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Leselupe.de > Erzählungen
Windeln und Wodka für die Deutsche Botschaft in Prag
Eingestellt am 28. 01. 2009 18:58


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erbsenrot
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Windeln und Wodka für die Deutsche Botschaft in Prag
von Hilda Röder


Warte! Es gibt noch eine wahre Geschichte zu erzählen bevor ich sterbe. Nicht, dass ihr glaubt, ich werde bald das Zeitliche segnen, aber wer weiß, ob ich sie später noch aufschreiben kann. Und das wäre eigentlich schade!

Kurzreisen und Städtebesichtigungen waren etwas, das meine Familie und ich damals gern gemeinsam machten. Prag war und ist eine Stadt, die nicht nur eine Reise wert ist, und von der wir nicht genug bekommen konnten. Im Spätsommer 1989 wollten wir deshalb zum dritten Mal dorthin reisen. Wir, das waren mein Mann Peter und unsere beiden Söhne Hermann und Alexander.
Die Male davor wohnten wir bei Frau Schestauberová. Sie vermietete uns ihre eigene Wohnung gegen begehrte Devisen und zog für die Dauer unseres Aufenthalts zu ihrer Tochter. Die Unterkunft lag in der Nähe der Metrostation Zelivsbéko, so hatten wir eine prima Verbindung zur historischen Innenstadt.

Sommer 1989, es brodelte gewaltig in der DDR. Zu tausenden drängten ostdeutsche Urlauber über Ungarn nach Österreich. DDR-Bürger, die kein Visum für Ungarn bekamen, fuhren nach Polen oder in die damalige Tschechoslowakei und versuchten dort in die Deutschen Botschaften zu gelangen.
In der Prager deutschen Botschaft, dem Barockpalast Lobkowitz , hatten zwar schon in den Jahren zuvor vereinzelt Flüchtlinge aus der DDR Zuflucht gesucht, ab Februar 1989 fanden sich dort jedoch die ersten kleinen Gruppen Zufluchtssuchender ein, die sich über den rückwärtigen Botschaftszaun Zugang verschafften. Manchmal überlisteten sie auch die zu der Zeit strengen tschechoslowakischen Milizen, die jeden Besucher kontrollierten. Ab Anfang August 1989 war die Zahl der Flüchtlinge in der Botschaft auf rund 120 Personen gestiegen und täglich kamen 20 bis 50 weitere hinzu. Das Palais Lobkowitz wurde für den Publikumsverkehr geschlossen, weil der Ansturm auf das Botschaftsgelände immer größer wurde. Die Polizei schaute meist weg, und die Flüchtlinge gelangten so leichter durch das Tor oder über den Zaun.
Das war der Stand der Dinge im August 1989.

Am 21. September reisten wir nach Prag. Trotz der angespannten Lage hatten wir nicht abgesagt. Auch diesmal konnten wir bei Frau Schestauberová wohnen. Ihre Wohnung lag im dritten Stock eines grauen Plattenbaus. Wenn wir die schmalen Treppen hochstiegen, befremdeten uns immer wieder die angeketteten Fußmatten vor den Wohnungstüren. Das kleine Appartement war ärmlich eingerichtet und schmuddelig. Es bestand aus einem Wohnzimmer, einer Küche und einem winzigen Bad. Wir schliefen auf zwei ausziehbaren Bettsofas, deren Sprungfedern schon durch den Stoff pieksten. Aber wir waren froh die Wohnung benutzen zu dürfen – eine billige Alternative zu den unglaublich teuren Prager Hotels.

Im Vorfeld der sanften Freiheits-Revolutionen im Ostblock (die später zum Fall des Eisernen Vorhangs führten) gab es auch in Prag Unruhen und Demonstrationen durch Regimekritiker. Die Miliz hatte alle Hände voll zu tun, die Versammlungen auf offener Straße zu unterdrücken und zu zerschlagen. Darauf waren wir vorbereitet, als wir, gleich am ersten Tag, mit der Metro zur Altstadt fuhren. Es herrschte eine eigenartige Atmosphäre, die wir zuvor nie erlebt hatten. Ein Student, dem wir auf der Karlsbrücke eines seiner selbst gemalten Bilder abkauften, erzählte uns, dass am Vortag eine Demonstration niedergeschlagen worden war. Überall gab es Polizeiabsperrungen. Die Menschen auf der Straße bewegten sich schneller als sonst – so, als fühlten sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Wir spazierten langsam den Wenzelsplatz entlang. Knisternde Spannung lag in der Luft und drückte auf unsere Stimmung, und der graue Himmel tat ein Übriges.
Als wir uns, wie in den Jahren zuvor, auf den breiten Rand eines geranienbepflanzten Blumentroges setzten um uns auszuruhen, kam sofort die Miliz auf uns zu. Sie verjagte uns mit harter Stimme und einer auffordernden Bewegung der Maschinengewehre: „Ne! Nicht hinsetzen!“ Das Versammlungsverbot galt auch für uns!

Am Abend beobachteten wir auf dem Karlsplatz erschreckende Szenen. Mitten auf dem Platz standen große Polizeiwagen. Die Milizen trugen ihre Kalaschnikows schussbereit und hielten teilweise Schutzschilde vor dem Körper. Ihre Gesichter unter den Helmen zeigten Entschlossenheit. Reihenweise wurden Leute in die Fahrzeuge gezerrt.
Als wir über den Wenzelsplatz zurück liefen, stand vor dem Eingang der Metrostation ein Spalier der Miliz. Wir mussten durch die enge Gasse hindurch und hatten Mühe die Körper der Männer nicht zu berühren. Die behelmten Gesichter zeigten Angst. Vor wem? Vor uns?
Besorgt fuhren wir in unsere Wohnung zurück und besprachen die Situation.
„Wollen wir nach Hause fahren?“, fragte mein Mann.
„Nein!“, riefen unsere Söhne.
„Ich möchte in die deutsche Botschaft hinein und fragen, ob ich helfen kann“, antwortete ich.
„Da wird man nicht hinein dürfen“, erwiderte Peter.
„Aber versuchen können wir es doch“, entgegnete ich, „was sagt ihr Jungs?“
„Ja, wir gehen hin“, meinten sie, „sie können uns ja nichts tun – wir haben doch westdeutschen Personalausweise.“
Wir waren uns einig, obwohl wir alle ein bisschen Bauchweh und Angst vor der eigenen Courage hatten.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zur deutschen Botschaft. Unten, am Anfang der schmalen Gasse, die steil anstieg, befand sich eine Absperrung. Nach Prüfung der Personalausweise durften wir weiter gehen. Es regnete. Unsere Schuhe rutschten auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Die runden Steine glänzten tiefschwarz. In ihnen spiegelte sich unsere Angst.
Zehn Meter vor dem säulengeschmückten großen Eingangstor, stand nochmals Polizei – wieder Ausweise vorzeigen – und direkt am Tor blickten einige Wachleute der Botschaft grimmig zu uns herüber.
Meine Familie weigerte sich, noch weiter zu gehen: „Nein, da gehen wir nicht hinein! Wir versuchen es hintenrum, am Gartenzaun, vielleicht können wir da auch helfen.“
„Okay, dann trennen wir uns hier. Jeder schaut, was für ihn machbar ist. Wir treffen uns dann heute Abend in der Wohnung wieder.“ Ich wollte unbedingt in die Botschaft hinein gehen. Was konnten sie mir schon tun – ich war ja eine Westdeutsche!
Trotzdem, mir zitterten die Knie, als ich an die Wachleute herantrat und ihnen meinen Ausweis zeigte. Ohne ein Wort zu sagen öffneten sie die große Tür zum Botschaftsgebäude und ließen mich hinein.
Sofort umgab mich ein gewaltiger Lärmpegel - ein Stimmengewirr von ungefähr 4000 Flüchtlingen. Die Zustände waren katastrophal. Inmitten von Müll und Unrat standen und lagen Leute auf Decken, Koffern und Kisten. Im Garten der Botschaft waren Zelte und sanitäre Anlagen aufgestellt. Lange Menschenschlangen belagerten die Tische des Roten Kreuzes. Man konnte sich dort anmelden oder Auskunft bekommen. Auch vor den Toiletten hieß es Schlangestehen. Es roch nicht gut. An mehreren Tischen wurde Essen ausgegeben, Kinder schrieen, Väter brüllten. Überall herrschte nervöse, aggressive Stimmung. War es vielleicht der Argwohn vor Spitzeln, oder die Angst, die Botschaft wieder verlassen zu müssen?
Der Rasen und die Blumenbeete waren zertreten, knöcheltief der Schlamm. Es war nass und kalt, grau und traurig.
Ich ging durch einer der Seitentüren in das Botschaftsgebäude hinein. Auf den breiten Treppenstufen in der Halle lagen überall Menschen, manche in Schlafsäcke oder Decken eingerollt. In den Nebenräumen, soweit man hineinsehen konnte, standen Betten in Viererreihen, jeweils drei Pritschen übereinander. Später hörte ich, dass in Schichten geschlafen wurde. Es waren Zustände, wie im Krieg.
Ich fühlte mich hilflos. Wo sollte ich anfangen? Wen sollte ich fragen? Ich kam mir vor, wie eine Exotin in einem chaotischen Gefängnis, aufgewühlt, hin und her gerissen, schwankte zwischen bleiben und gehen wollen. Brüder und Schwestern? Ich kannte niemanden von ihnen; und doch, dieses immer heftiger aufwallende Gefühl der Solidarität packte mich, und ich blieb.

Am hinteren Zaun des Gartens kletterten Leute von außen an den langen Eisenstäben hoch. Sie versuchten es zumindest, wurden jedoch von Milizen wieder herunter gezogen. An anderer Stelle klappte es. Von der Innenseite des Zaunes wurde ihnen geholfen, eine Schulter gereicht oder eine Hand.
An einer kleinen Mauer stand eine Gruppe von jungen Müttern mit Babys und Kleinkindern. Ich sprach sie an, stellte mich vor und fragte, ob sie etwas benötigten, was ich ihnen besorgen könnte. Eine junge Mutter meldete sich, sie hatte einen Säugling auf dem Arm und ein Kleinkind an der Hand: „Ich habe nur wenige Unterhöschen für meine kleine Tochter mitgenommen, die sind schon alle nass. Könnten Sie mir welche kaufen?“
„Für uns bitte auch! Windeln … und Milch… und was zu essen für die Kinder!“ Die anderen Frauen äußerten sich ebenfalls mit ihren Wünschen.
„Ich werde sehen, was ich hier bekommen kann“, versprach ich und machte mich auf den Weg.

Unten, am Nikolausplatz, nahm ich ein Taxi zu einem großen Kaufhaus. Wie gut, dass ich mich in Prag schon ganz gut auskannte, sonst wäre es sicher schwierig geworden. Es gab, soweit ich wusste, keine normalen Supermärkte oder Kaufhäuser in der Innenstadt.
Ich kaufte 20 Höschen, soviel wie sie hatten und viele Windeln. Unterwegs ließ ich das Taxi bei den kleinen Läden halten und holte Milch, Kuchen und Schokolade. Leider gab es nur wenige Lebensmittel, ich musste in mehrere Läden gehen um meinen Karton zu füllen.
Das Taxi brachte mich zurück zum Nikolausplatz. Der ängstliche Taxifahrer wollte nicht bis zum Botschaftseingang hochfahren wegen der Polizisten.
Als ich mit meinem großen, schweren Karton auf dem Arm erschöpft zum Tor kam, ließen mich die Wachmänner durch, scheinbar erkannten sie mich wieder.
Gott sei Dank fand ich die jungen Frauen an der gleichen Stelle und übergab ihnen den gefüllten Karton. Die junge Mutter, die nach den Höschen gefragt hatte, fing an zu weinen. Ich nahm sie tröstend in den Arm und dann erzählte sie, was ihr geschehen war: „Mein Mann und ich sind mit den Kindern vor 5 Tagen mit dem Auto aus der DDR gekommen. Er hatte ein Visum für Ungarn, jedoch ich und die Kinder bekamen keines für Ungarn, nur für die Tschechoslowakei. Am Nikolausplatz hatte er uns aus dem Auto aussteigen lassen und gesagt, dass wir zur deutschen Botschaft laufen sollen. Er würde über Ungarn nach Österreich und von dort nach Westdeutschland fahren. Dort wollen wir uns dann bei Verwandten wieder treffen.“
Mir stiegen Tränen in die Augen. „Ich weiß nicht, wie ich trösten soll, aber ich bin mir sicher, dass die Bundesregierung euch alle hier rausholt!“ sagte ich und nickte zuversichtlich, obwohl ich es gar nicht war!
Wir umarmten uns noch einmal, und ich ging – aufgewühlt und traurig - zum Nikolausplatz runter, um irgendwo einen Kaffee zu trinken.

Aber soweit kam ich nicht. Ich beobachtete, dass direkt vor der Kirche, ein Trabi am Straßenrand anhielt. Die Türen flogen auf. Ein junges Elternpaar mit zwei sehr kleinen Kindern stieg hastig aus. Aus dem Kofferraum holte der Mann überstürzt einen Buggy und vier große Reisetaschen. Schnell, schnell, schnell! Die Frau setzte das kleinste Kind in den Buggy und beide Eltern schauten sich ängstlich und suchend um. Der Mann ging eilig um das Auto herum, schlug die Autotüren zu und legte seine Hand auf das Autodach. „Adieu, alter Trabi, wünsch’ uns Glück“, sagte er.
Ich stand direkt daneben. Spontan ging ich auf die Familie zu und sagte:„Entschuldigung, ich bin Westdeutsche. Suchen Sie die Botschaft? Kann ich Ihnen helfen? Ich weiß, wo sie ist.“
Sie erschraken fürchterlich und schauten hektisch, wie auf der Flucht, um sich.
„Haben Sie keine Angst, ich will Ihnen doch nur helfen. Kommen Sie, ich bringe sie hoch. Ich war vorhin schon oben in der Botschaft!“, erklärte ich und versuchte freundlich zu lächeln.
Sie nickten und fragten: „Kommen wir durch? Gibt es Polizei?“
„Die drücken ein Auge zu“, erwiderte ich, ob wohl ich mir gar nicht so sicher war, „ es sind schon viele Menschen in der Botschaft.“
Ich hob zwei von den Reisetaschen auf und wies ihnen den Weg: „Dort! Die Gasse hoch!“
Der Mann nahm die zwei anderen Taschen und lief hastig voraus. Die Frau schob mit einer Hand den Kinderwagen und mit der anderen fasste sie das größere Kind.
Schon nach wenigen Metern Fahrt über das holprige Kopfsteinpflaster löste sich ein Rad. „Sven! Hilf mir!“, rief sie. Der Mann kam zurück und machte das Rad fest. Noch mal zwanzig Meter … wieder ging das Rad ab … „Sven!“
Wir kamen unbehelligt an den Absperrungen der tschechischen Polizei vorbei – sie schauten einfach weg. Ruckelnd und holpernd ging es den Berg hinauf und immer wieder fiel dieses verdammte Rad ab! Mein Herz klopfte wie verrückt! Was für eine Quälerei!

Endlich waren wir am Eingangstor der Botschaft. Die Wachmänner hoben die Hände: „Halt!“ Es klang brutal. „Was wollen Sie!“
Der Flüchtling Sven antwortete: „Wir sind Bewohner der DDR und ersuchen um Asyl, bitte lassen Sie uns hinein.“
„Begründen Sie das!“, kam es schroff zurück.
Meine Nerven gingen mit mir durch und ich schrie: „Jetzt machen Sie endlich das Tor auf, sie sehen doch, dass diese Leute am Ende sind!“
Ich weiß nicht warum, aber die Wachmänner gingen zur Seite und öffneten das Tor. Wir konnten durchgehen!
Niemals werde ich den Augenblick vergessen, als sich das Tor hinter uns schloss. Wir ließen die Taschen fallen und umarmten uns, lachten und weinten – wildfremde Menschen und ich – es war ein unbeschreibliches Gefühl. Nie habe ich Ähnliches erlebt!

Ich überließ sie dann sich selbst und machte mich auf dem Rückweg. Noch immer zitterte ich und war völlig aufgelöst. Jetzt brauchte ich wirklich unbedingt einen Kaffee. An einer Straßenecke befand sich in einem wunderschönen Jugendstilhaus eine Konditorei. Der große Gastraum mit dem hohen Deckengewölbe war sehr schön. Es war ziemlich voll, und blauer Tabakqualm durchzog den Raum, bis hinauf in das schöne Deckengewölbe. Ich fand noch ein Plätzchen an einem Tisch bei zwei älteren Damen. Sie nickten mir freundlich zu und als sie bei der Bestellung hörten, dass ich Deutsch sprach, kamen wir ins Gespräch.
Zuerst fragten sie, ob ich Ostdeutsche oder Westdeutsche sei.
„Westdeutsche“, antwortete ich und sie nickten wohlwollend.
„Ich finde das nicht gut, dass die Ostdeutschen in die westdeutsche Botschaft gehen“, sagte eine der Damen.
„Ganz meiner Meinung, man sollte sie alle zurückschicken“, stimmte die andere zu und nickte bekräftigend mit dem Kopf.
„Warum bleiben sie nicht in ihrem eigenen Land? Sie bringen solche Unruhe, dass es auch hier in Prag bei der eigenen Bevölkerung Aufruhr gibt. Ich verurteile das aufs Schärfste!“ Sie schaute giftig durch das Fenster – Richtung Botschaft.
Nun musste ich mich doch einmischen: „Ich verstehe die Menschen sehr gut, sie sind Gefangene in ihrem eigenen Land und jetzt wollen sie nicht mehr.“
„Wieso Gefangene? Wir dürfen doch auch nicht einfach so reisen und haben unsere Gesetze. Ist das so schlimm?“
„Ja, ich finde das schlimm“, argumentierte ich, „ich möchte gehen, wohin ich will und frei sein!“
„Uns geht es doch gut? Was wollen Sie?“, sie schauten mich empört an. „Wir haben alles, was wir brauchen. Wir möchten gar nicht reisen - wir sind zufrieden!“

Ich gab auf. Da saß ich nun mit zwei linientreuen Kommunistinnen am Tisch – und das nach diesem Tag! Wenn die wüssten, was ich gerade hinter mir hatte …
Ich trank meinen Kaffee und machte, dass ich weg kam.

Am Abend traf sich unsere Familie wohlbehalten wieder in der Wohnung von Frau Schestauberová, und jeder erzählte von seinen Erlebnissen.
Peter, mein Mann, hatte den ganzen Tag Kisten voller Milch und Schokolade angeschleppt und durch den Zaun gereicht. Die Männer hinter dem Gartenzaun wollten, dass er Sekt und Schnaps kaufen gehen sollte. Das hat er nicht getan. Er wurde sogar sauer, dass das verlangt wurde! „Nix da!“, meinte er, „es gibt Wichtigeres, was ich einkaufen kann!“
Meine beiden Söhne, Hermann und Alexander, hatten die meiste Zeit am Zaun verbracht und immer wieder mit ansehen müssen, wie die Menschen, die über den Zaun steigen wollten, von der Miliz daran gehindert wurden, indem sie sie an der Kleidung zurückzogen. Trabis und Wartburgs wurden am Waldweg abgestellt, die Kinder und das Gepäck über den Zaun geworfen und danach kletterten die Leute hastig hinterher. Diese Erlebnisse hatten meine beiden Jungs doch sehr erschüttert.
Sie kauften zwar ebenfalls Milch, aber auf Wunsch vieler Männer hinter dem Zaun, auch Schnaps und Wodka, in Halb-Liter-Flaschen.

Erst sehr viel später erzählte mir mein Sohn Alexander seine nachhaltigste Erinnerung: Seine „vernünftigen“ Eltern hatten Höschen, Windeln, Taschentücher, Milch und anderes nützliches Zeug besorgt. Hermann und er hatten verbotenerweise auch Schnaps und Wodka gekauft. Sie wussten, dass das nicht richtig war und hatten es trotzdem getan. „Es war uns irgendwie egal. Da gab es ja auch was zu feiern. Die brauchten das einfach!“, meinte er.

Zwei Tage später fuhren wir nach Deutschland zurück. Aufgewühlt und erschüttert von den Geschehnissen. Auf dem Weg zur Grenze überholten wir viele Trabis und andere Fahrzeuge aus der DDR. Manche standen verlassen am Rande der Straße. Ein Gefühl der Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit begleitete uns bis nach Hause.
Am Abend des 30. September 1989 sahen und hörten wir die Nachricht im Fernsehen, Hans-Dietrich Genscher war in der Prager Botschaft eingetroffen und vom Balkon des Palastes sprach er:

„Liebe Landsleute,
wir sind zu Ihnen gekommen,
um Ihnen mitzuteilen,
dass heute Ihre Ausreise“

(Tausendfacher Aufschrei und Jubel)
„ … in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“









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Mumpf Lunse
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liebe erbsenrot,

endlich mal wieder eine wichtige geschichte!
(natürlich ist aus der sicht eines autors jede geschichte wichtig.)
das eigene erleben im kontext historischer vorgänge ist aber nochmal etwas besonderes.
das du bei diesem eigene erleben bleibst, macht deine spannende erzählung für mich besonders angenehm.

mich hat dein text gefesselt, berührt und betroffen gemacht.
so sehr, das ich nicht mal auf die üblichen "fehler" oder kritikpunkte, die sich - fast immer - finden, achten konnte.
vielleicht hat dein text ja auch keine "formalen" fehler.
für mich ist dieser sog ein kriteruim für einen ausgezeichneten text.

liebe grüsse

mumpf
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Schreiben ist etwas überraschendes

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erbsenrot
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Lieber Mumpf,

ich danke dir herzlich für dein Lesen und für das wirklich große Lob.

quote:
mich hat dein text gefesselt, berührt und betroffen gemacht.
so sehr, das ich nicht mal auf die üblichen "fehler" oder kritikpunkte, die sich - fast immer - finden, achten konnte.
Das freut mich ganz arg, aber trotzdem würde ich gerne meine Fehler wissen wollen, denn so perfekt kann der Text gar nicht sein!
Vielleicht geht noch mal jemand "erbsenzählend" darüber?

Liebe Grüße
erbsenrot


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erbsenrot
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Zur Feier des heutigen 30. September und die Befreiung der Flüchtlinge aus der Deutschen Botschaft, ist es mir ein Anliegen, dieses außergewöhnliche Erlebnis hoch zu puschen.

Vielleicht möchte es jemand gerade heute noch mal lesen.

Viele Grüße
erbsenrot








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Heidrun D.
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Liebes Erbschen,

da hast du gut dran getan.

(Ich staune immer wieder darüber, was dir so alles widerfährt ... kannst mit Fug und Recht behaupten, dass du reich bist, im eigentlichen Sinne.)

Deine Erzählung gefällt mir sehr gut, weil du das aufreibende Geschehen eher emotionsfrei schilderst, aber gerade dadurch Spannung erzeugst. Durch die beinahe ausschließliche Verlagerung der Gefühlsebene auf wörtliche Dialoge wird dieser Eindruck gestärkt. - Keinen Augenblick möchte man an der Wahrhaftigkeit dieser Erzählung zweifeln.

Ein gelungener Text und gelebtes Zeitgeschehen.

Herzliche Grüße
Heidrun

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erbsenrot
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Liebe Heidrun,

ich habe mich sehr gefreut über deine Zeilen, und du hast recht ... ich bin reich an Erlebnisse und empfinde eine große Dankbarkeit für diesen Reichtum.

Diese Erzählung bedurfte keine große emotionale Schreibweise. Sie spricht für sich in ihrer schlichten Erzählweise. Ich würde fast sagen: Das Leben hat diese Geschichte erzählt

Vielen lieben Dank dir und einen sonnigen Tag morgen
erbschen


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