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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Wenn der Tod mitlacht
Eingestellt am 15. 06. 2007 13:56


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Karl Feldkamp
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Bis der Tod mitlacht

„Von wegen – Schluss mit lustig. Mir geht es um das Ende aller ernsthaften Vernunft.
Das Ende des Lebens kommt fĂŒr mich unweigerlich, ob ich mich nun darĂŒber lustig mache oder ihm ernsthaft entgegenblicke. Also, warum es nicht gleich mit Totlachen versuchen?! Ich will keine ernst dreinblickenden Beerdigungsgesichter.“ Das waren Hedwigs Worte, als sie aus dem Krankenhaus zurĂŒckkam und nur noch krĂ€chzen konnte. Sie begann heiser, japsend und so laut sie konnte zu lachen. Ihre leicht eingefallenen Wangen erröteten und sie schlug sich mit der Faust gegen die Brust.
Hedwig wollte kein BegrĂ€bnis. Schließlich gab sie den WĂŒnschen ihrer beiden Töchter nach, legte aber Wert darauf, schlicht und ohne Pomp beerdigt zu werden. Keine KrĂ€nze und keine Blumen. Das eingesparte Geld fĂŒr die Krebshilfe, waren ihre Bedingungen.
Als sie Wochen spĂ€ter nicht mehr reden und sich nur noch schreibend verstĂ€ndigen konnte, vereinbarte sie sowohl mit Marianne, ihrer Ă€lteren Tochter als auch mit ihrer jĂŒngeren Tochter Regine, die seit knapp zehn Jahren mit dem reichen AutohĂ€ndler Ferdinand Reising verheiratet war, eine einfache Urnenbeisetzung im Friedwald.
Nach Hedwigs Tod ließ Schwiegersohn Ferdinand dem Bestattungsunternehmer umgehend einen nagelneuen Leichenwagen zu Ă€ußerst gĂŒnstigen Konditionen zukommen.
Hedwigs Beerdigung verzögerte sich. Das Krematorium war stark ausgelastet.
Am liebsten wĂ€re Hedwig gewesen, ihre Asche auf einem Berg dem Wind zu ĂŒberlassen. Jedenfalls hatte sie mir das, als sie noch reden konnte, immer wieder bei unserem wöchentlichen Plausch in meiner Wohnung gesagt. Hedwig liebte Sturm. „Der weht dir sinnlose Gedanken aus dem Kopf!“ Und sie wollte des Aufwindes wegen mit zweiundsiebzig noch einen Segelflugschein oder wegen des Fahrtwindes wenigstens noch den MotorradfĂŒhrerschein machen.

Der nagelneue von Schwiegersohn Ferdinand gelieferte Leichenwagen fuhr am Eingang zum Friedwald vor. Auf der Nummerschildbefestigung warb Autohaus Reising mit seinem roten unverkennbaren Schriftzug.
„Warum muss fĂŒr eine einzige Urne so ein protziger Leichenwagen vorfahren?“ zischte Hedwigs jĂŒngere Tochter Regine, ihrem Ewald zu, der von Montag bis Freitag zwischen 8.00 und 16.00 Uhr bei der Stadtverwaltung im Tiefbauamt BauantrĂ€ge bearbeitete. Ewald antwortete grinsend: „Wir mit unseren GehĂ€ltern im Öffentlichen Dienst werden uns kein solches BegrĂ€bnis leisten können.“
Regine nickte. „Schwester Marianne hĂ€tt sich wenigstens schwarze StrĂŒmpfe leisten können. Aber dann sieht man an den Beinen das teure Urlaubsbraun von den Malediven nicht.“
Die Urne wurde an einer riesigen Buche beigesetzt. Hedwig liebte BĂ€ume und vor allem Buchen. „Wenn der Wind das Laub erfasst, dieses Rauschen
“ schwĂ€rmte sie, bevor der Kehlkopfkrebs sie nicht mehr schwĂ€rmen ließ.
Bei der Leichenfledderei im WaldcafĂ© saß ich mit Marianne und ihrem AutohĂ€ndler am Tisch und verwickelte Ferdinand Reising in eine politische Diskussion.
„Wollen Sie etwa ernsthaft behaupten, die Umweltpolitik entspricht den Regeln logischer Vernunft. Wenn ich da zum Beispiel an Autoabgase denke
.“
Ferdinand Reisig lĂ€chelte. Sein dröhnender Bass nahm den ĂŒberzeugendsten Klang an. „Die Rußpartikelfilter bei Dieselfahrzeugen sind heute schon sehr ausgereift!“
Er strich ĂŒber seinen breiten zitronengelben Schlips, schob seinen Bauch zurecht, wĂ€hrend seine Frau auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen begann. „Ich weiß nicht, ob das die richtigen GesprĂ€chsthemen zur Beerdigung von Mutter sind?“
Ich nickte, legte behutsam meine langfingrige Hand auf Ferdinands kurzfingrige. „Finden Sie es denn gerecht, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer Ă€rmer werden? Der Teufel scheißt bekanntlich nur auf große Haufen. Und christliche Politiker wollen uns weismachen, der liebe Gott habe Ă€hnliche Verdauungsgewohnheiten.“
Ferdinand Reisig begann lauthals zu lachen.
Plötzlich wurde es still im CafÚ. Nur das Scheppern des Geschirrs von der Theke und Ferdinands Lachen. Beides verhallte als Echo und die Trauergemeinde nahm murmelnd ihre GesprÀche wieder auf.
Anklagend hob ich die Arme. „Reichtum macht auch nicht glĂŒcklich. Und das MĂ€rchen vom Hans im GlĂŒck ist nur ein MĂ€rchen.“
Ferdinand nickte leidenschaftlich. „Dieser Hans war ein VerrĂŒckter, der von profitablen TauschgeschĂ€ften absolut nichts verstand.“

Auf einmal fiel mir Hedwig und deren Wunsch ein, ihre Asche dem Wind zu ĂŒberlassen.
Die Tische im CafĂ© waren zu einem offenen U zusammen geschoben. Ich erhob mich, ging langsam in die Öffnung des U und bat um Ruhe.
Tochter Regine half mir mit ihrer schriller Stimme: „Hedwigs Nachbar will noch was sagen!“
Ich musste mich lange rĂ€uspern. „Ja, ich möchte noch einmal daran erinnern, dass Hedwig eigentlich gar nicht beerdigt werden wollte. Sie hielt mehr vom Fliegen, wollte, dass ihre Asche vom Wind in alle Himmelsrichtungen geweht wird.“
Regine bekam feuchte Augen und nickte heftig.
Noch einmal rĂ€usperte ich mich ausgiebig. „Also, das wollte ich nur noch einmal gesagt haben. Und jetzt möchte ich mich verabschieden.“
Ganz langsam ging ich zur TĂŒr des Gastzimmers. Bevor ich die TĂŒr von außen schloss, hörte ich, wie Marianne, die Ältere rief. „Meine Mutter war viel zu bescheiden.“ Und ihr AutohĂ€ndler bestĂ€tigte mit dröhnendem Bass: „Eigentlich hĂ€tte sie ein großes BegrĂ€bnis verdient.“
Als ich aus dem CafĂ© kam, empfing mich Nieselregen. Zielstrebig ging ich zu meinem Auto auf dem Parkplatz und holte aus dem Kofferraum eine kleine Schaufel, die ich mir am Tag zuvor im Baumarkt gekauft hatte. Außerdem nahm ich aus dem Handschuhfach noch die PlastiktĂŒte, die, falls ich sie bei EinkĂ€ufen brauchte, dort bereit lag.

An den GrÀsern recht und links der feuchten Wege des Friedwalds hingen schillernde Wassertropfen. Neben Hedwigs Buche steckte im Boden, der ihre Urne bedeckte, eine langstielige dunkelrote Rose. Vorsichtig zog ich sie heraus und begann hastig zu buddeln.
Die Urne war nicht besonders tief vergraben. Behutsam hob ich sie aus dem Loch, öffnete sie, stĂŒlpte die PlastiktĂŒte ĂŒber die Öffnung und drehte die Urne um.
Keine Asche.
Vorsichtig entfernte ich die PlastiktĂŒte. Ein Zettel. Mit rotem Filzstift beschrieben: Ich wollte Erde unter, nicht ĂŒber mir.
UnwillkĂŒrlich begann ich laut zu lachen.

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petrasmiles
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Hallo Karl,

eine hĂŒbsche Idee.
Dennoch hat mich Dein Text irgendwie unbefriedigt gelassen.
FĂŒr mein Empfinden hĂ€tte ich es bei der Hedwiggeschichte belassen. Das war ein runder Plot.
Aber durch diese langatmigen und formulierungsverliebten, gesellschaftskritisch anmutenden Dialoge der klischeehaften Widerstreiter ist das Runde zerfasert und auch die Pointe verpufft.
Man darf sich des Klischees bedienen, wenn und weil man so eine Basis zur Geschichte transportieren kann, ohne große Worte zu machen. Wenn sie dann aber wie bei Dir im Hauptteil ein Übergewicht bekommen, wir das Besondere und Zarte an Deiner Geschichte erdrĂŒckt.
Eigentlich schade.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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Karl Feldkamp
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Liebe Petra,
ja, du hast vollkommen Recht mir deiner Kritik. Wie du siehst habe ich den "politischen Teil" erheblich zusammengekĂŒrzt. Er ist mir inhaltlich weniger wichtig, soll aber einen Kontrast bilden zu Hedwigs Leichtigkeit beim Umgang mit dem Tod. Leider habe ich mich dann in der ersten Fassung inhaltlich zu sehr poltisch verrannt.
Ich wĂŒrde mich freuen, wenn du dich bei Gelegenheit noch einmal zu der jetzigen Fassung Ă€ußern könntest.
In jedem Fall vorerst herzlichen Dank fĂŒr deine hilfreiche Kritik.
Liebe GrĂŒĂŸe
Karl
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Haremsdame
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Lieber Karl,

in meinen Augen ist das politische GesprÀch beim Leichenschmaus immer noch zu lang. Ich empfinde es Àhnlich wie Petra: es lenkt zu sehr vom eigentlichen Thema, das mich sehr anspricht, ab.

Gruß von der Haremsdame
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
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Liebe Haremsdame,
nun gut, ich werde sehen, was ich noch kĂŒrzen kann.
Danke fĂŒr deine Kritik.
Karl
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maerchenhexe
???
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lieber Karl,

den Finger in die Wunde gelegt,behutsam, trotz manch satirischer Überzeichnung. Aber du hast mich beim Lesen verwirrt, kann es sein, dass du die Töchter altersmĂ€ĂŸig vertauscht hast? Erster Abschnitt- Regine die Ă€ltere Tochter und Marianne die jĂŒngere; zweiter Texteil ab der direkten Beerdigungsszene "...Hedwigs jĂŒngere Tochter Regine... Marianne, die Ă€ltere..."

ganz lieber Gruß
maerchenhexe

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Tend the garden, that you seeded,
be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

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