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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Windstille 1
Eingestellt am 26. 04. 2010 12:41


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Simone Orlik
Hobbydichter
Registriert: Apr 2010

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Leon sitzt im Auto.

Gedankenverloren schaut er aus dem Fenster. B├Ąume, H├Ąuser und gr├╝ne Wiesen rasen an ihm vorbei. Der Himmel hat hier eine Farbe, wie er ihn zu Hause noch nie gesehen hat. Ein Azurblau, f├╝r das er mit seinem Malkasten lange mischen m├╝sste, um die Farbe zu finden. \"Ich muss Opa danach fragen\", denkt er sich. \"Opa ist Spezialist im Farbenmischen, ein richtiger K├╝nstler.\"

Die Ferien werden anders, als er erwartet hat. Das Meer wartet auf ihn, irgendwo ganz im Norden. Sie fahren ihr Auto auf einen Zug, der sie auf eine Insel bringt, wo das Wasser sie von allen Seiten umschlie├čen wird. Es werden Ferien mit gro├čen und ungest├╝men Wellen, die das Meer ans Land sp├╝lt. Muscheln in allen Formen und Farben, die man am Strand suchen und als Erinnerung in einem Glas mit nach Hause nehmen kann. So viel Sand, dass man gro├če Sandburgen bauen kann. Und Wind, der einem die M├╝tze von den Ohren bl├Ąst, wenn man nicht gut aufpasst. \"Alle Kinder lieben diese Ferien\", hatten seine Eltern gesagt.

Seine Wunschferien hatte er sich anders vorgestellt. Er wollte dahin, wo die gro├čen Berge stehen, wo der See ist und wo die Sonne immer ein bisschen w├Ąrmer ist als anderswo. Wo die K├╝he gro├če Glocken tragen, damit der Bauer sie findet, wenn sie sich auf den Feldern verirren. Wo man sich einfach ├╝berall ins Gras werfen und in den Himmel gucken kann. Mit seinen Freunden. Zumindest waren das seine Freunde, bevor sie umgezogen waren. Papa, Mama, Julius und er. Eigentlich wei├č er gar nicht, ob es noch seine Freunde sind. Mama und Papa sagen, dass echte Freundschaften das ganze Leben halten. Aber seitdem der Umzugswagen kam und ihre M├Âbel in ein anderes Land gebracht hat, hat seine Freunde nicht mehr gesehen. Er fragt sich, ob er sie jemals wiedersehen wird.

Mama hat gesagt, dass man das Meer von ihrem Ferienhaus aus sehen kann. Es liegt versteckt hinter einer gro├čen D├╝ne, wo der Wind abends ums Haus bl├Ąst und man die Fenster knarren h├Ârt, wenn man ganz still im Bett liegt. Das wird er ├╝berpr├╝fen m├╝ssen. Mama hat versprochen, dass es ihm gefallen wird. Dass er dort die vielleicht sch├Ânsten Ferien in seinem Leben verbringen wird. Mit ihr, seinem kleinen Cousin und seiner Tante. Zwei Frauen und zwei Jungens. Zwei Wochen lang auf einer Insel. Es k├Ânnte die l├Ąngste Zeit seines Lebens werden. Sogar den Gameboy musste er Zuhause lassen.

Er soll auf andere Gedanken kommen, meint Mama. \"Er denkt zu viel an sein fr├╝heres Leben. Das tut ihm nicht gut\", hat sie letztens zu Papa gesagt. Sie haben gedacht, er h├Ątte es nicht geh├Ârt, aber er hat jedes Wort verstanden. Warum ist es eigentlich so schlimm, an seine Freunde und an seine Schule in seiner Heimat zu denken. Vor den Jungen in dem neuen Land hat er ein bisschen Angst. Das w├╝rde er allerdings nie zugeben.

Wenn er abends im Bett liegt und nicht einschlafen kann, weil er Angst vorm n├Ąchsten Morgen hat, denkt er einfach an seine alten Freunde und dann f├╝hlt er sich pl├Âtzlich gut und nicht mehr ganz so allein. Und dann ist alles ein bisschen besser.
\"Hey Leon! Alles klar bei Dir?\" Seine Mutter dreht sich vom Fahrersitz aus zu ihm um. Mit ihren gro├čen runden Augen schaut sie ihn fragend an. Augen, die manchmal blau, manchmal gr├╝n sind, je nachdem wie das Licht f├Ąllt. Oder, in welcher Stimmung sie ist. Ihre Augen verraten sie, egal, wie gut sie sich verstellt. Er mag es lieber, wenn sie gr├╝n schimmern. Dann geht es ihr gut. Das denkt er sich zumindest. Die Leute sagen, dass er die gleichen Augen wie sie hat. Strahlend, lachend, das Leben einladend. Und dass er sich deswegen gl├╝cklich sch├Ątzen kann.

Aber seitdem der Umzugswagen gekommen ist und sie an einen neuen Ort gebracht hat, schimmern ihre Augen nicht mehr so gr├╝n. Ihr weicher Mund lacht und sagt nette Dinge, aber wenn sie ihn abends in den Arm nimmt und zum Einschlafen ein Lied singt, dann denkt er, dass sie eine schlechte Schauspielerin ist. Ihre Augen, die sich mit ein paar Tr├Ąnen f├╝llen, verraten sie. Und trotz der Dunkelheit im Zimmer weiss er dann, dass sie dann blau und nicht gr├╝n sind. Trotzdem liebt er es, sich an sie zu schmusen, seinen Kopf an ihren Busen zu legen. Irgendwie ist das ein gutes Gef├╝hl. Ein Gef├╝hl, dass ihn weniger alleine sein l├Ąsst. Manchmal, wenn er glaubt, dass sie es nicht bemerkt, tastet er mit seiner Hand nach ihrem Busen, wartet auf ihre Reaktion. Er liebt die weichen Rundungen ihres K├Ârpers, in die man versinken k├Ânnte.

Er findet auch, dass sie unglaublich riecht. Meistens benutzt sie irgendein Parf├╝m, dass Papa ihr von einer Gesch├Ąftsreise mitbringt. Papa hat einen guten Geschmack, was die Auswahl des richtigen Duftes angeht. Er weiss, was zu ihr passt. Aber Leon liebt es, wenn sie einfach nur nach sich selbst riecht. Wenn er ihren Duft einatmet, wei├č er, dass er zu Hause ist.

\"Hey Gro├čer, wir sind bald da. Du wirst sehen: Wir haben eine super Zeit zusammen. Versprochen!\" Soll er ihr erkl├Ąren, dass er diesen Urlaub f├╝r eine total bescheuerte Idee h├Ąlt? Dass er Sehnsucht hat nach den Bergen hat, dem See, wo sie jeden Tag im Sommer gebadet haben. Den gr├╝nen Wiesen mit den Pusteblumen, die er zusammen mit seinen Freunden in den Himmel geschickt hat? Aber sie hat sich so viel M├╝he mit der Planung gemacht. Hat Stunden nach einem sch├Ânen H├Ąuschen f├╝r sie gesucht. Mit einem kleinen Garten, in dem man sich gem├╝tlich in einen Strandkorb flegeln kann, um die Ausbeute der letzten Muschelsuche zu betrachten. Er will sie nicht entt├Ąuschen.

Erst einmal ankommen. Am Himmel haben sich ein paar Wolken gebildet. Gedankenverloren schaut er aus dem Fenster und sieht zu, wie sich das Gr├╝n der Wiesen gegen das Blau des Wassers tauschtÔÇŽ.

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