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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Wohin immer du gehst
Eingestellt am 19. 05. 2001 14:26


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Costner
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
Kommentare: 41
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Ausschnitt aus meinem Roman:

W o h i n
i m m e r
D u
g e h s t


Wilmington, North Carolina
Sommer 1995

Wenn die NĂ€chte kĂŒrzer werden und die Tage lĂ€nger, wenn die Sonne den Tag beherrscht und die warme Luft ĂŒber das Land streift, wĂ€hrend der Mond in der Nacht ĂŒber den schwarzen Himmel wandert, ja dann, dann ist es Sommer geworden und die schöneren Seiten des Lebens kriechen unter unserem dichten warmen Mantel hervor, hinter dem wir uns den ganzen Winter lang versteckt haben.

Dröhnend bahnte sich die schlagende Musik durch meinen Kopf. Es klopfte von allen Seiten so stark, dass ich kaum mein eigenes Wort verstehen konnte. Das Blitzlichtgewitter, dass von der Decke herabplatzte, verwirrte meine Sinne. Ich blinzelte jedes Mal, wenn mich einer dieser hellen Blitze wie ein Pfeil in das Herz traf. Um mir herum die Menge vieler Menschen, deren Namen ich nicht kannte, deren Gesichter unbekannt waren und unbekannt bleiben wĂŒrden. Sie zuckten wie abgeschlachtete Tiere umher, sie bewegten sich mit lasziven Blicken um ihren Partner herum. Es ging auf und ab, ihre Beine hoben sich, ihre Köpfe rollten um ihre Schultern, die Augen schlossen sich und gaben sich dem knallen der Musik hin, die aus den Boxen zu rasen schien. Aus dem blitzenden Lichtgewitter von der Decke gab es keine Beleuchtung. Die WĂ€nde um mich herum waren pechschwarz, die Scheinwerfer blendeten mich. Der Boden unter meinen FĂŒĂŸen vibrierte wie ein Erdbeben, dass ĂŒber die Erde schlich. Ich konnte mich nicht festhalten, ich schaffte es kaum zu atmen, die Luft hier drinnen war so stickig, so unglaublich dick, vom kĂŒnstlich erzeugten Rauch, der aus den Maschinen quoll, die unter der BĂŒhne herauslugten. Schemenhaft liefen einige Leute im Hintergrund an der BĂŒhne vorbei. Ich erkannte sie nicht. Ich stagnierte mitten in der Menge. Auf der einen Seite, die tanzenden Leute, auf der anderen, die Leute, die einen Drink in ihren HĂ€nden hielten, die schauen, die sich unterhielten und auch so amĂŒsierten. Es kam mir so vor, als stĂŒnde ich inmitten einer sich bekriegenden Herde von Soldaten, die nur auf den richtigen Moment warteten, um ihre Schwerter des Todes zu zĂŒcken und aufeinander loszugehen. Völlig desorientiert stand ich zwischen diesen Fronten und hatte Angst, unter sie zu geraten. Meine Beine waren schwach geworden mit dem Abend, der immer spĂ€ter wurde. Ich verstand es nicht mehr zu denken, nicht mal mehr mich zu konzentrieren. Ich versuchte Luft zu holen, doch meine Kehle schnĂŒrte sich mir zu. Ich fĂŒhlte mich nicht wohl, mein Magen drehte sich in mir um. Ich gewann keine Sympathie fĂŒr diesen Ort, ich verlor mein Bewusstsein, als wĂ€re ich an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit, in einem anderen Raum.
„Hey Schatz, alles in Ordnung?“, tĂ€tschelte mir eine Person auf die Schulter. Ihre weibliche Stimme klang gutherzig, so lieb, so verstĂ€ndnisvoll. Dann drehte ich mich um und ich sah meine Freundin vor mir stehen. Es war Mel, meine langjĂ€hrige Freundin, ohne die mein Leben nur halb so wertvoll wĂ€re. Mit einem LĂ€cheln der Vertrautheit begegnete ich ihr, sie zog ein Stirnrunzeln nach sich und schaute mich mit ihrem merkwĂŒrdigen Blick an. Plötzlich war alles still, alles anders.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie mich. Ihr besorgter Blick lies vermuten, dass ich nicht unbedingt den besten Eindruck hier hinterlies. Na ja, wie sollte ich sagen? Es gefiel mir hier nicht, ich hasste es und ich hatte es nur aus Liebe zu meiner Freundin getan.
Ohne meine ehrliche Miene herzuzeigen, versuchte ich ein angenehmes LĂ€cheln aufzuziehen um ihre GefĂŒhle nicht zu verletzen. Dann erst raffte ich mich auf, ihr die Antwort auf ihre Frage zu geben. „Ich denke schon, fĂŒhle mich nur ein wenig schwindelig, als wĂ€re ich von einem Lastzug ĂŒberfahren worden. Oder so was Ă€hnliches“, antwortete ich ihr.
Mit ihren Augen schaute sie mich an. Irgendwas beunruhigte sie. Aber selbst mich beunruhigte eine Sache, die in mir vorging. Ich wusste nicht, was es war, aber ein komisches GefĂŒhl, dass ohne eine Beschreibung auskommen musste. Denn ich wusste nicht, wie ich es beschreiben sollte. Mein Kopf dröhnte, als wĂ€re er zum Platzen verdammt, meine Knie zitterten, als hĂ€tte ich keine Kraft mehr in den Beinen. Alles war kurz zuvor nicht der Fall gewesen. Es machte mir ein wenig Angst.
Mel nahm mich an der Hand und zog mich aus diesem Schuppen raus. Ich hielt es hier keine Minute lĂ€nger aus, es war mir zuwider, den Leuten weiterhin beim Tanzen, oder besser gesagt, beim Zucken zuzusehen. Die TĂŒr zum Parkplatz knallte auf. Endlich strömte mir eine Brise kalte Luft ins Gesicht. Es war wie eine kalte Dusche, eine Erfrischung, die ich jetzt gebraucht hatte. Die dicke Luft in meinen Lungen pumpte ich sofort heraus und fĂŒllte sie mit frischer Luft. Ich atmete tief ein und wieder aus. Es war ein herrliches GefĂŒhl, ganz anders und viel angenehmer, als dort drinnen. Mit beiden HandflĂ€chen fuhr ich mir durchs Gesicht und drĂŒckte die Augen zusammen, um den brennenden Schmerz wegzubekommen. Mel hielt noch immer meine Hand.
„Ist es besser?“, fragte sie in leiserem Ton. Ihre Augen suchten die meinen, aber ich war im Moment nicht in der Lage, ihr in die Augen zu sehen, geschweige denn, die Wahrheit zu sagen.
„Ja, es geht schon wieder“, stotterte ich ĂŒber meine Lippen. Mein Gott, es ging mir wirklich nicht gerade besonders. Mein erster Gedanke war, sofort nach Hause zu fahren. Ich hielt Mel die Hand und warf ihr dann meine alles sagenden Blicke zu. Ihre Laune schien ungebrochen zu sein, sogar ein LĂ€cheln hatte sie schon wieder auf den Lippen. Ich weiß nicht, wie sie das immer anstellte. Sie lĂ€chelte in einer Tour, schien nie irgendwelche Sorgen zu haben oder Belastungen mit sich herumzutragen. Sie war immer glĂŒcklich und doch ernst, wenn es die Situation erforderte. Nicht, dass ich dagegen war, aber sie hatte eine sehr große positive Ausstrahlung auf mich, dass ich mich manchmal darĂŒber wunderte.
Angespannt schaute ich sie an, ihre blonden langen Haare gingen ihr bis zum Hohlkreuz, vereinzelt fielen ihre bezaubernden StrĂ€hnen ins Gesicht, die sie hin und wieder hinter ihren Ohren festklemmte. Ihre zarten Wangen waren mit etwas Make-up hervorgehoben worden, so wirkte ihre Ausstrahlung noch viel grĂ¶ĂŸer als ĂŒblich. Und wenn ich mir so beilĂ€ufig ihre wunderschönen blauen Augen betrachtete, da wurde mir klar, was fĂŒr ein GlĂŒck ich gehabt haben musste, dass ich sie zu meiner Freundin machen konnte.
„Wir sollten nach Hause fahren. Es ist spĂ€t geworden“, sagte ich und wollte gerade losgehen, als sie sich von meiner Hand lossagte und mich mit entsetztem Blick angriff. Ihre Miene wirkte böse, als wolle sie mich gleich auffressen. Eine seltene plötzliche Wandlung in ihrem da sein.
„Hey, Billy, wir sind erst seit einer Stunde hier. Ich möchte noch nicht gehen. Meine Freunde sind alle hier. Wir haben kaum miteinander geredet“, versuchte sie ihren Standpunkt zu vertreten. Ich verstand kaum, was sie wollte. Hatte sie denn noch nicht genug von dieser hĂ€mmernden Musik aus den Boxen, die einen fast umwarfen, versuchte man in ihre NĂ€he zu gelangen?
„Diese eine Stunde hat mir gezeigt, dass ich es nicht mehr aushalte. Komm schon Mel, wir sollten wirklich gehen.“
„Nein, ich will nicht gehen. All meine Freunde sind hier, ich sehe sie selten genug.“
Was war nur los mit ihr? Sonst war sie doch auch nicht so. War dies vielleicht der Zeitpunkt, wo ich hĂ€tte mehr auf sie eingehen mĂŒssen? Ich weiß nicht, und ich wollte die Antwort auch schon gar nicht erfahren. Jetzt zumindest nicht. Ich fĂŒhlte mich elend, wollte nach Hause gehen, mich hinlegen, nachdenken. Aber alles nahm hier seine Wandlung. Nur warum?
„Was ist mit dir los?“, fragte ich. Ich schlug schon einen Ton an, der gar nicht mehr so nett zu sein schien. Das hatte sie meiner Ansicht nach nicht verdient. Aber mein Gott, ich hatte die Schnauze voll von hier. Von dieser Disco, von all den Menschen, die herumhopsten als wĂ€ren sie alle zusammen Geisteskrank in einer Gummizelle gefangen. Das machte mich einfach kaputt.
„Was soll mit mir los sein, Billy? Ich frage dich, was mit dir los ist? Du benimmst dich so eigenartig, wie du es zuvor nicht getan hast“, warf sie mir kleinlaut vor. Manchmal konnte sie schon sehr gemein sein, dass Ă€nderte aber nichts an der Tatsache daran, dass meine GefĂŒhle ihr gegenĂŒber unglaublich groß waren. Doch langsam hegte ich den Zweifel daran, dass sie fĂŒr mich noch etwas empfand.
Doch plötzlich sah ich in ihr einen Moment, der mir bisher fremd war. In ihren Augen funkelte ein Schweif an Traurigkeit auf, TrÀnen, die sich in ihren Augen ansammelten. Was dachte sie jetzt, was geschah mit ihr? Es trieb mir die Angst in den Nacken, denn da kam mir die GÀnsehaut hoch.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich mit behutsamer Stimme. Ich wollte sie nicht mehr blöd anreden. Ich hatte keine Lust, mich mit ihr zu streiten.
Eine TrĂ€ne rann ihr ĂŒber die Wange, doch bevor ich sie wegwischen konnte, zog sie ihren Kopf zurĂŒck und wischte sie mit einem Taschentuch weg. Anschließend warf sie mir einen vorwurfsvollen Blick zu, der mich nachdenklich stimmte. Kurz darauf verschwand sie in der Disco. Ich hatte ehrlich keine Lust mehr, ihr hinterher zurennen. Das war fĂŒr diesen einen Abend genug, mehr konnte ich wahrlich nicht ertragen.
Nun blieb ich wieder mal allein auf dem Parkplatz vor der Disco zurĂŒck. Ein paar Leute schauten mich mit vorgehaltener Hand grinsend an, die anderen lĂ€sterten nur, wiederum anderen hielten sich außen vor. Es war dunkel und ziemlich kalt, ich zog meine Arme zusammen und versuchte nicht so auszusehen, als wĂŒrde ich frieren. Es lief heute wirklich nicht gut, alles schien kaputt oder schief zu gehen. Ich hatte zu absolut nichts mehr Lust. Also machte ich NĂ€gel mit Köpfen und ging nach Hause. Ohne mich umzusehen, ohne zu Fragen, wie es Mel ging, haute ich einfach ab. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll. Es musste wirklich nicht immer alles nach ihrer Nase laufen. Diesmal war es anders, ich hatte eine Entscheidung getroffen, und an der hielt ich fest. Auch ich hatte BedĂŒrfnisse. Und wie ich so auf dem Weg nach Hause war, kehrte dann doch die Einsicht zurĂŒck und ich erkannte, was ich an Mel hatte. Eine Freundin, zu der meine Liebe unbeschreiblich groß war. Zusammen ergĂ€nzten wir uns. Auf der einen Seite wollte ich alles fĂŒr sie tun, sie nicht verlieren, sie nicht verletzen, aber auf der anderen Seite gab es Dinge, die mir ĂŒberhaupt nicht gefielen oder zusagten. Bisher wagte ich es nicht, ihr entgegenzusprechen, doch heute war es etwas anderes.
Ich schlenderte durch die Nacht, auf dem Weg nach Hause. Ich wollte mich nur noch ausruhen, ĂŒber den Tag nachdenken, den Streit und darĂŒber, wie ich das wieder gutmachen könnte. Es lag mir viel daran, dass dieses Problem gleich wieder aus der Welt geschafft wurde. Es lag mir nichts daran, Tagelang schweigend an ihr vorĂŒberzugehen, sie nicht anzusehen, in Streit auszubrechen, wenn wir dieses Thema aufgriffen. Nein, dass wollte ich nun wirklich nicht.
Es war ein schöner Abend. Der Himmel pechschwarz, der Vollmond, der ĂŒber das dunkle Firmament wanderte, als wĂ€re er auf der Suche nach seinem endgĂŒltigen Platz, wo er bleiben konnte. Aber den gab es nicht. Sein Weg war unendlich, in den weiten des Raumes. Und so kam es mir auch manchmal vor. In der Zeitspanne unseres Lebens suchten wir nach einem Standort, wo wir fĂŒr immer bleiben wollten. Doch wo gab es den? Wir mussten uns auf die Suche machen, auf eine weite Suche, die manchmal zu keinem wirklichen Ende fand. Auch wenn es nach anfĂ€nglichen Gepflogenheiten ein Heim fĂŒr immer sein sollte, so war man sich nach wenigen Jahren doch ziemlich sicher, dass es nicht das war, was man sich immer gewĂŒnscht hatte. Es ist ein weiter Weg, bis man das gefunden hat, was man suchte. Und sollte man es erst einmal gefunden haben, dann hat man einen weiten Weg hinter sich gebracht, der einen MĂŒde machte.

Völlig losgelöst und mit den suchenden Blicken im verwaschenen Sand des Strandes, durch den ich watete, im Dunkeln der Nacht, nÀherte ich mich langsam meinem Zuhause, dass seinen Platz am Strand von North Carolina, Southport gefunden hatte.
Was war heute nur mit mir los? Ich konnte es mir nicht erklĂ€ren. Meine Augen schmerzten, mein Kopf pochte gegen die SchĂ€deldecke, als versuchte irgendwas herausspringen zu wollen. Klar denken konnte ich auch nicht mehr. Die komplette Umgebung wirkte irgendwie verschwommen. Gut, in der Nacht war alles sowieso ein bisschen merkwĂŒrdiger in seiner Art, aber so schlimm hatte ich es noch nie wahrgenommen. Es machte mir schon einige Angst, denn den Grund hĂ€tte ich dann doch schon gern gewusst. Ich musste an meine Freundin Mel denken, es war schlimm mit uns gewesen, was war nur geschehen? Hatte ich denn etwas falsch gemacht?
Als ich meine Augen weiter öffnete, erkannte ich die schwachen Umrisse unserer Terrasse, ĂŒber die man zum Haus gelangte, in dem ich wohnte. Ein abgelegenes StĂ€dtchen an der östlichen KĂŒste Amerikas, still und unkompliziert. Manchmal war es schon ziemlich langweilig, dass man am liebsten von hier flĂŒchten wollte. Aber dann gab es jene Tage, an denen wĂŒnschte ich mir keinen anderen Ort der Welt herbei, wo ich hĂ€tte lieber sein mögen.
Angestrengt versuchte ich langsam wie ich war, auf die Terrasse zu gelangen. Dort wartete bereits ein bequemer weicher Liegestuhl auf mich. Die Nacht war wirklich sehr schön, die leuchtenden Sterne, kein Wind und es war nicht einmal mehr so kalt, wie ich vorher angenommen hatte. Als ich am hölzernen GelĂ€nder der Terrasse ankam, zog ich mich regelrecht mit beiden Armen am GelĂ€nder nach oben. Es fiel mir ziemlich schwer, wofĂŒr ich keinerlei ErklĂ€rung finden konnte. Ich war noch nie so erschöpft wie an diesem Abend. Das jagte mir wirklich eine Heidenangst ein, mit der ich nicht zurechtkam. Ich holte tief Luft und packte die letzten Treppen an, die, als ich sie bestieg, knarrten. Obwohl sie vor einigen Wochen von meinem Dad restauriert, sprich, abgeschliffen und neu gestrichen wurden, knarrten sie unaufhörlich. Es rĂŒhrte wohl vom hohen Alter des Holzes her, dem man nicht entfliehen konnte.
Jedes mal, wenn ich einen Schritt nach oben versuchte, blieb die Spitze meines dunkelblauen Turnschuhes an der Kante der Treppe hĂ€ngen. Es kostete mich wirklich sehr viel Kraft. Zum GlĂŒck schlief mein Dad schon. Er hĂ€tte sicherlich komische Fragen gestellt und mich wie einen Kranken behandelt. Vielleicht war es nur vorĂŒbergehend eine SchwĂ€chephase meines Körpers, vielleicht der Alkohol. Vielleicht, was weiß ich schon?
Eigentlich wollte ich mich nur noch in den Liegestuhl fallen lassen, der so schön ausgebreitet auf der großflĂ€chigen Terrasse stand. Daneben stand ein kleiner runder weißer Tisch, eine Art GetrĂ€nkeablage, man erkannte dies gut an den RĂ€ndern der GlĂ€ser, wenn man etwas verschĂŒttet worden war. Eine ziemlich große Terrasse, die direkt an unser Haus angebunden war. Alles war aus Holz angefertigt. Man konnte den besten Ausblick weit und breit ĂŒber den gesamten vor uns befindlichen Strand und das Meer genießen. Es war einfach herrlich, wenn an heißen Tagen, die einem manchmal unertrĂ€glich vorkamen, eine kĂŒhle Meeresbrise ĂŒber das Land zog und fĂŒr etwas AbkĂŒhlung sorgte. Meine Ausschweifungen halfen mir auch nicht weiter.
Langsam wandelte ich am GelĂ€nder entlang, damit ich nicht umkippte und auf den Boden knallte. Ich kam mir vor wie ein KrĂŒppel, der es allein beinahe nicht mehr schaffte. Auf der einen Seite kam ich mir so hilflos vor, so verloren, aber auf der anderen Seite wollte ich mich nicht so hĂ€ngen lassen. Ich war stark, hatte Kraft, Selbstbewusstsein und ich brauchte auch niemanden, der mir half. Ich konnte das auch allein. Nun stand ich endlich vor diesem Liegestuhl. Eine warme Wolldecke lag darin. Ich zog die sorgsam von meinem Dad zusammengefaltete Decke aus dem Stuhl heraus und klappte sie auf. Kurz darauf legte ich mich in den Liegestuhl. Die Decke breitete ich ĂŒber meine Beine aus, damit es nicht zu kĂŒhl wurde. Ich lehnte mich zurĂŒck und richtete meine Augen in den entlegenen Himmel. Es war ein wunderschöner Anblick, schöner hĂ€tte er gar nicht sein können. So weit das Auge reichte, strahlten die Sterne, in ihrem hellsten Glanz, dem sie frönen konnten. Es war eine ausgesprochene Ruhe. Nichts konnte einen stören, es war einfach traumhaft, etwas anderes konnte ich mir jetzt gar nicht vorstellen. Ich war froh, hier zu sein.
Ich stellte mir die Frage, was hier wohl geschah? Eine seltsame Situation, in der ich mich befand, und aus der ich mich momentan nicht herausmanövrieren konnte. Wer weiß schon den Grund, den Inhalt dieses offensichtlichen Einbruches meiner Gesundheit? Plötzlich fiel mir alles nur noch schwer, ich war hĂ€ufiger mĂŒde, als ich hĂ€tte munter sein mĂŒssen. Manchmal fiel es mir sogar schwer, mich zu konzentrieren. Wenn ich einen Film im Fernsehen sah, wirkte alles so unscharf, so unendlich weit weg.
Die immer wiederkehrenden Erinnerungen an meine Mutter stimmten mich nicht besonders glĂŒcklich. Dennoch, ich verbrachte eine wunderbare Zeit mit meinem Dad, konnte mich nicht beschweren, wir lebten ausgesprochen gut, verstanden uns prĂ€chtig. Unser zwischenmenschliches VerhĂ€ltnis gewann an PrioritĂ€t, als Mom damals starb. Aber wie hĂ€tte es auch anders kommen sollen? Ich war froh darĂŒber, wie es jetzt war.
Nun lag ich in diesem Stuhl, auf der Terrasse vor unserem Haus, das Rauschen des Meeres in den Ohren, die kĂŒhle Luft, die ĂŒber den Strand zog und der dunkle Himmel ĂŒber mir, der mir mĂ€chtiger als alles andere auf der Welt vorkam. Mein Herz schlug schneller als sonst, ich war aber nicht aufgeregt. Nervös suchten meine Augen nach einem Flecken, auf den ich mich konzentrieren konnte, aber es funktionierte zu so spĂ€ter Stunde nicht mehr. Wie ein alter vergessener Kartoffelsack lag ich hier, bewegte mich kaum, außer dem auf und ab meines Brustkorbes, in dem sich die Lunge immer wieder mit Luft fĂŒllte. TrĂ€ge verging mir die Lust, ins Haus zu gehen, in mein Zimmer, mein Bett unter die wohltuende Bettdecke. Und schließlich war es so, als wĂŒrde mir jemand eins ĂŒberziehen. So schnell konnte ich gar nicht aufschauen, da wurde plötzlich alles schwarz, schwĂ€rzer als der schwĂ€rzeste Fleck in unserem Universum und ich verlor komplett die Orientierung. Einen Moment spĂ€ter war ich weg, im Schlaf versunken, meinen Gedanken entflohen und in eine Welt katapultiert, die rasch wie ein Hauch des Himmels herbeigeflogen kam. Von da an erinnerte ich mich an nichts mehr.




2. Kapitel

Als ich aus meinem Schlaf erwachte, spĂŒrte ich die KĂ€lte auf meiner nackten Haut. Es war Sommer und der Wind wehte nicht, dennoch war es kalt und ich zitterte. Schlaftrunken zog ich die Decke bis zu meinem Hals hinauf, damit sie mich wĂ€rmte. Langsam vermochte ich auch wieder scharf zu sehen, zuvor wirkte alles noch sehr verschwommen, der dĂ€mmernde Himmel, das Meer und die Umgebung des Strandes. Als wĂŒrde sich all das, was sich vor mir auftat, in ein einziges Objekt verschmelzen. Das Meer mit dem blauen Himmel, der Strand mit der Erde, die KĂ€lte mit der Luft und alles ergĂ€be nur einen Sinn, nĂ€mlich den des hier seins.
Hinter mir fiel eine TĂŒr ins Schloss. So nebenher bemerkte ich die Schritte auf dem Holzboden der Terrasse, die sich mir ungestĂŒm nĂ€herten. Es war wie das begleitende Pochen meines Herzens, irgendwann wĂŒrden die Schritte zu ihrem Ziel finden und der Verursacher mir gegenĂŒberstehen, wie das Herz irgendwann sein Ende finden sollte und dann, ja dann wĂŒrde ich vor dem Richter stehen, der ĂŒber alles entscheiden sollte. Aber zurĂŒck zu den Schritten, bevor ich noch gĂ€nzlich in ein Genre abschweifte, dass hier sicherlich nicht her gehörte.
Ich spĂŒrte die Gestalt in meinem Nacken, wie sie nĂ€her trat, die stechenden Blicke desjenigen in meinem RĂŒcken mit den unendlichen Fragen, die sich dieser Gestalt stellten. Ohne Furcht und ZurĂŒckhaltung trat sie vor mich. Es kam mir so vor, als stĂŒnde ich jetzt bereits vor dem jĂŒngsten Gericht, und ich vor dem allmĂ€chtigen Richter, der sich erhaben in seiner Person vor mir auftat wie der Fuß des Mount Everest vor meinen FĂŒĂŸen. Na ja, ich blinzelte ihm zu, weil ich gegen die aufgehende Sonne schauen musste. Es war mein Dad, Ryan. Er schaute mich mit seinen durchdringenden blauen Augen an, als könne er mich mit all seiner Kraft der VerstĂ€ndnis durchleuchten. Vielleicht brauchte er keine Fragen mehr zu stellen, weil er die Antworten in meinen Augen bereits las. Ich weiß es nicht. Wir schauten uns eine Weile an, dann setzte er sich auf die Armlehne meines Liegestuhles, in dem ich vor mich hin sinnierte. WĂ€hrend mein Dad mit seinen altklugen Blicken ĂŒber den Horizont schweifte, starrte ich in den kalten Sand und suchte nach den Spuren, die ich gestern Nacht hinterlassen hatte. Ich konnte sie aber nicht finden. Dann rĂ€usperte sich mein Dad. Er schaute mich nicht an.
„Was machst du um fĂŒnf Uhr Morgens hier draußen?“, fragte er mich mit seiner morgendlichen Stimme. Seine Worte klangen melancholisch, als liege ihm etwas auf der Seele, von dem er sich lösen wollte. Nur wusste er nicht so recht, wie er das anstellen musste. Ich legte mir eine Antwort zurecht, wĂ€hrend ich weiter nachdachte und dem Morgen seine Zeit nicht stahl.
„Ich war mĂŒde, dann hab ich eben hier geschlafen“, versuchte ich ehrlich zu klingen. Aber in meinen Ohren hörte sich das immer so an, als wĂŒrde ich ihm etwas vorheulen. So in der Richtung mochte es schon klingen, aber es kam bisher immer gut bei meinem Dad an. Ich hoffte, jetzt auch.
Er senkte seinen Kopf ein klein bisschen und schaute zur Seite, als wollte er in seinen Augenwinkeln meinen Gesichtsausdruck erkennen. „Ich hab dich gestern abend gesehen, als du dich in diesen Liegestuhl gelegt hast, du kannst mir nichts vormachen, Billy“, erzĂ€hlte er mir mit leiser Stimme. TĂ€uschte ich mich oder war er ein wenig in Gedanken? Mehrmals unterbrach er seinen Satz und fuhr dann mehr oder weniger beilĂ€ufig fort.
Mein Dad hatte mich also dabei beobachtet, wie ich mich in den Liegestuhl gelegt hatte. Eine interessante Feststellung, vor allem aus dem Blickwinkel des Fensters oben im ersten Stock. Es muss ihm schon eine große Freude bereitet haben, zuzusehen, wie ich mich da reingelegt haben mochte. Nur zu dumm, dass ich mich an ĂŒberhaupt gar nichts mehr erinnern konnte. Und das beste kam noch, ich hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, dass ich ĂŒberhaupt in diesem Stuhl lag, draußen auf der Terrasse, bei dieser KĂ€lte, die in letzter Zeit in der Nacht hier einkehrte. North Carolina war zwar fĂŒr seine zeitweiligen kalten NĂ€chte bekannt im Sommer, aber das es dermaßen kalt werden wĂŒrde, damit hatte wohl keiner gerechnet. Nun denn, aus GrĂŒnden, die ich mir nicht erklĂ€ren konnte, fand ich mich heute Morgen hier liegend wieder. Das kam mir erst jetzt richtig in den Sinn, als ich es auch so aufnahm. Ein kalter Schauer nach dem anderen jagte mir ĂŒber den RĂŒcken, mir selbst unvorstellbar, so was war mir noch nie passiert.
„Dad, wann bin ich nach Hause gekommen?“, fragte ich zurĂŒckhaltend. Dann drehte er sich noch weiter zur Seite und schaute mich mit seinen ausdruckslosen Augen an.
„Das mĂŒsstest du doch am besten wissen, Billy. Weißt du, manchmal verstehe ich dich nicht. Du bist so aufgedreht, so ungestĂŒm in jeder Hinsicht, sei es mit deiner Freundin oder mit deinen Freunden, und dann kehrst du in dich ein, wie heute Morgen, und du scheinst ein ganz anderer Mensch zu sein. Wieso?“
Das war eine gute Frage, die er mir da versuchte zu stellen. Aber ich hoffte, dass er selbst keine Antwort von mir erwartete. In letzter Zeit konnte ich mir diese Aussetzer bei aller Zuversicht nicht erklĂ€ren. Ich weiß, dass mit mir irgendwas nicht stimmte. Es war nicht so, dass ich mir großartige Sorgen darĂŒber machte oder mir den Kopf darĂŒber zerbrach, nein, ganz im Gegenteil. Ich nahm dies als fortschreitendes Pupehrtieren meines Körpers und der unzĂ€hligen Hormone, die in diesen Entwicklungsjahren ihr Gleichgewicht suchten. Anders konnte ich es mir nicht erklĂ€ren. Vielleicht hang ich mich an dieser ErklĂ€rung nur fest, und wollte nichts anderes akzeptieren.
„Hey, Dad. Ich kann dir leider die UmstĂ€nde, wie es dazu gekommen ist, nicht erklĂ€ren. Frag mich nicht nach dem Grund, denn ich kenne ihn nicht.“
„Was meinst du damit, du kennst ihn nicht? Du musst doch eine Ahnung haben, wie du hier hergekommen bist?“, fragte er neugierig. Wieder einmal machte er eine große AffĂ€re aus einem kleinen Elefanten. Wie war das zu interpretieren? Ich verwarf den Gedanken schnell wieder.
Aber so war nun mal mein Dad, gut, er machte sich Sorgen, aber ĂŒbertreiben brauchte man es auch nicht. Auf einmal stand er auf, drehte sich um und schaute mich an. „War Alkohol im Spiel?“ Diese Frage hatte diesen besonderen Unterton, den er gern anwandte, wenn er die Wahrheit wissen wollte, und nichts als die Wahrheit. Aber solche Fragen kannten gar keinen normalen Unterton.
Ich schĂŒttelte nur den Kopf. „Nein, es war kein Alkohol im Spiel. Das hatte ich dir versprochen und daran halte ich mich auch.“ Ich schaute zu ihm hinauf, schickte ihm dabei einen zornigen Blick hinterher. „Du weißt ganz genau, dass ich das niemals tun wĂŒrde.“
WehmĂŒtig schaute er zu mir herab, als wĂŒsste er sich nicht zu entschuldigen. „Es tut mir leid“, flĂŒsterte er eine Entschuldigung ĂŒber seine Lippen. Das ging mir wiederum sehr nahe. Nun standen wir zwischen einer verfahrenen Situation. Keiner von uns beiden wusste so recht, wie wir nun fortfahren sollten. Die stille AtmosphĂ€re ging im Klang des rauschenden Meeres unter. Wie oder wo wĂŒrden wir nur stehen, wenn es keinen Anfang und kein Ende gĂ€be? Es war jene Schicksalsfrage, die ich mir stellte, wenn mein Leben fĂŒr einen kurzen Moment auf der Stelle trat und nicht vorankam.
„Ich weiß, dass du das niemals tun wirst. Es war eben nur dieser eine Gedanke, der mir manchmal mein Gewissen zerfrisst und ich keine Ahnung habe, wie ich ihn herunterspĂŒlen sollte“, erklĂ€rte Billys Dad mit zurĂŒckhaltender Stimme. Mehr als denn je schien es ihm nicht so gut zu gehen. Aber wohin trugen mich meine GefĂŒhle? Wohin fĂŒhrten sie, wenn ich nicht einmal im Stande war, meinem Dad zu helfen?
„Du solltest es am besten nicht mit Alkohol herunterspĂŒlen. Ich möchte nicht, dass es so wird, wie es einmal schon war.“
„Keine Angst. DarĂŒber brauchst du dir nun wirklich keine Sorgen zu machen.“



__________________
cu
M.

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo willi

die beiden Kapitel lassen schon einiges vermuten, und ich wĂŒrde gerne mehr lesen, nur diesen einen satz " Mit ihren Augen schaute sie mich an," wĂŒrde ich weglassen oder umschreiben, denn womit sollte sie ihn sonst anschauen?
ganz lieb grĂŒĂŸt leonie

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Costner
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
Kommentare: 41
Die besten Werke
 
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ha ha....

wow, tiefgrĂŒndiger beitrag von dir. nenn mir eine geschichte, die nicht standard ist und die es noch nicht im film gegeben hat. du wirst lange suchen, und doch nichts finden. denn alles war schon einmal da.
__________________
cu
M.

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

Hi willi

Bitte schick mir dein manuskript freue mich darauf es zu lesen,
liebe grĂŒĂŸe leonie

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pirx
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,

hat etwas gedauert, weil ich wenig Zeit hatte. Schön und einfĂŒhlsam geschrieben, Dein Stil gefĂ€llt mir gut. Macht neugierig auf mehr.

@panhandler:
Jedes gute Buch ist schon geschrieben und jeder gute Film schon gedreht worden.
Und dennoch: Da gibt es plötzlich ein neues Buch oder einen neuen Film, und Dein Leben verÀndert sich.

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