Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5326
Themen:   88922
Momentan online:
460 Gäste und 22 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Wiederspruch von der Seitenlinie
Eingestellt am 06. 01. 2017 22:46


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2009

Werke: 76
Kommentare: 95
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herbert Schmelz eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Widerspruch von der Seitenlinie

Noch nie gab es etwas umsonst. Alles hat einen Preis. Und weil schließlich die Erde und die Menschheit einfach nicht still stehen, gibt es ein stĂ€ndiges Werden und Vergehen. Weit entfernt, die Natur der Dinge fatalistisch zu ertragen, haben wir bis zum heutigen Tage kulturelle Energie von solcher Menge und Vielfalt angesammelt, dass deren geschickte Nutzung uns grundsĂ€tzlich optimistisch stimmen sollte. Sehen wir auf das unbestrittene deutsche QualitĂ€tsprodukt Fußball.

Produktion schwacher Charaktere unter dem Geldschleier

Im Brexit-Land beim FC Liverpool arbeitet Fußballlehrer JĂŒrgen Klopp. Angeblich „Àtzt“ er jetzt gegen den deutschen Fußballprofi Julian Draxler: „Wir glauben, wenn jemand nur von Geld motiviert ist und an einem gewissen Punkt Charakter zeigen soll, dann wird er es nicht tun.“ Klopps ethischer Einwurf stĂŒtzt sich auf sportliche wie wirtschaftliche Interessen seines heutigen ‚Vereins‘ ,zu dem er von Borussia Dortmund aus wechselte. Seine Äußerung war gewiss nicht bös gemeint. Doch erinnern wir uns, dass der bekannte Fußball-Fanatiker nach großen Erfolgen Dortmund ĂŒberraschend verließ, als er mit seinem Charakter-Latein an Grenzen stieß.

Ausgiebige Kommentierung konkretisiert nun die abstrakte Unterstellung Klopps, Draxler lasse sich durch Geld seine charakterliche Power verderben. Immerhin hatte dieser den ‚Vereinen‘ Schalke 04 (Gazprom -36 Mio Euro) und VfL Wolfsburg (VW - 47 Mio Euro) wegen seiner nicht ganz freiwilligen Wechsel, aktuell nach Paris (PSG), als Ablösung aus bestehenden VertrĂ€gen betrĂ€chtliche Geldsummen eingebracht. Dagegen steht eine seltsam ruppige Art öffentlicher Schelte. Draxler fehle ‚ Anstand ‘, ‚ Respekt ‘ gegenĂŒber dem ‚ Arbeitgeber ‘;,ich-bezogener‘, ‚vereinsschĂ€digender‘ könne sein ‚ Possenspiel ‘ nicht sein; der ‚ Mitverantwortung ‘ fĂŒr die SchĂ€den bei dem ‚im Mark getroffenen Klub‘ könne er sich nicht entziehen. Auch gegenĂŒber Trainer und Mitspielern verhalte er sich ‚rĂŒcksichtslos‘. Die Ablösesumme könne kaum ein ‚Gegenwert‘ fĂŒr den Schaden sein, „den der Spieler verursacht hat“.

An dieser Stelle berĂŒhrt die sportjournalistische Einseitigkeit. Hat Draxler mit einem gewissen Eigensinn in der Abteilung Fußball von VW ein Millionenloch hinterlassen, so Winterkorn mit der Abgasmanipulation sicher ein Milliardenloch. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende jedenfalls ist mit 3000 Euro Rente tĂ€glich sich keines Fehlers bewusst, obwohl er sich fĂŒr den Konzern gegenĂŒber den 'GeschĂ€ftspartnern' auf die ĂŒbliche, zynische Weise entschuldigt.

DafĂŒr reiten die Sportsfreunde auf Draxlers vermeintlichen SchwĂ€chen seiner Öffentlichkeitsarbeit herum:„ In den sozialen Netzwerken wurden an Weihnachten genĂŒsslich wieder Fotos von verunglĂŒckten PR-Aktionen mit Draxler transportiert.“ Gewöhnlich bleibt da was hĂ€ngen, selbst wenn dem Spieler gelingen sollte, ‚charakterlich‘, sportlich dagegen zu halten.

Im Weltfußball: Offenheit und Expansion fĂŒr ein Spiel ?

Wenn der Rationalist und sportliche Erfolgsmensch, Joachim Löw, ‚ Bundes – Jogi‘ genannt wird, schwingt im Seitenblick auf Entwicklungen des Weltfußballs der Vorwurf einer gewissen Borniertheit mit. Wie kommt das? Löw schĂ€tzt die LeistungsfĂ€higkeit sehr, die im multi – kulturellen Milieu der ‚ Fußball-National- Elf ‘‘ unter seiner Verantwortung produziert wird. Deutschland wird 2014 in Brasilien Fußballweltmeister. UnverschĂ€mt bleibt die politisch hinterhĂ€ltige Agitation, wir Deutschen wĂŒrden Jerome Boateng als Fußballer schĂ€tzen, ihn aber nicht als Nachbarn mögen, Das ist also nicht der geistige Horizont des Bundestrainers. Der wĂŒrde sich zunĂ€chst „manchmal wĂŒnschen, dass unsere rein auf den sportlichen Bereich bezogene Perspektive einbezogen wird. Aber da stĂ¶ĂŸt man an Barrieren.“ Er leiht sich Argumente, die einem Ziel dienen: SpitzenqualitĂ€t des Fußballs auf den Rasen zu bringen. Sie ist nur mit körperlich wie geistig fitten Spielern zu erzeugen. Fehlende QualitĂ€t bewegt daher den ‚Bundes-Jogi‘, ĂŒbervolle Termin- und TurnierplĂ€ne misstrauisch zu beurteilen. ‚UngezĂŒgelte‘, ‚ unausgegorene ‘ Expansion kann auch fĂŒr die erfreulich nachwachsenden ‚ Fußballnationen‘ keine sinnvolle Perspektive sein. 32 oder 48 Teams ? Das scheint im Blick auf kĂŒnftige WettkĂ€mpfe fĂŒr Joachim Löw eine Frage hoher Warnstufe zu sein. Dass bei der EM in Frankreich 3 von 4 Teams die Gruppenphase ĂŒberstanden, und dann, wie Portugal, Europameister werden konnten, hat Löw „nicht gefallen“.

Fifa und Uefa sollten das „Rad nicht ĂŒberdrehen“ und sie „sind in der Verantwortung, sie brauchen Augenmaß und mĂŒssen das richtige VerhĂ€ltnis finden zwischen kommerziellen Interessen und der sportlichen Sicht.“ Die alte Unterscheidung zwischen ökonomischen und freien GĂŒtern, die durch den Grad der Knappheit reguliert werde, nimmt Löw heute in Anspruch, um sie als Planungsinstrument zur Rettung der QualitĂ€t des Fußballs in seinem Sinne zu benutzen: „Wenn man ein gutes Produkt hat, wie den Fußball, sollte man auch mal ĂŒber Verknappung nachdenken, um die QualitĂ€t hochzuhalten“. Das ist kreativ gedacht und entspricht der Praxis in anderen gesellschaftlichen und ökonomischen Beziehungen, Elemente der Planung im System der Marktwirtschaft bzw. der Kapitalverwertung zu installieren – oft genug zum Wohle ohnehin Privilegierter und zum Nachteil der unnatĂŒrlich Benachteiligten.

Sein ‚Gegenspieler‘, Fifa – PrĂ€sident Infantino, fĂŒhrt das alte, korrupte System des Schweizer ‚Haudegen‘ Blatter fort. Der zĂ€he Überlebenswille dieses organischen Systems greift auf einen bekannten, nicht zu verachtenden antiautoritĂ€ren Gegenentwurf zurĂŒck: „FĂŒr den Weltmeister ist es einfach, eine Meinung zu haben, wenn es um die WM geht. Was kann ich ihm sagen? Dass er offen sein muss fĂŒr Erneuerung, fĂŒr den Fußball, fĂŒr die Fußballentwicklung. Dass nicht alle die Chance haben, sich wie Deutschland jedes Mal zu qualifizieren.“

Als Zwischenergebnis dieser Diskussion wird demnĂ€chst die multi - kulturelle Fußballnation gezielte EinsĂ€tze junger Nachwuchstalente erleben. BegrĂŒndung: Überspielung, Formschwankungen, Verletzungen von ‚StammkrĂ€ften‘ sollen möglichst vermieden werden. Wie bei jeder Arbeit, findet neben anderen Stoffwechselprozessen ein Naturprozess des Verbrauchs von Muskel, Sehne, Hirn und Knochen auch bei der spezifischen Arbeit des Fußballers statt. Produkt dieses Prozesses ist der viel zitierte QualitĂ€tsfußball der heutigen Zeit, den Schnelligkeit, Wendigkeit, Ballbeherrschung, kreatives Passspiel, Kondition, Taktik u.Ă€.m. kennzeichnen. Wird dem verbrauchten Fußballer jedoch keine kontinuierliche, nachhaltige Regeneration seiner KrĂ€fte gegönnt, wĂ€re das nur zwanghafte Wiederholung einer Anarchie, welche die Vorherrschaft des Kapitals von jeder Berechenbarkeit und Verantwortung freispricht. Es könnte also die Möglichkeit ins Auge gefasst werden, gezielt im Interesse aller Beteiligter Produktionsprozesse schonend zu organisieren. Allerdings spricht das fĂŒr die schon lĂ€nger bekannte These, dass es ohne Kapital im allgemeinen, und im modernen Risiko-Spiel im besonderen nicht gehen wird. Da mĂŒssen wir durch – wie das Kamel durch das berĂŒchtigte Nadelöhr.


__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 06. 01. 2017 22:46
Version vom 07. 01. 2017 17:20
Version vom 08. 01. 2017 14:11

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


3 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!