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Leselupe.de > Erzählungen
Weihnachtsliedergeschichte Teil 3
Eingestellt am 16. 06. 2005 19:34


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flammarion
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Friederike legte das Buch zur Seite. Da sie zwei Geschichten nacheinander weg gelesen hatte, musste sie jetzt eine Pause machen, um etwas zu trinken. Sie hatte zwar bei jedem Bild unterbrochen und es herumgezeigt, aber das konnte nicht verhindern, dass ihr Mund austrocknete. Sie holte sich eine Tasse aus dem Schrank und goss sich einen Tee ein. Fertig gekochter, ungesüßter Tee stand bei Niemeiers immer bereit.
„Na gugge“, sagte die Mutter. „Sogar so ein böser Beelzemertel hat ein Haustier. Und die Schneemaus fand ich auch sehr nett. Abrumbus: wie geht s denn euren Ratten, Demian?“
„Denen geht s bestens. Sie haben alles, was sie brauchen.“
„Und, handelt es sich wirklich um zwei Zibben? Nicht, dass ihr plötzlich statt zwei Ratten vierzehn habt.“
„Nee, wenn das n Pärchen wär, dann hätten wir den Segen schon. Sie sind schon lange geschlechtsreif.“
„Na, dann ist es ja gut“, seufzte die Mutter und dachte daran, wie sie sich seinerzeit bemüht hatte, ihren Kindern das Pärchen Tanzmäuse auszureden. Sie hatte auf Hund und Katze hingewiesen, in Wahrheit aber daran gedacht, wie erschreckend schnell sich solche kleinen Nagetiere vermehren.
Indessen hatte Daniel sich das dicke Buch gegriffen und blätterte neugierig darin.
„Verschlag nicht die Seite!“, mahnte sein Bruder. Aber es war schon zu spät. Wenn Friederike weiter lesen wollte, würde sie die Seite suchen müssen.
Die Mutter sprach: „Wir singen jetzt Es kommt ein Schiff geladen und dann kannst du weiter lesen, ja?“
Es kommt ein Schiff geladen
Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn von Gnaden, des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last,
das Segel ist die Liebe, der heilig Geist der Mast.

Der Anker haft auf Erden, da ist das Schiff am Land.
das Wort tut Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.
Zu Bethlehem geboren im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren, gelobet muss es sein.
Und wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel.
Danach mit ihm auch sterben und geistlich auferstehn,
ewigs Leben zu erben, wie an ihm ist geschehn.
Noch während das Lied ertönte, hatte Friederike die richtige Seite wieder aufgeschlagen und las nun weiter:
Beelzemertel geht in die Kneipe

Jedes Jahr hat der Beelzemertel im Sommer ganz schreckliche Langeweile. Der Weihnachtsmann, der Nikolaus und ihre Helfer hingegen nicht. Sie müssen das ganze Jahr über schwer arbeiten, damit die vielen Geschenke für die Kinder dieser Welt rechtzeitig fertig werden.
Da ist an Langeweile nicht zu denken, ja, sie haben kaum Zeit, wenigstens einmal den Rücken gerade zu machen. Sie hatten den Beelzemertel seinerzeit einmal aufgefordert, mitzuhelfen, aber der grobe Kerl war für nichts zu gebrauchen. Alles verdarb er, nicht einmal ein Schaukelpferd konnte er ordentlich anstreichen! Also hat der Beelzemertel jeden Sommer ganz furchtbare Langeweile.
Seine Höhle räumte er nie auf, seine Sachen hielt er nicht in Ordnung, mit seinem Katerchen konnte er auch nicht den ganzen Tag spielen und an der Sommersonne hatte er keine Freude, die blendete ihn so.
Was sollte der arme Kerl im Sommer nur tun? Immer nur schlafen und essen ist auf die Dauer auch kein Genuss mehr.
Da beschloss er, einmal die Kneipe im Dorf zu besuchen. Er verkleidete sich, weil ihn niemand erkennen sollte, zog ausnahmsweise mal einen dünnen Rock an und ein buntes Hemd. Sogar seinen breiten Gürtel legte er ab und nahm dafür einen schmalen, geflochtenen. So ausstaffiert schritt er frohgemut in Richtung Dorf.
Die ersten Schritte fielen ihm gar nicht leicht, es lag ja kein Schnee, in welchem er im Winter bekanntlich immer fast bis an die Knie versank.
Als er die Kneipentür öffnete, schlug ihm der Dunst von Tabakrauch und Bier entgegen. Das war er nicht gewohnt. Beinahe hätte er die Tür wieder von draußen zugemacht, aber er hatte schon einen Schritt durch die Tür gesetzt.
Er setzte sich einfach ungebeten an einen der Tische, an dem drei Männer saßen und Skat spielten. Sie warfen ihm scheele Blicke zu, konnten sich aber nicht woanders hin setzen, weil alle Tische besetzt waren. So duldeten sie den Fremden.
Bald kam die Bedienung, Beelzemertel musste sich etwas bestellen. Was trinkt ein Mann in der Kneipe? Bier und Schnaps. Mit Bier wollte er beginnen, natürlich gleich ein großes Glas, damit die anderen ihn als richtigen Mann anerkennen.
Nach einer Weile gingen die drei Skatbrüder zur Toilette und unterhielten sich über den vierten Mann am Tisch: „Was is n das für einer? Wenn er nicht das Bier bestellt hätte, könnte man meinen, er sei stumm. Sitzt nur da und glotzt.“
„Ich glaube, der macht den Mund nicht auf, weil er in Wirklichkeit eine ganz hohe Stimme hat. Ich finde, er sieht deiner Frau sehr ähnlich. Will die dich kontrollieren?“
empört wehrte der Angesprochenen ab: „Nein, der sieht doch meiner Frau nicht ähnlich! Überhaupt nicht! Meine Frau ist viel hübscher und hat vor allem nicht so eine hängende Unterlippe.“
Der dritte meinte: „Ich glaube auch, dass der Kerl in Wirklichkeit eine Frau ist. Wer trägt denn einen geflochtenen Gürtel und ein derart buntes Hemd?“
„Wisst ihr was? Wir machen den Kerl besoffen, dann wird sich ja herausstellen, von welcher Art er ist!“
Und so geschah es. Der Beelzemertel bekam ein Getränk nach dem anderen spendiert, Bier, Schnaps, Likör und Wein, alles durcheinander und er wurde so betrunken, wie er es sich in seinen schlimmsten Träumen nicht vorgestellt hatte.
Ihm wurde warm. Er zog die Jacke aus und öffnete das Hemd. Nun war klar, dass er keine Frau war. Einer der Bauern fragte: „Sag mal, Kumpel, wie heißt du eigentlich?“
Beelzemertel war schon so betrunken, dass er vergaß, sein Inkognito zu wahren und nannte blöde lächelnd seinen Namen.
„Was, du bist der Beelzemertel? Du wagst dich hier in unsere Mitte? Du Kinderdieb, elender!“
Schon drangen sie auf ihn ein und wollten ihn verdreschen. Die ersten Schläge machten den Beelzemertel sofort wieder nüchtern. Aber wie sollte er den Männern entkommen? Alle waren aufgestanden und wollten ihn wenigstens einmal mit ihren schweren Fäusten treffen, sogar die jungen Burschen, die noch gar keine Kinder hatten. Einer hatte sogar ein Stuhlbein abgebrochen und schwang es bedrohlich durch die Luft.
Der Alte bekam etliche heftige Schläge ab. Endlich fiel ihm der Zauber ein, der ihn in Sekundenschnelle in seine Höhle versetzte, wenn er etwa irgendwo vom Schnee verschüttet oder von einem Rudel Wölfe angegriffen wurde. Er murmelte die entsprechende Formel und schon war er in seiner Höhle unter dem See. Weil er aber so leise genuschelt hatte, kam er splitterfasernackt dort an.
Sein Katerchen lachte sich scheckig und der Beelzemertel ärgerte sich den Rest des Jahres, weil er so dumm war und sich aus lauter Langeweile in eine solche Gefahr begeben hatte.

Friederike blickte schmunzelnd auf und sah lächelnde Zustimmung auf den Gesichtern ihrer Zuhörer. Dann trank sie noch einen langen Schluck Tee.
Frau Niemeier nutzte die Pause und stimmte an:

Macht hoch die Tür

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Segen mit sich bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert,
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.

O wohl dem Land, o Wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
eur Herz zum Tempel zubereit,
die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

Komm o mein Heiland, Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist;
ach, zeuch mit deiner Gnaden ein,
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

„Puh“, seufzte Daniel angestrengt, „dass du das alles auswendig kannst, Mama!“
„Tja, gelernt ist gelernt“, gab sie lakonisch zurück.
Sie war die einzige, die während der Arbeit gesungen hatte. Alle anderen sangen vom Blatt, Gundula hatte mehrere Exemplare mitgebracht.
Es folgte die nächste Geschichte, in der der Beelzemertel einen ganz bestimmten Knaben zu fangen hat, den er aber nicht findet, weil er den Namen falsch herum gelesen hat.

Am Ende der Geschichte griff Friederike nach ihrer Teetasse und die Mutter stimmte das Susani an.

Vom Himmel hoch, oh Englein kommt! Eia, eia, susani, susani, susani!
Kommt, singt und klingt, kommt, pfeift und trombt!
Alleluja, alleluja! Von Jesus singt und Maria.

Beelzemertel geht angeln

Wieder einmal war es Sommer geworden, und wieder hatte der Beelzemertel ganz schreckliche Langeweile. Er ging in seiner Höhle auf und ab, im Kreis herum und wieder auf und ab. Sein Katerchen wurde schon ganz nervös beim Zusehen.
Was sollte der garstige Kerl nur mit der überflüssigen Zeit anfangen? Noch mal ins Dorf wagte er sich nicht. Zu viele Leute hatten ihn gesehen und würden ihn wieder erkennen. Da fiel ihm etwas ein: er könnte doch angeln gehen an einer Stelle des Flusses, die für Menschen schwer zugänglich war. Dorthin wollte er sich nun begeben.
Er suchte aus seiner großen Truhe ein paar Kleidungsstücke heraus, die ihn wie einen Bauern aussehen ließen. Dann bastelte er sich eine Angel zurecht, suchte ein paar Brotkrumen als Köder zusammen und packte sich einen Picknick-Korb. Er zog seine hohen Stiefel an und machte sich auf den Weg.
Im Wald sprach ihn ein Eichhörnchen an: „Beelzemertel, wo willst denn hin?“
„Das geht dich gar nichts an, aber wenn du es unbedingt wissen musst: ich geh angeln. Aber wo, das verrate ich dir ganz bestimmt nicht.“
Der grobe Klotz kam sich sehr intelligent vor bei seiner ruppigen Antwort. Das Eichhörnchen aber wusste, was zu tun ist: es sprang dem Beelzemertel hoch oben von Baum zu Baum nach und sah so, wie sich der dicke Alte durch das Gebüsch zwängte, um an die Stelle am Fluss zu gelangen, wo ganz bestimmt noch nie ein Mensch war, wo keiner ihn würde finden können.
Es war ein dorniges Gebüsch, wo er hindurch musste. Die Dornen rissen etliche Fetzen aus dem alten Bauernrock, wie ein Landstreicher sah der Beelzemertel nun aus!
Leise schimpfend stellte er den Picknick-Korb neben sich und machte die Angel zurecht.
Endlich hatten seine klobigen Finger einen Brotbrocken an dem Haken befestigt und die Angel konnte ausgeworfen werden. Zufrieden ließ der Alte sich am Ufer nieder und wartete darauf, dass ein Fisch anbeißt.
Da konnte er aber lange warten! Wenn er seine Zeit zum Denken nutzen würde anstatt für Langeweile, dann wäre ihm eingefallen, dass alle übernatürlichen Wesen, zu denen er genau so gehörte wie der Weihnachtsmann und der Wassermann, durch geheime Bande mit einander verbunden sind, damit im Falle eines Falles jeder wusste, was dem anderen geschah.
Der Wassermann warnte sofort alle Fische in diesem Fluss vor dem bösen Angler. Gegen Menschen konnte er auf diese Weise nicht vorgehen, aber gegen den Beelzemertel schon.
Alle Fische versteckten sich und warteten aus sicherer Entfernung ab, dass der Angler aufgibt und nach Hause geht.
Das Eichhörnchen indessen erzählte allen Waldbewohnern von dem schnurrigen Einfall des Alten und alle lachten und schauten ebenso neugierig wie vorsichtig den Fluss hinunter, um der Posse zuzusehen. Wie lange würde der dumme August da sitzen, ehe er merkt, dass er nie einen Fisch fangen wird?
Ein Schmetterling konnte es gar nicht fassen, dass der Beelzemertel so dumm war. Er torkelte lachend aus dem Wald heraus und über eine Wiese, auf der Kinder spielten. Sie wollten den Schmetterling fangen, aber der war flink und gewitzt. Er lockte die Kinder an den Fluss, wo sie den Alten sitzen sehen konnten.
Eines der Kinder erkannte ihn, Peterle. Er war ja einmal von dem garstigen Kerl gefangen worden. Schnell beschlossen die Kinder, dem Beelzemertel einen Streich zu spielen. Sie schlichen zu der Dornenhecke, schoben ihre schlanken Arme hindurch und stahlen dem Alten leise und vorsichtig den Picknick-Korb leer. Auf dem Heimweg ließen sie sich den Braten und den Kuchen wohl schmecken.
Der Angler aber wurde bald müde von dem Starren auf das fließende Wasser. Er schlief ein. Damit die Fische sich endlich wieder normal bewegen können, schickte der Wassermann einen Traum zu dem Schlafenden. In diesem Traum waren all die glitzernden Fische zu sehen, die der Beelzemertel so gerne gefangen hätte. Sie tanzten um den Thron des Wassermanns herum, angenehme Musik war zu hören und Seejungfrauen sangen die schönsten Lieder. Nach einer Weile zogen Schiffswracks vorüber und etliche ertrunkene Angler.
Bei diesem erschreckenden Anblick erwachte Beelzemertel. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und knurrte: „Blödsinn!“ Dann dachte er nach und endlich fiel ihm ein, dass er nichts fangen wird, dass der Wassermann seine Geschöpfe beschützen wird.
Missmutig erhob er sich und griff nach seinem Korb, der ihm sonderbar leicht erschien. Kein Wunder, den Inhalt hatten die Kinder, die aus sicherer Entfernung auch noch ein Spottlied auf ihr Opfer sangen.
Jetzt schimpfte der Bestohlene auf das Eichhörnchen, denn nur dieses neugierige Tier konnte ihn an die Kinder verraten haben. Er gab dem leeren Korb einen Tritt, dass das unschuldige Ding beinahe geborsten wäre, und trat den Heimweg an.
Am anderen Tag stellte der Beelzemertel fest, dass er sich auch noch einen kräftigen Sonnenbrand geholt hatte . . .

Daniel kicherte schadenfroh. Die Mutter aber begann ein neues Lied:

In dulci jubilo
In dulci jubilo, nun singet und seid froh!
Unsres Herzens Wonne leit in praesibio
Und leuchtet als die Sonne matris in gremio.
Alpha et is O, Alpha et is O.

O Jesus parvule, nach dir ist mir so weh.
Tröst mir mein Gemüte, o puer optime,
durch alle deine Güte, o princeps gloriae.
Trahe me post te, trahe me post te.

Ubi sunt gaudia? Nirgends sonst als da,
da die Engel singen nova cantica
und die Schellen klingen In regis curia
eia, wärn wir da, eia, wärn wir da.

Gleich nach den ersten Tönen wurde klar, dass der alte und der neue Text gleichzeitig gesungen wurden. Darum einigte man sich rasch auf die leichtere Variante:

Nun singet und seid froh

Nun singet und seid froh, jauchzt alle und singt so:
Unsres Herzens Wonne liegt in der Krippe bloß
Und leucht doch als die Sonne in seiner Mutter Schoß.
Du bist A und o, Du bist A und o.

Sohn Gottes in der Höh, nach dir ist mir so weh,
tröst mir mein Gemüte, o Kindlein zart und rein,
durch alle deine Güte; o liebstes Jesulein,
zieh mich nach dir hin, zieh mich nach dir hin.

Groß ist des Vaters Huld, der Sohn tilgt unsre Schuld.
Wir warn all verdorben durch Sünd und Eitelkeit,
so hat er uns erworben die ewge Himmelsfreud;
eia, wärn wir da, eia, wärn wir da.

Wo ist der Freuden Ort? Nirgends sonst als dort,
da die Engel singen mit den Heilgen all,
und die Psalmen klingen im hohen Himmelssaal.
Eia, wärn wir da, eia, wärn wir da.

Noch immer waren alle damit beschäftigt, die Plätzchen mit Zuckerguss, Marmelade, Rosinen, bunten Streuseln und Schokolade zu verzieren. Natürlich wurde zwischendurch viel genascht, was die Mutter geflissentlich übersah. Sie freute sich, dass es den Kindern schmeckte.
Nur Friederike naschte nicht. Sie las mit Eifer weiter vor, wie der Beelzemertel ein paar Hühner stehlen will, stattdessen aber einen Waldgeist erwischt, der mit gleicher Absicht in den Hühnerstall gegangen war. Am Ende versprach der Schrat, niemandem zu erzählen, dass der Beelzemertel ihn bis nach Hause getragen hat.
„Na gugge“, kommentierte Daniel. „Es gibt also auch gemütliche Gnome.“
“Ja“, lachte sein Bruder. „Du warst auch mal einer.“
“Im Ernst? Du fandest mich gemütlich? Da staune ich aber. Wenn ich daran denke, wie oft ich dich mit meiner Gemütlichkeit hinter mir her gejagt habe . . .“
Demian legte die Stirn in Falten: „Ja, mit der Gemütlichkeit ist es wie mit der Blödheit. Ein bisschen blöd ist ganz niedlich, aber manch einer ist zu niedlich.“
Friederike erhob ihre Stimme und las vor, wie zwei übermütige Knaben in die Höhle des Beelzemertel zu gelangen suchten.
Gundula hielt schon die Notenblätter für das nächste Lied bereit und verteilte sie jetzt. Sie wusste, dass namentlich ihre Brüder mit diesem schönen alten Weihnachtslied so ihre Schwierigkeiten hatten.
Tochter Zion

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir,
ja, er kommt, der Friedensfürst!
Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

Tochter Zion, freue dich, hol ihn jubelnd zu dir ein.
Sieh, er kommt demütiglich,
reitet auf dem Eselein.
Tochter Zion, freue dich, hol ihn jubelnd zu dir ein.

Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ewig Reich.
Hosianna in der Höh!
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!

Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!
Ewig steht dein Friedensthron,
du des ewgen Vaters Kind!
Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!

Als das Lied verklungen war, sagte Friederike: „In meiner Seminargruppe hat eine Kommilitonin behauptet, das sei ein jüdisches Weihnachtslied. Aber es gibt doch gar keine jüdischen Weihnachtslieder, nicht wahr?“
„Nein, das glaube ich auch nicht“, pflichtete die Mutter bei. „Die Juden warten doch immer noch auf den Messias, der uns Christen in der Gestalt von Jesus geboren wurde.“
„Doch, eines gibt es“, behauptete Jana. „Das hat uns unsere Lebenskunde-Lehrerin beigebracht. Ich singe es euch gern mal vor.“ Und schon schmetterte der helle Kindersopran durch die Küche:

Shnirele, perele, gilderne fon,
Moshiakh ben Dovid zitst oybn on,
halt a bekher in der rekhter hant,
makht a brokhe oyfn gantsn land.

Oy, omayn, veomayn, dos iz vor,
Meshiakh vet kumen hayntiks yor!

Vet er kumen tsu forn,
vein zayn gute yorn.
Vet er kumen tsu raytn,
vein zayn gute tsaitn.
Vet er kumen tsu geyn,
vein di yidn in orots yisroel aynshteyn!

Shnirele, perele gilderne fon,
Moshiakh ben Dovid zitst oybn on,
halt a bekher in der rekhter hant,
makht a brokhe oyfn gantsn land.

Oy, omayn, veomayn, dos iz vor,
Meshiakh vet kumen hayntiks yor!

Stark beeindruckt fragte Demian: „Kannste uns das auch übersetzen?“
„Klar“, tönte die Kleine überlegen und rezitierte:
„Schnüre, Perlen, goldene Fäden,
Messias, Sohn Davids, sitzt auf dem Berg,
er hält einen Becher in der rechten Hand,
spricht seinen Segen für das ganze Land.

O Amen, ja Amen, das ist wahr,
Messias wird kommen noch in diesem Jahr.

Kommt er gefahren, werden sein gute Jahre.
Kommt er geritten, werden sein gute Zeiten.
Wenn es Zeit ist, zu gehn, werden die Juden von Israel aufstehn.

Es gibt noch eine hebräische und eine englische Übersetzung davon.“
„Ach, und in was für einer Sprache hast du gesungen?“, fragte Daniel verblüfft.
„Das war jiddisch“, erklärte Jana stolz. „Jiddisch ist eigentlich mittelhochdeutsch, vermischt mit hebräisch und anderen Sprachen.“
„Ich denke, die Juden sprechen alle hebräisch?“, gab Daniel zurück.
„Die Juden, die Juden“, äffte die Mutter. „Juden gibt es überall, genau wie Christen und Moslems. Dazu kann ich euch ne Geschichte erzählen: Kommt ein Jude in die Synagoge und sieht zwischen den Betenden einen Chinesen. Bei passender Gelegenheit fragt er den Rabbi, was denn der Gelbhäutige im Gotteshaus zu suchen hatte. Der Rabbi antwortet sanft: Das ist ein Jud wie du und ich.
Jahre später verschlägt es den Juden nach China und er findet dort eine Synagoge, die er natürlich aufsucht. Er fiel arg auf unter all den Chinesen und wurde gefragt, was er hier wolle. Beten, sagte er, Ich bin Jude. Und man antwortete ihm: Du siehst nicht aus wie ein Jude. Soviel zum Thema Vorurteile.“
Friederike wollte nicht, dass die Diskussion ausartet und las die nächste Geschichte vor:

Beelzemertel geht in die Pilze

Diesen Sommer hatte der Alte die Langeweile mit Gleichmut ertragen. Aber im Herbst hielt er es nicht länger aus. Er musste hinaus, mal etwas anderes sehen als seine Höhle und die Unordnung darin. Er beschloss, Pilze sammeln zu gehen.
Am späten Nachmittag ging er los. Er hoffte, um diese Zeit niemandem zu begegnen. Die Bauern gingen, wenn überhaupt, frühmorgens in die Pilze. Er hatte sich seine Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen, um allen Eventualitäten vorzubeugen.
Er war noch nicht lange im Wald gegangen, da sprach ihn eine Füchsin an: „Wo willst denn hin um diese Zeit?“
Sie bekam eine sehr zornige Antwort: „Ihr denkt doch nicht etwa, dass ich auch nur einem von euch neugierigem Gesindel noch eine Antwort gebe, oder? Damit ihr mich wieder verraten könnt, ihr gemeines Pack!“
„Dann eben nicht!“, gab die Füchsin schnippisch zurück und ging ihrer Wege.
Hoch oben in einem Baum saß eine Elster und hatte das Gespräch mit angehört. Eilends flog sie zu den anderen Tieren des Waldes. „Tschak, tschak“, flüsterte sie, „der Beelzemertel geht im Wald umher und hat gaaanz schlechte Laune. Seht zu, dass ihr ihm nicht in die Quere kommt und warnt auch die anderen, tschak, tschak!“
Die Warnung erreichte auch das Wildschwein. Es grunzte zurück: „Äh, bäh, was? Ich geh niemandem aus dem Weg. Ich bin groß und stark und habe kräftige Hauer. Der Kerl soll mir nur kommen!“
Beelzemertel merkte gar nicht, dass es um ihn her immer stiller wurde, weil alle Tiere sich aus seiner Nähe entfernten. Er hatte den Blick vor sich auf den Waldboden geheftet und spähte nach Pilzen. Dabei übersah er hin und wieder einen tief hängenden Ast, der ihm beinahe die Mütze vom Kopf zog.
Bald begann sein Korb sich zu füllen. Das wurde aber auch Zeit, denn das viele Bücken war sehr anstrengend. Der Alte trat den Heimweg an und fand unterwegs noch diesen und jenen nahrhaften Pilz. Und da links, da steht doch auch sooo ein schöner Steinpilz! Der muss noch in den Korb hinein. Er schnitt ihn sorgfältig ab und freute sich, dass das Prachtexemplar keine Made hatte. Zufrieden legte er den Pilz in den Korb, da hörte er von rechts ein Schimpfen: „Verschwinde hier, du Nichtsnutz!“
Schon wollte er eine passende Antwort geben, da ertönte sie bereits: „Warum soll ich verschwinden? Der Fluss ist für alle da.“
Nun merkte der Beelzemertel, dass er anstatt zum See zum Fluss gelaufen war. Er stampfte missmutig mit dem Fuß auf und schon fiel ihm ein dicker Tannenzapfen auf den Kopf. Das tat weh! Er blickte in die Höhe, um zu ergründen, ob da vielleicht böse Absicht dahinter war, aber es war kein Lebewesen zu sehen, nur Bäume.
Inzwischen ging das Streitgespräch zwischen dem Biber und der Ratte weiter: „Der Fluss ist für alle da! Der Fluss ist für alle da! Wenn ich das schon höre! Dieses Stück hier ist meins, da baue ich mein neues Zuhause, siehst du das denn nicht?“, grollte der Biber.
Die Ratte drehte sich auf den Rücken und antwortete gemütlich: „Du kannst ja bauen, ich störe dich doch nicht, ich schwimm hier doch nur herum.“
Der Biber wollte in seinem zukünftigen Wohnzimmer keine Ratte haben und fauchte zurück: „Wenn du nicht gleich abhaust, dann sollst du mal sehen, du, dann bekommst du meine scharfen Zähne zu spüren!“
„Hach, da hab ich aber Angst, du! Komm doch, komm doch!“
Und schon sprang der Biber mit einem kühnen Satz auf die Ratte zu, die ihrerseits auf den Biber zusprang. Sofort waren die zwei ein fauchendes, beißendes und kratzendes Knäuel.
Beelzemertel trat leise näher, um sich das Schauspiel zu betrachten. So eine Rauferei sah er nicht alle Tage! Er stemmte seine Fäuste in die Hüften und grinste.
Nach einer Weile meinte die Ratte: „Das schäbige Stück Ufer ist es nicht wert, dass seinetwegen Blut vergossen wird.“
Sie entwand sich dem Biber und verschwand im Wald. Der Biber strich sich den Pelz zurecht und ging wieder an seine Arbeit. Da drehte sich auch unser Pilzsammler nach seinem Korbe um und blieb erstarrt mit weit aufgerissenen Augen stehen. Hatte doch ein Wildschwein seinen unförmigen Kopf in den Korb gesteckt und drehte ihn gerade geschickt um, damit er auch an die letzten saftigen Pilze herankam!
Beelzemertel brüllte auf vor Wut. Die ganze Plackerei war für umsonst!
Das Wildschwein erschrak und stürmte auf den vermeintlichen Angreifer los. Der konnte gerade noch halbwegs ausweichen, jedenfalls so weit, dass nur die Schulter des Schwarzkittels an sein Knie stieß, was aber immer noch sehr schmerzhaft war und ausreichte, ihn umzuwerfen.
Mit einer Beschwörungsformel, die sein Herr und Meister ihm für derartige Gelegenheiten anvertraut hatte, jagte er den Keiler in die Flucht, griff sich seinen leeren Korb und hinkte seiner Höhle zu. Einige Wochen wird er sein Bein wohl pflegen müssen, bevor er wieder an einen Waldspaziergang denken kann . . .

„Na ja“, meinte die Mutter, „der dumme August hat ja noch den Rest des Sommers und den ganzen Herbst Zeit. Das wird schon reichen.“
„Und im Herbst gibt es auch noch Pilze, wenn er dann noch Appetit darauf hat“, fügte Daniel hinzu.
Dann forderte er: „Lies weiter, Schwesterherz.“
Es folgte eine Geschichte, in welcher der Beelzemertel dem Nikolaus helfen sollte, die Geschenke zu verteilen. Natürlich ging auch hier einiges schief.
Friederike goss sich noch eine Tasse Tee ein und die Mutter begann zu singen:
Still, still, weil’s Kindlein schlafen will
Still, still, still, weil s Kindlein schlafen will.
Die Englein tun schön musizieren,
bei dem Kinde jubilieren.
Still, still, still, weil s Kindlein schlafen will.

Groß, groß, groß, die Lieb ist übergroß.
Gott hat den Himmelsthron verlassen
und muss reisen auf der Straßen.
Groß, groß, groß, die Lieb ist übergroß.

Wir, wir, wir, wir rufen all nach dir.
Tu uns des Himmels reich aufschließen,
wenn wir einmal sterben müssen.
Wir, wir, wir, wir rufen all nach dir.

„Aber Mama, was ist das denn für ein Lied?“, fragte Daniel mit gekrauster Stirn.
Die Mutter prustete: „Das ist ein ganz normales altes deutsches Weihnachtslied. Ich wusste schon, warum ich es euch nicht beigebracht habe. Das Zusatzwort „tun“ ist ja schon seit einiger Zeit verpönt.“
Inzwischen war alles fertig, was die Mutter sich für heute vorgenommen hatte. Auch die benutzten Gerätschaften waren abgewaschen und wieder im Schrank verstaut. Obwohl viel genascht worden war, häuften sich die Kekse, Plätzchen und Küchlein auf den Tellern und in den Schalen, dass es eine Pracht war. Der Duft von Gebäck und Schokolade hing in der Luft und verbreitete eine festliche Atmosphäre. Endlich konnte die Mutter die Schürze abbinden und sich hinsetzen. Sie rieb sich von allen unbemerkt die schmerzenden Beine.
Dann strich sie sanft über die mit reicher Stickerei verzierte Tischdecke. Gundula sagte dazu: „Das war damals ganz schön anstrengend, diese Decke so fein zu besticken.“
„Ja“, fiel Friederike ein. „Aber schön war es doch. Was wir alles gelernt haben! Kreuzstich, Stielstich, Perlstich, Plateaustich und sogar Kelimstich.“
„Und gestrickt haben wir auch“, bekräftigte Gundula. „Pullover auf Teile und im Raglan-Stil, mit Norweger-Muster, komplizierten Blattmustern, Nickis, geringelt oder mit Lochmustern, Westen mit Zopfmuster oder kariert, und sogar Hosen und Strümpfe! Daniel, kannste dich erinnern an die Kniestrümpfe, die ich dir mal gestrickt habe?“
„Aber ja!“, krähte der Angesprochene. „Heute kann ich dir ja vielleicht gestehen, dass ich sie bald weggeworfen habe.“
Friederike kicherte: „Du, ich hab nichts anderes von dir erwartet.“
„Na, dann ist es ja gut“, seufzte Daniel.
Gundula lenkte ein: „Aber dadurch hatten wir auch einigen modischen Schnick-Schnack, den andere Mädchen nicht hatten. Und dann haben wir unsere Kenntnisse an so manche weitergereicht.“
„Du denkst da speziell an die Makramee-Sachen, nicht wahr?“
„Klar. Weißt du noch, wie neidisch die Katrin war? Und dann kam sie mit ner dicken Goldkette an!“
„Ja, da wollte sie uns neidisch machen. Mann, haben wir die abblitzen lassen!“
„Und dann verbreitete sie doch tatsächlich überall, dass wir neidisch seien!“
„Ich frag mich nur, worauf? Sie hatte doch nur eine Kette, aber wir hatten ein Dutzend Freundinnen!“
Die Mädchen lachten sich zu.
Die Mutter dachte so bei sich, dass es damals doch eine richtige Entscheidung war, den Mädchen ein paar Handarbeiten beizubringen.
Dann fiel ihr auf: „Der Opa schläft heute aber lange.“
Daniel kicherte: „Du weißt doch, wie gerne er sich vor der Arbeit drückt. Er fürchtet, du könntest ihn mit irgendeiner unangenehmen Tätigkeit beauftragen, abtrocknen zum Beispiel oder gar abwaschen, brrr.“
Alle lachten verhalten und verständnisvoll.
„Vielleicht singen wir jetzt etwas lauter, damit er aufwacht“, meinte Demian.
„Wir könnten auch ein Trommelkonzert machen“, schmunzelte Daniel.
„Trommelkonzert?“, fragte Carola neugierig.
„Ja“, nickte Frau Niemeier. „Das war mal so eine Marotte meiner lieben Kinder. Sie haben sich Topfdeckel und sonstiges Gerät genommen und damit einen derartigen Lärm veranstaltet, dass die Nachbarn sich beschwert haben. Und mit der unschuldigsten Miene der Welt erklärten meine Lieblinge: Wir haben doch nur n Trommelkonzert gemacht.
Sag mal lieber, wie unser nächstes Lied heißt.“
„Vom Himmel hoch“

Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär.
Der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.

Euch ist ein Kindlein heut geborn von einer Jungfrau aus erkorn.
Ein Kindelein, so zart und fein, das soll euer Freud und Wonne sein.

Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch führn aus aller Not.
Er will euer Heiland selber sein, von allen Sünden machen rein.

Er bringt euch alle Seligkeit, die Gott, der Vater, hat bereit.
Dass ihr mit uns im Himmelreich sollt leben nun und ewiglich.

So merket euch das Zeichen recht, die Krippe, Windelein so schlecht,
da findet ihr das Kind gelegt, das alle Welt erhält und trägt.

Des lasst uns alle fröhlich sein und mit den Hirten gehen hinein,
zu sehn, was Gott uns hat beschert, mit seinem lieben Sohn verehrt.

Merk auf, mein Herz und sieh dorthin, was liegt doch in dem Krippelein?
Wes ist das schöne Kindelein? Es ist das liebe Jesulein.

Sei mir willkommen, edler Gast! Den Sünder nicht verschmähet hast.
Und kommst ins Elend her zu mir; wie soll ich immer danken dir?

Ach Herr, der Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering,
dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Kind und Esel aß?

Und wär die Welt viermal so weit, von Edelstein und Gold bereit,
so wär sie doch dir viel zu klein, zu sein ein enges Wiegelein.

Der Sammet und die Seiden dein, das ist grob Heu und Windelein,
darauf du König groß und reich herprangst, als wär s dein Himmelreich.

Das hat also gefallen dir, die Wahrheit anzuzeigen mir,
wie aller Welten Macht, Ehr und Gut vor dir nichts gilt, noch helfen tut.

Ach mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein, sanft Bettelein,
zu ruhn in meines Herzens Schrein, dass ich nimmer vergesse dein.

Davon ich allzeit fröhlich sei, zu springen, singen immer frei das Susannine schön, mit Herzenslust den süßen Ton.

Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen eignen Sohn;
Des freuen sich der Engel Schar und singen uns solch neues Jahr.

Gundula teilte den Text zu dem Lied aus. Sie hatte unlängst die ursprüngliche Fassung Martin Luthers gefunden. Er lebte von 1483 bis 1546 und schrieb dieses Lied. Heute werden gewöhnlich nur die drei ersten und die letzte Strophe gesungen.
So aufgeklärt, war die Familie bereit, die nächste Geschichte anzuhören. Diesmal begegnete der Beelzemertel einem artigen Kind, das er aber dennoch mitnahm, weil er so lange kein Kind mehr hatte fassen können. Das Mädchen war aber so rührend lieb, dass er es keine Stunde behalten mochte.

In der nächsten Geschichte bereiteten die Tiere des Waldes dem Beelzemertel eine Weihnachtsüberraschung, bewirteten ihn und feierten mit ihm. Er konnte es kaum glauben und war über so viel Freundlichkeit ganz verwirrt.
„Ach, ich liebe solche Geschichten, in denen die Tiere sprechen können und miteinander interagieren“, seufzte die Mutter.
„Ja, das ist herzig“, flötete Daniel auf wienerisch. Alles prustete, auch die Mutter. Sie mochte den Humor ihres Sohnes.
Inzwischen war der Opa von seinem Mittagsschlaf erwacht und setzte sich wieder zu seiner Familie, froh, dass die Küchenarbeit fertig war und zum gemütlichen Teil übergegangen wurde. Die letzte Geschichte hatte er in voller Länge mit angehört und wollte nun wissen, wo dieser komische Kauz von Beelzebubbruder wohl beheimatet sein mag. Es wurde ihm freundlich erklärt, so weit es möglich war.
„Ja, ja, Süddeutschland“, nickte der Alte. „Da drücken die Berge so aufs Gemüt, dass den Leuten solche Gestalten einfallen.“
„Der Beelzemertel ist jedenfalls fantasievoller als der Schwarze Mann, mit dem du mich immer ängstigen wolltest, Papa“, entgegnete Frau Niemeier.
„Ach, Tochter, reib mir das doch nicht immer wieder unter die Nase. Wir wussten es damals doch nicht besser“, verteidigte sich der Vater.
„Ich hab s doch auch nicht so gemeint, Papa“, besänftigte Frau Niemeier.
„Lasst uns noch was singen“, bat sie dann. „Was haltet ihr von Zu Bethlehem geboren?“
Als sie das breite Grinsen ihres Vaters sah, mahnte sie sogleich: „Opa, sing es nicht wieder auf die Melodie von „Dem Morgenrot entgegen, ihr Kampfgenossen all“!“
Der alte Mann schmunzelte: „Bei dir darf man aber auch gar nichts.“

Zu Bethlehem geboren

Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein;
Das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein.
Eia, eia, sein eigen will ich sein.

In seine Lieb versenken will ich mich ganz hinab,
mein Herz will ich ihm schenken und alles, was ich hab.
Eia, eia, und alles, was ich hab.

O Kindelein, von Herzen will ich dich lieben sehr
in Freuden und in Schmerzen je länger und je mehr!
Eia, eia, je länger und je mehr!

Lass mich von dir nicht scheiden, knüpf zu, knüpf zu das Band
der Liebe zwischen beiden, nimm hin mein Herz zum Pfand.
Eia, eia, nimm hin mein Herz zum Pfand.

„Ich hätte da noch n Gedicht, was hier gerade gut passt“, meldete sich Demian zu Wort.
„Ich lese es mal vor, ja?“
Friederike war sehr erfreut, eine Pause machen zu können und bat lebhaft: „Au ja, lies mal vor!“

Und Demian las:
Ave Maria
von Ludwig Thoma

Es ist schon Feierabend gewest,
der heilige Josef hobelt noch fest.
Er macht wohl eine Liegestätt
für einen Reichen aus Nazareth.

Die Jungfrau Maria hat noch genäht!
Zur Arbeit war es ihr nicht zu spät.
Sie fädelt wieder die Nadel ein,
die Arbeit muss morgen schon fertig sein.

Er hobelt weiter, sie näht das Kleid,
die Stube liegt bald in Dunkelheit.
Da öffnet ein Engel des Herrn die Tür
und sagt: „Maria, der Herr ist mit dir.

Ich trag eine frohe Botschaft bei.
Unter den Weibern du bist benedeit,
ja, deiner wartet das schönste Los,
du trägst den Herrn Jesum in deinem Schoß.“

Jetzt ist der Engel wiederum fort.
Maria hörte das fröhliche Wort
und lacht glücklich in sich hinein,
da würde sie nun bald Mutter sein.

Sie hat sich aber gleich aufgerafft
und hat gar fleißig weiter geschafft.
Der Josef hobelt an seinem Bett
für einen Reichen aus Nazareth.

„Der Thoma hat Weihnachten auch nicht so bitternst genommen, denke ich mal“, meinte die Mutter.
„Ja, ich glaube auch, dass das das Äußerste war, was er sich zu dem Thema abringen konnte“, setzte Demian hinzu.
„Jedenfalls ist in dem Gedicht von jenem Engel die Rede, der schon vorher den Namen Jesus erwähnte. Und du wolltest Opa auf n Arm nehmen!“, lachte Jana ihren großen Bruder aus.
Daniel schnitt der Schwester eine Grimasse und donnerte mit gespieltem Zorn: „Schweig, du Naseweis!“
„Haste dir das vom Beelzemertel abgelauscht?“, kicherte die Kleine hinter dem Rücken der Mutter.
„Nicht nötig“, meinte der Bruder erhaben. „Das kann ich auch so.“
Auf dem Gesicht von Demian hatte sich ein Grinsen ausgebreitet, wie man es noch nie bei ihm sah. verwundert fragte die Mutter: „Demian, was ist denn los?“
Er kicherte: „So richtig Bescheid gewusst hat der Thoma außerdem auch nicht. Bettgestelle kamen erst im Mittelalter auf, bis dahin schlief – gerade in Nordafrika – selbst der Vornehmste auf einer Lehmbank.“
„Na gugge“, lächelte die Mutter erleichtert. „Wieder was gelernt.“
Dann begann sie zu singen:

Auf dem Berge, da wehet der Wind,
da wiegt die Maria ihr Kind.
Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,
sie hat dazu kein Wiegenband.
„Ach, Joseph, lieber Joseph mein,
ach hilf mir doch wiegen mein Kindelein!“
„Wie soll ich dir denn dein Kindlein wiegen?
Ich kann ja kaum selber die Finger biegen.“
Auf dem Berge, da wehet der Wind,
da wiegt die Maria ihr Kind.
Schumschei, schumschei.

Nach dem Lied las Friederike weiter:
Beelzemertel verlegt sich auf s Dichten

Und wieder war es Sommer geworden. Ein ganz besonders heißer, wie es dem Beelzemertel schien. Er spürte förmlich die Sonnenstrahlen durch den See hindurch auf seine Haut brennen. Das war doch wohl nicht noch immer der Sonnenbrand von damals? O ich armes, geplagtes Wurm, jammerte er innerlich.
Dann stutzte er. Was er da gerade gedacht hatte, klang doch geradezu lyrisch! Es ähnelte im Rhythmus den Gedichten, die dem Weihnachtsmann von den Kindern aufgesagt werden. Ich bin klein, mein Herz ist rein, will auch immer artig sein. So ging das doch, oder?
Der Alte schmunzelte: Hab ich etwa eine literarische Ader? Mal probieren. Was reimt sich auf Wurm? Turm! Sitze hier in meinem Turm. Das geht nicht. Meine Höhle ist nicht oben, sondern unten. Was kann man da machen? Ein anderes Reimwort muss her.
Sinnierend stakste er in seiner Höhle umher und murmelte dabei ständig in seinen Bart: Wurm – Turm, Wurm - Turm.
So ging das eine ganze Weile. Endlich kam die Erleuchtung: Sturm! Auch das reimt sich auf Wurm! Nun rasch neu formulieren: O ich armer, sehr geplagter Wurm kämpfe mit Gewalt gegen Sturm, der die Sinne mir verwirrt. Das ist gut! Das ist gut! Freute sich der Alte.
Nun musste er einen Reim auf verwirrt finden. Ganz einfach, dachte er, da nehmen wir wird. Nur wie soll der Satz lauten, der auf wird endet? Dass mir angst und bange wird. Ei gugge, ich kann ja reimen!
Seine Zufriedenheit wich bald der Enttäuschung. Das kann ich nicht nehmen, wusste er, mir wird nie angst und bange. Also schnell etwas anderes überlegen.
Wieder durchschritt er seine Höhle der Länge und Breite nach und grübelte und grübelte. Nach einer Weile hatte er es gefunden: Hast dich in der Tür geirrt. Ja, das passt. Also, wie lautet jetzt das feine Gedicht? O ich armer, sehr geplagter Wurm kämpfe mit Gewalt gegen Sturm, der die Sinne mir verwirrt. Hast dich in der Tür geirrt. Gut, das kann so bleiben.
Aber ein komplettes Gedicht ist das noch nicht, da muss noch eine Strophe mindestens dran. Bloß was für eine? Wie soll das Gedicht weiter gehen?
Seine Schritte wurden schwerer, manchmal stampfte er sogar mit dem Fuß auf vor Ungeduld. Es wollte und wollte ihm nichts einfallen. Nachdem er vor lauter Verzweiflung ein ganzes gebratenes Hühnchen verschlungen hatte, kam er doch noch auf ein paar Zeilen: Denn du kommst hier gar nicht rein, ich wohne unterm See. Du musst immer oben sein, wo ich dich gar nicht seh.
Jubelnd sprang er vom Stuhl auf und tanzte in der Höhle herum. Das hätte er besser nicht tun sollen, denn die plötzlichen schnellen Bewegungen störten seine Verdauung. Das Hühnchen, das ihm doch so gut geschmeckt hatte, verließ ihn durch den oberen Eingang, was sehr schmerzhaft war, denn er hatte es in der Hast nicht richtig durchgekaut.
Nun hatte er erst recht einen Grund, sein missliches Schicksal zu beklagen.
Er begann das Gedicht völlig neu: O ich armer, geplagter Wurm, was war das nur für ein Sturm, der mir gar nichts, gar nichts gönnt? Kein kleines Gedicht, kein Hühnchen nicht, gefangen kein Kind, wenn die Weihnachten sind, da stell ich dir, Herr, doch die Frage: Wenn s so weitergeht, wie s jetzt um mich steht, sind dann wohl gezählt meine Tage?
Aber nein, das klingt ja wie ein Jammerlappen. So geht es nicht. Er verfiel wieder in tiefes Sinnieren. Wieder ging er in der Höhle auf und ab, sein Katerchen blickte ihm schon etwas nervös und beunruhigt nach. Er dachte so bei sich: Hat man so was je gehört, dass ein Beelzemertel sich beschwert bei dem allerhöchsten Herrn? Also, so was hat man gern. Dem Kater fiel natürlich nicht auf, dass sich das reimte. Beelzemertel aber hätte daran gemerkt, wie gut sie zu einander passten.
Aus weiter Ferne hörte der Kater die Stimme seines Herrn: Wie muss sich ein Beelzemertel plagen, böse Kinder zu erjagen. Etwas lauter kam der nächste Reim: Trachtet er von früh bis spät, doch wie dünn sind sie gesät!
Es geht!, jubelte der Beelzemertel und setzte ziemlich laut noch eins drauf: He, du Teufel in der Hölle, schläfst auf deinem Bettgestelle, gehst deiner Arbeit nicht mehr nach und ich stehe da in Schmach!
Ein Donnern und Rumpeln ging durch die Höhle. Dann ertönte eine dunkle Stimme: „Ich mach meine Arbeit schon. Was kann ich dafür, dass du so ein Stümper bist?“
In das nun folgende Donnern mischte sich das satte Lachen des Teufels. Der Beelzemertel hatte sich indessen auf sein Hinterteil plumpsen lassen. Mit dem Teufel wollte selbst er nichts zu tun haben. Er bereute zutiefst, ihn überhaupt erwähnt zu haben.
Als er die Schrecksekunde überwunden hatte, stand er auf, klopfte den Mantel aus und meinte zu sich selber: „Gut, dass ich für die Dichterei nicht auch noch Tinte und Papier vergeudet habe.“
„Miau!“, bekräftigte der Kater.

Nun folgte die Geschichte, worin der Beelzemertel ausgerechnet von einem Pfarrer ausgetrickst wird.
Wieder goss Friederike sich eine Tasse Tee ein und blickte fragend zu ihrem Bruder. Der verstand den Wink und schlug den Gedichtband auf. „Ich hätt hier noch einen kleinen Beitrag“, sagte er dabei und alle waren gespannt, was er wohl vortragen wird. Aber er reichte Domenica das Buch: „Lies du mal, du kannst das besser.“
Und Domenica las:
Ein Lobgesang von der Geburt Christi:

Gelobet seist, du, Jesus Christ,
dass du Mensch geboren bist.
Von einer Jungfrau, das ist wahr,
des freuet sich der Engel Schar,
Kyrieleis.

Des ewgen Vaters einig Kind
Jetzt man in der Krippe findt.
In unser armes Fleisch und Blut
verkleidet sich das ewig Gut.
Kyrieleis.

Den aller Welt Kreis nie umschloss,
der liegt in Mariens Schoß.
Er ist ein Kindlein worden klein,
der alle Ding erhält allein.
Kyrieleis.

Das ewig Licht geht da herein,
gibt der Welt einen neuen Schein.
Es leucht wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht.
Kyrieleis.

Der Sohn des Vaters, Gott von Art,
ein Gast in der Welte war
und führt uns aus dem Jammertal;
er macht uns Erben in seinm Saal.
Kyrieleis.

Er ist auf Erden kommen arm,
dass er unser sich erbarm
und in dem Himmel mache reich
und seinen lieben Engeln gleich.
Kyrieleis.

Das hat er alles uns getan,
sein groß Lieb zu zeigen an.
Des freuet sich alle Christenheit
und dank ihm des in Ewigkeit.
Kyrieleis.

Martin Luther (1483 – 1546)

„Ach, das ist von Martin Luther? Dem Reformator?“, hakte der Opa nach.
„Ja, von eben dem“, wurde ihm beschieden.
„Was war das damals nur für eine Zeit“, klagte er. „Luther wollte nur, dass auch das einfache Volk das Wort Gottes versteht, die damaligen Kirchenoberhäupter jedoch taten so, als wäre Latein die Sprache Gottes. Dabei wäre das ja eigentlich hebräisch, die Christen und auch die Moslems haben doch gar keinen eigenen Gott, sondern den der Juden okkupiert. Der einzige Unterschied besteht nur darin, dass die Christen neben Gott noch seinen Sohn Jesus anbeten, die Moslems aber Mohamed, einen Propheten Gottes. Und das nennt sich Fortschritt! Es ist eher eine Hinwegführung von Gott.
Und es ist außerdem völlig logisch: wenn ich will, dass ein Deutscher mich versteht, muss ich deutsch reden. Wenn ich will, dass ein Russe mich versteht, muss ich russisch reden, und so weiter, und so weiter. Man kann doch nicht blindlings einfach nur glauben!“
„Irgendwann haben das ja auch die Katholiken eingesehen. In jeder Kirche wird jetzt die Predigt in der Landessprache gehalten.“
„Dann könnten sich die beiden feindlichen Lager ja langsam auflösen, oder?“
„Weiß der Geier, was sie noch zu zanken haben. Uns geht das nichts an, wir sind ja nicht mal getauft“, wollte die Mutter das Gespräch beenden.
„Das willst du mir doch jetzt aber nicht übel nehmen?“, forschte der Alte.
„Aber nein, Papa. Und du brauchst auch keine Angst zu haben, dass ich mich jetzt noch taufen lasse.“
„Sag mal, Mama“, fragte Jana erschrocken, „wissen die das in deinem Kirchenchor?“
„Nee. Das sollen die auch nicht wissen. Ich tu so, als ob. Der Chor ist doch das einzige, was ich jetzt noch an kultureller Betätigung habe“, schniefte sie.
Und Friederike las die nächste Geschichte vor, in welcher der Beelzemertel von einer Bäuerin geneckt wird und sich daraufhin vornimmt, den Leuten im nächsten Jahr das Fürchten zu lehren.

„Na, fürchten wollen wir uns nicht“, meinte die Mutter recht munter. „Wir wollen noch ein Lied singen. Welches hatten wir noch nicht?“
Sie blickte fragend in die Runde.
„Oh, wir haben schon so viel gesungen heute“, grübelte Carola. „Mir fällt gar keins mehr ein.“
Gundula sagte: „Ich glaube, wir hatten noch nicht Süßer die Glocken nie klingen.“
„Richtig“, lobte die Mutter. Und schon schallte das Lied durch die Küche.

Süßer die Glocken nie klingen, als zu der Weihnachtszeit!
S ist, als ob Engelein singen wieder von Frieden und Freud.
Wie sie gesungen in seliger Nacht,
wie sie gesungen in seliger Nacht,
Glocken mit heiligem Klang klingen die Erde entlang.

O, wenn die Glocken erklingen, schnell sie das Christkindlein hört,
tut sich vom Himmel dann schwingen, eilet hernieder zur Erd.
Segnet den Vater, die Mutter, das Kind,
segnet den Vater, die Mutter, das Kind,
Glocken mit heiligem Klang klingen die Erde entlang.

Klingen mit lieblichem Schalle über die Erde noch weit,
dass sich erfreuen doch alle seliger Weihnachtszeit.
Alle aufjauchzen in einem Gesang,
alle aufjauchzen in einem Gesang,
Glocken mit heiligem Klang klingen die Erde entlang.

„Jetzt kommt die letzte Geschichte“, verkündete Friederike.
“Na dann mach s kurz. Ist schon spät geworden“, ermunterte die Mutter.
Beelzemertel räumt auf

An einem schrecklich langweiligen Sommertag blickte der Alte sich in seiner Höhle um. Trübe sah es darin aus! An Staub und Unordnung war er ja gewöhnt, aber in letzter Zeit hatte sich außerdem noch allerlei Unrat angesammelt. Der Kater war auch nicht stubenrein und der Boden in der Höhle hatte sich bereits richtig vollgesogen. An einigen Stellen bildeten sich sogar schon kleine Pfützen. Und der Gestank! So konnte es nicht weitergehen!
Energisch wischte er mit dem Ärmel die vielen abgenagten Knochen von seinen Möbeln, dass der Kater erschrocken zur Seite sprang. Dann suchte er nach dem Besen. Er erinnerte sich daran, so ein Ding mal irgendwo in seiner Höhle gesehen zu haben. Aber wo? Knurrend und schimpfend räumte er die gesamte Höhle um, bis er endlich das gesuchte Gerät unter alten Lappen fand. Ungeschickt begann er, auszufegen. Bald stellte er fest, dass der Besen nicht unter den Schrank passte, der Schmutz dort also liegen bleiben würde und weiterhin stinken.
Wenn ein Beelzemertel etwas tut, dann tut er es gründlich! Kurz entschlossen stellte er den Besen in die Ecke und packte mit beiden Händen den Schrank und trug ihn nach draußen vor die Tür. Alle Möbel trug er hinaus, damit die Höhle auch wirklich von Grund auf sauber wird. Er schwang den Besen, dass es eine Art hatte!
Als er allen Schmutz in eine Ecke gekehrt hatte, schaufelte er ihn in alte Säcke und lobte sich für seine ausgezeichnete Planung. Jetzt konnte er nämlich einen Sack hinaus tragen und ein Möbelstück hinein, immer abwechselnd, kein Weg wäre umsonst. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht trat er mit dem ersten Müllsack vor die Tür und ließ den Sack fallen, dass der halbe Inhalt sich auf dem Weg verteilte. Alle Gesichtszüge entgleisten ihm und die Augen traten aus den Höhlen, so erschreckend war, was er sah.
Er hatte an eines nicht gedacht: Immer, wenn sich die Tür hinter dem Beelzemertel schloss, kehrte das Seewasser zurück und der Weg wurde zu normalem Seeboden. Darin waren alle Möbel versunken. Nur das Buffett ragte noch mit einer kleinen Ecke aus dem Schlick. Alles war verdorben. Der Alte hatte sein gesamtes Hab und Gut verloren. Besonders schmerzte ihn der Verlust seiner geliebten schweren Eisenkette. Wer weiß, in welcher Tiefe sie nun ruhte!
Vor Wut heulte er laut auf und ging in seine leere Behausung zurück. Sein Katerchen wollte sich an ihn schmiegen, aber er gab dem Tier einen Fußtritt, er war jetzt nicht aufgeschlossen für Liebesbeweise.
Wie sollte er nur seinen Herrn und Gebieter um eine neue Grundausstattung bitten? Ob der Herr überhaupt Verständnis für Beelzemertels plötzliche Ordnungsliebe haben wird? Für so etwas sollte der Beelzemertel sich doch die ungezogenen Kinder einfangen! Jetzt wurde er womöglich nach den Möbeln auch noch seinen Job los . . .

Friederike klappte das Buch zu. „Jetzt kann man den Faden weiterspinnen. Entweder der Beelzemertel bekommt eine neue Ausstattung, oder er wird zur Strafe unter die Engel versetzt“, sagte sie abschließend.
„Da bekommt man ja zuletzt auch noch Mitleid mit dem armen Kerl“, spottete Daniel.

Es war längst dunkel geworden. Obwohl die Mutter die Gegenwart ihrer Kinder sehr genoss, wollte sie die Zusammenkunft an dieser Stelle abbrechen. Sie sagte: „So, jetzt singen wir noch „Stille Nacht“ und morgen lesen wir uns die „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens vor.“
„Warte!“, rief Gundula. „Ein Lied haben wir noch vergessen: Es wird schon gleich dunkel.“
Daniel lachte: „Es ist doch schon dunkel, Gundi.“
„Na gut“, meinte die Mutter. „Singen wir sie beide hintereinander weg.“
Die Geige wurde für heute zum letzten Mal nachgestimmt, alle Bücher zugeklappt und weggeräumt, und dann wurden die Lieder mit viel Gefühl gesungen.

Es wird schon gleich dunkel, es wird ja schon Nacht.
Drum komm ich zu dir her, mein Kindlein auf d Wacht.
Will singen ein Liedlein dem Liebling, dem klein,
du magst ja nicht schlafen, ich hör dich nur wein.
Hei, hei, hei, hei, schlaf süß, herzlich Kind.

Vergiss jetzt, oh Kindlein, den Kummer, das Leid.
Das du da musst leiden im Stall auf der Heid.
Es ziern ja die Engel dein Lagerstatt aus,
s möchte schöner nicht sein drin in König seinm Haus.

Schließ zu deine Äuglein in Ruh und in Fried
Und gib mir zum Abschied dein Segen noch grad mit.
Jetzt wird auch mein Schlafen so sorgenlos sein,
jetzt kann ich mich ruhig auf s Niederlegen freun.


Stille Nacht

Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, heilige Paar,
holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh,
schlaf in himmlischer Ruh.

Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kund gemacht:
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter, ist da!
Christ, der Retter, ist da!

Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund
Christ, in deiner Geburt!
Christ, in deiner Geburt!



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Weihnachtsgeschichte Teil 3

Hallo Flammarion. Die Geschichten vom Beelzemertel haben mir gut gefallen. Ich selber konnte sein Sommerloch noch nicht auf füllen-lach:-). Bin im Moment nicht kreaktiv genug. Meine arge Gesundheit scheint meine inspiration zu bremsen.
Herzlichst Uschka
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Was nicht aufgeschrieben ist, wird vergessen, als ob es nie geschehen wäre. Erhard Wiehn

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