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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Wenn es rosa wird
Eingestellt am 19. 04. 2002 22:57


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itsme
???
Registriert: Mar 2002

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Nur wenige Kilometer entfernt, und wenn man eine gute Wegbeschreibung bekommt, auch bequem erreichbar, gibt es in einem schmalen Tal, an einem Bachlauf eine kleine Ansiedlung, die gerade mal aus fĂŒnf HĂ€usern besteht, wenn man die HĂŒhnerstĂ€lle und Schuppen nicht mitzĂ€hlt. Die Straße, ĂŒber die man fahren muß, ist dicht gesĂ€umt von Holunder und Ebereschen. Ja, sie ist fast ĂŒberwuchert davon, und so schmal, daß sich eigentlich nur ZweirĂ€der ungefĂ€hrdet begegnen können.

In dem kleinsten der fĂŒnf HĂ€user wohnt Andreas seit einiger Zeit. Wie er genau an dieses Haus gekommen ist, muß eine ziemlich verrĂŒckte Geschichte sein. Fragt man ihn danach, lĂ€chelt er vielsagend und sagt, es sei ihm zugelaufen. Es ist bestimmt Ă€lter als die Straße und die Ă€ltesten BĂ€ume auf den HĂŒgeln ringsum. Die angegraute weiße Farbe an den AußenwĂ€nden hĂ€lt nur noch mĂŒhsam den bröckeligen Putz zusammen. Die Tonziegeln auf dem Dach, die mal leuchtend rot waren, streben der Auflösung entgegen. Das schönste an dem Haus, sagt Andreas, ist die Obstwiese hinter dem Haus. Dort wachsen Apfel- und Kirsch-, Aprikosen- und MirabellenbĂ€ume, ja sogar ein Orangenbaum. Andreas schwört nie bessere Orangen gegessen zu haben. FĂŒr Andreas gibt es an diesem Haus viel "Das schönste". Im Obergeschoß des Hauses befinden sich zwei SchlafrĂ€ume. Nach SĂŒden liegt das Bergwaldzimmer, weil man auf Laubwald blickt, der eine steilere Flanke des Talhanges bedeckt nennt er es so. Ein Ausblick in ein MĂ€rchenland, besonders abends im frĂŒhen Sommer, wenn die Sonne bereits unter die Baumkronen versunken ist, und warmes Licht durch die Wipfel schimmert. Es trĂ€umt sich leicht mit einem solchen Ausblick.

Aber trotzdem, Andreas bevorzugt das Schlafzimmer auf der anderen Seite des Hauses. FĂŒr ihn ist es das rosa Zimmer. Es heißt nicht so, weil die WĂ€nde darin rosa gestrichen sind. Sind sie es nĂ€mlich garnicht. Rosa Zimmer hat er es getauft, weil..... halt, warten wir noch einen Moment mit der ErklĂ€rung. Jedenfalls kann er von hier aus fast bis zum Anfang des kleinen Tales schauen. Und er tut das oft, wenn er auf Paula wartet. Er schaut dann aus dem Fenster, den Kopf in die HĂ€nde gestĂŒtzt, blickt ĂŒber die Wiesen und Felder zur Straße, die sich das Tal entlang schlĂ€ngelt. Manchmal hat er GlĂŒck, und er entdeckt sie bereits, wenn sie mit ihrem kleinen roten Auto in die Talstraße einbiegt. Im SpĂ€therbst und im Winter, wenn die BĂŒsche und BĂ€ume an der Straße kein Laub tragen, kann er sie auf dem letzten StĂŒck ihres Weges begleiten. Besucht sie ihn wĂ€hrend der grĂŒnen Jahreszeiten, springt sein Blick von LĂŒcke zu LĂŒcke im Bewuchs an der Straße. Er kennt jede LĂŒcke, und er wĂŒrde niemals den Farbtupfer, der fĂŒr Sekundenbruchteile in den LĂŒcken sichtbar wird, mit einem anderen Auto verwechseln. Nein, das Auto ist rot und nicht rosa lackiert.

FĂŒr seinen Geschmack besucht ihn Paula viel zu selten. Und wenn, will er eben keine Sekunde verpassen. Er fĂŒhlt sich Paula ja immer nahe, nur etwas nĂ€her noch, wenn er sie auf dem Weg zu sich weiß, und wenn sie dann in das Tal einbiegt.... Ob sie auch lĂ€chelt? Dabei ist Paula eine ganz und gar unmögliche Person. Sie mag nicht mal seine Orangen, auch nicht im Kuchen. Und wenn er ihr von dem rosa Zimmer erzĂ€hlen wĂŒrde; sie wĂŒrde ihn auslachen. Nein, davon darf er nicht sprechen. Schon Stunden vor ihrer Ankunft rĂŒckt er den alten Schreibtischstuhl zurecht. Der leere Aschenbecher steht auf der Fensterbank, bereit fĂŒr viele Kippen. Ein Fernglas benutzt er nicht. Er ist schließlich kein JĂ€ger. Jedes Blatt, jeden Halm, jeden MaulwurfshĂŒgel bis zum Ende des Tales kennt er auch so. Er ist halt ganz schön kindisch? ....versponnen? ....skurril? Egal, er fĂŒrchtet nur den Tag, an dem er es nicht mehr tut. Paula bleibt, wenn sie ihn besucht, einen Tag oder lĂ€nger. It depends. Wovon? Sie weiß das oft selbst nicht.

FĂ€hrt sie wieder, hinterlĂ€ĂŸt sie Fragen, Aufruhr, GlĂŒcksgefĂŒhle, Trauer; das eine, das andere oder eine bunte Mischung aus allem.

FĂ€hrt sie wieder, wĂŒrde er am liebsten TĂŒren und Fenster versiegeln, damit die Luft, die sie geatmet hat, nicht verloren geht in seinem Haus.

FÀhrt sie wieder, schaut er ihr nach aus dem rosa Zimmer, und dann geht er auf die Wiese hinter dem Haus, zu den ObstbÀumen, weil er die Leere im Haus nicht ertrÀgt. Doch das soll niemals aufhören, das mit Paula. Es ist gut so wie es ist.

Ist er schlecht drauf, dann, wenn sie nicht bei ihm ist, kann der Blick auf den Wald, und die Sonne dahinter ihn nicht aufheitern, selbst seine Orangen nicht. Dann rĂŒckt er sich im rosa Zimmer den Stuhl zurecht, stellt neben den Aschenbecher eine Flasche Wein, und schaut so lange aus dem Fenster, bis die Bonbon rosa Gardinen des Nachbarhauses abfĂ€rben auf die Mais- und Kartoffelfelder, auf die BĂŒsche und BĂ€ume, die Wiesen und MaulwurfshĂŒgel, bis er rosa Orangen in seinem Garten sieht, und selbst die Wolken am Himmel sich einfĂ€rben. Warum sollte nicht eines der rosa Autos, die fĂŒr Augenblicke auf der Straße erkennbar werden, das ihre sein. Manchmal sind auch zwei Flaschen Wein geleert, bevor es rosa wird, bevor schließlich alles rosa wird.

__________________
Life is too short to paint a single kiss

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willow
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,

eine wirklich schön erzĂ€hlte Geschichte. Vor allem der ErzĂ€hlstil ist interessant, wie aus dem Leben, aus einem GesprĂ€ch, nur eben besser. Was ich sehr geschickt finde ist, die ErklĂ€rung fĂŒr das "rosa" Zimmer anzubieten und dann einen Umweg zu schlagen. Statt den Leser weiterzufĂŒhren, fĂŒhrst du ihn damit erst einmal wieder zurĂŒck. Das wirkt echt und ungezwungen. Ich liebe es, wenn jemand mir eine Geschichte so erzĂ€hlt, das macht sie spannend und ich versuche automatisch zu raten, bis dann am Ende die ErklĂ€rung kommt. Allein ĂŒber Paula hĂ€tte ich gerne noch ein kleines bisschen mehr erfahren, aber ich schĂ€tze, das geht Andreas ganz genauso !

Lieber Gruß,

willow

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itsme
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 18
Kommentare: 289
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rehallo verehrte willow

Danke :-) .....

Richtig, Andreas geht es wie dir. "Du fragst zu viel", könnte Paula irgendwann gesagt haben. "Sei geduldig mit mir und verlass dich auf dein GefĂŒhl." Er liebt und er leidet. Er fĂŒhlt Verbundenheit, aber auch Abgrenzung. Paula ist halt eine sehr eigenwillige Person, autonom, aber nicht Femme fatale. Angedeutet habe ich das ja. Liefert nicht gerade der Kontrast ein besonderes GefĂŒhl von Lebendigkeit? .... oder er zerstört.

In Kurzgeschichten liefere ich gerne gerade so viel von den Persönlichkeiten der Protagonisten wie notwendig, um dem Leser Spielmaterial fĂŒr eigene Ausdeutungen oder Weitungen zur VerfĂŒgung zu stellen. Figuren wie Andreas und Paula wird es in meinen Geschichten immer wieder geben.

Ein lieber Gruß
itsme
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