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Leselupe.de > Erzählungen
Werner und Berry
Eingestellt am 18. 07. 2003 18:48


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Causemann
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Registriert: Dec 2001

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(1)

So, die Geschichte von Werner und Berry. Leute, die Sache stinkt. Genau genommen stinkt Berry. Obwohl Berry natürlich keine Sache ist. Sondern ein Hund. Und Hunde stinken. Wie, das wusstet ihr nicht? Dann habt ihr wohl noch nie einen Hund gerochen. Ach komm, das könnt ihr mir nicht erzählen. Man kann ja kaum seine Nase aus dem Fenster strecken … Na gut, ist vielleicht auch Ansichtssache. Ich finde jedenfalls, Hunde stinken. Und Berry war ein ganz besonderer Fall.

Okay, mal ganz von vorne. Werner mochte eigentlich keine Hunde. Der stand mehr auf Vögel. Papageien und keine Ahnung – Federvieh halt. Entsprach mehr seinem Gemüt. Aber eines Tages steht Berry vor der Tür. Ist wahrscheinlich weggelaufen, hat aber keine Hundemarke um den Hals. Pech, denn Werner hätte Berry am liebsten gleich zurück gebracht. Weswegen? Na, weil er gestunken hat. Hatte ich nicht erwähnt, dass Hunde …? Na also.

Berry steht also vor der Tür. Warum ausgerechnet vor Werners Tür, weiß kein Mensch. War halt so. Und bewegt sich kein Stück weg – also Berry. Werner hätte einfach die Tür zu lassen können, oder drüber steigen, oder sich einen größeren Hund anschaffen, der Berry vertreibt. Hätte wahrscheinlich auch alles funktioniert. Aber Werner ist eben Werner. Und Werner macht nie, was andere machen. Klar, er hat’s mit Wegschubsen versucht. Auch mit Stöckchen werfen und dann schnell wegrennen. Aber, man kann viel über Berry sagen – vor allem über seinen Geruch –, in einer Sache war er richtig gut: Im Rennen. Ich schätze, bei einer Hunde-Olympiade hätte der richtig abgeräumt. Egal, ob kurze Sprints oder Langstrecke, ob hinterher oder vorne weg rennen, Werner hatte einfach keine Chance. Und Berry war eine echte Klette – eine Renn-Klette.

Jungs, was soll ich sagen, am Ende haben die beiden zueinander gefunden. Wie ein echtes Pärchen. Ist ja auch nicht ungewöhnlich. Ich meine, einer lässt nicht locker und der andere gibt irgendwann nach. Gibt ne Menge, die so zusammen gekommen sind. Und soll ich euch was sagen? So was kann verdammt lange halten – vielleicht ein Leben lang. Bei den beiden war’s auf jeden Fall so. Zumindest was Berry anging. Weil Hunde früher sterben. Aber Moment, soweit sind wir noch nicht.

Es gibt viele Geschichten, die ich euch über Werner und Berry erzählen könnte. Zum Beispiel die, dass Werner anfing, seinen rechten Arm zu trainieren. Richtig mit Hantel und allem. Damit er das Stöckchen für Berry weiter werfen konnte. Später ist er sogar in einen Leichathletik-Verein eingetreten. Spezialgebiet Speer und Diskus. Ich hab ihn einmal dabei gesehen. Ich sag euch, das Teil ist kilometerlang nicht mehr runter gekommen.

Ich könnte euch auch von dem Tag erzählen, an dem fast die Welt untergegangen wäre. Zumindest für Werner und Berry. Die beiden sind bei diesem Jahrhundertunwetter raus – Stöckchen werfen. Vielleicht erinnert ihr euch noch daran. So was gab’s danach nie wieder. Ich will hier gar nicht die ganze Geschichte erzählen. Nur eins: Es ging ziemlich um Leben und Tod. Am Ende war Werner taub und Berry das erste Tier überhaupt, das diesen Lebensrettungsorden bekam. Ganz offiziell. Vom Bundespräsidenten persönlich über die Schlabberohren gehängt.

Aber, wie gesagt, um diese ganzen Sachen geht’s eigentlich gar nicht. Die beiden waren verrückt. Keine Frage. Aber das verrückteste – ich meine, das allerverrückteste – ist erst ein paar Wochen später passiert. Und das - das müsst ihr euch unbedingt anhören. Ganz ehrlich, ich an eurer Stelle würde mir kein Wort glauben. Auch wenn ich auf die künstliche Hüfte meiner Mutter schwören würde. Was ich hiermit trotzdem tue – beim Schrittmacher meines Vaters.

Ich schätze, ihr wollt die Geschichte jetzt endlich hören. Also, hier ist sie:

Die Sache lief plötzlich auf allen Sendern – die mit dem Jahrhundertunwetter und Berry dem Superhund. Ja, ich glaube, das war das Wort, das sie für ihn erfunden haben: Berry der furchtlose Superhund. Nicht besonders einfallsreich, wenn ihr mich fragt. Aber medienwirksam. Die Leute haben die Geschichte gefressen, als gäb’s keine Fast-Food-Restaurants. Und sie konnten gar nicht satt davon werden – kennt man ja auch irgendwie. Also kamen sie mit immer neuen „Enthüllungen„ raus. Die Leute wussten am Ende mehr über diesen Hund im Fernsehen und sein taubes Herrchen als über die Person neben sich auf dem Sofa. Sie kannten Berrys Lieblingsbaum, Berrys Lieblingsstöckchen, Berrys Lieblingsfressen – zuerst Pedigree (was tatsächlich stimmte), später Schlappi (weil diese Marke einen Werbespot mit ihm machte).

Auch das mit dem Diskuswerfen haben sie ausgegraben und Werner mit irgendeinem Profisportler um die Wette werfen lassen. Ich weiĂź nicht, wer gewonnen hat, aber ich wĂĽrde jeden verdammten Euro auf eine ganz bestimmte Person setzen.

Ein Sender engagierte einen Hundetrainer, der versuchen sollte, Berry eine Art von Zeichensprache beizubringen, weil Werner ja sein Bellen nicht mehr hören konnte. Mit großem Erfolg, wie der Trainer selbst behauptete. Hey, wer sollte ihm auch nachweisen, dass Berrys Ohrenwackeln keinen Deut anders war als vorher.

Und dann kam auch noch Berrys „Autobiographie„ raus – war ja klar. Welcher Hundetrainer ihm das Schreiben beigebracht hatte, haben sie allerdings nicht dazu gesagt. Wie hieß der Schinken noch mal? „Mein Leben als Waisenhund, der zum Superhund wurde, der zum Blindenhund wurde„ oder so ähnlich. Dass Werner taub und nicht blind war, hat zu diesem Zeitpunkt eh keinen mehr interessiert. Und für Werner war’s okay. Schließlich konnte er von dem Geld, das er an den Rechten verdiente, ziemlich gut leben. Das heißt, bis zu diesem Anruf …

Tja, und hier fängt die eigentliche Geschichte an. Mit diesem verdammten Anruf.

Ich glaube nicht, dass es damals noch irgendein Embryo in irgendeinem Mutterleib gegeben hat, das die Geschichte von Berry, dem Superhund nicht kannte – geschweige denn irgendjemanden sonst. Ah, Ihr habt plötzlich eine Ahnung, was jetzt kommt? Was soll ich sagen? Ihr habt Recht. Schließlich lief gerade dieser Bericht über Werners neuen Reichtum im Fernsehen. Den offenbar auch Berrys Ex-Herrchen – den gab’s nämlich auch noch – aufmerksam verfolgt hatte. Und sich spontan entschloss, zum Hörer zu greifen. Dass mir jetzt keiner den ersten Stein wirft! Oder was hättet ihr an seiner Stelle gemacht?


(2)

Hat eigentlich jeder Hund eine Besitzer- oder Herkunftsurkunde – ich meine, sowas wie einen Fahrzeugschein beim Auto? Hey, ich hab keine Ahnung von Hunden – hab ich ja wohl auch nie behauptet. Wie dem auch sei, dieses Herrchen hatte so was. Und das war irgendwie gar nicht gut.

Aber zurück zu dem Anruf. Es klingelt also. Dreimal … viermal … fünfmal … Werner hat nichts gehört – wie auch? Das Blöde war nur, dass gerade Werners Mama zu Besuch war. Die kam in letzter Zeit öfter. Weil Werner die Pointen bei Harald Schmidt nicht mehr so richtig mitbekam. Werner liebte Harald Schmidt. Also kam Mutti hin und wieder vorbei und kritzelte ihm die Wortwitze auf ein Stück Papier. Mit der Zeichensprache das klappte damals noch nicht so richtig – vor allem bei Mutti. Wegen dem Rheuma und so.

Jedenfalls ging Mutti dann so nach dem zehnten Klingeln ans Telefon und hörte einen Mann folgende Worte sagen:
„Tach, Hasloch Käsler, ich will meinen Berry wieder haben.„

Sie hat dann gleich wieder aufgelegt, weil sie dachte, der hätte sich verwählt. Sicherheitshalber hat sie den Satz aber trotzdem auf einen Zettel gekritzelt und Werner vor die Nase gehalten. Woraufhin Werner zurück gekritzelt hat: Wer ist Berry?

Achso, ich hatte wohl nicht erwähnt, dass Berry bis dahin Hasso hieß. Weil er ja keine Hundemarke hatte und Werner nichts besseres eingefallen war. Berry, der zwischendurch Hasso hieß, hieß jetzt also wieder Berry. Das gefiel sogar Werner besser. Wie, das ist euch jetzt zu kompliziert? Okay, dann vergesst es gleich wieder.

Was ich eigentlich sagen will: Werner hat dann doch ziemlich schnell kapiert, dass der seltsame Anrufer seinen geliebten Ihr-wisst-schon gemeint hatte. Dafür hat Mister Käsler – oder Mistkerl Käsler – schon gesorgt. Der war wohl ziemlich sauer nach dem abgewürgten Telefongespräch und ging gleich zu härteren Methoden über. Schon drei Tage später purzelten die ersten Drohbriefe ins Haus. „Geben Sie meinen Hund raus„ stand da drin. Oder „Ich verklage Sie wegen Hundesentführung, Sie Hundeentführer„. Er drohte zuerst mit der Polizei, dann mit Anwälten, danach mit der Öffentlichkeit und zuletzt mit lebenslangen Flüchen.

Werner hat sich erstmal taub gestellt. Was ihm nicht besonders schwer fiel. Aber wenn er gehofft hatte, dass Ex-Herrchen sich so leicht abwimmeln ließ, lag er falsch. Was soll ich sagen? Alle Drohungen sind kurze Zeit später tatsächlich eingetroffen – alle, ohne Ausnahme. Wie, Ihr glaubt mir nicht? Dann lest doch eine andere Geschichte. Pah!

Also, für alle, die die Wahrheit vertragen können: Dieser Mistkerl von einem Mister drohte nicht nur, er ließ auch Taten folgen. Zuerst standen zwei Polizisten vor der Tür. Die haben sich gleich mal mit gezogener Kappe für die Störung entschuldigt. Sie würden ja so gut nachfühlen können, was die beiden durchgemacht hätten. Aber sie müssten nun mal leider jeder Sache nachgehen, auch wenn sie noch so abwegig, völlig absurd oder aus der Luft gegriffen … und überhaupt, sie handelten schließlich nur im Auftrag des Staates und im Interesse jedes einzelnen ... und man müsse ja auch alle Möglichkeiten und Eventualitäten in Betracht … Das ging ungefähr fünf Minuten so. Werner musste gar nichts sagen. Er hätte auch nicht gewusst, was. Weil er kein Wort verstand. Jedenfalls, bevor die Polizisten wieder weg sind, haben sie sich noch ein Autogramm geben lassen. Und daneben einen Pfoten-Abdruck von Berry. Es sei bestimmt ihr bisher nettester Einsatz gewesen und Entschuldigung noch mal für die Störung.

Danach war erstmal Ruhe. Ungefähr vier Wochen lang.

Dann kam der Brief vom Anwalt: Werner habe unverzüglich den Gegenstand des Schreibens, im folgenden „Berry„ genannt, an seinen richtigen Besitzer auszuhändigen oder zumindest Stellung zu der Sache zu nehmen, und zwar innerhalb einer Frist von XY Tagen. Ansonsten habe er mit einem langwierigen Gerichtsverfahren zu rechnen, wenn es sein müsse sogar durch alle Instanzen. Bumm. Stempel, Unterschrift, Aktenzeichen – alles, wie es sein muss.

NatĂĽrlich vergingen die XY Tage, ohne dass sich irgendwer irgendwie rĂĽhrte, am allerwenigsten Werner und Berry. Und so kam es zu einem langwierigen Gerichtsverfahren.

Leute, mal eine kleine Zwischenfrage: Was haltet ihr eigentlich von Gerechtigkeit? Ich meine, was IST eigentlich Gerechtigkeit? In so einem Fall zum Beispiel. Klar ist der Besitzer von Berry sein Besitzer. Er hat den Köter irgendwann mal gekauft oder adoptiert oder geleast oder was weiß ich. Mein Gott, der Typ hatte es sogar schwarz auf weiß – ihr wisst schon, diesen Fahrzeugschein für Hunde. Eigentlich gab’s nicht den geringsten Zweifel, wie die Sache ausgehen würde.

Auf der anderen Seite hättet ihr mal Werner sehen sollen. Der Kerl war ein Häufchen Elend. Ich sag’s euch, die Tränen sind im Gros geflossen. Er hatte sich für Berry einen Schwarzenegger-Arm antrainiert. Er hat ihm das teuerste Futter gekauft, das man überhaupt kriegen konnte. Und vor allem: Er hatte sich in ihn verliebt, wie man sich eben in einen Hund verlieben kann. Ich rede nicht von Richtigkeit, sondern von Gerechtigkeit. Die, die da in uns drin ist. Die wir nicht begründen können, die wir aber ganz genau fühlen. Also, wenn ihr die nicht fühlt, dann stimmt was nicht bei euch.

Der Richter, der das Verfahren damals geleitet hat, hat sie gefühlt, so viel steht fest. Zuerst hat er sich in aller Ruhe beide Seiten angehört. Hat sämtliche Papiere gewälzt – inklusive Fahrzeugschein. Hat hin und her gewägt, die Pros gegen die Kontras und die Fürs gegen die Widers. Und dann – dann hat er Berry in den Zeugenstand gerufen. Ja ja, Ihr habt schon richtig gelesen: Berry, das Hundchen, der Wauwau, der kleine Stinker sollte höchst selbst in den Zeugenstand. Sollte den Eid auf die längst verfaulten Gedärme seiner Hundemama ablegen und nichts als die Wahrheit bellen.

Jetzt fragt ihr euch wahrscheinlich, wie so was sein kann. In einem deutschen Gerichtssaal! Bei den Amis, da kann man sich ja alles vorstellen, aber bei uns … Die Antwort ist ganz einfach: Wenn etwas schriftlich, amtlich und beglaubigt ist, ist es okay. In dem Fall war das Schriftliche, Amtliche und Beglaubigte ein Gutachten von einem aus Funk und Fernsehen bekannten Hundetrainer. In dem stand, dass Berry dank neuester Trainingsmethoden zweifelsfrei und bewiesener Maßen der hündischen Zeichensprache mächtig sei und also für sich selbst sprechen könne. So wahr dieses Gutachten einen Stempel trägt.

Und damit war die Sache klar: Berry musste in den Zeugenstand.

Ja und, dem Richter fiel halt nichts anderes mehr ein. Er konnte sich einfach zu keinem Urteil durchringen. Berry war bis zum Zeitpunkt des Gerichtsverfahrens genauso lange bei Werner gewesen, wie bei seinem ursprünglichen Besitzer. Kam zufällig ungefähr so hin. Erschwerend hinzu käme, dass Berry nun mal kein Gegenstand, sondern ein Hund sei. Womit seine Zugehörigkeit keine Frage des Besitztums, sondern des Hundebehagens sei. Und das könne Berry wohl selbst am besten beurteilen.

Also urteilte Berry. Und zwar auf völlig unspektakuläre Weise. Tut mir wirklich leid, aber was schließlich das Gerichtsverfahren entschied, war ein simples, langweiliges Schwanzwedeln. Nicht mehr und nicht weniger.

Und so war es: Berry wedelte Werner zu seinem endgültigen und rechtmäßig angetrauten Besitzer, verkroch sich unter die Zeugenbank und machte ein Häufchen auf den Holzboden des Gerichtsaals.

Eigentlich wäre die Geschichte hiermit zu Ende. Ein schönes Ende, wenn ihr mich fragt. Aber hatte Herr Käsler nicht mit noch mehr gedroht? Wenn ihrs nicht mehr wisst, blättert nach. Ich verrat’s euch nicht. Erst im nächsten und – versprochen – letzten Kapitel.


(3)

Na gut, sieht aus, als steuerten wir gerade geradewegs auf den Höhepunkt der Geschichte zu. Also will ich mich nicht mit langen Zwischenreden aufhalten: Hasloch Käsler, im folgenden Hassloch genannt, wollte einfach nicht aufgeben. Dieser Mistkerl von einem … ihr wisst schon.

Bisher hatte er es mit Recht und Gesetz versucht. Was offensichtlich null Komma gar nichts gebracht hatte. Weil Berry eben kein normaler Hund war. Sondern ein Superhund. Den alle kannten und liebten. Und zu Berry gehörte nun mal der Taube – wie die gleichnamige auf das Dach oder der Pech zum Schwefel. Die beiden waren ein Team, die gab’s nur im Paket und sonst nichts. Und es war einfach die bessere Story. Um es kurz zu machen: Die Leute waren von den beiden gerührt. So einfach war das.

Also rührte Hassloch ab sofort zurück. Genau das war sein Plan: Er wollte die Herzen der Menschen auf seine Seite ziehen – inklusive die aller Polizisten und Richter. Kein Schwarz-auf-weiß-Zeug mehr, sondern echte Emotionen. Naja, echter als die Oberweite von Pamela Anderson.

Für die Fernsehleute war das natürlich klasse – zu einem Zeitpunkt als sogar Bärbel Schäfer höhere Einschaltquoten hatte als das fünfunddreißigste Zeichensprachen-Interview mit Berry. Die Sache bekam eine neue Wendung. Und wieder hockten alle vor dem Fernseher, um sich mitreißen zu lassen.

Was man von jetzt an auf allen Sendern sah, war das Gesicht von Hassloch Käsler, genauer gesagt seine mit Tränenflüssigkeit getränkten Augen – in Großaufnahme. Wenn er zum Beispiel von seinem ersten Besuch im Tierheim erzählte und den Quatsch von Liebe auf den ersten Blick. Ich sag euch, die Tränen spritzten nur so. Konnte das etwa gespielt sein? Na klar war das gespielt – ich weiß das und ihr wisst das. Aber geht’s hier um Wissen? Nein. Ich meine, Werner und Berry waren nicht der Taube und der Superhund, weil es um Kopfsachen ging. Das war ja das Gemeine daran. Hassloch machte nichts anderes, als in die gleiche Kerbe zu schlagen.

Und Hassloch ließ die Tränen spritzen, was das Zeug hielt. Der hatte das wirklich drauf. Die Zeit ohne Berry sei die schlimmste seines Lebens gewesen – spritz. Allein die Angst, ihm könne was passiert sein. Zum Beispiel vom Blitz erschlagen – Sie wissen schon, das schlimme Unwetter – spritz spritz. Oder die bösen Tierfänger könnten ihn geschnappt haben. Er könne seit dem ums Verrecken keine Leberwurst mehr essen, aus Angst, ein Schlabberohr von Berry da drin zu finden – mega spritz. Okay, wenn ich euch noch mehr von dem Zeug erzähle, kommen mir gleich selbst die Tränen – aber ganz bestimmt nicht vor Rührung.

Ihr seht jedenfalls, die Sache war von vorne bis hinten zum Heulen. Natürlich wurde auch die Geschichte von Berrys Heldentat wieder aufgewärmt. Und Werners Taubheit, die er nur Berry zu verdanken hatte. Ich meine, besser taub als tot. Am Ende stand es unentschieden. Beide Seiten hatten ihre Stories – die einen glaubwürdiger, die anderen weniger. Und dann kam es zum großen Fernseh-Duell. Heulsusen-Kontest wäre wohl das bessere Wort.

Ihr habt bestimmt das Fernseh-Duell von Schröder und Stoiber vor der Wahl gesehen. Die Nummer ist geklaut. Ich sag’s euch. Die gab’s nämlich schon vorher – mit Werner und Hassloch in den Hauptrollen. Genau wie da, mit zwei Pulten, zwei Glas Wasser und reichlich Tempos zum Tränen wischen. Zur besten Sendezeit und mit Einschaltquoten, die sogar mit der Fußball-WM mithalten konnten. Wie, ihr erinnert euch gar nicht daran? Ich sag ja, die Zeit ist einfach zu schnelllebig.

Wahrscheinlich wisst ihr auch nicht mehr, dass ihr da angerufen habt. Könnte jedenfalls gut sein. Es gab nämlich für jeden Kandidaten eine Telefonnummer. Die war die ganze Zeit eingeblendet. Und hinter den beiden an der Wand war eine große Grafik mit zwei Balken, die angezeigt hat, wer gerade sympathiemäßig vorne lag.

Und dann wurde halt drauf los geheult. Es war genau festgelegt, wer wie lange heulen durfte. Und dann war wieder der andere dran. Und genau im gleichen Wechsel ging das auch mit den Balken nach oben – mal der, mal der. Eine zeitlang glich sich das immer so aus. Aber irgendwann ist Werner dann davon gezogen. Vielleicht weil die Leute sich wieder an alles erinnert haben. Vielleicht auch wegen Werners Taubheitsbonus oder weil sein Spot für das Hundefutter immer in den Werbepausen lief. Keine Ahnung.

Hassloch hat das natürlich mitgekriegt und wurde immer nervöser. Irgendwie konnte er sich dann wohl nicht mehr richtig auf die Tränen konzentrieren. Es war einfach nur jämmerlich. Er hat gedrückt und gedrückt, aber es kam nichts mehr raus. Und dann ist er komplett ausgerastet.

Er wusste, das war’s. Die Leute mochten Werner einfach mehr als ihn. Und schließlich wurde sein Kopf immer roter vor Hilflosigkeit und Wut, bis die Adern aus den Schläfen quollen. Die Leute in der ersten Reihe haben sich sofort in Sicherheit gebracht, weil sie dachten, der platzt gleich.

Ist er dann auch. Jedenfalls verbal. Denn plötzlich ist alles aus ihm rausgesprudelt: Berry ein Superhund? Dass er sich nicht totlache. Der sei eigentlich gar kein Hund, sondern eine Klette (wenn Werner ein Wort verstanden hätte, hätte er in diesem Punkt vielleicht sogar zugestimmt). Er habe Berry nur aus Mitleid aus dem Tierheim geholt und es gleich am nächsten Tag bereut. Er sei für absolut überhaupt nichts nütze, außer vielleicht zum Quälen. Dann kam eine kurze Zusammenfassung von wirklich Ekel erregenden Foltermethoden, die er an Berry ausprobiert hätte. Jedenfalls behauptete er das. Ich glaube ja, er wollte die Leute nur schockieren – jetzt, wo eh alles egal war. Und wenn er ihn wieder haben wollte, dann nur, weil ihm das Quälen so viel Spaß gemacht hätte. Ja ja.

Das Letzte, das er sagte, und dabei drehte er sich zu Werner, war: „Ich hoffe, ihr erstickt aneinander.„ Dann fiel er tot um.

Ist wirklich wahr. Mitten in der Sendung. Millionen Menschen haben’s live gesehen. Fällt einfach um und ist tot. Angesichts seiner Rede wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für Applaus gewesen. Aber so pietätlos wollte dann doch keiner sein. Stattdessen kam erstmal ein Werbeblock und dann die 543. Wiederholung von Aschenputtel – als Ersatzprogramm.

Das war auch das letzte Mal, dass Werner und Berry im Fernsehen aufgetreten sind. Nicht, weil sie keine Lust mehr dazu hatten, sondern weil offenbar alles, was Hasloch Käsler aussprach, auch irgendwie eintrat.

Wobei das mit dem „aneinander ersticken„ zugegebenermaßen recht vage war. Tatsache ist, dass kurz danach ein merkwürdiger Gestank aus Berrys Fell kam. Wenn ich’s nicht selbst gerochen hätte, würde ich sagen, klar, Hunde stinken, weiß doch jeder. Aber das war schon mehr als der übliche Mief. Wie eine Mischung aus Stinkbombe und 3 Wochen lang getragenen Polyester-Socken. Und es wurde immer schlimmer. Obwohl Werner Berry inzwischen dreimal am Tag in die Badewanne steckte.

Es war einfach unerklärlich. Und unerträglich – für alle außer Werner. Der hielt zu Berry bis an dessen Ende. Allerdings, wie ihr euch wahrscheinlich denken könnt, ziemlich einsam – oder besser gesagt zweisam.

Die einzige Erklärung, die ich euch geben kann, ist die: Wenn man lange mit jemandem zusammen war, bleibt doch immer ein Teil vom anderen an einem hängen. Naja, vielleicht war das mit Hassloch und Berry genauso. Und weil Hassloch tot war, war es wohl ein Teil seines Leichnams, der jetzt an Berry klebte – genauer gesagt in seinem Fell – und ganz langsam mit ihm verfaulte …

Tja, das war’s, was ich euch erzählen wollte. Und jetzt schlaft gut. Ich meine, vorausgesetzt, es ist Abend und ihr seid müde.

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Grit1962
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Registriert: Jul 2003

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Hundeliebe

Das ist der Hammer! Ich habe mich schon lange nicht mehr so köstlich amüsiert. Ich korrigiere keine Fehler, von denen ich einige las, die dir sicher jedoch auch längst aufgefallen sind, aber die Geschichte nicht negativ beeinflußen können. Der bissige Humor gefällt mir, deine Art zu schreiben (und insbesondere die Medien auf die Schüppe zu nehmen)ist einfach mitreissend und professionell. Nur Lob, du hast meinen Geschmack voll getroffen. Mehr! Mehr! Mehr!

( auch mein Dackel wackelte mit dem Schwanz, als ich sie im vorlas.... )

Viel SpaĂź noch
Grit
__________________
Grit62

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