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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Wurde einst Genosse, doch war es bald nicht mehr...
Eingestellt am 29. 09. 2002 16:45


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Lambertus
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Da saß er also hinter seinem riesigen alten Schreibtisch, der kleinwĂŒchsige, fettleibige Genosse Artur Groos, ParteisekretĂ€r dieses Unterbezirks. Vor ihm Aktenberge, teils vergilbt, wie sie gern Leute vor sich aufbauen, die ihre Wichtigkeit betonen möchten. Mit einer laschen Handbewegung, die so etwas Gnade Erweisendes ausdrĂŒckte, lud er uns ein, Platz zu nehmen.

Klaus W., der mich begleitete und mir dieses Treffen mit dem Genossen Groos vermittelt hatte, bedankte sich artig, setzte sich etwas abseits, wĂ€hrend ich in den Sessel vor dem abgestoßenen Schreibtisch plumpste. - Heute denke ich, dieses Sitzmöbel wurde nachtrĂ€glich tiefer gelegt, denn - damals immerhin schon ĂŒber 1,80 m - war ich sitzend plötzlich kleiner als Genosse Groos. Da war ich dann so, wie er mich sehen wollte, - oder wie ich ihn sehen sollte.

Ich war damals junges Parteimitglied voll ĂŒberschĂ€umender Überzeugung und wollte gern aktiv sein. Eine Kommunalwahl stand bevor. Prominente Redner wurden zu Wahlveranstaltungen erwartet. - Es war ĂŒblich, dass vor dem Hauptredner bis zu fĂŒnf Leute kurze Vorreden hielten, man nannte sie “Vorredner”, - Leute aus dem Partei-Volk, gut gemixt zwischen jung und alt, Arbeitern und Angestellten, die dann ihre - wie man heute neudeutsch sagt - “statements” abgaben. - Ich hatte einen Text verfasst, den ich fĂŒr ganz toll hielt und den ich gern in einer Wahlveranstaltung vortragen wollte. Dazu diente beim Genossen Groos dieser Termin, den mir Genosse Klaus W. - Jungsozialisten-Vorsitzender - verschafft hatte.

Bisher hatte ich alle Parteimitglieder ebenso geduzt wie sie mich duzten. - Klaus W. hatte mir im Vorfeld zugeraunt: “Falls du nicht selber drauf kommst: Es heißt Genosse Groos und Sie... Klar?”

Ich nickte, sah das aber gar nicht ein. Und so saß ich dem kleinen Genossen Groos in dem tiefergelegten Sessel wie ein HĂ€ufchen Elend gegenĂŒber und schaute gebannt auf den ParteisekretĂ€r, der missmutig meinen Text betrachtete und dabei grummelte wie beim widerwilligen Diagonallesen. - Exzellenz als Anrede hĂ€tte besser gepasst als Genosse...

Stöhnend lehnte sich Seine Exzellenz zurĂŒck, griff nach einem Zigaretten-Etui, tippte den Glimmstengel einige Male auf und schob ihn zwischen seine farblos erscheinenden Lippen. Dann kramte er aus seiner Westentasche ein Feuerzeug heraus, betrachtete es eine Weile liebevoll und reichte es mir herĂŒber. “O danke,” sagte ich ebenso artig wie ĂŒberrascht; denn ich hielt das fĂŒr ein Geschenk.

In diesem Augenblick sprang Genosse Klaus W. auf, entriss mir das Feuerzeug, entschuldigte sich bei seiner Exzellenz, gab ihm eiligst Feuer und reichte ihm untertĂ€nigst sein Feuerzeug zurĂŒck. - Aus meiner Rede wurde nichts. Ich mĂŒsse noch viel lernen, sagte man mir. - Wie wahr... Den Knacks in mir hĂ€tte man eigentlich hören mĂŒssen!

Dies ereignete sich nicht etwa in der SBZ (sowjetisch besetzte Zone) bzw. in der DDR! - Nein, dies geschah im Westen in der Landeshauptstadt DĂŒsseldorf Ende der 50er Jahre. - Bund und Land wurden regiert von den Konservativen. Es war die Adenauer-Ära, die Zeit des eisernen Alten, der wusste, was er wollte und der eine genaue Vorstellung hatte, was wie aus Deutschland werden sollte, - ein Kanzler, der sich durchzusetzen vermochte, entweder andere ĂŒberzeugend oder andere ĂŒber- bzw. umgehend oder auch mal hintergehend. “Nur nit so pingelig,” war seine Devise auf dem Hintergrund einer urkonservativen Grundhaltung mit katholisch-klerikaler Verkettung. Dieser Kanzler hatte Erfolg, in der Politik, im HerabwĂŒrdigen politischer Gegner und vor allem bei Wahlen. Der damalige allgemeine wirtschaftliche Aufschwung hielt ihn an der Macht, ging aber an meinem konservativen Elternhaus komplett vorbei. Die Situation schrie fĂŒr mich nach Protest.

Ich sah damals soziale Ungerechtigkeiten an allen Ecken und Enden und diente einem Lehrherrn, den ich heute noch als asozialen Ausbeuter und Menschenschinder bezeichne. - Es sollte anders werden, ich wollte dabei sein, trat mit Begeisterung der SPD bei und kam altersbedingt zur Gruppe der Jungsozialisten, geleitet von Klaus W. -

Die DĂŒsseldorfer Jungsozialisten waren damals ein “recht netter Haufen”, etwas chaotisch, aber sympathisch. - Wir unternahmen schöne Reisen, einige Male nach Berlin (alles vor dem Mauerbau) und zur BrĂŒsseler Weltausstellung. - Diese Reisen verdienten durchaus den Namen “Bildungsreisen”; denn sie waren gut organisiert, schlossen politische und natĂŒrlich auch parteipolitische Bildungsforen mit ein, ließen aber genĂŒgend persönliche Freiheiten. - Wir bekamen oft Gelegenheit, mit hochrangigen SPD-Politikern zu diskutieren. Und an diesem Punkt bekam meine Begeisterung wieder einen Knacks... Es gab Du-Genossen, und es gab die höhere Ebene mit den Sie-Genossen... Alle Genossen waren gleich, aber ich lernte den widersinnigen Komparativ von gleich kennen: gleicher... Manche waren eben gleicher.

Nach meiner Lehrzeit vermittelten mir die Genossen einen Job bei einer Firma X in Bonn, angesiedelt in der sog. SPD-Baracke. Diese Firma beschĂ€ftigte sich vornehmlich mit der gĂŒnstigen Beschaffung von Papier fĂŒr SPD-nahe Zeitungen. - Eine Menge Leute betĂ€tigten sich hier irgendwie, bis der Tag zu Ende war. Ich langweilte mich zu Tode und traute meinen Ohren nicht, als mir eines Tages mein direkter Vorgesetzter anriet, mir doch aus der BĂŒcherei etwas zu lesen zu holen. Einige Male mussten wir auch antreten, dann nĂ€mlich, wenn der SIE-Genosse Erich Ollenhauer (damals SPD-Vorsitzender, korrekte Anrede “Genosse Vorsitzender” aus aktuellem Anlass in der SPD-Zentrale eine ErklĂ€rung abgab.

Einen Monat langweilte ich mich hier herum, dann hatte ich auf dem freien Markt einen neuen Arbeitsplatz gefunden, der diesen Namen verdiente. Immerhin hatte ich gelernt, wie ein wirtschaftlich-arbeitender Betrieb nicht funktioniert, bzw. wie man einen solchen ruiniert, wenn es keine Subventionen gibt. - Wenn ich heute etwas von Subventionen fĂŒr Wirtschaftsunternehmen höre, habe ich stets diese “Witz-Bude” vor Augen... Aber vielleicht machte X ja trotz allem Gewinn; dann zahlten halt deren parteigebundenen Kunden die Zeche. SolidaritĂ€t statt Wettbewerb, Relikte aus der Planwirtschaft... Mir wurde mulmig bei solchen Gedanken.

Es dauerte nicht lange, da sank meine Partei-AktivitĂ€t nach und nach auf den Nullpunkt. - Ich blieb zwar Mitglied, zahlte meine BeitrĂ€ge, verteidigte auch die Ziele der Partei vehement gegenĂŒber Andersdenkenden, nur eines fiel mir immer schwerer: die Kommunikation mit den eigenen Genossen. Schließlich mied ich sie völlig. Sprachen wir noch die gleiche Sprache?

Mein neuer Chef war ein knallharter Bursche, der stĂ€ndig betonte, kein Sozialamt zu sein. Vor einer Wahl forderte er seine Angestellten ungeniert auf, richtig - nĂ€mlich CDU - zu wĂ€hlen. Und irgendwann konnte ich meinen Mund nicht halten, und so erfuhr mein neuer Boss, dass ich SPD-Mitglied war. Er sah mich groß an, ich errötete ob dieser Peinlichkeit, und er lachte sich deswegen halb schief. -

“Richtig so,” meinte er gnĂ€dig, “wer in der Jugend kein RevolutionĂ€r ist, der hat kein Herz. - Nur, junger Freund, wer im Alter immer noch RevolutionĂ€r ist, der hat keinen Verstand!” - Fortan frotzelte er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wegen meiner Gesinnung herum. In einem Rundschreiben, in dem Mitarbeitern eine Gehaltserhöhung angekĂŒndigt wurde, fand sich bei mir z.B. der handschriftliche Vermerk meines Chefs: “Gilt auch fĂŒr Sozialisten”. - War ich nun bei ihm “unten durch”...? - Wahrscheinlich... WĂŒrde mir bei nĂ€chster Gelegenheit gekĂŒndigt? - Ich war davon ĂŒberzeugt; denn eines war mir bis dahin im Leben zu selten begegnet und daher geradezu fremd: Toleranz.

Der Chef paukte uns stĂ€ndig ein, welche Pflichten wir hĂ€tten. Irgendwann gab es mal eine Auseinandersetzung deswegen in grĂ¶ĂŸerem Kreis. Einzige Antwort des Chefs: “Und ihr haltet mir stĂ€ndig vor, welche Rechte ihr habt... Also, ist das doch alles ausgeglichen.” - An diesem Abend habe ich viel ĂŒber die Ausgewogenheit von Rechten und Pflichten nachgedacht. Und darĂŒber, dass es ehrlich empfundener und gelebter Toleranz bedarf, beides anzuerkennen. - War der Chef vielleicht - obwohl CDU-Mitglied - vielleicht gar kein so ĂŒbler Kerl?

Dann plötzlich an einem Mittwoch, es war kurz vor Feierband, rief mich mein Chef zu sich, musterte mich einen Moment und fragte, wie alt ich sei. Ich erwartete den Rausschmiss.

“Dreiundzwanzig.”

“Das ist sehr jung... Hm - hm - hm... Ich habe soeben meinen Bruder fristlos entlassen und brauche sofort jemanden als Leiter unserer Niederlassung in Gelsenkirchen, der dort wieder fĂŒr Ruhe und Ordnung sorgt. “ - Und fĂŒgte ironisch lĂ€chelnd hinzu: “Mit Ihrer Sozialvorbildung sollte das ja kein Problem fĂŒr Sie sein... Ich traue Ihnen das mal zu - trotz Ihrer Jugend. EnttĂ€uschen Sie mich nicht.”

Am nĂ€chsten Morgen fuhr ich nach Gelsenkirchen, hatte privat ein Firmenauto zur VerfĂŒgung und stand vor der Aufgabe, einen total verlotterten Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Gutwillig und unerfahren - weil eigentlich fĂŒr diese Aufgabe wirklich zu jung - geriet ich so voll in die MĂŒhlen der Interessenskonflikte zwischen Unternehmens- und Arbeitnehmer-Interessen, die zunĂ€chst darin bestanden, sich alle möglichen und unmöglichen Freiheiten zu sichern, die mein VorgĂ€nger stillschweigend geduldet hatte. Ich machte gewiss viele Fehler. Es kam zu lautstarken Auseinandersetzungen bis hin zu fristlosen KĂŒndigungen. Und da kamen die Genossen in persona von Gewerkschaftlern wieder auf mich zu, die mir erklĂ€rten, dass es keine Arbeitsverweigerung sei, wenn jemand meine Anordnungen nicht befolgen wĂŒrde. - Es sei auch kein Grund zur Entlassung, wenn fast tĂ€glich die Kassenabrechnung nicht stimmte... usw.

Als ich in der Filiale Gelsenkirchen wieder eine verlĂ€ssliche Truppe zusammen hatte, war ich ein Jahr Ă€lter - und kein RevolutionĂ€r mehr. - Mein Parteibuch hatte ich lĂ€ngst zurĂŒck gegeben. -


© Lambertus, September 2002

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tommix
Hobbydichter
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Ja so sind sie, die echten Genossen... Vereinsmeierei, von der sich die SPD bis heute nicht befreien konnte. Schöner Erlebnisbericht! Gruß, tommix

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doktordigitalis
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Registriert: Jun 2001

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Wurde einst Genosse...

Könnte aus der Serie BĂŒro, BĂŒro sein.
Nach dem schnittigen Einstieg mit ParteisekretĂ€r Groos und der verblĂŒffenden ErklĂ€rung, dies sei nicht in der DDR geschehen, sondern in DÂŽdorf, fĂŒhlte ich mich gebremst im folgenden Teil, der geraffte persönliche und Unternehmenssituationen schildert.

Obwohl mir nach 5 jĂ€hriger Arbeit im BĂŒro dieses ewige Revoluzzerimage gut vertraut ist, fehlte mir doch der Dialog plötzlich. Es wird so fĂŒrchterlich dokumentarisch.

Dann wieder Dialog am Ende mit dem Chef ĂŒber Leitung einer Abteilung.
Und abschließend noch mal indirekte Rede.

Wenn du aus dem zusammenfassenden Teil, wo du ĂŒber politische Gegebenheiten, und welche Erfahrungen du in den Betrieben gesammelt hast noch mehr in Dialoge auflösen könntest, kĂ€m das sicher gut, denn ich finde, die Dialoge gelingen dir!

Den Umschwung vom Angestellten zum Filialleiter könnte ich mir auch gut vorstellen.

Um die absteigende Kurve (aus der Sicht eines jungen Revoluzzers) noch zu verstÀrken, könnte man sagen:
....war ich kein RevolutionĂ€r mehr. Mein Parteibuch hatte ich lĂ€ngst zurĂŒck gegeben.
Ich las jetzt „Kapital“ und war in einem Golfclub Mitglied geworden.

Na, ja, du verstehst schon!
GrĂŒĂŸe
Dd

__________________
doktordigitalis

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Wurde einst Genosse

Hallo Lambertus,

wie sich die Bilder gleichen! Es ist fast, als lĂ€se ich meine eigene "Partei-Karriere": mit 18 in die SPD eingetreten, stolz und provokant in erzkatholischer Umgebung das Parteiabzeichen getragen, Wahlplakate geklebt, stolz auf den Titel Wahlkreisdeligierter; mir fĂŒr die Partei die Beine ausgerissen; in Versammlungen erlebt, wie alte Genossen in Diskussionen als einziges Argument auf ihre 40jĂ€hrige Parteizugehörigkeit pochten; nach Jahren der EnttĂ€uschung mein Parteibuch zurĂŒckgegeben - nur das Parteiabzeichen liegt noch in irgend einer alten Schublade.

Parsifal

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