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Leselupe.de > Erzählungen
Wenn Adam ein Tagebuch geschrieben hätte
Eingestellt am 25. 11. 2007 19:06


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Limba
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Wenn Adam ein Tagebuch geschrieben hätte

Sie wussten nichts von den Namen, welche eine spätere Zeit den Dingen geben würde, woher auch, vor 72000 Jahren hatte längst noch nicht jeder Berg und jedes Ereignis einen Namen. Schall und Rauch sind diese Worte allzumal, Toba, Supervulkan, Eruption, doch Donnerschall und Rauch und Asche aus dem Bauch der Erde waren nur zu echt.
Er dagegen hatte einen Namen, man rief ihn Ham. Sie warteten zu viert, von Furcht erfüllt und steif, ihre Hände hatte man auf dem Rücken gefesselt. Seine Schwester Eje saß auf der anderen Seite des Feuers auf dem blanken Boden, neben ihr hockten ihrer beiden besten Freunde, Ada und Vah, Zwillinge wie sie selbst. Es war kalt und düster, fast so grau wie in der schneeschwangeren Dämmerung eines Winterabends, dabei war es früher Nachmittag und doch konnte man nur an dem etwas helleren Fleck die Stelle erahnen, wo die Sonne am trüben Himmel stand und vergeblich versuchte, durch den graugelben Schleier zu dringen.
Eigentlich müsste Frühsommer sein, die schönste Zeit des Jahren, frisches Grün sollte nun aus jeder Pore der Mutter Erde sprießen, doch es blieb so bitter kalt, dass den großen Vansee, an dessen Ufer ihr Clan gewöhnlich das Sommerjagdlager errichtete, ein mächtiger Eispanzer bedeckte, wohl dick genug, um ein Mammut tragen zu können.
Inzwischen wussten alle längst, was geschehen war, eine halb verhungerte Gruppe von Spaltaugenleuten tauchte vor Wochen bei ihnen auf und berichtet, was sich ganz unten im Südosten ereignet hatte.
Vor mehr als sieben Mondzyklen hatte Mutter Erde sich aufgetan und ohne Unterlass ihr Innerstes bis in den Himmel gespieen. Die Fremden erzählten von rasenden Wellen glühend heißen Staubes, von fliegenden Loderballen und brennenden Flüssen, wer überlebte, floh, ließ seine verbrannte Heimat unter alles begrabender Asche zurück. Vergeblich versuchten sie dem Wahnsinn zu entkommen, kein Fleckchen ihrer Heimat wurde verschont. Als nichts mehr blieb, folgten sie dem uralten Sagenweg der Ahnen zurück, den diese einst gewandert waren, um das Südland zu besiedeln. Doch überall, wohin sie kamen, breitete sich längst das Leichentuch der gelben Wolke zwischen Erde und Himmel aus, verschleierte die Sonne und zwang die Natur im Frost zu verharren.
Keine drei Tage blieben die Fremden, kaum dass sie sich ein paar Mal an den Fischen des Vansees satt gegessen hatten, da flohen sie auch schon weiter, wie gehetzt von bösen Geistern.
Der Clan der vier gefesselten aber hoffte noch. Die Ältesten berieten die neue Mär, aber was zu tun sei, wusste niemand. Keiner konnte sich an solch einen Zornesausbruch der großen Mutter erinnern, nicht einmal im Ahnengedächtnis fand sich etwas Ähnliches. Bedrohliche Veränderungen gab es immer wieder, doch selbst die Zeiten der großen Eisberge hatten Frühling und Sommer gekannt.
Immer wieder drang das Eis vom Rand der Welt weit Richtung Mittag vor und drohte, die Welt im ewigen Winter erfrieren zu lassen, doch stimmten Gebete und Opfer Mutter Erde und Vater Himmel jedes Mal gnädig, sie sorgten für ihre Erdenkinder. Mit dem Eis schickten sie das Grasland, hoch wuchs das Kraut und üppiges Grün nährte die großen Herden, fette Mammute, zottelige Bisons, riesige Hirsche, müffelnde Moschustiere, das schnelle Elen und viele andere Weidetiere. Speck machte die Menschen stark gegen die Kälte und der Schmer brannte in den Fettlampen gegen das Dunkel in ihren Höhlen an.
Doch diese Katastrophe war anders. Die Götter mussten sehr zornig sein, so zornig, dass sie alle ihre Kräfte entfesselten, Beben, Feuerstürme und endlosen Winter. Das schlimmste aber war, dass Vater Himmel sein leuchtendes Antlitz verbarg. Immer, wenn er die Sonne im Frühling höher steigen ließ, erfüllte die Menschen große Freude, das Fest des letzten Schnees und der Wiedergeburt sehnten alle herbei, um endlich wieder neues Grün und frisches Fleisch zu essen. Doch der Frühling kam nicht. Weit länger als gewöhnlich hatten die Ältesten an der Winterhöhle ausgeharrt und dann doch beschlossen trotz der Kälte aufzubrechen. Die Vorräte waren aufgebraucht und nur in den Süßgrassteppen am Vansee gab es genügend große Herden, das Verzehrte für den nächsten Winter wieder aufzufüllen. So war es seit undenklichen Zeiten gewesen.
War! Es gab keine Herden mehr. Kein frisches Grün spross auf der großen Ebene, niemand wusste, wohin die Tiere gegangen waren oder ob Mutter Erde all ihre Kinder verschlungen hatte. Das Sommerlager hielt keine Beute für sie bereit, nur Hunger. Einzig die Fische des Sees hielten die Menschen fürs erste am Leben.
Eine Entscheidung musste gefällt werden. Der Clan beriet, ohne die vier.
Die Gefesselten am Feuer galten als etwas besonderes, ihre Mütter kamen am selben Tag nieder, entbanden je ein Zwillingspärchen. Noch nie kam solch ein außergewöhnliches Ereignis in der Geschichte des Stammes vor. Wie auch, lebten doch nicht einmal an allen 14 Herdfeuern ihrer Höhle gebärfähige Frauen, dabei galt ihr Clan seit jeher als einer der größten unter den Lagern der Mammutjäger. Zwillingsgeburten geschahen selten genug, zwei am selben Tag, das gab es noch nie. Immer schon wurden die vier deshalb von allen Menschen des Stammes als Geschenke der Götter betrachtet, immer schon behandelte man sie mit so etwas wie Ehrfurcht. Und nun hätte sich ihre Bestimmung offenbart, meinten die Ältesten.
Dieser Sommer wäre der Sommer ihrer Weihen gewesen, die Jungmänner Ham und Vah sollten zur ersten Jagd mitgenommen worden, Eje und Ada aber wurden mannbar. Von Anfang an war es so bestimmt, Ham sollte mit Ada zusammengegeben werden, Vah aber sollte bei Eje liegen, vorausgesetzt Ham und Vah bestanden ihre Jagdprüfung und wurden in den Kreis der Männer aufgenommen und, mindestens genauso unabdingbar, die Mädchen würden die Werbung überhaupt annehmen. Letzteres war aber sehr zum Leidwesen Hams geraten, denn Ada wollte ihn nicht und was half es da, wenn er sie über alles liebte. Schuld daran war er selber, er vermochte es einfach nicht, seine Gefühle für sie zu zeigen. Weil er Zeitlebens alles bekam, was er wollte, verstand er es nicht um eine Sache zu ringen. Unbeholfen suchte er ihre Nähe, doch fiel ihm bei aller Schlauheit nichts besseres ein, als vor ihr zu prahlen, all seine guten Geistesgaben hatte er immer nur für Streiche und Neckereien benutzt, ihr die Haare angezündet, ihr Kröten ins Essen getan, die ganze Kindheit lang. Trotz aller Gunst der Götter, alle dachten geringschätzig über ihn, auch wenn er nicht wirklich schlecht war. Meist tat ihm Leid, was er angerichtet hatte, sogar wenn man ihn nicht erwischte, was bei seiner Schläue sogar meistens gelang. Erreicht hatte Ham damit nur, dass er sich einsam fühlte. Noch nie aber ging ihm dieses Gefühl so nahe, wie in jenem Moment am Feuer, sogar in ihrer furchtbaren Lage hockten die drei auf der einen Seite zusammen, er aber saß alleine auf der anderen.
Gemeinsam war ihnen nur das dumpfe Gefühl der Angst, egal auf welcher Seite des erbärmlichen Feuers hockten sie furchtsam zusammengekauert, trauten sich kaum, einander anzusehen. Man hatte ihnen zwar nichts gesagt, doch das war gar nicht nötig, sie wussten auch so, was man mit ihnen vorhatte. Nur selten gaben die Ältesten diesen höchsten Willen der Götter kund, nur, wenn alles andere versagte oder wie jetzt, da der Zorn von Erde und Himmel so offensichtlich schien. „Das schreit nach höchstem Opfer“, hatten die Alten gesagt! Der Clan aber besaß nur eines, was höchsten Wert verkörperte, die beiden Zwillingspaare, geboren am gleichen Tag. Sonnenklar sei es und ein Zeichen, dass sie noch unberührt wären! Die Götter forderten sie zurück, es gab kein kostbareres Opfer als die Schädel der Kinder.
Ihr Hirn aber war Hirn vom Hirn des Stammes und die Ältesten würden es in sich aufnehmen, lebendig, damit das ewige Wissen des Stammes erhalten blieb, lebendig würden die Alten es aufnehmen, lebendig und von Kindern, damit die Hirne der Ältesten wieder verjüngt würden in der Zeit der Not, um die Kraft zu erhalten den Clan zu befreien aus der Not. So befahl es die Überlieferung.
Ham glaubte nicht daran! Wieso ging das Wissen der Alten nicht verloren, die einfach so starben und niemand aß ihr lebendiges Gehirn? Er wollte nicht an den Pfahl gebunden werden, nicht, dass man ihm den Schädel öffnete und bei schwindendem Verstand mit den rituellen Klingen das zuckende Hirn herausschnitt, für seine Schwester wollte er das nicht und nicht für Vah, am wenigsten aber wollte er das für Ada.
„Ich will nicht geopfert werden!“ fauchte er, „Ihr etwa?“
Ada schüttelte den Kopf so heftig, dass ihre helle Mähne nur so flog. Eje schaute nur furchtsam zu Boden, Vah aber sagte abweisend:
„Was willst du dagegen machen, Ham? Willst du dich dem Willen der Götter widersetzen und ihren Zorn auf dich lenken, mal ganz davon abgesehen, dass die Ältesten dich kaum fragen werden.“
„Was soll denn noch schlimmeres mit uns geschehen, als dass wir auf so grausame Weise umgebracht werden? Außerdem, wer sagt denn, dass dies der Wille der Götter ist? Wohl eher der Wille der Ältesten! Mutter Erde ist doch unserer aller Mutter, ich glaube nicht, dass sie ihre Kinder tot sehen will! Oder kennt ihr eine Mutter, die Freude daran hätte, wenn man ihr die abgeschlagenen und leer gefressenen Schädel ihrer Kinder in den Schoß wirft? Nein und abermals nein, Vah, ich habe gar nicht vor, die Ältesten zu fragen, ich werde fliehen und euch nehme ich mit!“
Unverholen feindselig grinste Vah: „Ausgerechnet du, nichts als Blödsinn hast du zeitlebens im Kopf gehabt, wir wären schön dumm, auf dich zu vertrauen.“
Ham senkte beschämt den Kopf: „Was soll ich dagegen sagen, du hast ja recht. Aber es geht um unser Leben, meinst du nicht, dass ich es wenigstens jetzt ehrlich meine? Wenn dir das lieber ist, dann führe du uns an, aber lass uns fliehen, bitte!“
„Ich gehe nicht, lieber sterbe ich von der Hand der Ältesten, als dass ich mich von dir zu einem sicheren Hungertod überreden lasse.“
Was sollte Ham tun, alleine fliehen? Auch zu viert waren die Chancen gering. Ada fragen? Ausgerechnet Ada, die ihn mied wie das Lamm den Wolf. Fast flüsterte er zu ihr: „Ada, sag schon was, du hast doch gerade den Kopf geschüttelt, doch wenn du bleiben willst, dann bleibe ich auch, nie könnte ich ohne dich gehen.“
Ada sah ihm lange in die Augen, ungläubig, fragend, zweifelnd, doch nicht mehr abweisend. Es war gut so, dass Ham nichts sagte, seine Augen sprachen umso mehr, nichts als Trauer und Angst um sie konnte Ada darin sehen.
Vah schaute triumphierend herüber, weil Ada schwieg. Was dann geschah, kam so unerwartet wie ein Schrei aus einem stummen Mund, Ada stand auf, ging auf Hams Seite des Feuers und hockte sich neben ihn.
„Ich gehe mit dir, alles ist besser als solch ein Tod.“ Zu den anderen gewandt fuhr sie fort: „Ham hat recht, ich glaube auch nicht, dass Mutter Erde unser Opfer will. Und noch etwas, ich will, dass Ham uns anführt, denn eines muss man ihm lassen, er weiß eine Sache durchzuziehen und zwar unbemerkt, das habe ich nur zu oft spüren müssen. Genau das, was wir jetzt brauchen, denke ich, eine Sache organisieren und unbemerkt davonkommen. Und um zu beweisen, dass ich es ernst meine: Ham, sag was ich tun soll.“
Ungeheuerlich, eine nie da gewesene Tat, so musste es durch die Köpfe der beiden anderen Mitgefangenen gehen, doch widersprachen sie nicht mehr. So ungeheuerlich war der Gedanke, ein Opfer wolle sich nicht in sein Schicksal fügen, dass die Ältesten nicht einmal Wachen in ihrer Nähe aufgestellt hatten. Alle Mitglieder des Clans tanzten die monotonen Tänze, bis sie schließlich in Trance fallen würden. Doch noch mussten viele Stunden vergehen und die Schalen mit den berauschenden Tränken würden wieder und wieder die Runde machen, bis der Wahnsinn endlich groß genug war, das alle nach dem Opfer ihrer eigenen Kinder dürsteten.
Ham streckte seine befreiten Hände vor, an einem Stein hatte er längst das Leder durchgerieben, mit dem sie gefesselt waren. Im Augenblick zupfte er erst Adas, dann die Knoten aller Fesseln auf und die vier erhoben sich frei aus dem braunen Gras.
Ham musste Eje aufhalten, die sogleich und kopflos davon stürmen wollte: „So kommen wir nicht weit! Es wird schon schwer genug, wenn die Spurenleser und Läufer uns jagen, ohne Waffen könnten wir uns nicht gegen sie oder Raubtiere verteidigen. Vah, folge mir, wir schleichen uns zu den Zelten und holen unsere Speere, Messer und etwas Proviant.“
Mit dem gleichen Selbstverständnis, das Vah gerade noch in seine zornigen Worte gelegt hatte, folgte er nun den Anweisungen Hams.
Das Glück blieb ihnen hold, keine Menschenseele hielt sich bei den Zelten auf, so konnten sie nicht nur Waffen und Proviant an sich nehmen, sogar etliche nützliche Sachen griffen sie sich auf die Schnelle, ein leichtes Jagdzelt, vier Tragekörbe, einen zweiten Fellumhang für jeden.
„Wir können nur hoffen, dass niemand in den nächsten Stunden unsere Flucht bemerkt“, meinte Ham, als er das Zeichen zum Aufbruch gab. So schnell sie konnten eilten die vier über die vertrocknete Steppe, den bergenden Waldhügeln am Horizont entgegen.

Endlos zog sich die Wanderung. Die Flüchtlinge liefen durch graubraune Steppen, die ohne Sonnenlicht kein frisches Blatt mehr hervorbrachten, auch wenn es am Tage meist nicht fror. Es gab sogar hin und wieder Nächte, an denen kein Frost herrschte.
Sie kamen an blattlosen Wäldern vorbei, bedrückend in ihrer sterbenden Ruhe, wateten durch Flüsse, zu Rinnsalen geschrumpft, weil der Schnee in den Bergen nicht mehr schmolz und der Himmel keine Tränen mehr hatte. Tiere gab es kaum noch, der letzte Winter hatte seinen Tribut gefordert und als die Wärme nicht kam, gebaren die Muttertiere tote Kinder und die wenigen, welche das spärliche Licht der Welt erblickten, stupsten vergeblich an die verdorrten Zitzen, die Mütter fanden nicht genug zu fressen, um auch nur wenige Tropfen Milch zu haben.
Sie fanden auch Spuren von Menschen, nicht selten sahen sie noch nicht einmal verweste Leichen von Erschlagenen in der Wildnis liegen, gerade da, wo der Tod sie ereilt hatte. Genau so einem sterbenden Volk waren die vier entflohen. Hinter ihnen verdunkelte der Staub noch weit schlimmer die Sonne, wie sollte da ein Stamm überleben, erst recht ein Stamm, der vier seiner Kinder verloren hatte und vielleicht sogar die anderen geopfert. Und doch, ihre Herzen trauerten, auch wenn der Verstand klar und deutlich begriff, welches Schicksal der Stamm ihnen bereiten wollte. Trotzdem, was konnte es Schlimmeres geben, als die Verlassenen nie wieder zu sehen, verloren zu haben für immer?
Sie lebten hauptsächlich von ausgegrabenen Wurzeln. Hühnervögel gab es noch recht häufig, Schnee- und Birkhuhn fanden in den trockenen Gräsern reichlich Samen vom letzten Jahr, nun verwandten alle vier viele Stunden darauf, solche Vögel mit den Schleudern zu jagen.
Im Herbst erreichten sie ein Gestade, das den weiteren Weg nach Nordwesten versperrte. Sie zogen an ihm auf und ab, zum Glück lag vor ihnen kein Meer, wie sie wegen des salzigen Wassers erst befürchtet hatten, das gegenüberliegende Ufer konnte man an der schmalsten Stelle in der Ferne ausmachen. Sie beschlossen hier den Winter abzuwarten, das Meereswasser musste noch reichlich Fisch in seinen Tiefen bergen, es gab Robben, die gut genährt schienen.
„Die bringen uns vielleicht durch den Winter“, meinte Ham, die Robbenjagd an ihren Atemlöchern im Eis war ihm vertraut. „Bis dahin fangen wir Fisch!“ Inzwischen zweifelte niemand mehr an seinen Fähigkeiten, das Überleben der Gruppe zu sichern, am wenigsten Vah. Ham machte es ihm aber auch leicht, er führte die Gruppe zwar tatsächlich, doch nie versäumte er, die Meinung der anderen drei einzuholen, selbst dann nicht, wenn es eigentlich gar nichts mehr zu besprechen gab, weil die Situation es erzwang. So war es auch diesmal: „Was meinst du“, fragte er Vah, „werden wir hier über den Winter kommen?“ Vah nickte gravitätisch, Ada aber antwortete:
„Wo sollen wir auch hin, hinter uns liegt fast totes Land, weiter können wir nicht, vielleicht im Winter, wenn alles gefriert.“
Mit dem Gedärm der Fische bestückten sie etliche Fallen und hatten Glück, gefräßige Füchse konnten dem Duft der Köder nicht widerstehen, ihre dichten Pelze ergaben gute Wintersachen und warme Schlafsäcke.
So weit im Westen schien der Himmel weniger verhangen mit Staub zu sein, auch wenn es immer noch düster blieb, deshalb wollten die vier immer noch weiter, so weit weg vom Unglück wie möglich.
Vorerst blieb dieser Weg jedoch versperrt, die Fluten vor ihnen vermochten sie nicht zu überqueren. Doch es half nichts, wollten sie weiter, mussten sie irgendwann über den Meeresarm.
Ada hatte richtig vermutet, der Winter wurde bitter kalt, das Meer fror zu. Anfangs nur am Rand, so dass sie manchen Tag und sogar manche Nacht damit zubringen mussten, Löcher in dieses trügerische Eis zu schlagen, darauf zum Angeln bis an den Rand zu gelangen, war viel zu gefährlich. Bald aber war die Fläche geschlossen und sie fingen mehr Robben an ihren Eislöchern, als sie verzehren konnten. Als die vier endlich über das Eis an das nördliche Ufer wandern konnten, schleppten sie nicht nur einen beachtlichen Vorrat an getrocknetem Robbenfleisch mit sich, ihre Herzen waren darüber erfüllt mit Hoffnung.
Aber diese Hoffnung auf das neuerliche Frühjahr trog, der Himmel wurde auch nicht klarer, als die Sonne wieder höher am Himmel ihre Bahn zog, egal wohin das Auge auch schweifte, überall versperrte die gleiche graue Suppe den Blick in den Himmel. Klammheimlich begannen sie zu zweifeln, ob es überhaupt noch irgendwo ein Stückchen auf Mutter Erde gab, wo man überleben konnte. Doch niemand wagte darüber zu reden, stattdessen zogen sie weiter in eine ungewisse Zukunft.
Ein weiterer, kurzer Sommer, kalt wie ein Spätherbst, trüb und grau und beinahe ohne jegliches Grün und noch ein Winter vergingen über der Wanderung, bis sie endlich einen Flecken Erde fanden, das Grünes hervorbrachte. Ihre Körper reiften in dieser Zeit heran und die Natur forderte ihr Recht, die zwei Zwillingspärchen gab es nicht mehr. Ada und Eje mussten nun langsamer gehen mit runden Bäuchen, auch Vah und Ham liefen schwerfälliger, weil sie doppelte Last in den Tragen hatten.
So kamen sie im dritten Sommer der Wanderschaft nach Arkadien. Diesen Namen wählte Ada, um die Erinnerung an den verlorenen Stamm zu bewahren, Arkad- Bärensöhne, so nannte sich einst der Clan.
Ada gebar einen Sohn, den sie Adaham tauften, Eje kam von Vah mit einem Mädchen nieder, die riefen sie Ejevah.
Für viele Jahre verfinsterte sich die Welt, kaum ein Mensch überlebte die dunkle Zeit. Als die vier schon dachten, sie wären die letzten Überlebenden, fanden noch andere den Weg nach Arkadien.
Als sie eintrafen, fragten die vier nicht: „Wer waren eure Eltern? Aus welchem Volk stammt ihr?“ Alle hatten die Toten gesehen und jeder, der noch lebte, hatte jemanden zurücklassen müssen. Sie fragten auch nicht: „Wie hießen deine Götter mit Namen?“ Alle beteten von nun an zu >Gott< und sprachen seinen Namen nicht.
Aber die neuen fragten: „Woher kamt ihr? Welches Land hat solche Söhne und Töchter hervorgebracht, die zu den Stammeltern des neuen Stammes wurden?
So erzählten sie ihre Geschichten, die zur Geschichte der neuen Menschengruppe wurde, doch von den verlorenen Ahnen sprachen sie nicht. Diese Welt war verloren, auch wenn sie wie das Paradies auf Erden in Erinnerung bleiben musste. So sprachen Ada und Ham, Eje und Vah:
„Aus dem Lande Eden stammen wir, ja, ja, das ist jenes Land, in dem alles gedeiht und Honig fließt. Dort lebten wir als Kinder, von da haben wir all unser Wissen mitgebracht. Das Wissen um die Liebe? Nein, das nicht, das fiel uns zu wie eine reife Frucht vom Baume, da schämten wir uns voreinander und bedeckten unsere Blöße. Warum wir gegangen sind? Gott war zornig und wir mussten gehen, wir haben Eden für immer verloren, auf Erden aber müssen wir von nun an täglich um unsere Nahrung ringen.“

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