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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Wir schwimmen in der Zeit
Eingestellt am 30. 07. 2002 19:47


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Torquato
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Registriert: Sep 2000

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Habe ich dich letztes Mal richtig gesehen? GlĂ€sern und spröde, so empfand ich dich. DĂŒnn deine Haut, schmal dein Handgelenk. Fast störend krĂ€ftig die Sportarmbanduhr.
Heute wundere ich mich. Dein Oberarm so weich. Sanft empfĂ€ngst du den Blick, den ich auf dich abschieße. Deine Augen, wie sie langsam grĂ¶ĂŸer werden. Du öffnest dich. Nun umgrenzt dich nichts mehr. Wir sind mitten im Feld. Wir schwimmen in der Zeit. Sie umfließt uns. Ohne Widerstand.
Wie du zu mir sprichst, langsam, ohne Nachdruck. So, ohne Hast und Heftigkeit, atmest du auch. Diese lÀssige Art, ganz anders als am Donnerstag, gefÀllt mir. Abwartend zwar, aber locker.
Du eine Frau: diese passive Weiblichkeit steht dir. Selbst dein braunes Haar fĂ€llt weich und unentschieden auf deine Schulter, die du hĂ€ngen lĂ€ĂŸt, als wĂŒrde sie heute nicht mehr gebraucht.
Auch dein FrĂŒhwarnsystem, die ganze Klingelleitung, ist ausgeschaltet. Ich halte deine Hand, ja ich knete sie. Du zuckst nicht zurĂŒck, wie letztens noch. Du riechst nach Tundra-Flechten, nach sibirischem KĂŒrbis. Seltsamen GerĂŒche ziehe ich in mich hinein. Ein lange getragenes Kleid. Ein Kefirmagen.
Ich rege mich auf, denn du, von meiner Hand gezogen, kommst nach vorn und nĂ€her und unter mich. Nun bin ich ĂŒber deinem Nacken. Ich sehe deinen trainierten Körper. Die Sehnen spielen unter der Haut. Wie sich die Adern abzeichnen, sie sind dir wie außen aufgelegt. Versorgungsleitungen nicht unter Putz.
Du stellst unverschĂ€mte Fragen. Ich fĂŒhle mich in die Enge getrieben. Weil wir unbegrenzt Zeit haben. Du sprichst schnell. Verschluckst dich dabei. Du mußt ein Tempotaschentuch nehmen, dir den Mund wischen. So viel Wasser ist dir vor Eifer in die Ecken getreten. Du verschrĂ€nkst deine Beine und nimmst mich in die Klemme.
So habe ich dich noch nicht erlebt. Du sprichst vom Eindringen. Daß wir die KörpersĂ€fte tauschen.

Du legst Musik auf, kommst zu mir zurĂŒck, der ich mitten im Raum stehe, du lehnst dich an mich, wĂ€hrend ich zum Musikkasten blicke und auf das Dröhnen aus den großen Boxen warte.
Nicht wie StockschlĂ€ge knallt es heraus, sondern weich schwimmt die Musik in den Raum. Du schiebst deine Hand in mein Hemd. Frechheit. Ich weiß doch ĂŒber dich Bescheid, du harte und spröde Nuß. Ich kenne deine Heißmacher- und deine Verweigerungs-Mechanismen.
Du hast WĂ€rme, du drĂŒckst mich, schiebst mir dein Knie in den Winkel, tust mir weh. Du schnĂŒffelst an mir. Und ich muß sagen, mir fehlen die Noten zu dir. Du lĂ€ĂŸt dich, knochenlos, weich, von mir halten. Dein Bodenkontakt ist weg.
Ich öffne die Fenster weit. Dabei hĂ€ngst du mir an wie ein Plumpsack, und duftest. KĂŒhle schwimmt ins Zimmer. Wohltuend. Du zeigst dein MĂ€dchengrinsen (Mensch, du bist 30!). Du holst dir deine Strickjacke, Modell Bayerischer Wald. Dann rauchst du. Sinnlich wölbst du die Lippen, pustest. Beißt in die Luft. Literweise trinkst du Apfelsaft. FĂ€ngst an, dir den Ellbogen zu kratzen. Gelenkgrind.
Indessen antworte ich auf jede Frage. Du grinst nicht mehr, sondern zeigst einfĂŒhlende Trauer. Sie gilt mir, meinem Alleinsein als Mann.
Letzte Woche du so spröde und zickig. Jetzt wirst du zĂ€rtlich. Erst mit Schmeichelreden. Halbe SĂ€tze, schluck-- und stoßweise. Nasse Luft an meinem Ohr. Dinge sprichst du, wandelbar, geheimnisvoll. Kommst mit Schmusegesten. Zeigefinger von links nach rechst ĂŒber meine Lippen, dann dir in den Mund.
Du öffnest ein ganzes BĂŒndel von Bezirzungsriten, machst Andeutungen, erst mit Worten, dann mit Handauflegen. Wie am SchnĂŒrchen lĂ€uft das, du schließt gar die Augen und bringst ein Knurren hervor.
Die Kluft zwischen deinen BrĂŒsten, zwei Erhebungen, ein Tal. An Schwimmstunden im Hallenbad denke ich, an der Angel, eine Korkweste um den Leib. Ich sehe zwei Wogen, ein Papierschiffchen steigt auf und ab. Ich sehe ein Kind, das die Schaukel immer höher treibt.
Schließlich platzt du mit Lachen heraus. Was fĂŒr ein lustiges Nasengesicht du hast. Die Musik fĂŒllt den Raum, wie eine FlĂŒssigkeit. Wir schwimmen in der Zeit. Ich stĂŒtze deinen Kopf im Nacken, weil dir vom Sprechen und Lachen mĂŒde ist.
Wir sitzen. Du rauchst unablĂ€ssig. Du hast Asche im Schoß. Ich muß immer wieder hingucken, wie dein schmales GesĂ€ĂŸ, dieser Kinderpopo, sich bewegt, als der graue Staub dir in den Schoß fĂ€llt, gespannter Rock zwischen den Schenkeln, und tanzt und zittert. Du duftest nach frisch geschnittenem Gras.
Deine Lust, MĂ€nner abzuweisen, ist jetzt so auf dem Höhepunkt, daß du, als ich meine Hand in deinem Schoß habe, einem Lachkrampf erliegst. Dein Busen gerĂ€t dabei vollends außer Rand und Band. Ich drĂŒcke meinen Mund darauf, ich reime Kuhle auf Buhle und bin ratlos, ob diese Stunde enden wird.
Wir schwimmen in der Zeit. Du im Schmetterlingsstil, nun gĂ€nzlich albern und außer Kontrolle. So, eine Entfesselte, bewegst du dich im Zimmer. Du liest mir aus einem Schulheft vor, das du vom Bord genommen hast: »Ach, warum macht mich der Winter mutlos und warum kĂŒmmern mich meine Schoß- und Schockreaktionen so sehr. Eisblumen am Fenster ist mir innen kalt.«

Mir gefĂ€llt die Leselupe, deshalb unterstĂŒtze ich sie... ... indem ich bereits regelmĂ€ĂŸig die Leselupen-Shop-Links nutze.
... indem ich die Leselupen-Shop-Links in Zukunft nutzen werde.

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KF
Hobbydichter
Registriert: Jun 2002

Werke: 0
Kommentare: 35
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Mannomann Wilhelm, nach dem Montabaur-Gedicht-ICE-Strecke endlich kompleto- ist das ein bisschen arg entrĂŒckt poetisch-eingebildet?

Nicht abheben und trotzdem tanzen ist angesagt:"Hatirla beni"

Knack dran

Klara F.

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