gerade die Stube verließ. Da stand sie auch schon in der Küche. Das war Daniel gerade recht. Er meinte, dass er für heute genug Küchenarbeit verrichtet hatte, nahm die Katze auf den Schoß und schmuste mit ihr. Bald begann sie wohlig zu schnurren.
Der Opa las indessen weiter:

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Er unterbrach sich und sagte: „Hier passt doch ganz wunderbar das schöne Lied hin „Hört der Engel helle Lieder“. Ich brumm auch nicht dazwischen.“

Hört der Engel helle Lieder klingen das weite Feld entlang,
und die Berge hallen wieder von des Himmels Lobgesang:
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria, in exelsis deo!

Hirten, sagt, was ist geschehen, was tun uns die Engel kund?
Alles Leid könnt jetzt vergehen, auf dem weiten Erdenrund,
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria, in exelsis deo!

Denn ein Kindlein ist geboren, kommen ist der Heiland dein.
Er errettet, was verloren, Friede soll auf Erden sein.
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria, in exelsis deo!

Während Geige und Gitarre noch einmal nachgestimmt wurden, sah sich die Mutter suchend in der Küche um, wo denn wohl noch Platz für einen Teller mit Gebäck wäre. Auf der Anrichte standen sie schon dicht an dicht, also entschloss sie sich, den nächsten vollen Teller auf den Küchenschrank zu stellen. Nebenbei meinte sie: „Brumm ruhig, Papa, du brummst ganz niedlich.“
„Ja, so lange ich nicht brummen muss“, schmunzelte der Alte und keiner wollte die Zweideutigkeit wahrnehmen.
Dann schallte das Gloria so kräftig und harmonisch durch die Küche, dass jeder in seiner Arbeit inne hielt.
„Ach, das hat so gut geklungen“, seufzte der Opa.
„Ja, aber nun lies weiter, Papa“, forderte Frau Niemeier.
Und ihr Vater las:
Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem, und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Der Opa warf einen Blick in die Runde, um sich zu vergewissern, dass er Zuhörer hatte. Vielleicht fiel ja einem diese empörende Pflichtverletzung auf, dass die Hirten ihre Herden unbewacht ließen.
Aber nein, alle waren in ihre Arbeit vertieft.
Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.
Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt worden war.

„Im vorigen Jahr war ich bei einem Weihnachtsgottesdienst“, unterbrach Friederike. „Da wurde auch diese Geschichte vorgelesen, und an der Stelle eben sang die Gemeinde Es ist ein Ros entsprungen. Könnten wir auch machen.“
„Ja“, meinte die Mutter, „aber es ist ein schwieriges Lied. Achtet auf die Fermaten!“
„Hach“, flüsterte Daniel. „Jetzt kommt wieder die alte Chorsängerin durch.“
Frau Niemeier gab lächelnd den Ton an und alle bemühten sich, wie ein braver Chor zu klingen. Das gelang auch leidlich.

Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen: von Jesse kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.

Das Blümlein, das ich meine, davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd.
Aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren,
wohl zu der halben Nacht.

Das Blümelein, so kleine, das duftet uns so süß,
mit seinem hellen Scheine vertreibt s die Finsternis.
Wahr Mensch und wahrer Gott, hilf uns aus allem Leide,
rettet von Sünd und Tod.

So singen wir all Amen, das heißt: nun werd es wahr,
was wir begehrn allsammen, o Jesu, hilf uns dar
in deines Vaters Reich, drum wollen wir dich loben –
o Gott, uns das verleih.

Der Opa schnäuzte sich gerührt und las weiter die Geschichte aus der Bibel vor:

Und alle, die vor es kamen, wunderten sich über das, was die Hirten gesagt hatten.
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden wollte, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

„Hä?“, unterbrach Daniel kess. „Jetzt macht die Geschichte aber einen tüchtigen Sprung rückwärts in der Zeit. Was war das für ein Engel?“
Die Mutter drückte den Rücken durch und bestimmte: „Das ist sicher in dem Kapitel „Mariä Empfängnis“ nachzulesen. Das verschieben wir auf den dritten Adventssonntag.“
„Okay“, warf Daniel, gar nicht mehr neugierig, leicht hin.
Dann forderte Friederike: „Lies weiter, Opa.“
Der Alte klappte die Bibel zu und sagte mit einer gewissen Erleichterung in der Stimme: „Das war s schon. Halleluja.“
„Aber da fehlen ja noch die heiligen drei Könige!“, rief Jana.
„Die waren nicht gleich bei Christi Geburt dabei, die kamen erst am sechsten Januar, am Heiligen Dreikönigstag“, erklärte der Opa.
„Aha, deshalb werden in manchen Ländern die Geschenke erst am sechsten Januar verteilt.“
„Du bist ein helles Kind, mein Liebling.“
Demian trug die Bibel in die Stube und stellte sie an ihren angestammten Platz.
Frau Niemeier zog die beiden Backbleche aus dem Ofen. Das war endlich die letzte Portion Kleingebäck.
Doch als sie nach dem zweiten Blech griff, musste sie es auf die Herdklappe fallen lassen. Unversehens hatte sich ein Loch im Topflappen an ihren Finger geschoben. Das tat weh, würde aber keine Blase machen, dafür war die betroffene Stelle zu klein.
Sie dachte: Vielleicht hat mir ja die Jana ein paar neue Topflappen gehäkelt. Sie weiß ja, dass diese hier nicht mehr lange halten werden.
Glücklicherweise hatte das Kleingebäck auf dem Blech nur einen kleinen Hopser getan, war dadurch gelöst und konnte einfach so auf einen Teller rutschen.
Dann erinnerte Frau Niemeier sich daran, auf welche Weise sie zu dem zweiten Blech gekommen war: Da stand eines Tages ein alter Herd am Straßenrand mit einem Schild: Der Schrott wird am 12. 5. abgeholt. Es war gerade der 12. 5.. Einer Eingebung folgend blickte sie in den Herd hinein und sah, dass das Backblech mit entsorgt werden sollte. Da es in gutem Zustand war, hatte sie es mitgenommen und es leistete ihr gute Dienste. Ihre Blechkuchen erfreuten sich nämlich ebenfalls größter Beliebtheit, namentlich der vorzügliche Bienenstich.
Die Mutter überbrückte die eintretende Stille durch muntere Worte: „Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt singen „O Jesulein zart“? Das kennt ihr doch noch, oder?“

O Jesulein zart, dein Kripplein ist hart,
O Jesulein zart, wie liegst du so hart.
Schlaf, Kindlein, tu die Äuglein zu,
ja, schlaf, gib uns die ewige Ruh!
O Jesulein zart, dein Kripplein ist hart,

Schlaf, Jesulein, wohl, nichts hindern soll,
Ochs, Esel und Schaf sind alle im Schlaf.
Schlaf, Kindlein, tu die Äuglein zu,
ja, schlaf, gib uns die ewige Ruh!
O Jesulein zart, dein Kripplein ist hart.

Dir Seraphim singn und Cherubim kling;
Viel Engel im Stall, die wiegen dich all.
Schlaf, Kindlein, tu die Äuglein zu,
ja, schlaf, gib uns die ewige Ruh!
O Jesulein zart, dein Kripplein ist hart.

Geige und Gitarre waren schon bereit und die Familie quälte sich durch das nicht ganz so bekannte Lied, dem sie nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenkte, weil während des Singens die Küche aufgeräumt wurde. Die mit Keksen gefüllten Schalen wurden nun alle auf den Küchenschrank gestellt, auf dem Kühlschrank fanden drei große Teller ihren Platz und zwei wurden sogar in die Stube getragen.
Die Ausstechförmchen und alles, was sonst noch an Gerätschaften zum Backen verwendet worden war, kamen in den Abwasch – Carola spülte und Domenica trocknete ab.
Bald wurde der Kuchenduft vom Geruch des schmurgelnden Goulaschs abgelöst. Alle hatten bereits gewaltigen Appetit. Der Vormittag hatte sich doch ganz schön in die Länge gezogen. Auch Rolf reckte seine Nase gen Schmortopf, bis Demian ihn nach draußen führte, wo er niemandem im Weg sein konnte.
Lüstern fragte Daniel: „Haste dies Weihnachten auch wieder Mohnpielen gemacht, Mama?“
„Na klar, doch, Sohn. Ist doch sonst kein richtiges Weihnachten. Du möchtest wohl schon naschen, was?“, sprach die Mutter über die Schulter.
Sachte zog der Opa seinen Lieblingsenkel zur Speisekammer hin. Dort befanden sich, mit weißen Leinentüchern sauber abgedeckt, zwei große Schüsseln mit der begehrten Weihnachtsleckerei. Er flüsterte: „Ich hab heut Morgen schon genascht. Sind wieder ganz köstlich geworden, die Mohnpielen.“
Jeder füllte sich ein Schälchen ab. Die Mutter ließ sie gewähren. Sie wusste, dass die Mittagsteller dennoch leer gegessen werden.

Rezept für Mohnpielen:
Pro Person je 1 altes Brötchen zerkleinert in Milch quellen lassen, gemahlenen Mohn, gehackte Mandeln und Rosinen, alles nach Bedarf und Geschmack, dazu geben, gut durchrühren, über Nacht an kaltem Ort ruhen lassen, noch mal gut durchrühren. Zucker kann nach Bedarf dazu gegeben werden.

In der Zeit, wo alle mit Abwaschen und Mittagkochen beschäftigt waren, deckten Jana und Demian den Tisch im Esszimmer. Demian trug alles herbei, was gebraucht werden wird und Jana stellte es hübsch zurecht, recht symmetrisch und sehr ordentlich. Sie verzichtete nur darauf, aus den Servietten kleine Kunstwerke zu falten, das blieb dem Festmahl vorbehalten.
Als alle am Tisch saßen und dem Goulasch Ehre antaten, konnte der alte Spruch von Daniel nicht ausbleiben: „Es herrschet eine gefräßige Stille“, die Mutter aber blickte mit Stolz und Zufriedenheit auf ihre Großfamilie.
Da die Mittagszeit häufig die einzige Gelegenheit für die Schichtarbeiterin war, sich mit den Kindern über Alltagsdinge zu unterhalten, hatte sie damals gegen den Willen ihres Mannes die Regel abgeschafft, dass man sich während des Essens nicht unterhält. So wurde auch jetzt munter geplaudert.
Carola fügte den Weihnachtsbräuchen noch einen hinzu, den vom Nikolaustag. Kaum erwähnt, kicherte Daniel schon: „Ja, das ist die einzige Gelegenheit, jemandem ungestraft etwas in die Schuhe schieben zu können.“
Frau Niemeier berichtete von einem Arbeitskollegen, der sich ein paar Mark nebenbei verdiente, indem er die damals gerade sehr beliebten Schwibbögen als Laubsägearbeit fertigte. Auch sie ließ sich auf die lange Warteliste setzen. So ein kleines Kunstwerk hätte sie sich gern ins Fenster gestellt, fast jeder in der Siedlung hatte schon einen. Doch gerade in dem Jahr, wo sie ihren Schwibbogen bekommen sollte, kam die Wende. Der Betrieb wurde stillgelegt und sie hat ihren Kollegen nie wieder gesehen. Und gegenwärtig ist ihr eine Schnitzerei aus dem Erzgebirge zu teuer.
Demian, der als Bankangestellter recht gut verdiente, notierte sich im Geiste: „Feines Weihnachtsgeschenk für Mama: ein Schwibbogen.“
Der Opa begann ein neues Thema: “Was haste denn bis jetzt alles gebacken, Tochter?“
Da die Mutter gerade den Mund voll hatte, berichtete Jana stolz: „Weihnachtssternchen, Weihnachtskekse und Schokoladenküchel.“
„Ja“, kam die Bestätigung. „Und nun wollen wir noch Pfeffernüsse, das Weihnachtsbrot, den Stollen und einen Hokuspokuskuchen backen.“
„Was? Hokuspokuskuchen? Was ist das denn?“, fragte Daniel kichernd.
„Wirst schon sehen“, tat die Mutter geheimnisvoll.

Rezept für Pfeffernüsse:
150gr Zucker, 2 Eier, etwas Salz, 250gr Mehl, je eine gehäufte Messerspitze Pfeffer und gemahlene Nelken, 1halben Teel. gemahlenen Ingwer
Zucker, Eier und Salz recht schaumig schlagen, nach und nach das mit dem Gewürz gesiebte Mehl unterarbeiten. 2 bis 3 cm starke Rollen daraus formen, in Scheibchen schneiden, bei Mittelhitze auf gefettetem Blech backen

Nichts blieb von dem Mahle übrig, und das Geschirr wurde in die Küche zum Abwasch getragen, alle halfen mit. Nur der Opa zog sich in sein Dachstübchen zurück, er wollte einen kleinen Mittagsschlaf halten.
Die Mutter blickte schmunzelnd auf das Gewusel der vielen fleißigen Helfer. Ihr Kindheitstraum war es, Kindergärtnerin zu werden, aber dafür brauchte man in der damaligen DDR einen Notendurchschnitt von 1,8 und sie brachte es nur auf eine glatte 2.
Sie trauerte dem nicht nach, sondern stimmte ein Lied an:

Bald nun ist Weihnachtszeit

Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit,
nun ist der Weihnachtsmann gar nicht mehr weit,
nun ist der Weihnachtsmann gar nicht mehr weit.

Horch nur, der Alte klopft draußen ans Tor,
I: mit seinem Schimmelchen steht er davor :I

Leg ich dem Schimmelchen Heu vor das Haus,
I: packt gleich Knecht Ruprecht den großen Sack aus. :I

Pfeffernuss, Äpfelchen, Mandel, Korinth,
I: alles das schenkt er dem artigen Kind. :I

Friederike und Demian erledigten den Abwasch, Frau Niemeier zog sich ihre Küchenschürze wieder an, denn jetzt sollte der Weihnachtsstollen gebacken werden.

Rezept für einen großen Stollen:
100gr Hefe, 125gr Zucker, 1 Prise Salz, 1000gr Mehl, 500gr Rosinen, 5 Päckchen Vanillinzucker, 375gr Butter, 125gr Schmalz, 1 viertel L. Milch, 125gr Mandeln, 30 bittere Mandeln, 125gr Zitronat
in die lauwarme Milch die Hefe einstreuen, mit 1 Teel. Zucker etwas Mehl unterrühren. Die Milch mit Mehl bestäuben, bis sie bedeckt ist. Auf kleinem Feuer leise köcheln lassen. Wenn die Milch durch die Hefe hochkommt, von der Wärmequelle nehmen.
Rosinen einen Tag vorher in Rum oder Weinbrand einlegen (kann, muss nicht). waren die Rosinen eingelegt, diese gut abtropfen lassen. Mandeln sehr klein hacken oder mahlen. Nicht eingelegte Rosinen mehlen. In eine große Schüssel Mehl einsieben, Zucker und Vanillinzucker zugeben, vermengen und in der Mitte eine Mulde formen. In die Mulde die lauwarme Milch geben, die Butter und das Schmalz (Zimmertemperatur) zugeben, alles gut durchkneten. Teig mit Tuch abdecken und 1 Stunde zum Gehen warm stellen. Dann mehrmals durchkneten, ausrollen auf ca. 3 bis 4cm. Die Enden übereinander schlagen und oben längs eindrücken, damit eine brotähnliche Form entsteht. Auf s gefettete Backblech geben, die Stolle mit Mehl bestäuben. Bei 180°C auf mittlerer Schiene eine Stunde goldbraun backen. 250gr Butter zerlassen und die Stolle damit bepinseln. Dann mit Puderzucker bestreuen und austrocknen lassen. Vorgang mehrmals wiederholen.

„Gibt es auch Stollen ohne Rosinen?“ Mit dieser Frage wollte Daniel seine Mutter auf den Arm nehmen. Sie ließ sich nicht beirren, sondern konterte: „Ja, die Bergwerkstollen. Und nicht zu vergessen die Stollen, die die Fußballer unter den Schuhsohlen haben.“
„Eins zu null für Mutti!“, rief Demian wie in alten Kindertagen und alle lachten.
„Na, Daniel, nun musst du aber was machen!“, forderte Friederike. Es war in der Familie Brauch, dass jeder, der einen Punkt vergab, dafür eine kleine Leistung als Ausgleich bringen musste. Daniel beriet sich kurz mit Carola, dann verkündete er: „Ich lese die nächste Geschichte vor. Darin erfährt ein kleines Mädchen, dass der Weihnachtsmann kleine leuchtende Engel zu jenen Kindern schickt, die ihm nicht selbst sagen können, was sie sich wünschen. Die Engel bringen dann die Wünsche zum Weihnachtsmann, damit er sie erfüllen kann.“
Dafür bekam er Applaus.

„Eine ganz reizende Geschichte“, lobte die Mutter. „Und ganz nach deinem Geschmack, nicht wahr, Daniel?“
„Gibt s Fragen?“, gab der großspurig zurück.
Unterdessen waren schon die Zutaten für das Weihnachtsbrot zusammengesucht worden, der Stollen braucht ja mehrere Unterbrechungen.

Rezept für Würzbrot:
4 Eiweiß, 2 Eigelb, 125gr Zucker, 1 Päckchen Vanillinzucker, etwas Salz, 1 und 1 halben Teel. Pfefferkuchengewürz, Saft einer halben Zitrone, 4 Eßl. Sahne, 150gr Korinthen, 15 grob zerschnittene Datteln, 250gr Mehl, 3 viertel Päckchen Backpulver
Die zu steifem Schnee geschlagenen Eiweiß mit Eigelb, Zucker, Vanillinzucker und Salz verrühren. Nach und nach die übrigen Zutaten unterarbeiten und den Teig in einer gefetteten, ausgestäubten Kastenform bei Mittelhitze etwa 50min backen.

Nachdenklich sagte Jana: „Weißt du, was mir bei deiner Geschichte aufgefallen ist?“
„Nee“, knurrte Daniel. „Aber du wirst es mir sicher gleich auftischen.“
„Hm. Die Kinder in deiner Geschichte brauchten dem Weihnachtsmann keine Gedichte aufzusagen.“
„Stimmt. Aber das wäre ja auch langweilig, das kennt man doch alles längst“, wimmelte die Mutter ab. Doch ihre Kinder waren nicht mehr zu bremsen. Einer nach dem anderen bläkte die Kinderverse heraus: Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an.
Stecke deine Rute ein, ich will immer artig sein.
Lieber, guter Weihnachtsmann, zieh mir nicht die Hose stramm. Lasse deine Rute sinken, komm, wir jehn ne Molle trinken.
Liebe jute Weihnachtsfrau, du bist dufte, du bist schau. Schenkst uns Mandeln, schenkst und Nüssen, ohne, dass wir strammstehn müssen.
Und im vollen Übermut intonierte Daniel obendrein:
Wenn Weihnachten ist, dann kommt zu uns der heilige Christ. Dann schenkt er uns ne Muh, dann schenkt er uns ne Mäh, dann schenkt er uns ne Tschingderätäbumderätätä.
Sogleich fiel Demian ein: Eine Rute, eine Tute, ja, da kriegen wir die allerschönste Täterätätä.
Da niemand wusste, wie das Lied weitergeht, machte jeder auf seine Weise Tschingderassa, bumderassa, tätärätätä. Bald wurde der alte Schlager Umba, umba täterä daraus.

Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,
bescheret uns der liebe heilige Christ.
Und da kriegen wir ne Muh, und da kriegen wir ne Mäh,
und da kriegen wir die allerschönste Täterätätä.

Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,
bescheret uns der liebe heilige Christ.
Und wir kriegen ne Brumbrum, und wir kriegen ne Bumbum,
und wir kriegen noch die allerschönste Dideldideldum.

Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,
bescheret uns der liebe heilige Christ.
Und wir kriegen ne Hottehüh, und wir kriegen Kikriki,
und wir kriegen noch die allerschönste Dudeludelüh.

Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,
bescheret uns der liebe heilige Christ.
Und da kriegen wir ein Ei, wenn wir artig warn, auch zwei,
und wir kriegen noch die allerschönste Dideldideldei.

Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,
bescheret uns der liebe heilige Christ.
Und da kriegen wir ne Bimbam, und wir kriegen ne Tamtam,
und wir kriegen noch die allerschönste Ratatatatam.

Irgendwann hatten sie sich ausgealbert und Demian sagte versonnen: „Weißt du, was ich am meisten vermisse, Mama? Die Adventskalender.“
Nun dachten alle daran, dass in jedem Dezember in der Diele – und zwar an der Wand, die bei Schlechtwettertagen auch zum Ballspielen freigegeben wurde - immer etliche Adventskalender gehangen hatten.
Zuerst hatte jeder nur einen. Die Türchen wurden nie abgerissen, sondern nach Weihnachten sorgfältig geschlossen. Ging dennoch eine Tür ab, wurde im nächsten Jahr ein neuer gekauft. Weggeworfen wurde ein Kalender nur, wenn er mehrere Türchen verloren hatte. So sammelten sich bald alle Motive, die Adventskalender nur haben können.
Ein einziger war gefüllt. Ihn zu öffnen, war eine Belohnung, die jeden Tag einen anderen traf, Eltern und Großeltern mit eingeschlossen.
Auch dieser wurde im nächsten Jahr wieder angehangen. Manchmal tat die Mutter kleine Bonbons oder Schokoladenstückchen hinein. Da sie wahllos versteckt waren, stellten sie eine besondere Überraschung dar.
Weil jetzt aber nur noch Jana im Hause der Mutter lebte, hing auch nur ein Kalender dort. Ein gefüllter, versteht sich, um die Abwesenheit der Geschwister zu versüßen.

Um wieder Ruhe in die Familie zu bekommen, forderte Frau Niemeier ihre Tochter Friederike auf, noch etwas vorzulesen. Sie hatte auch eine Geschichte parat, in der ein Schulmädchen in eine Geisterbahn steigt, die sich als D-Zug zum Nikolaus entpuppte. Dort konnte sie all die Geschenke bewundern, die in diesem Jahr an die Kinder verteilt werden und das Haus des Weihnachtsmannes sehen.

Nach einer kurzen Pause sagte Frau Niemeier: „Ist schon komisch, dass den Leuten bei dem Gedanken an Weihnachten zuerst der Weihnachtsmann einfällt, der die Geschenke bringt. Dabei ist es doch der Geburtstag unseres Herrn Jesus.“
Gundula flüsterte hörbar: „Seid leise, Kinder, unsere Mutter wird gerade katholisch.“
Alles prustete, auch die Mutter.
Dann sagte Carola: „Entschuldigung, mir geht es die ganze Zeit im Kopf herum, dass es hier in diesem Jahr keine Gans gibt. Das finde ich gut, denn ich wollte in diesem Jahr für meine Eltern und Geschwister am ersten Feiertag kochen, und da empfiehlt sich natürlich eine Gans. Die hatte voriges Jahr bei euch so eine leckere Füllung, kann ich bitte das Rezept dafür haben?“
„Klar“, entgegnete die Mutter. „Haste was zum Schreiben? Die Zutaten hab ich im Kopf.“
Schnell waren Papier und Stift zur Stelle und die Mutter diktierte:

Rezept für Geflügelfüllung:
Man nehme je nach Geschmack und Größe des Geflügels einige eingeweichte Rosinen, ein Glas Pilze, Oliven, Semmelmehl, Hackepeter, gehackte Mandeln, Gewürze, etwas Zitronenpfeffer, Eier und klein geschnittene Äpfel. Alles gut durchmengen.

Verhalten kicherte Daniel beim Diktieren: „Ich hab s doch immer gewusst, Mama hat Rosinen im Kopf!“

Sie achtete nicht auf die Plattitüde, sondern sang: Morgen kommt der Weihnachtsmann
Morgen kommt der Weihnachtsmann,
kommt mit seinen Gaben.
Trommel, Pfeifen und Gewehr,
Fahn und Säbel und noch mehr,
ja, ein ganzes Kriegesheer,
möchte ich gerne haben.

Bring uns, lieber Weihnachtsmann,
bring auch morgen, bringe,
Musketier und Grenadier,
Zottelbär und Panthertier,
Ross und Esel, Schaf und Stier,
lauter schöne Dinge.

Doch du weißt ja unsern Wunsch,
kennst auch unsre Herzen.
Kinder, Vater und Mama,
auch sogar der Großpapa,
alle, alle sind wir da,
warten dein mit Schmerzen.

Nicht alle waren in das Lied eingefallen. Gundula fragte: „Sag mal, Mutti, warum kramst du denn jetzt die alte Variante des Liedes hervor? In der DDR waren doch die ganzen Kriegssachen durch anderes Spielzeug, Obst und Süßigkeiten ersetzt worden.“
„Weiß auch nicht“, meinte die Mutter verlegen. „Vielleicht wegen der historischen Echtheit?“
Demian brummelte: “Als du zu singen anfingst, dachte ich schon, es wird Morgen, Kinder, wird s was geben. Darauf hat Erich Kästner seinerzeit eine herrliche Satire geschrieben. Domenica, sei so lieb und lies sie mal vor.“
„Gerne. Wenn ihr es hören möchtet?“ Sie warf einen fragenden Blick in die Runde.
Alle sahen sie erwartungsvoll an. „Natürlich“, nickte die Mutter. „Fang an.“
Domenica schlug ihr Buch auf. Sie musste nicht erst umständlich suchen, in ihrem Buch staken viele Zettel, welche die Aufgabe hatten, interessante Seiten zu markieren.

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben.
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben -
dies genügt, wenn man s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit,
morgen ist’s noch nicht soweit

Doch ihr dürft nicht traurig werden,
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden,
Puppen sind nicht mehr modern.
(aus urheberrechtlichen Gründen kann das Gedicht hier nicht komplett wiedergegeben werden)

Jeder dachte daran, wann Kästner diese Zeilen schrieb und dass sie heute noch den Nagel auf den Kopf treffen. Aber wie auf Verabredung griffen Jens und Gundula nach ihren Instrumenten, stimmten sie neu und das gleichnamige Weihnachtslied erklang:

Morgen, Kinder, wird s was geben
Morgen, Kinder, wird s was geben, morgen werden wir uns freun!
Welch ein Jubel, welch ein Leben wird in unserm Hause sein!
Einmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag!

Wie wird dann die Stube glänzen von der großen Lichterzahl!
Schöner als bei frohen Tänzen ein geschmückter Kronensaal!
Wisst ihr noch vom vorgen Jahr, wie s am Heilgen Abend war?

Wisst ihr noch, mein Reiterpferdchen, Malchens nette Schäferin,
Jettchens Küche mit dem Herdchen und dem blank geputzten Zinn,
Heinrichs bunten Harlekin mit der gelben Violin?

Welch ein schöner Tag ist morgen! Viele Freude hoffen wir;
Unsre lieben Eltern sorgen lange, lange schon dafür.
O gewiss, wer sie nicht ehrt, ist der ganzen Lust nicht wert!

Das Absingen dieses Liedes vertrieb die unangenehme Stimmung. Gänzlich schwand sie, als Friederike eine weitere Geschichte vorlas, in welcher sich ein kleiner Junge fest vorgenommen hatte, die Nase vom Nikolaus anzufassen, wenn er bei ihm auf dem Schoß sitzt. Natürlich hat er es in der Aufregung dann doch vergessen.

Inzwischen war das Würzbrot ausgebacken und an dem Teig für die Stolle war auch nichts zu rühren, so hatte Frau Niemeier begonnen, Marzipankartoffeln herzustellen.

Rezept für Marzipankartoffeln:
Man nehme je nachdem, wie viele Kartoffeln es werden sollen, Gries, Bittermandelaroma, Mandeln, Puderzucker, Rosenöl, Kakao zur Verzierung

Viele fleißige Hände formten die kleinen Kügelchen, und es wurde auch gleich wieder ein Lied angestimmt:

Kling, Glöckchen, klingelingeling
Kling, Glöckchen, klingelingeling! Kling, Glöckchen, kling!
Lasst mich ein, ihr Kinder, ist so kalt der Winter!
Öffnet mir die Türen, lasst mich nicht erfrieren!
Kling, Glöckchen, klingelingeling! Kling, Glöckchen, kling!

Kling, Glöckchen, klingelingeling! Kling, Glöckchen, kling!
Mädchen, hört, und Bübchen, macht mir auf das Stübchen!
Bring euch viele Gaben, sollt euch dran erlaben.
Kling, Glöckchen, klingelingeling! Kling, Glöckchen, kling!

Kling, Glöckchen, klingelingeling! Kling, Glöckchen, kling!
Hell erglühn die Kerzen! Öffnet mir die Herzen!
Will drin wohnen fröhlich, frommes Kind, wie selig!
Kling, Glöckchen, klingelingeling! Kling, Glöckchen, kling!

Dann trug Jana ein kleines Gedicht vor:

Knecht Ruprecht aus dem Walde,
komm zu uns nur balde!
Bring uns süße Äpfel mit
Nach gutem Brauch und alter Sitt!
Ria, ria, ria, rullalla.

Knecht Ruprecht, Freund der Kinder,
kommt zu uns im Winter,
spielt mit uns und scherzt und lacht
und hat viel Schönes mitgebracht.
Ria, ria, ria, rullalla.

Domenica meinte, dass es dazu auch eine Melodie gibt, aber keinem war sie geläufig.
Nun war es wieder an Carola, etwas zum Besten zu geben, und sie las eine kuriose Geschichte vor, in der ein zerstreuter Ersatzweihnachtsmann sich verfährt und Kinder nach dem rechten Weg fragen muss.

Carola erzählte dazu, dass diese Geschichte aus einem ganz dicken Buch sei, das „Roy Raperpotz, der Träumler“ heißt und dass darin sehr viele Geschichten stehen, wie den Menschen ihre Träume gebracht werden. Ein schönes modernes Märchen, ähnlich dem „Harry Potter“.
Jana bat gleich darum, dieses dicke Buch einmal lesen zu dürfen und Carola versprach, es beim nächsten Mal mitzubringen.
Plötzlich hielt Gundula im Kartoffeln formen inne. „Sag mal, Mutti“, begann sie, „hatten wir nicht im vorigen Jahr ein anderes Weihnachtsbrot?“
„Ja“, bestätigte die Mutter. „Voriges Jahr hab ich mir das mit dem Brot sehr einfach gemacht. Da hab ich nur einen backfertigen Brotteig gekauft, Rosinen, Nüsse und Dinkel hinein geknetet und fertig.“
„War aber sehr lecker!“, lobten die Kinder.
Demian griff nach Domenicas Buch: „Ich hab hier noch n Gedicht entdeckt, was ich euch nicht vorenthalten möchte:

Heinrich Hoffmann von Fallersleben

O schöne, herrliche Weihnachtszeit,
was bringst du Lust und Fröhlichkeit!
Wenn der heilige Christ in jedem Haus
Teilt seine lieben Gaben aus.

Und ist das Häuschen noch so klein,
so kommt der heilige Christ hinein,
und alle sind ihm lieb wie die Seinen,
die Armen und Reichen, die großen und Kleinen.

Der heilige Christ an alle denkt,
ein jedes wird von ihm beschenkt.
Drum lasst uns freun und dankbar sein!
Er denkt auch unser, mein und Dein.“

Das Gedicht wurde beifällig aufgenommen.
Nach einer Weile brach Daniel das Schweigen: „Abrumbus Bescherung – was bekommt denn der Hund dieses Jahr?“
Die Mutter antwortete ohne zu überlegen: „Hundert Kilo Kalbfleisch und du einen alten Knochen.“
Daniel maulte: „Das gab s doch schon im vorigen Jahr.“
Demian lachte: „Nee, im vorvorigen. Voriges Jahr bekam er ein Flohhalsband, weil du ihn mit verlausten Kötern hast spielen lassen.“
„Hab ich gar nicht! Die waren ganz plötzlich da, noch ehe ich Rolf wieder angeleint hatte, war es wohl schon passiert. Ich kann gar nichts dafür!“
„Ja, ja, du süße Unschuld“, seufzte die Mutter und gedachte der vielen vermeidbaren unangenehmen Vorfälle, die Daniels kindlicher Unwissenheit geschuldet waren.
Bevor diese aber auf s Tapet kamen, mischte Friederike sich ein: „Ach, üprinx,. ich weiß n neues Rezept für Nusskuchen:

300gr fein gemahlene Nüsse, 9 Eier, 1halbes Päckchen Backpulver, 300gr Zucker und den Saft einer möglichst unbehandelten Zitrone. Eigelb, Zucker und den Zitronensaft schaumig rühren, nach und nach die Nüsse und das Backpulver zugeben.
Das Eiweiß steif schlagen und unter die vorher gut durchgerührten Zutaten ziehen. Bei Mittelhitze etwa 50min backen.
Noch warm mit Zuckerglasur überziehen, dazu nimmt man 30gr Butter, 200gr Puderzucker, abgeriebene Zitronenschale und den Saft einer Zitrone.“

„Was, ein Kuchen ohne Mehl?“, ereiferte sich die Mutter. „Du willst mich auf n Arm nehmen, was?“
„Nein, Mama“, entgegnete die Tochter. „Ich hab den Kuchen bei meiner Freundin gegessen, er schmeckt super!“
„Na, dann werde ich dir mal glauben“, meinte die Mutter leichthin und begann sogleich zu singen:

Alle Jahre wieder
Alle Jahre wieder kommt das Christuskind
Auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.

Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,
geht auf allen Wegen mit dir ein und aus.

Ist auch mir zur Seite, still und unerkannt,
dass es treu mich leite an der lieben Hand.

Für dies kurze Lied wurden die Instrumente nicht neu gestimmt, zumal der Küchentisch abgeräumt und die Zutaten für den Pfefferkuchenteig bereitgestellt wurden. Eigentlich soll der Teig ja mindestens zwei Tage ruhen, aber diesmal muss einer reichen.

Rezepte für Pfefferkuchenteig:
Mit Hirschhornsalz und Pottasche bereiteter Pfefferkuchenteig sollte vor dem Backen einige Tage kühl gestellt werden. Beide Triebmittel getrennt in wenig Flüssigkeit auflösen und durch ein Sieb an die Zutaten geben.
Hirschhornsalz sollte nur für flaches Gebäck verwendet werden, Pottasche für hohes.
Typisch für gute Pfefferkuchen ist die richtige Gewürzmischung: Nelke, Zimt, Ingwer, Anis, Koriander, Kardamon, Muskat, etwas Pfeffer, Paprika und Salz, alles pulverfein, geriebene bittere Mandeln, Zitronen- und Apfelsinenschale.
Nicht zu lange backen, verliert sonst an Geschmack. Kühl und gut verschlossen aufbewahren.
250gr Sirup oder Kunsthonig, 125gr Zucker, 100gr Margarine, 500gr Mehl, 20gr Pfefferkuchengewürz, Salz, 5gr Pottasche, 5gr Hirschhornsalz, 2 Eßl. Weinbrand, Rum, Milch oder Kaffeeextrakt
Sirup, Zucker und Margarine erhitzen, das gesiebte Mehl und die Gewürze dazu mischen. Die Triebmittel jeweils in einem Eßl. Flüssigkeit auflösen. Die abgekühlte Sirupmasse mit allen übrigen Zutaten verarbeiten.

250gr Kunsthonig, 250gr Zucker, 60gr Margarine, 60gr Kakao, 15gr Pfefferkuchengewürz, 625gr Mehl, Salz, ein Ei, 10 gr. Hirschhornsalz, 5gr. Pottasche, ein Achtel l Wasser, 50gr. gehackte Mandeln, 5gr. bittere Mandeln, 50gr. geraspeltes Zitronat
Kunsthonig, Zucker und Margarine erhitzen und abkühlen lassen. Das mit Kakao und Pfefferkuchengewürz gesiebte Mehl, Salz, Ei und die getrennt aufgelösten Triebmittel nach und nach dazugeben. Zuletzt Mandeln und Zitronat unterkneten.

Jetzt kamen die auf Vorrat geraspelten und gehackten Ingredienzien zum Einsatz und wurden sorgfältig unter den Teig gearbeitet. Das war schweißtreibend und kostete viel Kraft. Aber alle hatten Spaß daran.
Einzig Domenica wuselte nicht in der Küche herum. Sie las noch ein Gedicht vor:

Wann fängt Weihnachten an ?

Wann fängt Weihnachten an? Wann, ja wann?
Wenn der Habewas mit dem Habenichts teilt,
wenn der Laute bei dem Stummen verweilt
und versteht, was er ihm sagen kann,
dann, ja dann, dann fängt Weihnachten an.

Wann fängt Weihnachten an? Wann, ja wann?
Wird, was klein ist, groß, und was groß ist, so klein,
wird der Schwache stark, der Starke schwach sein,
und nimmt einer so den anderen an,
dann, ja dann, dann fängt Weihnachten an.

Wann fängt Weinachten an? Wann, ja wann?
Zünden neu wir dieses tröstende Licht,
das uns Liebe und den Frieden verspricht,
den uns Gott allein nur schenken kann,
dann, ja dann, dann fängt Weihnachten an.
Das war so anregend, dass sogleich die Instrumente gestimmt wurden und das alte Weihnachtslied gesungen wurde:

Fröhliche Weihnacht überall

Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum!
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Darum alle stimmet ein in den Jubelton,
denn es kommt das Licht der Welt von des Vaters Thron.
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum!
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.

Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum!
Licht auf dunklem Wege, unser Licht bist du,
denn du führst, die dir vertraun ein zur selgen Ruh.
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum!
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.

Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum!
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Was wir andern taten, sei getan für dich,
dass bekennen jeder muss: Christkind kam für mich.
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum!
Fröhliche Weihnacht überall! Tönet durch die Lüfte froher Schall.

Carola hatte in ihrem Buch noch eine nette Geschichte, die von einem jungen Mädchen handelte, das nicht mehr so recht an Weihnachten glaubte. Ein als Baumschmuck verwendetes Engelchen brachte ihr den Zauber der Weihnacht wieder nahe.

Nach der Geschichte forderte Frau Niemeier ihre Jüngste auf, das Gedicht von der Weihnachtsmaus aufzusagen. Die Kleine errötete leicht und rezitierte dann mit guter Betonung:
Die Weihnachtsmaus ist sonderbar,
sogar für die Gelehrten,
denn einmal nur im ganzen Jahr
entdeckt man ihre Fährten.
(aus urheberrechtlichen Gründen hier nur die erste Strophe)
Alle schmunzelten vergnügt. Das war nur allzu bekannt, auch in ihren Familien gab es derartige Vorkommnisse.
Und schon rief Gundula aus der Vorratskammer: „Ich glaube, auch hier hat die Weihnachtsmaus zugeschlagen. Mama, du hast keinen Puderzucker mehr!“
“Das macht nichts!“, kam die muntere Antwort.
“Aber wenn wir doch morgen welchen brauchen für das Pfefferkuchenhaus?!“, schnob die Tochter.
“Dann machen wir uns welchen.“
“Ja, wie denn?“ Gundula klang verblüfft.
“Ganz einfach. Wir nehmen normalen Zucker und mahlen ihn. Plätten geht auch, kein Problem für die gestandene Hausfrau.“
“Ja“, tönte Daniel. „Der Mensch kann noch so dämlich sein, er muss sich nur zu helfen wissen.“
Sein Bruder pflichtete ihm bei: „Und hilfst du dir selbst, so hilft dir Gott!“
“Womit wir wieder bei Weihnachten wären. Üprinx will ich aus den Resten, die vom Pfefferkuchenhaus übrig bleiben, Dominosteine machen. Ihr werdet euch hoffentlich nicht daran stören, wenn sie ein wenig krumm und schief geraten.“
“Aber Mama“, tröstete Daniel, „es ist doch egal, wie sie aussehen. Hauptsache, sie schmecken. Und da hab ich bei dir keine Sorge.“
Rezept für Dominosteine:
Pfefferkuchen – Knetteig nach Grundrezept 2, 250gr Konfitüre, 250gr feiner Gries, 10gr bittere Mandeln, 250gr Puderzucker, 80gr Margarine, 3 bis 4 Eßl Milch oder Weinbrand, Schokoladenglasur
Domenica hatte sich schon bereit gesetzt, um die nächste Geschichte vorzulesen. Sie handelte von einem alten Mann, der auf der Straße bettelte und von Jugendlichen misshandelt wurde. Eine Frau und ihre beiden Töchter nehmen ihn mit, versorgen seine Wunden und teilen ihr karges Essen mit ihm. Am anderen Tag findet der Alte einen Geldschein und kauft davon zwei Puppen für die Mädchen. Sie hatten sich die Puppen so sehr gewünscht, die Mutter aber hatte dank Arbeitslosigkeit kein Geld dafür.
Frau Niemeier wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Eine wirklich rührende Geschichte“, seufzte sie.
„Ja“, fiel Daniel dazwischen. „Die hätteste vorhin lesen sollen, dann hätte Mama weniger Arbeit mit Teig einrühren gehabt.“
“Also Daniel!“, rügte Carola, und Daniel versteckte sich kichernd hinter seiner Freundin.
Demian rettete die Situation. Er hatte noch immer den Gedichtband in der Hand und las ein Gedicht von Theodor Storm vor:

Weihnachtsabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war s, durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
noch immer hört ich, mühsam, wie es schien,
„Kauft, lieber Herr!“, den Ruf ohn Unterlass,
doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War s Ungeschick, war es die Scham,
am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
erfasste mich die Angst im Herzen so,
als säße mein eigen Kind auf jenem Stein
und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

Nachdenklich hatte die Mutter die Arbeit ruhen lassen und sogar die Hände an der Schürze abgewischt. Es schien so, als wollte sie etwas sagen, als suchte sie nach Worten, die ihre Gefühle ausdrücken könnten angesichts dieser bitteren Armut. Wenn heutzutage Kinder ihr Spielzeug auf offener Straße feilbieten, so geschieht das aus völlig anderen Gründen. Doch bevor sie die passenden Worte fand, nahmen Jens und Gundula die Instrumente auf und spielten:

O du fröhliche

O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit.

O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit!
Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit.

O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit!
Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit.

Danach las Carola wieder eine Geschichte vor:
Die innere Stimme

Peter wurde wach. Seine Blase drückte. Missmutig drehte er sich aus dem Bett und schlurfte zur Toilette. Sein Blick streifte den Spiegel. „Mann, wie du wieder aussiehst!“
Hatte er das gedacht oder hatte er es gehört? Sein Schädel brummte. Der letzte Schluck aus der Pulle gestern Abend war wahrscheinlich schlecht. Oder der davor. Oder vielleicht schon der erste? Peter grinste, dann zog er die Spülung.
Um wieder klar im Kopf zu werden, steckte er ihn unter den Wasserhahn und ließ das kalte Wasser laufen. Das tat gut! Nur das kleine Rinnsal nicht, das ihm den Rücken hinab lief. Er drehte den Hahn zu und griff zum Handtuch. „Nicht so schnell“, meldete sich die Stimme wieder. „Zieh mal erst das Hemd aus. Die Hose auch, sie ist nass geworden.“
Mechanisch folgte er. Noch einmal fiel sein Blick in den Spiegel. Den zerknitterten Mann, der ihn da ansah, kannte er gar nicht. „Soll das wirklich ich sein?“, fragte er sich.
Er schüttelte den Kopf und ging in die Dusche. Eine ganze Weile drehte und wendete er sich unter dem heißen Wasserstrahl, bis ihm richtig wohlig wurde. Beim Abtrocknen hätte er beinahe zu pfeifen begonnen!
Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Mann, wat is heut bloß für n Tach?“ Kaum zu Ende gedacht, fiel es ihm ein: „Heut is Heilichahmd.“
Sein Gesicht wurde grau und seine Bewegungen langsamer. Weihnachten . . .
Ja, damals, als seine Frau noch lebte, da hatte es viele schöne Weihnachten gegeben. Einen großen, wunderschön geschmückten Baum, Geschenke für Mutter, Vater, Frau und Tochter, gutes Essen und sie hatten Weihnachtslieder gesungen.
„Und jetzt sinkst du immer tiefer. Wirst bald noch brummen müssen.“, meldete sich die innere Stimme.
„Wat?“, fauchte Peter zurück. „Wieso soll ick brumm müssen?“
„Na, hast du nicht an fast jedem Monatsende deinen Schnaps, den du doch angeblich sooo nötig brauchst, im Supermarkt geklaut?“
„Na, wenn doch det Jeld so knapp is.“, verteidigte er sich schwach. Dabei dachte er daran, dass der Kühlschrank leer ist und er, um den heutigen Abend durchzustehen, noch eine große Flasche brauchen würde. Woher nehmen ohne Geld?
„Siehst du, es ist erst der vierundzwanzigste, und du bist schon pleite!“, tönte die Stimme dicht an seinem Herzen.
„Und, warum bin ick pleite?“, erboste Peter sich. „Weil ick Jeschenke jekooft hab for meine Enkel! Dabei besuchen die Jörn mir nich mal.“
„Und, warum besuchen sie dich nicht? Weil du immer besoffen bist, jeden Tag, den der Herrgott werden lässt!“
„Bäh!“
„Ja, bäh du nur. Aber halte deine Hand ruhig, du schneidest dich sonst beim Rasieren.“
Konzentriert führte Peter die scharfe Klinge über seine Wangen und das Kinn. Nachdem er den Schaum abgespült hatte, gefiel ihm sein Aussehen besser.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihm die elfte Stunde. Als er wieder vor dem Spiegel stand, hatte er seinen guten Anzug an und war dabei, sich einen Schlips umzubinden.
„Wat denn, wat denn, du willst doch man bloß in den Marcht, um dir ne Pulle Schluck zu holn, dafor brauchste dir doch nich so uff zu takeln.“, wunderte Peter sich.
„Am Heiligen Abend wird nicht geklaut. Oder willst du wirklich immer tiefer sinken und am Ende brummen?“, wies ihn die Stimme zurecht.
„Ick könnte vielleicht soja janz uffhörn mit det Jesaufe.“, brummelte Peter vor sich hin. Die Stimme schwieg.
„Det is nett, det de die Entscheidung mir übalässt.“, grinste Peter sein Spiegelbild an.
Vorsichtig packte er die Geschenke für seine Enkel ein und fuhr zu seiner Tochter.
Als sie die Tür öffnete und ihn erblickte, brauste sie auf: „Papa!“ Dann sah sie seine feine Aufmachung und die Päckchen und verschluckte, was sie zu sagen beabsichtigte: „Wenn du wieder besoffen bist, kannste jleich wieder jehn!“, sondern fuhr in sanftem Ton fort: „Du hast dir ja so schick jemacht.“
Sie bat ihn herein und er überreichte die Mitbringsel. Die Geschwister freuten sich zuerst, dann sagte das Mädchen: „Aber Opa, ick bin doch schon raus aus det Barbie-Alter.“
Peter entgegnete: „Da kannste mal sehen, wie lange wir schon nich mehr mitnnander jeschpielt ham.“
Darauf tröstete ihn das Mädchen: „Aber so ne hübsche Barbie hatte ick noch nie.“
Nun traute sich der Junge auch nicht mehr, gegen das Feuerwehrauto zu meckern, sondern tat so, als würde er immer noch mit solchem Kleinkinderkram spielen. Peter konstatierte traurig, wie groß die Kinder inzwischen geworden waren und wie viel Zeit er vertrödelt hatte.
Schweigend wurde das Festmahl eingenommen. Der seltene Gast machte Gespräche nahezu unmöglich. Keiner wollte sich den Feiertag verderben mit den Schatten der Vergangenheit.
Nach dem Essen wurde „Memory“ gespielt, ein Spiel, welches Peter einmal sehr mochte. Heute hatte er gegen seine Enkel keine Chance, zu gewinnen. Sogar der Schwiegersohn, der sich recht lustlos beteiligte, war ihm überlegen. Peter steckte das locker weg. Er sagte sich: „Pech im Spiel bedeutet Glück in der Liebe.“
Dann gab es Kaffee und Kuchen. Die Tochter hatte Baumkuchen gebacken, wie ihre Mutter damals. Peter bekam kaum einen Bissen hinunter, er hatte einen dicken Kloß im Hals. Aber er wollte nicht heulen. Das hatte er als Betrunkener oft genug getan. Genug um die Tote geweint. Jetzt wollte er sich den Lebenden zuwenden.
Nach der Bescherung, wo Peter sehen konnte, wofür sich seine Enkel interessieren, wurden Weihnachtslieder gesungen. Als sie zu Ende waren, sagte der Junge bewundernd zum Opa: „Ick hab ja ja nich jewusst, det du so schön singen kannst!“
„Du weißt so manches nicht, mein Junge.“, sagte Peter sanft. Er zog den Jungen an sich und flüsterte ihm ins Ohr: „Weißt du überhaupt, dass ich dich ganz doll lieb hab?“
Der Junge fragte zurück: „Und die Mutti auch?“
„Ja.“, erwiderte Peter fest.
„Und meine Schwester?“
„Klar!“
„Und meinen Papa?“
„Den auch.“
„Dann kannste uns öfter besuchen!“
„Das mach ich. Ganz bestimmt!“

Dieser Geschichte wurde nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Alle verfolgten gespannt, wie die Mutter den Hokuspokuskuchen anrührte. Dabei gab es da gar nicht viel zu sehen, es ging genau so zu, wie bei einem ganz normalen Kuchen, nicht einmal die Zutaten waren etwas Besonderes!
Nur Jana dachte daran, dass ihr Opa nach dem Krebstod der Oma nicht so sehr zum Alkohol gegriffen hatte wie dieser Peter. Und dass die Mutter nach dem Unfalltod des Vaters zwar oft geweint hatte, das Familienleben aber weitestgehend in den alten Bahnen verlief.

Rezept für Hokuspokuskuchen:
175gr Margarine, 1 Tüte backfertiges Kuchen- oder Tortenmehl, 1 Eßl. Pfefferkuchengewürz, 50gr gehackte Mandeln oder Nüsse, 50gr geraspeltes Zitronat, 50gr Korinthen
Die Margarine erwärmen und nach dem Abkühlen die übrigen Zutaten unterrühren. Den Teig auf ein gefettetes, bestäubtes Blech streichen. Bei mäßiger Mittelhitze backen und sofort in Stücke schneiden.

Die Geschwister sahen sich an. Der Hokuspokuskuchen war entzaubert. Die Mutter bemerkte das und begann zu singen:

Ihr Kinderlein, kommet
Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.

O seht in der Krippe im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hell glänzendem Strahl
in reinlichen Windeln das liebliche Kind,
viel schöner und holder, als Engelein sind.

Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh,
Maria und Josef betrachten es froh.
Die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.

O beugt wie die Hirten anbetend die Knie,
erhebet die Hände und danket wie sie;
stimmt feudig, ihr Kinder, wer wollt sich nicht freun?
stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein.

O betet: du liebes, du göttliches Kind,
was leidest du alles für unsere Sünd!
Ach hier in der Krippe schon Armut und Not,
am Kreuze dort gar noch den bitteren Tod.

So nimm unsre Herzen zum Opfer denn hin,
wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn.
Ach mache sie heilig und selig wie deins
und mach sie auf ewig mit deinem in eins.

„Mann, ist das n langes Lied!“, erregte sich Daniel. Die Mutter erwiderte sachlich: „Gewöhnlich werden nur die drei ersten Strophen gesungen. Außerdem gibt es noch viel längere Weihnachtslieder, die kommen noch.“
Seufzend verdrehte Daniel die Augen, dann stieß er seine Freundin an: „Wolltest du nicht was aus m tiefsten Mittelalter vortragen?“
„Ja“, nickte sie. „Aber bitte nicht lachen, das Gedicht hat einen ganz verdrehten Rhythmus, so würde heute gewiss keiner mehr schreiben.“
„Wir lachen schon nicht“, tröstete die Mutter, und Carola las:
Weihnachtslied
Im Syrerland, in weiter Fern,
hört man ein starkes Singen.
Vom Erdenrund vermocht es gern
Zur Hölle selbst zu dringen.
Neu war die Mär : Frei von Beschwer geboren wär
Ein Sohn von reiner Maide.
Die Botschaft klar, so wunderbar, dem Teufel war
Zu großem Zorn und Leide.
Er schlug in Ärger eine Kluft
In eine Mauer, nahe
Der Bethlehemschen Gnadengruft.
Den Riss ich selber sahe.
O reicher Gott, die Welt ist dein,
die Fürsten dein auf Erden,
sie mögen tot, lebendig sein,
und noch geboren werden!
Der Armut Macht hat jene Nacht so hoch bedacht
Durch Gottes weise Schickung,
als dich so groß, den reinen Spross, aus keuschem Schoß
frei von der Schuld Umstrickung.
Die schönste Jungfrau dort gebar,
von Ewigkeit erkoren.
Wie elend, ach, die Herberg war,
wo sie dich hat geboren!
Ein Esel kam, zum Ochs gestellt,
gastfreundlich dir entgegen.
Die Krippe nahm, als Bett gestellt,
dich auf, um dich zu hegen.
Die dein genas und vor dir saß, sie wusste, dass
ihr Herr und Gott du seiest.
Dich, Jungfrau, hat des Schöpfers Rat, dass du in Tat
den Namen „Kind“ ihm leihest.
Euch zwei vereint, ich Wolkenstein
von ganzem Herzen preise.
Hilf mir, Sohn Gottes, Jungfrau rein,
bei meiner letzten Reise.
Sie machte eine Pause, um das Gedicht wirken zu lassen und fügte hinzu: „Das ist von Oskar von Wolkenstein, der lebte von 1377 bis 1445.“
„Hm“, nickte Domenica versonnen, „das ist wirklich finsterstes Mittelalter. Da hat man noch Frauen als Hexen verschrien und verbrannt und wirklich geglaubt, dass der Leibhaftige eine Kluft in eine Mauer schlug, weil er sich über die Geburt Jesu so sehr geärgert hatte!“
“Dabei war das Gemäuer höchstwahrscheinlich nur altersschwach“, ergänzte Demian.
“Oder es waren Souvenirjäger, die solange an der Mauer gekratzt haben, bis dieses Loch entstand“, meinte Gundula.
Dann holte Friederike ein dickes Buch aus ihrer Stube. Es hatte den Titel „Die Geschichten vom Beelzemertel“.
„Das willste doch wohl nicht alles vorlesen, oder?“, fragte Daniel ruppig.
„Doch, Bruderherz, das ganze dicke Buch“, entgegnete sie mit tödlichem Ernst. Dabei steckte sie die Zungenspitze zwischen ihre Lippen und ließ die Buchseiten so durch ihre Finger gleiten, dass die vielen bunten Bilder darin sichtbar wurden. Das Buch bestand fast zu einem Drittel aus Bildern!
Der Beelzemertel ist beinahe das Gegenteil vom Nikolaus. Im Dezember geht er aus, um ungezogene Kinder einzufangen und in seine Höhle zu verschleppen. In der ersten Geschichte bekommt er einen Schabernack treibenden Jungen zu fassen, in der zweiten nur eine Schneemaus.
„Hm, das erinnert ein wenig an die Kindergeschichten, die um 1900 geschrieben wurden“, sagte die Mutter nach der ersten Geschichte. „Aus welcher Gegend mag der Beelzemertel stammen?“
„Das steht hier im Vorwort, aber nicht genau. Nur, dass es eine volkstümliche Gestalt aus Süddeutschland sei“, antwortete Friederike.
Gundula zupfte an ihrer Gitarre herum, bis sich eine Melodie ergab, in welche die ganze Familie mit Vergnügen teils auf englisch, teils auf deutsch einfiel:

Little Drummer Boy
Durch die stille Nacht, parampampampam,
da ging ein kleiner Jung, parampampampam,
hielt seine Spielzeugtrommel in der Hand,
wollt zu dem Stalle, wo die Krippe stand.
Rampampampam, rampampampam.
Und die Trommel klang parampampampam
durch das Land.

Liebes Christuskind, parampampampam,
bin nur ein kleiner Jung, parampampampam,
wo lauter Könige mit Gaben stehen,
lässt man vielleicht mich gar nicht zu dir gehen.
Hab ja kein Geld, hab ja kein Geld,
kann nur trommeln für dich,
wenn s dir gefällt.

Und vom Himmel hoch,
da kam ein Stern herab.
Der führte ihn die stillen Straßen entlang,
und seine Trommel klang und sang:
dass zum Heil der Welt
Christus kam.

Obwohl zweisprachig gesungen, blieb das Lied harmonisch. Zumindest schien es der Mutter so. Sie hatte die ganze Zeit an Nana Mouskoriet gedacht, von der sie das Lied einstmals gehört hatte.


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