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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wenn Alte träumen
Eingestellt am 21. 04. 2012 15:35


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Damit das sofort klar ist: Ich werde in diesem Jahr neunundsechzig und stehe zu jedem meiner Jahre.
Doch ganz offenbar kommt es in diesem meinem Alter vor, dass sich bei phasenweiser Schlaflosigkeit Nacht- und Tagträume vermischen. Vielleicht ist das auch eine Demenzfolgeerscheinung. Aber das wäre mir egal.
Bei meinem altersgeschwächten Gedächtnis bin ich jedenfalls nicht mehr in der Lage, zu bestimmen, welche Trauminhalte ich der Nacht und welche ich dem Tag zurechnen kann.
Heute Nacht war ich wieder einmal unterwegs. Bin ich häufig, wenn ich nicht gut schlafen kann.
Zunächst war ich auf der Suche nach einer vornehmen Adresse. Lege nun einmal gesteigerten Wert auf Stil.
Vor einer großen dreistöckigen Gründerzeit-Stadtwaldvilla in Köln-Lindenthal blieb ich staunend stehen. Die machte richtig was her. Ich stellte mich in deren Vorgarten und bestellte per Handy ein Taxi. Vorher hatte ich mich – ich glaube, im Fundus eines Theaters - mit Frack, Seidenschal und Zylinder ausgestattet.
Das Taxi kam. „Johannes Heesters, wenn Sie mich nicht kennen sollten.“ Stelle ich mich dem Fahrer vor.
„Der ist doch im letzten Jahr an Heilig Abend gestorben!?“
„Das denken alle. Selbst ich dachte das.“
Der Fahrer runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf, nickte dann aber, hielt mir die hintere Tür auf und half mir, unter meinen Arm greifend, auf den Rücksitz.
Drinnen wollte er natürlich mein Fahrtziel wissen.
Da ich mit der Antwort zögerte, meinte er lachend: „Sagen Sie bloß noch, dass Sie ins Maxim wollen.“
„Nein, nein, in ein angenehmes Lokal, gut bürgerlich am besten, mit Gästen, die was auf sich halten…“
„Da nehmen wir am besten das Päffgen. Eines der besseren Kölner Traditionsbrauhäuser.“
Ich nickte ihm über den Innenspiegel zu.

Als ich das Brauhaus betrat, nahm ich den Zylinder ab und rief drei Mal laut „Helau…!“
„Mein Herr, wir sind hier nicht in Düsseldorf. In Kölle heißt das Alaaf…“ belehrte mich der Köbes. „Außerdem - die Session ist längst vorbei. Und wir Kölner, wir haben es nicht so mit den schnieken Düsseldorfern. Das weiß doch eigentlich jeder…!“
„Man wird doch mal einen Aprilscherz machen dürfen?“
„Tut mir Leid, der Herr. Wir haben heute schon den fünften April.“
Kopf schütteld schlug ich mir gegen das Hinterhaupt. Tut mir Leid. In meinem Alter sind Irrtümer nicht mehr ganz auszuschließen!“
In aller Ruhe suchte ich mir einen Platz, von dem ich die Braustube überblicken konnte und vor allem - auf dem ich gesehen wurde.
In dem Moment kam eine junge attraktive Frau zur Tür herein, eilte auf mich zu, gab mir einen Kuss auf die Wange, setzte sich neben mich und meinte außer Atem: „Liebling, ich hab mir schon Sorgen gemacht.“
„Brauchst du aber nicht. Ich weiß doch: Hitler war wirklich kein Ehrenmann.“
Sie lächelte. „Stimmt, mein Lieber.“
Der Köbes kam mit einem Kranz gefüllter Kölschgläser.
„Der Herr, die Dame. Ein Kölsch für Sie?“
„Eigentlich trinke ich Champus…“ murmelte ich. Doch meine junge Begleiterin, die ich irgendwoher gut kannte, stieß mich mit dem Knie unter dem Tisch an und nickte dem Köbes zu. „Natürlich mag er Kölsch.“
„Sehr gern sogar!“ stimmte ich zu.
In dem Moment kamen zwei schwarz gekleidete Männer zur Tür herein, sahen sich um und stürmten auf unseren Tisch zu.
„Gestatten Sie, wir kommen vom Bestattungsinstitut Kuckelkorn. Sind Sie Herr Johannes Heesters?“
„Ja, natürlich, sehen Sie doch!“
„Dürfen wir Sie bitten, uns zu folgen?“
Meine Begleiterin brach in Tränen aus und schluchzte: „Siehst du, Jopie, hab dir doch gesagt, du sollst nicht immer allein ausgehen.“
Als ich mit den beiden schwarz gekleideten Herren aus dem Brauhaus kam, begann es draußen schon zu dämmern. Sie rissen die Hintertür einer langen schwarzen Limousine auf, deren Fenster mit violetten Gardinen verhangen waren.
Einer packte mich am Oberarm und rief mit einer Stimme, die mich sehr an die meiner Frau erinnerte: „Schatz wach werden.“
Langsam drehte ich mich im Bett zu meiner Frau: „Liebling, wann ist Jopie Heesters eigentlich gestorben?“
„Weihnachten, glaube ich.“


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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