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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Wolhynische Rhapsodie oder Frau L. aus W.
Eingestellt am 03. 10. 2003 15:27


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glasperlenspielerin
???
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(1. ├ťberarbeitung. Bin f├╝r jede weiterf├╝hrende Kritik dankbar.)

Wolhynische Rhapsodie oder Frau L. aus W.

Unsicher steigt sie aus dem Zug. Eine 48 st├╝ndige Fahrt liegt hinter ihr.
Jetzt um sie herum die Vergangenheit in modernem Style.
Sie steht da, r├╝hrig bescheiden in ihrem blassblauen Kleid mit dem geh├Ąkelten Kragen. Ihre Schuhe klobig. Das Handt├Ąschchen fest an ihren K├Ârper gepresst. Neugierig den Worten des ├ťbersetzers lauschend.
Trotz ihres Alters hat sie etwas trotzig-kindliches an sich. Ein Naturkind mit einem Faltengesicht, denke ich, fasziniert von ihrer Ausstrahlung.

Am n├Ąchsten Tag treffe ich Frau L. beim Zeitzeugengespr├Ąch im Institut wieder. Meine innere Unruhe, die mir unerkl├Ąrlich ist und daher be├Ąngstigend, kann ich kaum verbergen. Die Interviews, die ich bisher als Historikerin im Rahmen des Projektes durchgef├╝hrt habe, kann ich schon fast nicht mehr z├Ąhlen. Ich verf├╝ge ├╝ber eine professionelle Routine: d.h. den Zeitzeugen mit geschickten Fragen aus der Reserve locken, seine Erinnerungen freilegen, die Emotionen still mittragen ohne sich mitrei├čen zu lassen. Ich habe schnell gelernt zwischen real Erlebtem und Fiktion zu unterscheiden.
Alles ist wie gewohnt vorbereitet. Das Diktierger├Ąt einsatzbereit, auf meinem Gesicht das vertrauenvermittelnde L├Ącheln. F├╝r das Gespr├Ąch habe ich wie immer bewusst dezente Kleidung mit einem Hauch Folklore gew├Ąhlt. Dies kann ein Weste, Tuch, Schmuck sein, Geschenke einer meiner Freunde aus dem ÔÇ×OstenÔÇť. Der pr├╝fende Blick meines Gegen├╝ber entdeckt meist sofort diese kleine Botschaft, die Verbindendes signalisieren soll. So auch dieses Mal. Frau L. registriert meine buntbestickte Weste aus der Ukraine. Welchen Eindruck dies auf sie hinterl├Ąsst, verraten ihre Gesichtsz├╝gen nicht.
Wie immer habe ich den besonders bequemen Ledersessel aus dem Foyer in mein Zimmer geschoben. Frau L. hat ihr Kleid von gestern an, sitzt kerzengrade, man kann nicht sagen verkrampft eher gefasst, nur auf der vorderen Kante des Stuhls. Dies l├Âst bei mir eine unerkl├Ąrliche Entt├Ąuschung aus.
Das Diktierger├Ąt summt vor sich hin. Die Stimme von Frau L. ist leise, so dass ich sie mehrmals bitten muss lauter zu sprechen. Sie schaut mich pr├╝fend an und f├Ąhrt unbeirrt fort, ihre Erinnerungen in ihrem melodi├Âsen slawischen Singsang mehr dem Kasettenband als mir anzuvertrauen.
Aus meinem Interviewbogen notiere ich: Frau L. wurde 1928 geboren in einem Dorf im wolhynische Niemandsland, wo alles nach Stillstand riecht.
Zur Schule ging sie nicht, da diese weit entfernt war und ihre Arbeitskraft auf dem Bauernhof ihrer Eltern gefragt war. Sie war aufgewachsen mit H├╝hnern, Schweinen, K├╝he.
In der sterilen Umgebung meines Arbeitszimmers macht sich der Geruch nach frischem Heu, der Geschmack von selbstgebackenem Brot, k├╝hlendem Wasser aus erdigen Brunnen, der Trauergesang bei Beerdigungen, die Freude bei Geburten und Hochzeiten breit. Mit meinen ├╝bersensibilisierten Sinnen vermeine ich Frau L. ├╝berm├╝tig mit ausgebreiteten Armen im Sommerregen tanzen zu sehen und mit ihr das berauschendes Gef├╝hl die warme staubige Erde unter den Fu├čsohlen zu sp├╝ren. In einem eigenartigen fiebrigen Zustand kann ich den Worten von Frau L. kaum folgen.

Frau L. :
"Als ich 15 Jahre alt war (1943), arbeitete ich gerade mit meiner Mutter und meiner Schwester auf einem Feld, da kamen Soldaten, packte mich und forderte mich auf, mitzukommen. Meiner Schwester gelang es noch, in den Wald zu fliehen. Ich aber wurde in einem G├╝terzug nach K. verschleppt. Im Zug war es eng und es gab nur sehr kleine Fenster. Ich arbeitete schlie├člich in einer Metallfabrik am Flie├čband, wo ich Metallteile herstellten. Mein Arbeitgeber zeigte manchmal ein gutes Herz. Er brachte uns etwas Essen. Mein Lohn bestand aus zwei Mahlzeiten am Tag. Geld bekam ich keines. Die Wohnverh├Ąltnisse in den Baracken waren unertr├Ąglich. Ich arbeitete mit Franzosen und Belgiern zusammen, mit denen ich gut auskam, denn wir waren ja alle in der gleichen Lage, obwohl der Meister zu denen freundlicher war. Ich war ja nur eine aus dem Osten. Mein Heimweh war sehr gro├č. Die Sorge wie geht es meiner Familie.
Ein Gef├╝hl wie Hass gegen├╝ber den Deutschen hatte ich, besonders bei Bombenangriffe, die schrecklich waren. F├╝r mich war das Betreten der Bunker verboten. Ich kauerte mich in irgendeine Ecke und hoffte, dass Gott mich besch├╝tzt.
Als der Krieg vorbei war, kehrte ich in die Heimat zur├╝ck Ich wurde verh├Ârt und als "Vaterlandsverr├Ąterin" in ein Arbeitslager nach Sibirien gebracht. 5 Jahre war ich dort.
Als ich in mein Dorf zur├╝ckkehrte, waren meine Eltern schon verstorben. Ich heiratete A.A.L.
Wir haben einen kleinen Bauernhof mit H├╝hnern, Schweinen und einer Kuh. Meine Tochter M. bekommt im Herbst ein Kind.
Darauf freue ich mich. Wir sind gl├╝cklich. Wir haben genug zu essen, ein Dach ├╝ber dem Kopf und k├Ânnen in die Kirche gehen, wenn wir wollen.
M├Âge Gott uns vor Kriegen f├╝r immer bewahren!"



W├Ąhrend des Gespr├Ąchs nestelt Frau L. ununterbrochen an ihrem Taschentuch. Ihre Stimme wird immer leiser. Als sie von den Bombenangriffen berichtet, stockt ihr Redefluss. Eine kleine abgemagerte 16-j├Ąhrige in der Maske einer alten Frau!

In ihrem Blick spiegelt sich f├╝r eine Sekunde das Grauen von gestern.

Der Raum ist ├╝berf├╝llt von Bildern aus der Vergangenheit. Ich kann sie sehen, sp├╝ren, schmecken, h├Âren. Aus diesem Gef├╝hl des Ber├╝hrtseins k├Ânnte ich mich mich auf den Boden werfen.
Voller Wut, Trauer, Verzweiflung, Abbitte leisten, s├╝hnen f├╝r wen auch immer! F├╝r vergangenes f├╝r zuk├╝nftiges Leid!

So als ob sie meine inneren Qualen sp├╝rt, reicht sie mir die Hand beim Abschied, dabei mild l├Ąchelnd: "Besuchen sie uns doch! Im Sommer, wenn die Sonnenblumenfelder bl├╝hen, ist es bei uns wundersch├Ân!"
Es ist keine Floskel - sie meinte es ehrlich! und dies entzieht mir v├Âllig den Boden unter den F├╝├čen!

Und vor meinen Augen sehe ich mich als 10-j├Ąhriges viel zu d├╝nnes, viel zu ernstes M├Ądchen im Samtkleidchen mit wei├čen Kragen vor unserer Ausreise aus dem osteurop├Ąischen Niemandsland in den Westen, krank vor Sehnsucht nach dem berauschenden Gef├╝hl die warme staubige Erde unter den nackten Fu├čsohlen zu sp├╝ren und mit ausgebreiteten Armen im warmen Sommerregen zu tanzen.
*
*
*
Der Blick zu lange getr├╝bt durch Tr├Ąnen.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hi, Spielerin mit den Glasperlen,

ein psychologisch ├╝berzeugender, stilistisch sehr pr├Ąziser, brillant konturierter Text, dessen Akribie sprachlich dem Versuch gleicht, das Leiden, das Unbegreifliche, zu bannen. Dem Schrecken Herr zu werden. Oder doch in eine darstellbare Form zu bringen.

Eine Passage scheint mir in diesem Zusammenhang der ├ťberpr├╝fung Wert. Der lakonisch-fatalistische Bericht der Betroffenen l├Ąsst viel Raum f├╝r Empfindungen IM Leser. Der Bericht ist sehr gelungen. Deshalb droht folgender Satz eigentlich die sprachlich-stilistische Intention der Geschichte zu konterkarieren.
Voller Wut, Trauer, Verzweiflung, Abbitte leisten, s├╝hnen f├╝r wen auch immer! F├╝r vergangenes f├╝r zuk├╝nftiges Leid!

Dieser emotionale Kommentar scheint mir unn├Âtig, weil schon der Leser in sich diesen Gedanken und diese Emotionalit├Ąt entwickelt. Hier wird mit dem Prinzip der zur├╝ckgehaltenen Verzweiflung und Empfindung gebro-chen. Das w├╝rde ich unbedingt vermeiden. Ohne diesen Satz gewinnt der Text. Alles, was in diesem Satz expressis verbis steht, steht doch in der Geschichte. Zwischen den Zeilen. In der ÔÇ×GefasstheitÔÇť der Betroffenen. (Auch der letzte, betont abgesetzte Satz des Textes nimmt Wirkung und verst├Ąrkt sie nicht. Hier geht die Distanz verloren.)

Im folgenden Satz bitte das doppelte ÔÇ×michÔÇť streichen. ÔÇ×Aus diesem Gef├╝hl des Ber├╝hrtseins k├Ânnte ich mich mich auf den Boden werfen.ÔÇť
Diesen Satz finde ich durchaus okay. Weil er eine intendierte Handlung ausdr├╝ckt und keine dem Text die Wirkung nehmende Reflektion darstellt.

Wie das Thema angegangen wird, ist souver├Ąn. Der Stil ist klar, bewusst. Ein hochkar├Ątiger Text. Fast eher ein Protokoll, eine Dokumentation. Mit ganz gro├čem Gewinn gelesen. Vergessen tut man den Text nicht. Bestimmt nicht. Was kann man als Schreibende mehr erreichen?

Herzlichen Dank

__________________
Monfou

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glasperlenspielerin
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 40
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hi Monfou Nouveau,


thanx f├╝r deine m├╝he, deine kritik und deine anerkennenden worte

denke, dass deine folgenden hinweise ein gewinn f├╝r die geschichte sind und werde sie bei einer neueren ├╝ber arbeitung ├╝bernehmen.

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von Monfou Nouveau
Deshalb droht folgender Satz eigentlich die sprachlich-stilistische Intention der Geschichte zu konterkarieren.
Voller Wut, Trauer, Verzweiflung, Abbitte leisten, s├╝hnen f├╝r wen auch immer! F├╝r vergangenes f├╝r zuk├╝nftiges Leid!
Das w├╝rde ich unbedingt vermeiden. Ohne diesen Satz gewinnt der Text.

(Auch der letzte, betont abgesetzte Satz des Textes nimmt Wirkung und verst├Ąrkt sie nicht. Hier geht die Distanz verloren.)



danke

so long

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