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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Windelwetter
Eingestellt am 24. 05. 2001 12:30


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hades
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Windelwetter

Es ist WindelwetterÔÇť, sagt Mutter. Sie hat sich Waschsch├╝rze und Kopftuch schon ├╝bergezogen.
In fernen Zeiten wird man Windeln in wei├če Maschinen stopfen und einen Knopf dr├╝cken oder man wirft sie einfach in den M├╝ll. Heute hat sie aber schon fr├╝h einen gro├čen Topf mit abgebl├Ątterter Emaile auf den Kohleherd gesetzt. Mit einer Blechscheppe schaufelt sie nun hei├čes Wasser in die kleine Zinkwanne, die sie auf zwei Holzst├╝hlen aufgestellt hat. Auf dem gro├čen Tisch liegt ein beachtlicher Haufen mit Babywindeln. Das Baby ist gerade vor einer halben Stunde ges├Ąugt worden und schl├Ąft jetzt friedlich in dem kleinen Korbwagen unter einen hellblauen Decke.
Aus einem Eimer nimmt sie kaltes Wasser und mischt soviel hinzu, dass sie gerade mit den H├Ąnden hineinfassen kann. Aus einem Becher nimmt sie mit den Fingern eine gro├če Flocke Schmierseife und mischt sie mit dem Wasser zu einer wei├čen Lauge. Eine gleichgro├če Menge wirft sie in das restliche hei├če Wasser auf dem Herd. Sie greift mit beiden H├Ąnden in die Windeln und bef├Ârdert sie in die Lauge. Die Sonne steht noch tief und scheint gerade jetzt durch das Fenster in das Zimmer hinein.
ÔÇ×Geh in den Hof spielenÔÇť, sagt sie zu mir gewandt, ÔÇ×bei diesem Wetter brauchst du nicht hier herum zu hocken.ÔÇť
Mutter ist gereizt, wie immer, wenn Windelwetter ist. Ich muss gehorchen, obwohl ich lieber da geblieben w├Ąre und zugeschaut h├Ątte.
ÔÇ×Zieh die Jacke ├╝berÔÇť, ruft sie hinterher, ÔÇ×die Sonne ist noch k├╝hl.ÔÇť
Das sagte sie immer, wenn sie meinte, dass es drau├čen k├╝hl ist, obwohl die Sonne scheint.
Ich greife meine Jacke von der Garderobe und verlasse die Wohnung.
Ich muss 4 Treppen hinunterlaufen, um aus dem Haus zu kommen. Das Herunterlaufen macht mehr Spa├č, wenn ich von Stufe zu Stufe hopse. Nach zwei Treppen erwartet mich bereits Frau Tr├Âsken, die durch einen Spalt ihrer Wohnungst├╝r lugt.
ÔÇ×Komm mal herÔÇť, befiehlt sie.
Ich gehorche und stelle mich vor sie.
ÔÇ×Wenn du so die Treppe herunterspringst, poltert es jedes Mal f├╝rchterlich. Ich habe Kopfschmerzen und kann das nicht ertragen. Gehe anst├Ąndig die Treppe hinunter wie jeder vern├╝nftige Mensch auch. Du brauchst nicht solch einen Krach dabei zu machen.ÔÇť
Frau Tr├Âsken klopft manchmal mit dem Besenstiel unter die Decke, wenn ich zu sehr in der Wohnung tobe. Mutter sagt dann immer, ich soll mich irgendwo hinsetzen und still sein. Sie schimpft dann immer auf Frau Tr├Âsken, weil die keine Kinder hat und Kinder sie st├Âren. Das darf ich Frau Tr├Âsken nat├╝rlich nicht sagen.
Frau Tr├Âsken steht immer in der T├╝r, wenn ich die Treppe herunterkomme. Irgend etwas schimpft sie immer. Ich darf Erwachsenen keine Widerworte geben und nicke nur. Die beiden Treppen schleiche ich ganz leise hinunter. Unten angekommen z├Âgere ich einen Augenblick; vorne geht es zur Stra├če hinaus; Mutter hat gesagt: auf den Hof. Ich wei├č, sie wird sehr w├╝tend, wenn ich dann nicht auf den Hof gehe.
Auf dem Hof liegt in einem Anbau die Wurstk├╝che der Metzgerei Walter. Vater traut dem Metzger nicht und sagt h├Ąufig: ÔÇÜwer wei├č, vielleicht kommen bei dem Ratten in die Wurst.ÔÇÖ
Wir haben n├Ąmlich Ratten auf dem Hof, obwohl ich selbst noch nie eine gesehen habe. Meine gro├če Schwester erz├Ąhlt aber immer sehr schaurige Geschichten ├╝ber Ratten: sie w├╝rden kleine Babies anfressen und was sonst nicht alles. Ich habe Angst vor Ratten und schaue mich immer erst vorsichtig um, bevor ich den Hof betrete. Ich glaubte Ratten seien gro├č wie Hunde und deshalb halte ich immer nach so etwas gro├čem Ausschau. Nach dem ich mich ├╝berzeugt habe, dass kein hundegro├čes Unwesen im Hof auf mich lauert, traue ich mich in den Hof zu gehen und schnell bis zur offenen T├╝r der Wurstk├╝che zu laufen. Dort steige ich die zwei Stufen hoch und bleibe im Eingang stehen. In der Wurstk├╝che ist der alte Herr Walter mit seinem Gesellen Rainer. Herr Walter lacht mich an, als er mich bemerkt. Herr Walter lacht immer, wenn er mich sieht und ist immer sehr lieb zu mir. Deshalb gehe ich gerne zu Herrn Walter, wenn ich im Hof spiele.
ÔÇ×NaÔÇť, sagt er freundlich, ÔÇ×willst du uns helfen?ÔÇť Ich nicke. Rainer mischt gerade eine wei├če Masse in einem gro├čen Bottig und Herr Walter nimmt Pulver aus verschiedenen Gef├Ą├čen und streut sie in die wei├če Masse.
ÔÇ×Was machst du da, Onkel Walter?ÔÇť
ÔÇ×Heute machen wir Wurst.ÔÇť
Ich bin ganz aufgeregt, denn ich habe bisher noch nie gesehen, wie Wurst gemacht wird. Fasziniert schaue ich mir jeden Handgriff an. Nach einer Weile rollen sie die Molle, so hei├čt der Bottig, an dem unten R├Ąder sind, zu einem gro├čen Zylinder, der neben dem Tisch steht. ÔÇ×Das ist die WurstspritzeÔÇť, sagt mir Herr Walter und l├Ąchelt mir zu. Rainer nimmt aus der Molle einen gro├čen Batzen der wei├čen Masse und klatscht sie feste in die Spritze. Mit beiden F├Ąusten presst er die Masse fest in die Spritze. Dann klappen sie einen gro├čen schweren Deckel ├╝ber die Spritze und drehen ihn mit einem gro├čen Rad, das oben am Deckel war, fest. Jetzt stellt sich Herr Walter neben die Spritze und pumpt mit einen Fu├čhebel so lange, bis aus einem R├Âhrchen, das aus der Spritze herauskommt, etwas von der wei├čen Masse spritzt. Das wirft er zur├╝ck in die Molle, nimmt etwas schlabberiges vom Tisch und st├╝lpt es ├╝ber das R├Âhrchen.
Es sieht aus wie ein Schlauch; Herr Walter sagt, es ist ein Wurstdarm. Er kneift das Ende zu und beginnt mit dem linken Fu├č zu pumpen. Pl├Âtzlich schie├čt eine riesige Wurst zwischen seinen H├Ąnden hervor und landet auf dem Tisch. Ich stehe mit offenem Mund da und staune. Rainer greift sich die Wurst, kneift mit beiden H├Ąnden hinein und schleudert immer eine herum; es entstehen immer zwei W├╝rste auf einmal. In kurzer Zeit hat er eine lange Reihe mit W├╝rsten aus der gro├čen Wurst gedreht. Herr Walter spritzt schon die n├Ąchste Wurst heraus. Rainer nimmt einen schwarzen Stock aus einer Ecke, schiebt ihn durch die fertigen Wurstreihen und h├Ąngt den Stock in einen schwarzen Wagen. Gespannt habe ich bisher darauf gewartet, wann denn die Ratte in die Wurst kommt. Deshalb stelle ich jetzt die Frage, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge brennt: ÔÇ×Onkel Walter, kommen denn keine Ratten in die Wurst?ÔÇť
Verbl├╝fft schaut er mich an, dann lacht er laut:
ÔÇ×Du hast ja eine Phantasie.ÔÇť
Er f├╝gt immer noch lachend hinzu:
ÔÇ×Ratten geh├Âren nicht in die Wurst.ÔÇť
Auch Rainer h├Ąlt sich den Bauch vor Lachen. Ich sch├Ąme mich etwas, weil ich glaube, sie lachen mich aus.
In diesem Moment kommt Mutter mit einer gro├čen Sch├╝ssel in den Hof. Als sie mich sieht, ruft sie mich zu sich:
ÔÇ×Gib mir mal die Windeln an. Wir haben sch├Ânes Windelwetter, da trocknen sie schnell.ÔÇť
Ich gebe ihr eine nach der Anderen, die sie auf eine Leine klammert, die kreuz und quer ├╝ber den Hof gespannt ist. Als die Sch├╝ssel leer ist, soll ich sie nach oben bringen. ÔÇ×Ich muss noch mit Herrn Walter sprechen.ÔÇť
Im Fortgehen h├Âre ich noch:
ÔÇ×Ich hoffe, der Junge h├Ąlt sie nicht von der Arbeit ab.ÔÇť
Ich gehe nach oben und warte. Nach einer Weile kommt Mutter mit rotem Kopf in die Wohnung und blickt mich b├Âse an.
Ich wei├č, was jetzt passiert und habe gro├če Angst. Meine Mutter geht zur Tischschublade und holt einen gro├čen Kochl├Âffel heraus. Ich fange laut zu weinen an, doch Mutter schreit:
ÔÇ×Komm sofort hierher und h├Âre auf zu b├Âlken, sonst wird es nur noch schlimmer. Ich werde dir zeigen, was es hei├čt Dinge auszuplaudern, die hier oben gesprochen werden.ÔÇť
An das, was jetzt kommt, kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich wei├č nur, dass der Kochl├Âffel anschlie├čend als blaue Streifen und Flecken auf meinem ganzen K├Ârper abgebildet war.
Ich erinnere mich nicht mehr an den Schmerz. Ich sp├╝re nur noch die Angst, wenn Windelwetter ist.

┬ę April 2001


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