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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Wurzeln ohne Grund
Eingestellt am 01. 08. 2004 11:25


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joyce
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Wurzeln ohne Grund

Ein paar kleine Brocken und Steine l├Âsen sich, als ich mich noch etwas n├Ąher an den Abgrund ziehe. B├Ąuchlings liege ich hier und kann jetzt nach unten sehen.
Steil bricht der Fels vor mir ins Nichts. Ich sp├╝re die warme Thermik im Gesicht, wie sie nach oben steigt. F├╝r einen Moment schlie├če ich die Augen und atme tief ein.
So riecht sie, die Freiheit.
In einem Steinbruch, gleich hier am Rand der Kleinstadt, in der ich seit meiner Geburt lebe, atme ich meine Freiheit.
Sonntags komme ich manchmal hier her. Das Abtragen gewaltiger Kalksteine hat dann Pause, keine Bagger und Raupen, die l├Ąrmen. Nat├╝rlich ist es verboten hier zu sein. Aus Sicherheitsgr├╝nden wurde das Gel├Ąnde mit hohen Z├Ąunen versehen. Eine Stelle habe ich jedoch gefunden, an der ich hinter die Absperrung gelange. Von hier aus sind es maximal zwei Meter, bis die riesige Felswand steil nach unten bricht.
Stehen kann ich nicht. So dicht am Rand, da wird mir schwindlig. Aber liegen, den K├Ârper ganz flach an den Boden gepresst, und den Kopf ├╝ber die Kante strecken, das ist ein Wahnsinnsgef├╝hl.
Der Steinbruch ist riesig und gleicht einer kahlen Mondlandschaft. Immer noch werden hier gro├če Mengen Kalkstein entnommen. Doch die Felswand, ├╝ber der ich liege, steht unter Naturschutz. Vogelsch├╝tzer haben das in langj├Ąhrigem Kampf erreicht.
Falken, hier nisten Falken in der gut hundert Meter tiefen Wand.
Deshalb bin ich hier. Es sind viele, und sie ziehen ihre Kreise, lassen sich tief fallen in diesen wei├čen Kessel aus Stein. Sie lassen sich tragen von den warmen Aufwinden und landen erhaben in kleinen Nischen und Vorspr├╝ngen, wo ihre Nester sind.
Die gellenden, spitzen Schreie, die sie dabei aussto├čen, hallen laut und klar und bereiten mir eine G├Ąnsehaut.
Stundenlang beobachte ich ihren Flug und empfinde jeden Ruf von ihnen als ein Wort an mich.
Meine liegende Position macht es leicht, mir vorzustellen, wie es w├Ąre, mit ihnen zu fliegen. Jetzt aufstehen, dicht vorne an der Kante die Arme ausbreiten, und mich einfach fallen lassen, auf dieses weiche Luftkissen, die Str├Âmung des lauen Sommerwindes unter den gespreizten Fl├╝gen f├╝hlen.
Gator sagte mir einmal, es w├Ąre ein gutes Zeichen, Falken zu sehen.
Gator, eigentlich die Kurzform von Alligator. So nannten ihn alle, den Alligator.
Weil er diese Ruhe in sich hatte, diese Schl├Ąue und weil er sich in den sumpfigen Armen des Suwannee Rivers auskannte, als w├Ąre er dort als Gator geboren.
Ein typischer Amerikaner eigentlich, doch wenn er in den S├╝mpfen war, oder beim Fischen, konnte er seine indianische Abstammung nicht verleugnen.
Mein Vater. Ein GI, der Anfang der sechziger in Deutschland stationiert war und sich ein Fr├Ąulein mit nach Hause brachte. Meine Mutter verlie├č ihn damals, als sie schwanger war und brachte mich hier zur Welt. Sie heiratete meinen Stiefvater und alles ging den mehr oder weniger ├╝blichen Weg. Noch bevor ich das ÔÇô nach Meinung meiner Mutter ÔÇô richtige Alter hatte, wusste ich, wer mein Vater war.
Die alten Fotos im Schuhkarton wurden jedes Jahr mehr und mehr zu einer Sammlung kleiner Spiegel, in denen ich mein eigenes Gesicht wieder fand. So erfuhr ich langsam immer mehr von ihm. Ich fing an, ihm Briefe zu schreiben. Als ich das erste Mal Antwort bekam war ich gl├╝cklich. Im Stillen rechnete ich damit dass er mir schreiben w├╝rde, doch seine Reaktion war weit mehr, als die freundliche Geste eines pflichtbewussten Erzeugers.
Schon in seinem ersten Brief, konnte ich seine liebevolle Art sp├╝ren. Er freute sich so sehr ├╝ber seine Tochter und es machte ihn stolz mein Vater zu sein. Seine Zeilen ber├╝hrten mich tief, besonders als ich erfuhr, dass er noch immer ein Foto von mir in seiner Brieftasche trug, das ihm meine Mutter kurz nach meiner Geburt geschickt hatte.
Erst als ich vierundzwanzig war, hatte ich den Mut seiner Bitte nachzukommen und besuchte ihn. Ich war genau im selben Alter wie meine Mutter damals, als ich mich schlie├člich mit mulmigem Gef├╝hl in den Flieger nach Georgia, USA, setzte.

Die Jahre bis zu diesem Tag waren jedoch ein sich immer wiederholender Kampf. Der Platz in meiner Familie war mir sicher und mit Liebe und Zuwendung begleitet. Ich hatte einen j├╝ngeren Bruder, meine Mutter, einen Stiefvater, der mich stets als sein leibliches Kind sah. Da waren auch Onkel und Tanten, Gro├čm├╝tter die liebevoll waren.
Doch trotzdem war ich stets anders. Ich wurde als eigenbr├Âtlerisch bezeichnet, war stets f├╝r mein Alter zu ernst. Ein melancholisches Kind, eine unnahbare Pubertierende eine eigensinnige, wenn auch beliebte und gesch├Ątzte, junge Frau.
Meine Phantasien blieben unverstanden, und auf meine Fragen gab es nie befriedigende Antworten.
Es schien mir, als w├╝rde keiner verstehen, was ich meinte und sagte. Ich lernte schnell zu schweigen, mich ihnen gleich zu machen, um nicht st├Ąndig aufzufallen, und fand einen Weg in meiner eigenen kleinen Welt zu sein. Eine Welt, die ich mit niemanden teilen konnte, von der keiner etwas wusste.
Mit jedem Jahr wurde es schwerer mein Innerstes, mein Geheimnis, klein zu halten. Es war stets ein Bem├╝hen, etwas in mir unter der Oberfl├Ąche zu halten, mit dem sie alle nichts anzufangen wussten. Es war ihnen fremd und manchmal glaubte ich, dass ich selbst ihnen fremd war.
So stand ich zwar mit beiden Beinen im Leben, aber die Zweifel an mir selbst und meinem Sein, wuchsen mit mir auf.

Da stand ich also meinem ÔÇ×GatorÔÇť gegen├╝ber.
Am Flughafen von Atlanta. Ich sah das erstemal in die Augen meines Vaters.
Ein wildfremder Mann stand vor mir, doch in diesem Blick lag mehr Heimat, als ich je zuvor gesp├╝rt hatte. Das waren meine Augen, mein Mund, meine Nase, die mich dort erwarteten. Als w├╝rde ich das erste Mal wirklich in einen Spiegel schauen.
Genau das waren damals seine Worte, die ich durch seinen amerikanischen Akzent, nur mit M├╝he verstanden habe.

Es folgten Wochen, in denen ich wie in einem Traum meine Kindheit mit ihm nachholen konnte. Zumindest ein St├╝ck weit.
Wie oft hatte ich mir in dieser Zeit gew├╝nscht, nur f├╝r einen Tag lang noch einmal ein kleines M├Ądchen zu sein und auf seinem Schoss sitzen zu d├╝rfen?
All diese Jahre waren zwar verloren, doch so gut es nur ging, schlossen wir manche klaffende L├╝cke unser beider Leben. Ich lernte meine Gro├čmutter kennen. Eine zierliche alte Dame mit blaugrauem Haar, immer in pastellfarbenem Kost├╝m mit passender Handtasche und Schuhen in derselben Farbe. Das selbe Augenpaar blickte mich liebevoll an. Die hohen Wangenknochen unter ihrer alternden Haut betonten die schmalen, mandelf├Ârmigen Augen, die so sehr die meinen waren. Sie erz├Ąhlte mir viel von der Familie, von Zeiten, in denen sie noch in North Carolina lebte, von Zeddekie und Eda Snow, ihren Gro├čeltern cherokianischer Abstammung.
Es war Stolz und Wehmut im Klang ihrer etwas br├╝chigen Stimme. Doch sie brach das Thema der Vorfahren abrupt ab und widmete sich anderen Themen ├╝ber die Familie.
Als ich Gator gegen├╝ber erw├Ąhnte, dass ich das Gef├╝hl h├Ątte, Grandma spr├Ąche nicht gerne ├╝ber die indianische Abstammung der Familie, erkl├Ąrte er mir in kurzen S├Ątzen warum.
Sie hatte nie viel dar├╝ber geredet. Es war nicht leicht gewesen in den S├╝dstaaten, als ordentlicher und angesehener Mensch zu leben. Schon gar nicht, wenn indianisches Blut in der Familie floss. Die Familie meiner Gro├čmutter waren gute S├╝dstaatler und zu einem gro├čen Teil verleugneten sie also ihre Wurzeln.
Das erkl├Ąrte mir, warum ich weder bei meiner Gro├čmutter, noch bei Gator, irgendetwas in deren Wohnungen entdecken konnte, das an die Cherokee erinnerte.
Alles war wie man es von einer gutb├╝rgerlichen S├╝dstaatlerfamilie erwartete. Die Southflag im Flur, und etliche Bilderrahmen auf der Kommode, gl├╝cklich l├Ąchelnde Highschoolabsolventen und stolze Uniformtr├Ąger liebevoll aneinander gereiht.
Den K├╝hlschank schm├╝ckten viele bunte Magnete mit Spr├╝chen wie, God bless America oder Happy Thanks Givin`.
Gator hatte eine beachtliche Sammlung von Baseballcaps mit den verr├╝cktesten Spr├╝chen an der Wand. Sie waren redliche B├╝rger, besuchten die Gottesdienste am Sonntag und Gator wuchs sogar mit einer schwarzen Nani auf. Gro├čmutter erz├Ąhlte stolz, dass selbst der Sheriff ihren Pineapple upside down, einen umgest├╝rzten Ananaskuchen, liebte.

An einem Sonntag fuhr Gator mit mir in seinem gepflegten Oldsmobil eine Landstra├če entlang. Es war Sp├Ątsommer, und die Strasse war ges├Ąumt von den Laubb├Ąumen, die so bunte Bl├Ątter trugen, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte.
Die Landschaft war beeindruckend. Wald, soweit mein Blick reichte.
Das ist der Indiansummer, erkl├Ąrte mir mein Vater, mit einem Glanz in den Augen, den ich nie mehr verga├č. Das Autoradio spielte Countrymusic, und ein wenig kam ich mir vor wie in einem kitschigen Film.
Gator sang leise vor sich hin. Crazy, I┬┤m crazy for feeling so blue. Ein alter Patsy Cline Hit in neuer Version.

Mir gefiel es, wie er so zufrieden hinter dem Lenkrad sa├č. Sein Blick wanderte sanft mal links, mal rechts der Stra├če entlang. Immer wieder hoben sich seine Augenbrauen wenn er in die Wipfel der hochgewachsenen B├Ąume schaute. Ich sp├╝rte, wie sehr er diese Gegend liebte.
Wir fuhren z├╝gig, aber nicht zu schnell um die Aussicht zu genie├čen. Die Stra├če f├╝hrte immer gerade aus. Unendlich lang schien sie zu sein. Seit langem kam uns kein Wagen entgegen.
Gator fuhr pl├Âtzlich langsamer.
Etwas suchend schaute er nach links, und bog nach einer Weile in einen schwer befahrbaren Feldweg ein. Ein St├╝ck weiter kamen wir an einen Parkplatz. Hier musste es etwas besonderes geben, denn es waren einige Autos geparkt.
Ein Pow Wow, ein Cherokeetreffen fand statt.
Es wirkte wie ein kleines Volksfest, etwas kitschig und typisch amerikanisch. Mir schien, dass es sich wohl eher um eine Veranstaltung f├╝r Touristen handelte. Es war ein buntes Treiben mit T├Ąnzen, die irgendwie am├╝sant waren, aber nicht die Atmosph├Ąre brachten, die man von einem indianischen Fest erwarten w├╝rde. ├ťber Lautsprecher wurden verschiedene T├Ąnze und Ges├Ąnge erkl├Ąrt und es gab einige St├Ąnde, an denen man Schmuck und eine Vielzahl an handgefertigten Gegenst├Ąnde kaufen konnte. Talismane, Traumf├Ąnger, Medizinr├Ąder, Lederwaren und nat├╝rlich jede Menge mit Federn und Perlen geschm├╝ckte Kleidungsst├╝cke. Unter dieses fast karnevals├Ąhnliche Treiben, mischte sich jedoch eine Stimmung, die mir v├Âllig fremd war.
Es schien, dass meine Augen nach einiger Zeit begannen diese Bilder- und Farbenflut zu filtern. Immer wieder entdeckte ich M├Ąnner und Frauen in indianischer Tracht, die anders aussahen als die Mehrzahl der Besucher. Sie wirkten nicht maskiert, erschienen mir ganz und gar nicht verkleidet. Ihre Kleidung war nicht so farbenpr├Ąchtig und nur wenige Federn schm├╝ckten sie. Ihre Gesichter strahlten eine zufriedene Gelassenheit aus. Sie beobachteten g├╝tig l├Ąchelnd, was um sie herum geschah, ohne sich direkt daran zu beteiligen. Es war ihr Fest, sie waren wohl die Gastgeber.
Mein Vater ging mit mir zu einem der etwas abseits vom Trubel liegenden Zelte, und wir trafen auf einen Indianer, der schon etwas ├Ąlter war. Auch er trug indianische Kleidung, die weder sehr bunt war, noch einem Kost├╝m glich. Er hatte ein rotes Tuch eng um den Kopf gewickelt wie einen Turban. An der Schl├Ąfe trug er eine braun-wei├če Feder. Sie war mit einem Lederband in sein langes, graues Haar geflochten. Es war ein wei├čes, kragenloses Hemd in schlichter Form, das er zu einer braunen, abgetragenen Lederhose, mit Fransen an den Seiten, trug. Seine Mokassins waren grau und ich sah, dass er sie schon lange trug. Die Form seiner F├╝├če war deutlich zu erkennen, und es sah aus als w├Ąren sie nur mit Leder ├╝berzogen. Unterhalb der Knie trug er B├Ąnder aus orangefarbenen Perlen, die sich mit blauen und roten Perlen zu einem Muster vereinten.
Gator kannte ihn wohl, denn sie begr├╝├čten sich herzlich. Sie wechselten ein paar Worte, denen ich nicht ganz folgen konnte. Dabei schaute mich der Alte immer wieder eindringlich an. Seine Haut war faltig und schien vom Wetter gegerbt, doch seine Augen leuchteten. Es waren junge, dunkle Augen, die ├╝ber den hohen Wangenknochen den markantesten Punkt in seinem Gesicht bildeten. Er hatte eine kr├Ąftige Nase, sie war breit und eher kurz.
Schlie├člich wendete sich der alte Indianer ganz zu mir.
Er sah mir tief in die Augen, und l├Ąchelte mich mit der Weisheit eines alten Mannes an. Er nahm mein Gesicht in seine gro├čen H├Ąnde. Sie waren warm und sehr weich. Langsam f├╝hrte er seine Finger durch meine Haare und er umschloss meinen Kopf mit sanftem Druck. Mit den Daumen strich er mir ├╝ber die Wangenknochen und sprach Worte, die ich nicht verstand. Eine Sprache, die mir v├Âllig fremd war. Die Worte die aus seinem Mund kamen, bewegten die schmalen, faltigen Lippen kaum. Es klang sch├Ân, und er redete mit unendlich ruhiger und weicher Stimme. Sein Blick lie├č dabei meine Augen nicht los.
Dann ├╝bersetzte er seine Worte in englisch, und seine H├Ąnde hielten die ganze Zeit meinen Kopf, und die Daumen strichen dabei unaufh├Ârlich ├╝ber meine Wangen. Er sagte, es w├Ąre ein Gl├╝ck und der Wille des Sch├Âpfers, seine Kinder nach Hause zu f├╝hren. Das Blut in unseren Adern spreche in seiner eigene Sprache, und es rufe nach der Quelle. Meine Familie hei├če mich willkommen.
Im ersten Moment wusste ich nicht was geschah.
Meinte er mich mit diesen Worten?
Galt diese Begr├╝├čung mir?
Er l├Ąchelte Gator und mir zu und ging weg.
Mein Vater versuchte seinen Blick vor mir zu verbergen. Er war ger├╝hrt. Er legte seinen Arm um mich und sagte, es w├Ąre ein Freund, ein alter Freund der Familie.
Auf der Heimfahrt sprachen wir nicht viel und Gator sang wieder leise vor sich hin, w├Ąhrend wir durch den Indiansummer fuhren.

Diese Wochen vergingen und wir sprachen nicht mehr ├╝ber die Cherokee. Ich sah viel von den S├╝dstaaten, wir waren in Suwannee, am Golf von Mexiko. Mein Vater wohnte dort oft monatelang, ging fischen und brachte Leute raus auf den Golf, die angeln wollten. Er zeigte mir die sch├Ânsten Stellen mit seinem kleinen Motorboot, und einmal fuhren wir bei Nacht, ohne Licht durch die kleine ver├Ąstelte M├╝ndung des Flusses. Er kannte jeden Winkel, jede Mangrove, die tief ├╝bers Wasser ragte, jede seichte Stelle, die er umfahren musste. Dann stellte er den Motor ab und wir schwiegen, lauschten den Ger├Ąuschen aus den S├╝mpfen.
Es war in solchen Momenten nie notwendig viel mit ihm zu reden, ein Stillschweigen, dass sich von selbst erkl├Ąrte, wie ich es nie wieder bei einem Menschen fand.

Es kam der Schmerz des Abschiedes. Ich konnte diesen Moment kaum ertragen, und als ich meinen Vater weinen sah, brach mir das Herz. Es hatte so viele Jahre gedauert bis wir bei einander sein konnten, und nun mussten wir uns, nach viel zu kurzer Zeit, wieder loslassen.
Dem folgte jedoch noch einige Male die Freude des Wiedersehens. Bei jedem meiner Besuche erfuhr ich mehr ├╝ber die Cherokee. Doch immer war es eine sporadische Situation, die meine Gro├čmutter oder meinen Vater dazu brachte, mir etwas zu erz├Ąhlen oder zu zeigen. Nie stellte ich Fragen, nie wollte ich mehr erfahren, als sie von sich aus bereit waren mit mir zu teilen. So zeigte mir meine Gro├čmutter wie man aus Piniennadeln kleine K├Ârbe flicht, wie die Cherokee cornbread backen oder wie die kleinen bunten Perlen und Federn zu einem Talisman gebunden werden.
Mit Gator war ich noch oft beim Fischen, und sein Schweigen, seine Selbstverst├Ąndlichkeit und Ruhe, in allem was er tat, hat mir unglaublich viel ├╝ber ihn und mich erz├Ąhlt.
Das schlimmste war jedes Mal der Abschied. Es war als rei├če man mir das Herz bei lebendigen Leibe aus der Brust. Immer wenn sich das Flugzeug vom Boden abhob, war es wie sterben. Nach der H├Ąlfte des Fluges ungef├Ąhr, war der Schmerz ertr├Ąglicher. Dann freute ich mich auf zu Hause.
Zu Hause.
Ich kam gerne heim zu meiner Familie, egal in welche Richtung das Flugzeug flog.
Diesen immerwiederkehrenden Schmerz konnte ich irgendwann nicht mehr ertragen und der Kontakt brach f├╝r einige Jahre ab. Ich hatte meine innere Heimat gefunden und konnte nicht weg von zu Hause. Wir lebten unsere Leben, jeder in seiner eigenen Welt.
Dann kam mein Vater sogar einmal noch nach Deutschland, und ich sp├╝rte wie fremd er sich hier f├╝hlte, so fremd wie ich manchmal.
Es war das letzte Mal das ich ihn sah.
Ein paar Jahre sp├Ąter starb er. Die Angst vor dem Schmerz hielt mich damals davon ab zu seinem Begr├Ąbnis zu gehen. Die Nachricht kam ├╝berraschend, ich war wie gel├Ąhmt und konnte nicht reagieren. Ich wollte seinen Tod nicht wahr haben.
Vielleicht w├╝nschte ich mir einfach nur, dass er in mir weiterlebt wie bisher.
Es war sein Wunsch, dass seine Asche auf dem Suwannee River verstreut wird.
Sp├Ąter erfuhr ich, dass Gro├čmutter an diesem Tag unter einem ├ärmel eines ihrer pastellfarbenen Kost├╝me, ein Armband trug. Eines aus orangefarbenen Perlen, die sich mit blauen und roten zu einem Muster vereinten.
Die Farben der Cherokee.

Es ist sp├Ąt geworden und es d├Ąmmert schon.
Ich schiebe mich vorsichtig zur├╝ck und richte mich langsam auf.
Noch immer kreisen die Falken im Steinbruch und ihre Rufe klingen lauter. Dicht am Zaun entlang geh ich den schmalen Weg zur├╝ck. Langsam setze ich einen Fu├č vor den andern, den Blick auf den Weg gerichtet.
Da liegt sie.
Eine Falkenfeder.
Fast w├Ąre ich draufgetreten, doch in den Mokassins ist mein Schritt etwas behutsamer als sonst.
Ich werde sie in den kleinen Lederbeutel stecken, zu den anderen Federn, ├╝ber meinem Bett. Dort wo eines der wenigen sichtbaren Zeichen meiner Familie seinen Platz gefunden hat.


┬ę by C.P.Lord in memorial to ÔÇ×GatorÔÇť W.V.Lord 07 - 04







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Du musst das Leben nicht verstehen,dann wird es werden wie ein Fest.Und lass dir jeden Tag geschehen so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen sich viele Bl├╝ten schenken l├Ąsst. (Rainer Maria Rilke)

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Fellmuthow
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Wurzeln ohne Grund

Eine ergreifende Geschichte hast du geschrieben. Ein ganz klein wenig tut mir allerdings der Mensch leid, der, obwohl du nicht sein leibliches Kind bist, dich mit Liebe gen├Ąhrt und gro├č gezogen hat. Hat er nicht noch gr├Â├čere Achtung und Anerkennung verdient als dein leiblicher Vater? Doch daraus w├Ąre wahrscheinlich nicht solch wunderbare Erz├Ąhlung entstanden - oder doch?
__________________
HW

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Montgelas
???
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liebe joyce,

seit tagen geht mir deine geschichte schon nach.
ich bewundere , wie du spannung aufbaust und h├Ąltst.


montgelas



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joyce
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Hallo Fellmuthow,
danke f├╝r deinen Kommentar. es freut mich, dass du dich mit dieser geschichte so auseinander gesetzt hast.
deine anmerkung zum stiefvater beeindruckt mich. mit sicherheit hast du recht. doch es geht hier eben nicht um anerkennung, um wertigkeit. es bleibt offen wie die prot. zum stiefvater steht, sowie alles offen bleibt, was die familie in der sie aufw├Ąchst betrifft.
es ist ein filtrat, eine herausl├Âsung eines einzigen aspektes. alles weitere h├Ątte die geschichte eine v├Âllig andere werden lassen.
ein vater, der ein nichtleibliches kind annimmt wie sein eigenes, hat respekt und anerkennung verdient. leider sagt dies alleine nichts dar├╝ber aus, ob er somit auch ein guter vater ist.......

gru├č Joyce
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Hallo Joyce,

was gut oder nicht gut ist, dar├╝ber lie├če ich trefflich streiten. Die Auslegung des Wortes gut ist ja wohl immer durch die pers├Ânliche Ansicht gepr├Ągt. Aber du hast recht, das war nicht das Ziel deiner Geschichte. Weiter so...

Gru├č Fellmuthow
__________________
HW

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