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Leselupe.de > Erzählungen
Windberg Saga (überarbeitet)
Eingestellt am 04. 09. 2004 09:37


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Fellmuthow
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2004

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"Manche Abendteuer klingen zu phantastisch, als dass man glauben könnte, sie seien wirklich geschehen; sie später für einen Traum hält. Von einem solchen will ich berichten und du, lieber Leser, wirst daran Teil haben. Du bist skeptisch? Das ist dein gutes Recht. Trotzdem, vielleicht nimmst du dir die Zeit, begleitest mich und machst dir deine eigenen Gedanken über das, was mir widerfährt.“
Alles nahm mit einem Artikel und einem Bild in der Sächsischen Zeitung seinen Anfang. Wie in jedem Jahr wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Zeit der Pilzfreunde begonnen hat. Das abgebildete Prachtexemplar eines Steinpilzes, am Südhang des Windberges gefunden, gab den Ausschlag dafür, dass ich mich entschloss, selbst auf Suche zu gehen.
Obwohl sich an den folgenden Tagen das Wetter verschlechtert, ein schweres Gewitter tobt, ein mächtiger Sturm wütet, am Sonnabendmorgen noch immer dunkle Regenwolken am Himmel hängen, ziehe ich mit Korb und Messer ausgerüstet los, um mein Glück zu versuchen. Beim „Alten Rathaus“ überquere ich die Poisentalstraße, steige dann den ausgefahrenen Weg hinauf, der, am letzten Haus vor dem Wald vorüber, in einer Schlucht zum Kamm des Windberges führt.
In der Gartenanlage werkeln bereits die ersten Frühaufsteher, doch sie schenken mir keine Beachtung. Etwas weiter oben kenne ich einen schmalen Steg, der nach rechts in den Wald abzweigt und, am Südhang des Windberges entlang, allmählich aufwärts führt. Ihm folge ich ein Stück. Vom Haselstrauch schneide ich einen handlichen Stock zurecht, der mir beim Klettern am Hang Halt geben und beim Pilze aufspüren helfen soll.
„Nun musst du wissen, dass Pilze suchen nicht gerade eine Sache ist, bei der ich in der Vergangenheit besonders viel Glück hatte. Aber für mich ist ja auch das im Wald Herumstrolchen die Hauptsache.“
Fast eine Stunde lang klettere ich den Hang hinauf und wieder herunter, stolpere über Steine, rutsche auf dem nassen Gras aus, stochere mit dem Haselstock unter den überhängenden Zweigen kleiner Fichten, sehe mich nach Birken um, da könnten Birkenpilze stehen, finde mal einen Champignon, mal einen Reizker, dann ein paar Braunkappen. Alles nicht der Rede wert.
Schließlich lassen mir ein paar herrliche Steinpilze das Herz schneller schlagen. Doch als ich den ersten abgeschnitten habe, belehrt mich sein rosa Futter und sein Geschmack, dass es Bitterpilze sind. Ich bin enttäuscht!
„Du wärst es bestimmt auch gewesen, hättest du sie gefunden, so schön, wie die von weitem aussahen.“
Dann versperrt mir eine mächtige, nieder gebrochene Buche den Weg. Sie ist wahrscheinlich erst dem Orkan der letzten Woche zum Opfer gefallen. Unmittelbar vor einer zwei Meter hohen fast senkrechten Felswand hatte sie gestanden. Da hier am Hang die Humusschicht nicht sehr stark ist, wurde sie, samt den Büschen, die auf ihr wuchsen, von dem weit verzweigten Wurzelstock der Buche hoch gerissen.
Wollte ich sie umgehen, müsste ich weit den Hang hinunter steigen. Also suche ich nach einem Durchschlupf, finde ihn zwischen der Felswand und dem jetzt steil aufragenden Wurzelstock. Wurzeln greifen nach mir, weigern sich, Platz zu machen, zerren an meiner Regenjacke, beschmutzen mich. Ich schmiege mich eng an die Felswand. Daher sehe ich sie, die alten Meißelspuren, schon verwittert, doch aus der Nähe noch deutlich erkennbar.
Diese Felswand ist keine natürlich entstandene, sondern eine von Menschenhand geschaffene.
„Bist du neugierig geworden? Was meinst du, aus welchem Grund sie das damals gemacht haben könnten? Sie wollten einen Stollen in den Berg treiben? Meinst du, sie haben nach Silber gesucht? Könnte sein. Solche Suchstollen gibt es in der Umgebung an vielen Stellen. Dann müsste der Eingang zu finden sein.“
Ich blickte mich um, suche... Nirgendwo ist eine Öffnung zu sehen.
„Vielleicht haben sie ihr Vorhaben aufgegeben? Kann auch sein, klar. Trotzdem!„
Direkt am Fuß der Wand hat sich im Laufe der Zeit Geröll angehäuft, dass nun von seiner Deckschicht entblößt ist.
„Sollte darunter...?“
Neugier packt mich und ich beginne, trotz der sperrigen Wurzeln, die mir im Weg sind und trotz des einsetzenden Regens, den oberen Teil hinweg zu räumen.
„Mach das mal ohne Werkzeug, nur mit einem Haselstock als Ersatz. Das ist vielleicht eine Quälerei, sage ich dir!“
Ich quetsche mir im Eifer die Finger, fluche was das Zeug hält, grabe aber weiter.
„Siehst du, wir hatten recht mit unseren Überlegungen!“
Unter dem Schutt tut sich in der Felswand tatsächlich ein Loch auf.
„Könnte es das Mundloch eines Schachtes sein?“
Von diesem Gedanken angespornt, der wunden Finger nicht achtend, räume ich noch mehr von dem Geröll weg, kann die Öffnung etwas vergrößern, blicke hinein, stochere mit dem Haselstock darin herum, horche...
Nichts! Nur Finsternis und Stille. Ein Stein, den ich hinein rollen lasse, verschwindet mit leisem Grollen, das aber bald verstummt.
„Was machen wir nun? Mit der Taschenlampe, meinst du? Habe ich aber nicht, nur mein Feuerzeug. Geht auch? Gut, ich versuche es.“
Ich sehe nichts. Die Flamme blendet mich, doch sie flackert auf mich zu. Aus dem Loch in der Wand weht mir ein Luftzug entgegen. Es riecht dumpf nach Erde und Verwesung.
„Dann muss es sich doch um einen Stollen handeln, der mit weiteren in Verbindung steht. Das würdest du an meiner Stelle doch auch vermuten, oder? Ist ja auch logisch; denn in einem nur kurzen Suchstollen könnte kein Luftzug entstehen. Vielleicht ist es der Luftschacht eines tiefer gelegenen Stollensystems? Das wäre ein Ding!“
Ohne richtiges Werkzeug weiter zu graben macht keinen Sinn und meine Finger sind von den bisherigen Bemühungen schon arg lädiert. Vorsorglich verschließe ich das Loch mit ein paar großen Steinen, tarne es mit Reisig.
„Diese Entdeckung wird vorerst unser Geheimnis bleiben! OK?“
Da der Regen heftiger wird, kann ich nichts mehr ausrichten und gehe nach Hause. Zum Pilze suchen habe ich jetzt keine Muße mehr, muss erst einmal darüber nachdenken, was ich unternehmen werde. Allein in den Stollen einzudringen reizt mich zwar, doch es wird schwierig sein, es kann gefährlich werden. Trotzdem! Ich muss herauszufinden, ob es sich tatsächlich um das Mundloch eines größeren Stollens handelt. Dieser Gedanke lässt mich nicht mehr los. Nachts träume ich bereits davon, mache dort unten grausige Entdeckungen, begegne Fabelwesen und finde sogar einen Schatz. Obwohl ich weiß, dass es nur Träume sind, beeinflussen sie mein Denken, fördern den Entschluss, erst einmal allein in die geheimnisvolle Finsternis vorzudringen, wenigstens ein Stück. In Gedanken stelle ich zusammen, was ich brauchen würde, für den Fall, dass ich wirklich allein...
Im Internet finde ich die Bauanleitung für ein Gerät, mit dem man prüfen kann, ob der Sauerstoffgehalt zum Atmen ausreicht und ob gefährliche Konzentrationen brennbarer Gase vorhanden sind. Das baue ich nach, teste es in einem Einweckglas und über einem Propangaskocher. Im Haus der Heimat suche ich nach Material über die alten Bergwerksstollen und finde Hinweise auf einen Artikel, der sich damit befasst, kann den schließlich im Netz aufstöbern. Der Verfasser schildert den Bergbau der damaligen Zeit und deutet an, dass damals ein Silberschatz im Berg verborgen worden sei.
„Na, was sagst du dazu? Könnte das nicht spannend werden? Vielleicht finden wir den.“
Leider gibt es keine weiteren Hinweise darauf.
„Du kennst doch bestimmt das Mundloch des Stollens hinter dem Schloss? Weißt du, dass es auch im Poisental, am Fuß des Windberges, einen solchen gibt? Warum dann nicht auch oben bei der Buche? Es könnte doch sein, dass sie gerade dort...“
Wie dem auch sei, nun bin ich fest entschlossen, einen Erkundungsversuch zu unternehmen. Eine Woche später habe ich alles beisammen und im Rucksack verstaut. Sehr früh am Sonnabendmorgen starte ich den Versuch. Da mir das Unternehmen doch ein wenig unheimlich vorkommt, habe ich vorsorglich eine E-Mail an die Rettungsstelle vorbereitet. In ihr schildere ich mein Unternehmen und beschreibe darin, wo sich der Eingang des Stollens befindet; auch dass ich seit Sonnabend allein in dem Stollen unterwegs bin. Sollte ich bis Sonntagabend nicht zurück sein, und sie wieder löschen, wird sie automatisch zugestellt. Man wird mich suchen, davon gehe ich aus und auch davon, dass ich bis dahin durchhalte, falls ich in Not geraten sollte.
Es folgt eine unruhige Nacht. Lange bevor das erste Tageslicht die Dunkelheit verdrängt, verlasse ich das Haus, mache mich auf den Weg. Kaum ein Fenster ist erleuchtet, die Straßen sind menschenleer. Nur an der Poisentalstraße treffe ich einen Betrunkenen, der torkelnd und vor sich hin brabbelnd offensichtlich Schwierigkeiten hat, den Heimweg zu finden. Das erste Stück des Weges hinauf zum Windberg wird noch vom Schein der Straßenbeleuchtung erhellt. Später ist es so finster, dass ich den Weg nur noch erahnen kann. Um den Abzweig in den Wald zu finden, schalte ich die neue Lampe ein paar Mal für kurze Zeit ein und bin von ihrem Licht begeistert. Sonst vermeide ich es, um niemanden auf mich aufmerksam zu machen.
„Hast recht, das kann übertriebene Vorsicht sein. Doch ich möchte nicht, dass mich jemand bemerkt.“
Im Wald ist es unheimlich; alle meine Sinne stehen auf Empfang, registrieren jedes Knacken, jedes Knistern, das Rascheln des Laubes, das Aufblitzen der Sterne zwischen den Blättern der Bäume, den Geruch des noch ruhenden Waldes.
„Warst du schon einmal nachts allein im Wald unterwegs? Ja? Dann kannst du nachfühlen, wie mir zumute ist.“
Weil ich es vermeide, die Lampe zu benutzen, stolpere ich über im Dunkeln verborgene Wurzeln und Steine. Vorsichtig, den schmalen Pfad mehr ertastend als erkennend, bewege ich mich auf mein Ziel zu. Allmählich ändert sich die Farbe des Himmels. Wenn ich empor blicke, zeichnen sich Blätter und Äste bereits schwach gegen den dunkelblauen Hintergrund ab. Ich gehe etwas schneller und pralle prompt gegen einen Baumstamm, um den der Steig einen Bogen schlägt. Nun schalte ich doch die Lampe ein, muss ja auch die knorrige Eiche finden, die ich mir als Wegzeichen dafür gemerkt habe, wo ich den Hang hinaufsteigen muss. Die Eiche finde ich, aber nach der Buche suche ich lange vergebens.
„Im Dunkeln sieht eben alles ganz anders aus, als man es vom Tag her in Erinnerung hat. Was glaubst du, wie ich zusammenzucke, als direkt vor mir ein Vogel laut kreischend aufflattert. Mein Herz schlägt rasend schnell. Ich verharre eine Zeit lang, bis es sich beruhigt.“
Schon habe ich mich entschlossen, wieder zu der Eiche zurückzukehren, um von da aus einen zweiten Anlauf zu unternehmen, da taucht vor mir der bläulich-silbern schimmernde Stamm der Buche im Licht meiner Lampe aus dem Dunkel auf. Nun bereitet es keine Schwierigkeiten mehr, nach oben zu steigen und mich zwischen der Felswand und dem fast senkrecht stehenden Wurzelstock hindurch zu zwängen.
Warten! Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis das Tageslicht kräftig genug sein wird, um bis zum Boden des Waldes vorzudringen.
„Es ist romantisch, aber auch ein bisschen unheimlich, allein hier in dem dunklen Wald zu sitzen. Früher, als Kind, hätte ich in einer solchen Situation wahrscheinlich laut gesungen oder gepfiffen, um meine Angst zu unterdrücken.“
Den Rücken gegen den Rucksack gelehnt, hocke ich im taunassen Gras. Noch ist es dunkel und still.
„Kennst du diese feierliche Stimmung? Mir ist gerade, als befände ich mich in einem großen Dom. Über mir thront, dort wo die Krone der gefallenen Buche im Blätterdach eine kreisrunde Lücke hinterlassen hat, die dunkelblaue Himmelskuppel. An ihren Rändern schon erhellte Schäfchenwolken ersetzen die von Menschen ersonnenen Heiligenbilder. Nicht mit Orgelklang, nicht mit einem Choral, mit dem ersten Triller eines frühen Vogels beginnt in diesem Dom die Musik. Andere antworten und nach nur wenigen Minuten vereinigen sich ihre Stimmen zu einem Jubelchor, mit dem sie den neuen Tag begrüßen.“
Aus dem Poisental dröhnt der Autos röhrender Bass, von den Gleisen der Bahn das Chorgesumm der Räder eines Zuges zu mir herauf. Langsam sickert Licht durch das Laubdach, gleitet an den Stämmen herab, gibt ihnen Form, ergänzt mit mächtigen Säulen das Bild des Domes. Ich bin fasziniert von diesem Erlebnis, was für kurze Zeit sogar die Gedanken an mein Vorhaben verdrängt. Bald zerstört zunehmende Helligkeit den nur in der Dunkelheit des Waldes existierenden Schleier des Geheimnisvollen. Entzaubert wende ich mich wieder meinem eigentlichen Ziel zu, finde fast alles so, wie ich es vor zwei Wochen verlassen hatte. Nur das Strauchwerk, das den Stolleneingang verdecken sollte, ist vertrocknet. Das räume ich beiseite, entferne die großen Steine und dokumentiere den Hang, die Meißelspuren und die Öffnung, hinter der ich den Stollen vermute, mit meiner Digitalkamera.
Es ist mühsame und anstrengende Arbeit, das Loch zu erweitern. Der Eingang ist von Geröll verschüttet, das sich über viele Jahre wie eine Rampe vor der Felswand aufgehäuft hat. Mühsam kratze ich mit dem angewinkelten Spatenblatt Erde und Steine heraus. Immer wieder muss ich eine Pause einlegen. Endlich ist die Öffnung so groß, dass ich den Kopf hineinstecken kann. Mit der Taschenlampe leuchte ich. Der Stollen läuft oben spitz zu, das Gestein glänzt feucht, Wasser tropft von der Decke, der Taschenlampe Schein verliert sich irgendwo in der Finsternis.
Wieder spüre ich deutlich den Luftzug, der mir aus der Tiefe des Berges entgegen weht. Ich grabe weiter, muss wenigstens soviel von dem Geröll beseitigen, dass ich auf dem Bauch liegend hineinkriechen kann. Nach zwei Stunden habe ich den Durchschlupf endlich so erweitert, dass ein Versuch sich lohnt. Erst treffe ich noch Vorkehrungen, die verhindern sollen, dass meine Bemühungen nicht sofort bemerkt werden, falls jemand, vielleicht auch ein Pilzsucher, hier entlang kommen sollte. Das heraus gekratzte Geröll verteile ich am Hang. Danach suche ich Sträucher zusammen und lege sie so neben die Öffnung, dass ich sie davor ziehen kann, nachdem ich eingestiegen bin. Auch das ist endlich geschafft. Jetzt brauche ich noch etwas, um das Sicherungsseil daran zu befestigen. Ein Ast, quer vor den Einstieg gelegt, erfüllt diesen Zweck. Misstrauisch blicke ich mich um, bin aufgeregt, versuche mich zur Ruhe zu zwingen. Mir darf kein Fehler unterlaufen, denn sobald ich in den Stollen eindringe, bin ich allein auf mich gestellt.
„Du wirst entweder sagen, dass es „geil“ ist, oder du bist skeptisch; je nach dem, ob du noch jung oder schon weise bist.“
Noch einmal beleuchte ich den zum Teil freigelegten niedrigen Gang, krieche ein Stück hinein. Der Stollen könnte etwa achtzig Zentimeter breit und etwas über einen Meter hoch sein, schätze ich.
„Ich werde gebückt gehen müssen, was das Vorwärtskommen sehr erschweren wird.“
Trotz aller Bemühungen kann ich nicht erkennen, ob die Sohle des Stollens waagerecht verläuft oder vielleicht steil in die Tiefe führt. Das werde ich erst erfahren, wenn ich ein Stück hinein gekrochen bin. Um sicher zu gehen, dass die Luft auch ausreichend Sauerstoff zum Atmen enthält, zünde ich die Flamme meines Feuerzeuges an. Sie flackert im Luftzug, brennt aber hell, ein gutes Zeichen. Wieder fällt mir dieser eigenartige faulige Geruch auf, dessen Herkunft ich mir nicht erklären kann. Mir wird schwindlig...
---
Auf dem Bauch liegend, mit den Füßen voran, schiebe ich mich langsam in den niedrigen Gang hinein. Den Ast für das Seil habe ich quer vor den Eingang platziert, die an der Seite bereit liegenden Zweige vor das Loch gezerrt und hoffe, dass es dadurch ausreichend getarnt wird. Der Rucksack mit den Utensilien liegt so vor mir, dass ich ihn nachziehen kann. Die Lampe ist aufgeladen und am Helm befestigt, dadurch habe ich die Hände frei. Nun mag das Abenteuer beginnen...
Vorsichtig, noch zögernd, krieche ich rückwärts. Krampfhaft halte ich mich am Seil fest, rutsche langsam bäuchlings auf dem losen Geröll nach unten. Der Boden ist schmierig. Wasser tropft mir in den Nacken. Ich weiß nicht, was mich erwartet, wende immer wieder den Kopf nach hinten, um etwas zu erkennen und sehe doch stets nur dieses schwarze Loch. Endlich gelange ich auf die Sohle des Stollens und stelle erleichtert fest, dass die waagerecht verläuft.
"Mist! In der Aufregung habe ich den Rucksack vergessen. Er liegt noch oben am Eingang. Ich muss noch einmal hinauf, um ihn zu holen."
Jetzt bewährt sich das Seil. Erneut auf der Sohle des Stollens angekommen, gehe ich in die Hocke und beleuchte erst einmal meine nähere Umgebung. Die bogenförmig ausgebildete Decke des Stollens scheint stabil zu sein. Nur ganz wenige kleine Bruchstücke liegen auf dem Boden. Allerdings tropft es überall von ihr herunter. Die Wände sind glatt, zeigen noch die Spuren der Meißel. Den Boden bedeckt ekelig schlüpfriger Matsch. Ich muss vorsichtig sein, um darauf nicht auszugleiten. Es ist ein bedrückendes Gefühl, hier in den engen, nassen und finsteren Stollen eingeschlossen zu sein.
„Ich bin ehrlich und gestehe mir ein, dass ich vor dem Kommenden schon Angst habe. Doch weißt du: Angst ist in einer solchen Situation ein ganz normales Gefühl, das dem Schutz des Lebens dient.“
So weit ich sehen kann, verläuft der Stollen fast waagerecht. Das Seil ziehe ich nach, lege es zusammen und hänge es mir schräg über die Schulter. Ein Ende binde ich am Rucksack fest, so dass ich ihn hinter mir herziehen kann, die Hände frei habe. Ohne auf Hindernisse zu stoßen dringe ich vor; nur die gehockte Haltung strengt an.
„Was nun?“
Das Licht meiner Helmleuchte reicht nur wenige Meter, dahinter starrt mich die Finsternis böse an.
„So lange der Stollen waagerecht in den Fels hinein führt, besteht ja keine Gefahr.“
Angespannt lausche ich...
Nur das Geräusch von der Decke herab fallender, platschend aufschlagender Wassertropfen ist zu hören. Hier in dieser sonst völligen Stille klingt das übermäßig laut. In Hockstellung watschle ich Schritt für Schritt vorwärts. Ein Blick auf meine Armbanduhr zeigt, dass seit dem Einstieg bereits über eine Stunde vergangen ist. Ich weiß es nicht genau, doch nach meiner Schätzung müssen es etwa vierzig Meter sein, die ich bisher, recht mühsam, bewältigt habe. Durch die ungewohnte Haltung schmerzen meine Beine. Wasser klatscht auf mich herab, läuft mir übers Gesicht und in den Nacken. Auf dem Boden fließt ein flinkes Rinnsal.
„Also hat er ein schwaches Gefälle und irgendwo muss es einen Abfluss geben.“
Da! Nach einer Biegung führt der Stollen plötzlich in die Tiefe. Nicht senkrecht, nein, nur mit mäßigem Gefälle. Doch durch den schmierigen Untergrund könnte auch das zu einem Problem werden. Ich überlege, will erst das Sicherungsseil verwenden, komme dann aber zu dem Schluss, dass es nicht nötig ist.
„Wenn ich mich setze, mit Füßen und Händen abstütze, kann ich bestimmt langsam hinunter rutschen. Du meinst, dass das leichtsinnig ist? Kann schon sein. Ach was, ich riskiere es.“
Jetzt müssen sich Arschleder und Lederhandschuhe bewähren. Den Rucksack, immer noch am Seil festgebunden, hinter mir herziehend, setze ich mich auf den Boden, stelle die Stiefelsohlen fest auf und stütze mich zusätzlich mit den Händen seitwärts ab.
„Skeptisch? Du wirst sehen: Es geht.“
Vorsichtig und ganz langsam rutsche ich in die Tiefe.
„Diese verdammte Finsternis belastet mich. Bereits wenige Meter vor mir wird sie unheimlich, weil ich nicht sehen kann, was mich dort erwartet.“
Immer öfter lege ich eine Pause ein, sage mir, dass schon alles gut gehen wird. Dann passiert es doch! Es beginnt damit, dass der Rucksack sich irgendwie verhakt. Er hängt fest. Ich ziehe am Seil. Erst vorsichtig, dann, ungeduldig werdend, kräftiger, schließlich mit einem energischen Ruck. Das wird mir zum Verhängnis. Der Rucksack kommt frei, schießt auf mich zu, prallt gegen meinen Rücken und gibt mir einen Stoß, der mich auf dem nassen klitschigen Grund unaufhaltbar nach unten rutschen lässt. Entsetzt schreie ich auf, mache mich lang, strecke die Beine aus.
Ich weiß ja nicht, was da vor mir ist, will mich damit instinktiv gegen einen harten Aufprall schützen. Im Lichtkegel meiner Lampe rast die Decke des Stollens wie auf einem Bildschirm über mir hin. Als ich versuche mich seitlich abzustützen finde ich keinen Halt, verstauche mir die Hand. Ein paar Mal rutsche ich sehr schmerzhaft über Unebenheiten hinweg. Zum Glück hält mein Schutzanzug. Das Ganze dauert nur wenige Sekunden, doch die kommen mir wie eine Ewigkeit vor.
So plötzlich wie sie begonnen hatte, endet die Rutschpartie. Erst einmal bleibe ich liegen, atme auf, bin froh darüber, dass ich nicht in einen Schacht gestürzt bin, bedanke mich bei meinem Schutzengel. Vorsichtig bewege ich Arme und Beine, stelle erleichtert fest, dass ich nicht ernsthaft Schaden genommen habe. Nur mein während des Herunterrutschens geprellter Rücken schmerzt und das rechte Handgelenk tut weh. Der Rucksack liegt unschuldig neben mir.
„Du hattest recht. Verdammt, warum war ich so leichtsinnig? Warum habe mich nicht mit dem Seil gesichert?“
Diese Fragen stelle ich mir, jetzt, wo es zu spät ist. Vorwürfe helfen nicht. Nur, ein zweites Mal darf mir ein solcher Fehler nicht passieren. Mich umschauend stelle ich fest, dass ich in einer runden Kammer gelandet bin. Sie misst gut drei Metern im Durchmesser und ist hoch genug, um darin stehen zu können. Mühsam, stöhnend richte ich mich auf, leuchte die Kammer aus. Hinter mir grinst höhnisch der Stollen, durch den ich so überstürzt herunter gekommen bin. Zwei Gänge führen weiter. Einer geht steil in die Tiefe, der andere verläuft fast waagerecht. Als ich den näher untersuche, muss ich feststellen, dass darin, gar nicht weit von der Kammer entfernt, die Decke herunter gebrochen ist, ihn dadurch für mich unpassierbar gemacht hat.
„Siehst du, so ergeht es einem, wenn man leichtsinnig ist. Lasse es dir eine Lehre sein. Ich könnte umkehren, doch zurück kann ich nicht mehr - selbst wenn ich wollte. Der schräge Schacht, durch den ich herunter gekommen bin, ist so schlüpfrig, dass ich in ihm keinen Halt finden würde, um wieder hinauf zu steigen. Hätte mich eben doch mit dem Seil sichern sollen - ich Esel!“
Meine Hände zittern. Ich muss jetzt vor allem Ruhe bewahren, überlegen, was zu tun ist.
„Wie denkst du über die Sache? Was würdest du an meiner Stelle tun? Ich weiß ja, dass du nichts sagen kannst, aber immerhin, überlegen können wir. Eigentlich ist die Entscheidung ganz einfach. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten. Hier warten, bis man mich herausholt, was lange dauern wird und blamabel ist, oder noch tiefer in den Berg eindringen, um dann vielleicht doch irgendwo einen Ausgang zu finden. Der Luftzug, den ich gespürt habe, der muss ja von draußen kommen. Vielleicht gibt es eine Verbindung zum Segen-Gottes-Schacht? Wer weiß?“
Als ich das Feuerzeug in den verschütteten Stollen halte, brennt seine Flamme ganz ruhig, flackert nicht. Mein Glück, denn wäre die Luft von dort gekommen, dann würde das Hinabsteigen in den steil abfallenden Schacht zu einem unkalkulierbaren Risiko. Nun halte ich das Feuerzeug über diesen Schacht. Nicht sehr, doch ein wenig flackert die Flamme. Auch kann ich wieder den Luftzug spüren, der jetzt aus der Tiefe herauf kommt.
„Siehst du, da unten muss es eine Verbindung zur Außenwelt geben. Die werde ich finden!“
Doch, wie komme ich hinunter? Noch weiß ich nicht einmal, wie tief dieser Schacht ist, ob mein Seil ausreicht. Es könnte ja auch sein, dass unten Wasser steht, denn das Rinnsal verschwindet darin. Aus dem verschütteten Stollen hole ich einen faustgroßen, einigermaßen runden Brocken und lasse ihn in den Schacht fallen. Das Geräusch, das er verursacht, bricht sich an den Wänden. Nach etwa zwanzig Sekunden verstummt es.
„Hatte er den Grund schon erreicht, oder dringt das Geräusch nur nicht mehr bis zu mir herauf? Ins Wasser ist er nicht geplumpst, das hätte ich gehört. Vielleicht ist der Grund schlammig, der Stein lautlos darin verschwunden? Überlegen wir mal, ob wir aus der Zeit, die der Stein bis zum Grund gebraucht hat, die Tiefe des Schachtes ableiten können. Ich schätze, dass er bei dem steilen Verlauf des Schachtes bestimmt einen Meter pro Sekunde zurückgelegt hat. Dann könnte der Schacht zwanzig Meter tief sein. Das Ergebnis ist zu unsicher, meinst du? Ich sollte mir etwas besseres überlegen? Hast ja recht. Meine Kalkulation war nicht so gut.“
Erst einmal nehme ich einen Schluck aus der Wasserflasche und stecke mir zwei von den Traubenzuckertafeln in den Mund.
„Wie könnte ich die Tiefe dieses unheimlichen Schachtes wirklich feststellen und auch, was mich da unten erwartet?“
Wenn ich mit der Lampe hineinleuchte, erkenne ich, dass er anfangs fast quadratisch ist, aber bereits nach wenigen Metern zur runden Röhre mit einem Durchmesser von etwa achtzig Zentimetern wird. Mir fällt ein, wie die Seeleute die Wassertiefe bestimmen.
„Mit einem Lot - na klar, so werde ich es auch machen, am Seil einen Stein befestigen, und den in den Schacht hinunter lassen.“
Nach einigen Versuchen gelingt es mir, einen Brocken so in ein Ende des Seiles einzubinden, dass er nicht herausrutschen kann. Nun starte ich das Experiment...
Ganz langsam lasse ich den Stein hinunter. Als schwierig erweist es sich, die Länge des Seiles, die im Schacht verschwindet, genau zu bestimmen. Ich versuche Meterstücke abzugreifen. Nach dreißig Metern lässt der Zug nach. Das bedeutet, dass der Stein den Grund erreicht haben muss.
„Aber wie ist der Grund beschaffen?“
Ich ziehe das Seil wieder um zwei Meter hoch, halte es eine Zeit lang und lasse es plötzlich frei. Dumpfes Poltern ertönt aus der Tiefe. Noch einmal das gleiche Experiment. Wieder das Poltern.
„Der Grund scheint fest zu sein. Nur, warum ist dann der erste Stein so lautlos verschwunden?“
Wenn der Schacht dreißig Meter tief ist, reicht mein Seil nicht. Ein einfacher Strang ja, doch dann kann ich es nicht mehr nachziehen, müsste das Seil zurück lassen. Meine Lage würde immer schwieriger.
„Verdammt! Warum habe ich mich nur auf dieses Unternehmen eingelassen. Ein Glück, dass ich in der Email genau geschildert habe, wo sich der Eingang des Stollens befindet.“
Damit tröste ich mich und dränge die Panik zurück, die mich erfassen will. Wieder überlege ich, ob ich hier auf Hilfe warten sollte? Nein, so leicht werde ich nicht aufgeben. Ein Hoffnungsschimmer blitzt auf:
„Es könnte ja seni, dass ich mich durch das bloße Abgreifen der Meterstücke beim Hinunterlassen des Seiles vermessen habe. Ich soll das Seil doppelt legen und so genau fünfundzwanzig Meter abmessen, meinst du? Genau, das ist es.“
Also hole ich das Seil zurück, lege die beiden Enden zusammen und ziehe das klitschige, nun doppelte Seil durch meine Hand, bis ich seine Mitte finde. Diesen Punkt markiere ich durch eine Schlaufe und lasse danach den Stein noch einmal in den Schacht hinunter. Alle Hoffnung setze ich auf das Ergebnis dieser Messung. Als ich mich der Mitte des Seiles nähere, halte ich den Atem an...
Da lässt der Zug nach, obwohl noch gut zwei Meter des Seiles übrig sind. Beim ersten Versuch hatte ich also die Seilmeter zu kurz abgegriffen. Ich atme auf.
„Als erstes werde ich den Rucksack hinunter lassen.“
Schon habe ich das Seil durch die Öse des Rucksackes gezogen und will ihn in den Schacht versenken, da schreckt mich ein Gedanke auf:
„Wenn nun der Schacht enger wird, was dann? Wenn ich irgendwo stecken bleibe? Weder vor noch zurück kann?“
Ich leuchte in den Schacht, doch schon nach wenigen Metern kann ich nichts mehr erkennen.
„Ohne sicher zu sein, dass der Schacht auf seiner ganzen Länge weit genug ist, ich nicht Gefahr laufe, hängen zu bleiben, kann ich da nicht hinunter steigen“, das ist mir klar.
„Ich muss ihn Meter für Meter ausleuchten. Das ist die einzige Möglichkeit, sicher zu sein, dass er für mich passierbar ist. Aber die Lampe wie den Stein anbinden, das bringt nichts. Sie würde hin und her pendeln, würde vielleicht beschädigt werden. Das darf auf keinen Fall geschehen.“
Nach einer Reihe vergeblicher Versuche befestige ich sie so auf dem angewinkelten Spaten, dass sie wie auf einem Schlitten nach unten gleitet, schräg nach vorn strahlt und den Schacht Stück für Stück ausleuchtet. Ich vergewissere mich nochmals, dass die Befestigung des Seiles am Spatengriff hält, denn ohne meine Lampe bliebe mir nur noch das Feuerzeug.
„Kannst du dir vorstellen, wie mir in dem Moment zumute ist? Mein Bauch krampft sich zusammen, ich zittere vor Anspannung, mein Herz trommelt, der Hals ist wie zugeschnürt.“
Ganz vorsichtig lasse ich die Lampe ein Stück hinunter. Es funktioniert. Sie leuchtet ihn aus. Ich würde erkennen, wenn er irgendwo eingeengt wäre. Ein paar Mal muss ich die Lampe wieder ein Stück herauf ziehen, um sicher zu gehen. So dauert es ziemlich lange, bis sie den Grund erreicht. Zum Glück führt die Röhre gerade in die Tiefe, nirgendwo kann ich eine Verengung erkennen. Nun kann ich mich mit den nächsten Schritten befassen: Im Rucksack habe ich fünf Sicherungshaken, solche, wie sie die Bergsteiger benutzen.
„Einen davon könnte ich in die Seitenwand einschlagen, das Seil hindurch ziehen.“
Doch ich befürchte, dass ich mich an dem glatten, nassen Seil ohne Hilfsmittel nicht halten kann, es mir durch die Hände gleiten würde, ich suche nach einem Behelf, wie ich das verhindern kann.
“Man denkt eben nicht an alles, wenn man etwas Ungewöhnliches unternimmt. OK, das ist nicht perfekt. Muss ich mir eben etwas ausdenken.“
Ich fühle mich wie Robinson Crusoe, der wusste sich auch stets selbst zu helfen.
„Wenn ich nun das Seil mehrmals um den Stiel des Spatens winde, den zwischen die Beine nehme und mich auf den quer liegenden Stiel setze? Ziehe ich an dem freien Ende, so könnte die Reibung genügen, um ein zu rasches Abrutschen in die Tiefe zu verhindern. Ich kann mich ja zusätzlich mit dem Rücken und den Beinen abstützen.“
Da ich nicht weiß, wie viele Windungen erforderlich sind, teste ich das erst einmal. Dafür treibe ich einen der Felshaken in die Decke, ziehe das Seil durch seine Öse und probiere die optimale Zahl der Windungen aus. Es zeigt sich, dass vier genügen würden, fünf aber sicherer sind, um das Rutschen des Seiles um den Spatenstiel zum Stillstand zu bringen. Für den Einstieg in den Schacht kann ich den Haken oben an der Decke nicht nutzen, denn dadurch würden zwei Meter des Seiles vertan. Also schlage ich einen zweiten direkt über dem Schacht in die Wand.
„Was denkst du, soll ich es versuchen? Ja? In Ordnung - es bleibt mir ja auch kaum etwas anderes übrig. Du hast gut reden, liegst vielleicht im Bett, oder sitzt in einem bequemen Sessel und liest. Dir kann nichts passieren, aber mir. Ich muss meine Angst überwinden.“
Eine ganze Weile brauche ich noch, bis ich mich dazu durchringe, den Abstieg in den engen Schacht zu starten, weiß ja nicht, ob alles so abläuft, wie ich es geplant habe.
„Und wenn etwas schief geht? Dann stürze ich fünfundzwanzig Meter in die Tiefe.“
Ich weiß nicht, was mich da unten erwartet. An die Felswand sprühe ich einen auf den Schacht zeigenden, gut sichtbaren weißen Pfeil und hoffe dass, wenn es nötig werden sollte, meine Retter dieses Zeichen verstehen werden. Dann nehme ich noch einige Bilder auf. Nun muss ich, wenn ich will...
„Verdammt, das ist gar nicht so einfach. Wenn ich abstürze, breche ich mir vielleicht das Genick.“
Erst einmal ziehe ich die eine Hälfte des Seiles durch die Öse des Felshakens, knote die beiden Enden zusammen, befestige den Rucksack an dem Seilende und lasse ihn in den Schacht hinunter. Den Spatenstiel mit dem doppelt liegenden Seil fünf mal zu umwickeln ist schnell erledigt, doch mich dann auf den Stiel setzen und rückwärts über den Schacht zu hängen, den Sturz nur durch das Straffen des Seiles verhindernd, das erfordert große Überwindung.
„Ich habe es doch getestet, es funktioniert bestimmt!“, rede ich mir ein, mache mir damit Mut und nehme den Stiel zwischen die Beine. Krampfhaft ziehe ich das freie Ende des Seiles nach oben. Noch stehen meine Füße auf dem Schachtrand. Ganz vorsichtig lockere ich den Zug des Seiles etwas; sofort gleite ich ein Stück abwärts. Davon erschreckt, reiße ich das Seil wieder nach oben. Nun lege ich mir das Seil über Schultern und Nacken, so dass ich es nach unten ziehen muss, um zu bremsen. Der feste Stoff des Overalls schützt mich vor der durch die Reibung des Seiles entstehenden Wärme. So geht es besser! Ich kann mit meinem Körpergewicht leicht die erforderliche Bremskraft aufbringen. Ganz langsam gebe ich nach. Es klappt. In kleinen Etappen lasse ich mich in den Schacht hinunter sinken, halte immer wieder an, stemme dann Rücken und Beine gegen die Wand des Schachtes, die aus gewachsenem Fels besteht. Nach vielen Zwischenstopps erreiche ich den Grund des Schachtes. Da ist der Boden feucht, an einigen Stellen stehen Wasserlachen. Mein Rucksack liegt in einer Pfütze. Ich lege ihn an eine trockene Stelle, ziehe danach das Seil herunter, das klatschend neben mir aufschlägt.
„Mann, bin ich froh, mit nur geringen Blessuren hier unten angekommen zu sein!“
Wieder befinde ich mich in einer runden Kammer. Zwei Stollen gehen in entgegen gesetzter Richtung von ihr ab. Erst einmal untersuche ich die Atemluft.
„Der Sauerstoff könnte ja knapp werden und du hast doch bestimmt auch schon von Gasexplosionen in Bergwerken gehört. Deshalb...“
Alles OK! Die Flamme brennt ruhig hinter der Gaze. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass ein entzündbares Gas-Luft-Gemisch vorhanden ist, denn dann würde sich die Farbe der Flamme in dem Gerät verändern. Mir fällt ein, dass Kohlendioxid und Methan schwerer als Luft sind. Am Boden könnte deshalb eine höhere Konzentration auftreten. Ich wiederhole dort den Test, doch auch da ist alles in Ordnung. Nun suche ich mir eine einigermaßen trockene Stelle und lege erst einmal eine Pause ein, stärke mich, blicke mich um. Die Kammer sitzt in einem Stollen, der nach beiden Seiten weiter führt. Die Frage, die sich nun ergibt ist:
„In welche Richtung soll ich gehen?“
Das Wasser fließt in den rechts von mir liegenden Stollen hinein. Doch das ist noch kein sicherer Hinweis darauf, dass ich dort dem Ausgang näher kommen könnte. Irgendwo wird es wahrscheinlich in einen Schacht verschwinden.
"Der Luftstrom? Genau, dem muss ich folgen. Darin besteht meine Hoffnung.“
Da das Prüfgerät kein entzündbares Gasgemisch angezeigt hat, kann ich jetzt ohne Bedenken das Feuerzeug benutzen. Ich verstaue den restlichen Proviant im Rucksack, nehme mein Feuerzeug, halte es auf Armeslänge in den linken Gang hinein. Die Flamme brennt ruhig. Hier steht die Luft. Nun gehe ich zum Stollen auf der rechten Seite und tue das Gleiche. Zu meiner Verwunderung gibt das Verhalten der Flamme auch hier keinen Hinweis darauf, dass die Luft sich bewegt. Erst einmal bin ich ziemlich ratlos.
„Weiter oben habe ich doch den Luftzug ganz deutlich gespürt. Vielleicht kam die Luft aus Gängen, die in den Schacht mündeten und ich habe sie übersehen, meist du? Unwahrscheinlich! Nachprüfen kann ich es jetzt sowieso nicht mehr, denn ich habe ja das Seil bereits herunter gezogen. Aber ohne diesen Luftzug könnte der Sauerstoff, den ich zum Atmen brauche, rasch abnehmen.“
Erst einmal wage ich es nicht, weiter zu gehen. Wieder kriecht diese Unsicherheit in mir hoch. Sie kommt aus dem Bauch, lässt das Herz rasen, erreicht den Kopf, will Panik auslösen. Doch bevor das eintritt, gelingt es mir, sie zu dämpfen. Autogenes Training hilft dabei und ich sage mir, dass keine Lebensgefahr besteht. Wenn ich nicht weiter komme, werden sie am Sonntagabend meine Email erhalten und bestimmt nach mir suchen.
„Also, autogenes Training kann ich dir nur empfehlen“
Ich schaue auf die Uhr. Es ist bereits weit nach Mittag.
“Wenn einem das Tageslicht fehlt, hat man kein Gefühl mehr für die Zeit.“
Noch einmal prüfe ich mit der Flamme des Feuerzeuges die Luft. Erst unten am Boden, dann in halber Höhe. Die Flamme bewegt sich nicht. Erst als ich das Feuerzeug dicht unter die Decke halte, wird sie deutlich zur Seite geweht. Ich atme auf. Die Angst verfliegt, neuer Mut beflügelt mich. Der Luftzug kommt also aus dem rechten Stollen.
„Kannst du mir erklären, weshalb er oben unter der Decke fließt? Du meinst, dass die Luft wärmer sein muss als die, die im Stollen steht? Genau, das ist es. Mit der Tiefe nimmt die Temperatur zu. Die Luft muss also aus größerer Tiefe herauf kommen."
Nach einer Ruhepause versuche ich erst einmal ein Stück des nach links führenden Stollens zu erkunden. Vorsichtig leuchte ich hinein. Hier und da sind Steine von der Decke herunter gebrochen, liegen als Hindernisse auf dem Boden. Nach nur wenigen Metern trifft das Licht der Lampe auf blanken Fels. Dort scheint der Stollen zu Ende zu sein. Erst beim genaueren Hinsehen bemerke ich, dass der Gang nach rechts abbiegt, also doch weiter geht.
“Ob die Bergleute sich damals verrechnet haben und ein paar Meter neben der Kammer angekommen sind, das korrigieren mussten? Wer weiß es?“
Ich leuchte vorsichtig um die Ecke, fahre zusammen. Aus der Finsternis starren mich zwei Augen an. Unfähig mich zu bewegen, verharre ich wie eine Wachspuppe. Erst als ich bemerke, dass sie nicht näher kommen, schwindet meine Blockade.
„Was soll das? Gespenster gibt es nicht und Ungeheuer sicher auch nicht.“
Trotzdem gehe ich und hole den Spaten, um wenigstens wehrhaft zu sein - für alle Fälle. Als ich damit zurück komme, sind sie immer noch da, diese starr blickenden Augen, immer noch am gleichen Ort. Den Spaten zur Abwehr erhoben nähere ich mich ihnen Schritt für Schritt. Eigenartig! Die Farbe der Augen ändert sich. Dann kann ich erkennen, um was es sich handelt, hole tief Luft, löse damit den Krampf meines Zwerchfells. Kein Ungeheuer, kein Geist. Das Licht meiner Lampe wird von zwei Kristallen reflektiert, die sich an einem Vorsprung der Decke des Stollens gebildet haben. Trotzdem sitzt mir der Schreck in den Gliedern und ich verzichte auf die weitere Erforschung dieses Ganges, zumal ich ihn nicht für den weiteren Weg nutzen kann.
„Wieso lasse ich mich nur so leicht aus der Fassung bringen? Wahrscheinlich ist es diese unheimliche Atmosphäre, dieses Schweigen, diese Dunkelheit rings umher, in die meine Lampe ein nur sehr begrenztes Loch brennt. Weißt du! Angst ist eine Schutzreaktion, ein Gefühl, ein Instinkt, der uns angeboren ist, der sich in kritischen, nicht erklärbaren Situationen und bei Gefahr unabhängig von unserem Willen Bahn bricht. Sicher hast du das auch schon erlebt. Na gut, man gibt nicht gern zu, dass man manchmal Angst hat, doch dieser Instinkt erfüllt durchaus seinen Zweck.“
Ich habe keine Zeit, muss weiter, weiß ja nicht, wie lange ich noch brauchen werde, um einen Ausgang zu finden. Bevor ich den rechten Stollen betrete, bringe ich wieder einen weißen Pfeil an, der zeigen soll, dass ich da hinein gegangen bin. Im Stollen kann ich aufrecht gehen, kann meinen Rucksack jetzt auf dem Rücken tragen. Vorsichtig, den Gang Stück für Stück ausleuchtend, erst die Decke, danach die Seiten, schließlich den Boden, gehe ich Schritt für Schritt vorwärts, komme an Brüche, an denen Steine von der Decke herunter gefallen sind. An anderen Stellen hängen sie noch lose oben. Ich muss sie erst herunter brechen, um mich nicht zu gefährden. All das erschwert das Vorwärtskommen. Doch zum Glück ist der Stollen nie ganz versperrt. Es müssen bereits fast achtzig Meter sein, die ich, bei bisher geringem Gefälle, in dem geradlinig verlaufenden Stollen überwunden habe, da steht Wasser im Gang. Obwohl ich annehme, dass es nicht tief ist, wate ich nicht einfach hinein, kann ja den Boden nicht beurteilen. Wenn sich da ein Schacht befinden sollte, der mit Wasser voll gelaufen ist, würde ich prompt hineinstürzen.
„Da sitze ich ja ganz schön in der Patsche. Was würdest du jetzt an meiner Stelle machen? Zurück gehen? Das bringt nichts. Also vorwärts? Leichter gesagt als getan.“
Mich dicht an der Seitenwand haltend, ständig mit dem Spaten die Wassertiefe testend, wate ich hinein. Jetzt bewähren sich die Gummistiefel. Nach etwa zehn Metern stoße ich auf des Tümpels Ursache. Ein Teil der Decke ist herunter gebrochen, hat einen Damm gebildet, vor dem sich das Wasser staut. Vorsichtig grabe ich einen Abfluss in den Damm. Das Wasser gurgelt in den dunklen Stollen hinein und schon nach wenigen Minuten ist der Tümpel leer gelaufen. Er war ganz flach, das sehe ich jetzt. Auf seinem Grund haben sich Sedimente und Schlamm abgesetzt. Deutlich kann ich meine dicht an der Wand entlang führenden Fußstapfen erkennen. Aber was ist das? Auf dem Grund befinden sich noch andere Spuren. Mit Wasser gefüllt, sind sie gut sichtbar. Zwei Reihen runder Stapfen. Erst nehme ich an, dass vielleicht Wirbel, die beim Ablaufen des Wassers entstanden sind, diese merkwürdigen Eindrücke verursacht haben. Doch als das Wasser aus den Stapfen versickert, ich die genauer prüfen kann, wird mir klar, dass es die Trittspuren eines Tieres sind. Die Schleifspur zeigt, dass das Tier einen Schwanz haben muss. Kalter Schauer kriecht mir über den Rücken. Was verbirgt sich da in den dunklen Gängen? Es sind die Spuren eines ziemlich großen Tieres. Der Durchmesser der einzelnen Stapfen misst gut fünf, der Abstand zwischen der linken und der rechten Spurenreihe gut zwanzig und der Abstand zwischen den Eindrücken einer Reihe bestimmt vierzig Zentimeter.
„Dann könnte das Wesen, das hier entlang gekrochen ist, Kopf und Schwanz mit gerechnet, fast einen Meter messen. Das ist unmöglich? Ja! Eigentlich kann das gar nicht sein. Ein solches Tier würde hier unten überhaupt nicht existieren können - glaube ich. Es würde nicht genügend Nahrung finden. Hier leben höchstens Grottenmolche von wenigen Zentimetern Länge, die sich von dem ernähren, was von dem eindringenden Wasser in die Stollen und Gänge gespült wird. Aber die Spur? Genau! Die Spur ist da, daran ist nicht zu zweifeln.“
Damit ist eine ganz neue Situation entstanden. Diese schwarze Wand vor mir ist noch geheimnisvoller, noch unheimlicher geworden.
„Was verbirgt sie vor mir? Was könnten das für Lebewesen sein, die, entgegen aller Logik, hier unten zu existieren?“
Erst einmal dokumentiere ich die Spur. Bevor ich weiter gehen kann, muss ich alle Möglichkeiten abwägen...
„Woher könnten sie gekommen sein? Hast du eine Idee? Nein? Von draußen kaum, denn dort sind noch nie solche Tiere beobachtet worden. Siehst du das auch so? Sollten sie sich vielleicht aus den winzigen Grottenmolchen entwickelt haben? Das glaubst du nicht? Immerhin befinden sich diese Stollen in einem Gebiet, in dem Radongas auftritt. Und ganz in der Nähe wurde Uranerz abgebaut. Es könnte doch möglich sein, dass die Strahlung zu einer Mutation der winzigen Grottenmolche geführt hat? Wenn sie nun über Jahrhunderte langsam an Größe zugenommen haben? Wovon sie leben? Das ist eine gute Frage. Ein reichliches Nahrungsangebot wäre erforderlich. Ratten oder andere kleine Tiere kommen hier sicher nicht häufig vor. Auch sie würden ja keine Nahrung finden. Was es sonst noch gibt? Wasser ist ausreichend vorhanden - klar, doch davon allein können sie nicht leben. An organischer Substanz käme nur die Steinkohle in Frage. Glaubst du, dass sie Steinkohle fressen? Steinkohle ist aus Pflanzen entstanden, könnte vielleicht geeignet sein. Erst als Zusatz-, später als Hauptnahrung. Wir wissen ja, dass sich Leben auf der Erde an die unterschiedlichsten Bedingungen anpasst. Ist auch egal! Die für mich von ihnen ausgehenden Gefahren muss ich abschätzen. Vielleicht sind es Kannibalen? Und wenn es Kannibalen wären, dann könnten sie auch mich als Beute ansehen, mich angreifen. Sollten sie tatsächlich von Steinkohle leben, ist davon so viel vorhanden, dass sie vielleicht nicht zu Kannibalismus gezwungen sind. Das hoffe ich zwar, muss aber den ungünstigeren Fall annehmen.
Wie sie aussehen? Hier unten ist es dunkel, Augen dürften ihnen nichts nützen. Sie leben in völliger Finsternis. Da sie weder Hämoglobin noch Chlorophyll bilden können, werden sie weißlich oder fast farblos sein. Oder schwarz, meinst du? Kann auch sein. Sie müssen sich in dem Stollensystem orientieren können. Wie machen das die Mäuse, Ratten, Hamster und Füchse? Ich glaube, die prägen sich den Verlauf ihrer Gänge ein und alle besitzen Tasthaare. Vielleicht markieren sie die Gänge oder orientieren sich wie die Fledermäuse durch Ultraschall. Das würde nur in einem Raum funktionieren, nicht in einem so engen Höhlensystem? Vielleicht haben sie auch uns ganz unbekannte Sinne entwickelt. Ihre Zähne müssen sich zum Abnagen der Steinkohle eignen.
Ihr Gebiss würde das nicht leisten können? Vor kurzem habe ich einen Film gesehen, in dem Papageifische sogar Korallen abnagten. Steinkohle ist nicht so hart. So ungefähr kann ich mir diese geheimnisvollen Lebewesen jetzt vorstellen. Wenn nun plötzlich ein solches Exemplar vor mir auftaucht? Wie soll ich mich verhalten? Das Vieh ist bestimmt noch nie einem Menschen begegnet. Die meisten fliehen, wenn sie auf Menschen treffen, es sei denn, sie fühlen sich bedroht. Die erste Regel muss also sein, sich ruhig zu verhalten. Ich bin im Vorteil, kann die Lampe benutzen, kann sie sehen, die Tiere nicht. Sie könnten mich riechen, werden mich spüren? Sie werden vorsichtig sein, mich nicht sofort angreifen. Darin liegt meine Chance.“
Der Stollen biegt nach rechts ab. Nach meinem Gefühl bewege ich mich etwa im rechten Winkel zu der Richtung, aus der ich gekommen bin, aber viel tiefer drinnen im Berg. Wieder treffe ich auf so eine runde, diesmal größere Kammer. Hier bildet das Wasser einen runden Tümpel. Ein Stollen führt auf der anderen Seite der Kammer weiter, noch einen zweiten sehe ich. Der Boden ist hier mit schwarzem Schlamm aus zermahlener Steinkohle bedeckt. In der Nähe des Tümpels sind mehrere dieser Spuren zu sehen. Ein richtiger Pfad führt auf der gegenüber liegenden Seite in den Stollen hinein.
„Vielleicht kommen sie hierher zur Tränke.“
Wieder teste ich die Luft, bevor ich mich entschließe, weiter vorzudringen. Noch gibt es keine Anzeichen für Sauerstoffmangel. Trotzdem bin ich sehr abgespannt und müde, müsste ein paar Stunden schlafen, doch das geht nicht. Wenn mich diese Tiere im Schlaf überraschen, bin ich völlig wehrlos. Der Boden ist schlammig, dass ich mich nur hinhocken kann. In unbequemer Stellung harre ich einige Zeit aus, esse und trinke etwas, raffe ich mich danach wieder auf.
„Ich müsste einen Stollen finden, der nach wenigen Metern endet, in dem ich mich verbarrikadieren kann?“
Der erste, den ich untersuche, steigt allmählich an. Er ist einigermaßen trocken, führt ein Stück waagerecht in den Berg hinein. Dann folgen zwei Stufen von je fast einem halben Meter Höhe, gerade so, als habe man Barrieren einfügen wollen. Diese Stufen könnte ich leicht überwinden, bleibe aber noch davor stehen. Nur ein sehr schmaler und niedriger Gang führt weiter. Er ist nicht tief, sein Ende kann ich im Licht meiner Lampe erkennen. Der würde sich eignen. Diese Stufe können die Echsen wahrscheinlich nicht überwinden. Doch die Luft ist stickig. Mein Kopf beginnt zu schmerzen und mir wird schwindlig. Schon will ich wieder zurück gehen, da fällt mir auf, dass links und rechts Kammern in den Fels gehauen wurden.
„Das muss ich erkunden! Was für einen Sinn haben diese Kammern?“
Doch erst einmal gehe ich zurück, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Es dauert, bis sich mein Befinden einigermaßen normalisiert hat. Dann sauge ich wiederholt Luft in die Lunge, halte die einen Augenblick an, atme danach aus. Dadurch reichere ich den Sauerstoff im Blut an. Genau so mache es vor einem Tauchgang, um länger unter Wasser bleiben zu können. Diesmal nehme ich den Spaten mit. Schnell überwinde ich das erste Stück des Stollens und die zwei Stufen, halte die Luft an. Bis zur ersten Kammer ist es kaum ein Meter. Ein wirrer Haufen von Gerümpel liegt darin. Erst kann ich gar nicht erkennen, um was es sich da handelt. Dann sehe ich, dass es Beschläge und Reste von Holzbohlen sind, unter denen schwarze Gefäße und runde Platten liegen. Luftmangel treibt mich zurück...
„Sollte das der Windbergschatz sein? Vielleicht war er in Kisten verpackt, die inzwischen verrottet sind. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie gespannt und aufgeregt ich bin. Es gibt ihn also doch, den Windbergschatz! Ich könnte jubeln. Wenigstens ein Stück werde ich herausholen und mitnehmen, als Beweis für seine Existenz. Alles andere sollten dann Fachleute bergen.“
Noch einmal dringe ich in den schmalen Gang ein, greife wahllos eines der Gefäße. Einen Krug habe ich erwischt, der jedoch gar nicht nach einem Schatz aussieht. Ich weiß ja, dass Silber schwarz wird, wenn es lange liegt. Und das hier hat viele Jahre in feuchter Umgebung gelegen. Um zu prüfen, ob es sich tatsächlich um Silber handelt, nehme ich etwas von dem schlammigen Grund auf, klemme den Krug zwischen die Knie und reibe ihn, bis er nach einiger Zeit blank wird. Es ist Silber!
„Es ist kaum zu fassen. Ich habe den Windbergschatz gefunden. Du kannst mir ruhig gratulieren! Das wird eine Sensation? Na klar, wer hätte gedacht, dass der Berg ein solches Geheimnis hütet? In diesem Moment sind alle Schwierigkeiten vergessen.“
Den Krug verstaue ich im Rucksack. Danach gehe ich noch einmal zu dem schmalen Gang, nehme diesmal die Kamera mit. Ich habe nur wenig Zeit, doch die genügt, um festzustellen, dass es insgesamt sechs dieser Kammern gibt.
„Da muss eine ganze Menge Silber drin liegen.“
Nun habe ich nur noch ein Ziel, so rasch wie möglich diese Finsternis zu verlassen, zurückzukehren ans Licht. Durch die Erfahrung, die ich in den anderen Stollen gemacht hatte, klug geworden, prüfe ich die Luft, bevor ich den dritten Stollen betrete. Die Flamme meines Feuerzeuges zeigt an, dass der Luftzug immer noch vorhanden ist, dass er aus diesem Stollen kommt. Den Rucksack als Schild in der linken, den Spaten als Waffe in der rechten Hand, gehe ich ganz vorsichtig hinein. Wieder geht es abwärts, immer noch mit nur geringem Gefälle. Da wechselt die Farbe der Stollenwände von schmutzigbraun in schwarz. Steinkohle! Ich steche mit meinem Spaten ein Stückchen aus der Wand. Tatsächlich Steinkohle! Der Stollen quert einen Steinkohlenflöz. Metertiefe Löcher sind in den Flöz getrieben worden. Die Wände dieser Löcher sind wie glatt gehobelt, laufen nach hinten trichterförmig zu und gehen dort in einen ovalen Gang über, der jedoch für einen Menschen viel zu eng wäre.
„Ich glaube, jetzt bin ich im Revier der Echsen. Hier haben sie Steinkohle abgetragen. Wahrscheinlich verfügen sie über ein weit verzweigtes Höhlensystem.“
Noch während ich eine der Ausbuchtungen genauer betrachte, taucht aus der Höhle der grauweiße Kopf eines merkwürdigen Wesens auf.
„Das ist eine dieser Echsen!“
Erschrocken weiche ich einen Schritt zurück. Was da zu sehen ist, schockiert mich. Über dem aufgerissenen Maul stehen in zwei Reihen sechs Fühler, an deren Enden schwarze, glitzernde Kugeln sitzen. Die sind auf mich ausgerichtet, als wollte das Vieh erkunden, was es da vor sich hat. Augen kann ich nicht erkennen, hatte das ja auch nicht erwartet - hier unten in dieser absoluten Finsternis. Auch Ohren sehe ich nicht, doch die könnten unter der Haut verborgen sein. Unmittelbar oberhalb der Fühler befindet sich eine Öffnung, durch die das Tier zu atmen scheint. In seinem Maul stehen unten und oben kräftige Nagezähne.
„Damit ist es bestimmt in der Lag,e Steinkohle abzutragen.“
Als ich noch einen Schritt zurückweiche, muss das die Echse spüren, denn sie kommt aus der Höhle heraus und auf mich zu. Dabei lässt sie ein dumpfes gurgelndes Fauchen hören. Fast einen Meter ist sie lang und besitzt einen kräftigen, oben gepanzerten Schwanz, der aufgeregt den Boden peitscht. Zwei Meter vor mir verhält das Vieh. Wieder faucht die Echse drohend.
„Dann muss sie auch hören können. Wenn die mich jetzt angreift, habe ich ihr wenig entgegenzusetzen, habe eigentlich gar keine Chance. Die habe ich nur, wenn ich selbst als erster überraschend angreife und das Biest mit meinem Spaten erschlage.“
Mit zwei Schritten bin ich dem Tier so nahe, dass ich es mit dem Spaten erreichen kann. Wahrscheinlich kann die Echse diese schnelle Bewegung nicht verfolgen, verharrt. Die scharfe Kante des Spatenblattes trifft ihren Kopf mit aller Wucht. Es knirscht. Der Spaten ist in den Kopf der Echse eingedrungen, hat ihn fast gespalten. Das Tier windet sich, sein Schwanz peitscht den Boden, dann bricht es zusammen, zuckt noch ein paar Mal, verendet. Aus seiner Wunde fließt kein rotes Blut, es ist eine farblose Flüssigkeit, die sich auf dem Boden ausbreitet und ekelhaft riecht. Rasch entferne ich mich ein paar Meter, warte, was passieren wird.
„Das Fauchen und der Todeskampf der Echse könnten andere Tiere alarmiert haben. Von wo werden die kommen?“
Tatsächlich lassen sie nicht lange auf sich warten. Fünf dieser Biester drängen aus den Höhlen hervor, nähern sich dem Kadaver. Ein wildes Fauchen erklingt. Die Echsen reißen das tote Tier in Stücke und verschlingen die gierig.
„Es sind also doch Kannibalen.“
Entsetzt ergreife ich Rucksack und Spaten, will weiter den Stollen hinein. Nur weg von diesen Scheusalen. Als ich mich hastig umdrehe, schlägt mein Spaten gegen die Wand, was einen grellen Ton verursacht. Sofort reagieren die Echsen. Zwei von ihnen wenden sich mir zu. Ihre Fühler pendeln hin und her und ihre, wie bei den Schlangen gespaltene Zungen, sind in wippender Bewegung.
„Wenn die mich anfallen, ist es in wenigen Sekunden aus. Die reißen mir das Fleisch von den Knochen. Ich muss hier weg - sofort!“
Da kommen sie auch schon herangewatschelt. In diesem Moment glaube ich, dass alles zu Ende geht, bin wie erstarrt. Erst als sie schon bis auf drei Meter an mich heran gekommen sind, löst sich meine Erstarrung. Ich renne in den dunklen Schacht hinein. Irgendwo liegt ein Stein im Weg, über den stolpere ich und schlage lang hin. Meine Knie prallen schmerzhaft auf den harten Boden, die Hände sind zerschrammt. Ich blicke zurück, sehe, dass die Scheusale dicht hinter mir sind. Ihre Mäuler weit aufgerissen, kommen sie fauchend auf mich zu. Mir bleibt keine Zeit.
"Ich sage dir, die wollen mir ans Fell. Sei froh, dass du nicht hier unten bist."
Von Panik erfasst springe ich auf, donnere mit dem Kopf gegen die Decke des Stollens. Ein Glück, dass mich der Helm schützt, sonst wäre ich bestimmt ohnmächtig geworden. Rucksack und Spaten zurück lassend, renne ich ums nackte Leben. Die Luft wird knapp. Ich sehe alles nur noch wie durch einen Schleier, habe das Gefühl, als stürze ich in einen dunklen Schacht.
„Jetzt ist es aus!“, das ist mein letzter Gedanke, bevor mir die Sinne schwinden.
Noch ganz benommen komme ich wieder zu mir - im Wald neben der gestürzten Buche.
„Was war das? Befand ich mich nicht eben noch in einem Stollen, gejagt von scheußlichen Echsen. Und nun liege ich hier, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, alles ist friedlich. Kannst du mir das erklären? Du warst ja nicht ohnmächtig, hast vielleicht miterlebt, was da passiert ist.
Quatsch, kannst du ja gar nicht. Du liest doch nur das, was ich erlebe.
Warum kann ich mich nur nicht richtig erinnern, was da passiert ist?. Die Bilder bleiben unscharf, sind verzerrt wie Traumbilder. Mir kommen Zweifel, ob ich wirklich da drinnen war. Gab es diese Echsen wirklich, oder habe ich das nur geträumt? So sehr ich mich auch anstrenge, ich weiß es nicht. Aber meine Knie und meine Hände sind zerschrammt, das ist Fakt.
"War da nicht auch ein Krug aus Silber?"
Ich blicke mich um...
"Da ist keiner, auch der Rucksack fehlt. Wieso? Also doch nicht nur geträumt? Alles ist so rätselhaft und mein Kopf schmerzt.“
Nach einer ganzen Weile quäle ich mich hoch, gehe nach Hause.
„Auf keinen Fall werde ich jemandem etwas von diesem merkwürdigen Erlebnis erzählen. Vielleicht war es ja doch nur ein Traum. Und auch du schweigst! Versprich es mir! Man würde mich auslachen. Von wegen Steinkohle fressende Echsen und ein Silberschatz im Windberg. Wer sollte das ernst nehmen? Beweise dafür habe ich ja nicht.
Aber irgendwann gehe ich noch einmal dort hinauf zu der Buche, bei der diese phantastische Geschichte ihren Anfang nahm. Dann muss es sich zeigen, ob es ein Erlebnis oder doch nur ein Traum gewesen ist.“


__________________
HW

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