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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Ypsilons Schwester
Eingestellt am 20. 06. 2010 17:18


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Dr Time
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Ypsilons Schwester

Das Wort „Aquaplaning“ kannte ich bis dahin nur aus der Fahrschule. Um den Wagen unter Kontrolle zu halten, umklammerte ich das Lenkrad, bis die Knöchel blutarm, weißlich hervortraten. Wie war ich hierher geraten? Ich steuerte meinen dreizehn Jahre alten Audi über eine unbeleuchtete Schnellstraße. Oder war es ein Fluss? Starkregen hatte Pfützen in Seen verwandelt und meinen Wagen zu einem Boot gemacht. Mit an Bord waren vier Personen, die ich mehr schlecht als recht kannte. Wir hatten zwei Stunden in einer Dorfdisko abgezappelt und befanden uns nun auf dem Heimweg.

Neben mir saß der Grund, warum ich überhaupt hier im westfälischen Warburg gelandet war. Ihr Name war irgendetwas mit Y in der Mitte, soweit ich mich jetzt, nach über 20 Jahren noch richtig erinnere. Wenn ich heute von ihr spreche, was ich selten tue, nenne ich sie immer das „Mädchen mit Y“, oder einfach nur „Ypsilon“.

Auf dem Rücksitz saßen drei weitere Personen. Ypsilons Bruder, welcher eine Mini-be-Rockte Disco-Queen umschlang. Die Beiden steckten sich abwechselnd ihre Zungen in die Köpfe, als suchten sie dort nach Hirn, welches meiner Ansicht nach definitiv nicht vorhanden war. Die Namen der beiden Hirnforscher habe ich inzwischen ebenso vergessen. So etwas nennt man wohl selektive Wahrnehmung.

Und dann war da noch Ypsilons jüngere Halbschwester, Flo, die eigentlich Florentine hieß. An ihr gab es nichts, was ich jemals vergessen werde. Ihre Augen kullerten wie kleine, speckpolierte Kastanien, und verschwanden ab und zu hinter den zarten, ungeschminkten Lidern, die Flo nur ganz langsam zu und wieder auf schlug, ganz so, als ob ein unbeholfener Marionettenspieler sie bewegte. Unvergesslich bleibt mir auch ihr Mund, der mich mit geschlossenen Lippen, in einer stillen Traurigkeit anlächelte. Ja, sogar ihr Geruch, in dem sich Apfelshampoo mit dem heraus getanzten Schweiß jener Nacht vermischte, wird mir für immer in Erinnerung bleiben.

Ich riskierte einen Blick in den Rückspiegel und sah, wie Flo ihren Kopf an die Seitenscheibe lehnte. Der Fahrtwind formte Regentropfen zu feinen Linien, deren Schatten auf Flo´s makelloser Stirn tanzten. Ypsilon schien grenzenloses Vertrauen in meine Fahrkünste zu haben. Vielleicht war sie aber auch schon zu betrunken, um noch etwas mitzubekommen. Es störte mich auch, dass sie die ganze Zeit den Arm um mich legte. Wie das von Außen ausgesehen haben musste… so als wolle sie sagen:
Du gehörst jetzt mir. Ich geb´ dich nicht wieder her. Vielleicht hatte sie dies schon vor drei Wochen gedacht, als wir uns das erste Mal begegnet waren:

Ich hatte an diesem Tag soeben 20 Betten neu bezogen. Abreisetag in der Jugendherberge, in der ich als Zivi arbeitete. Ein Mädchen - eben das mit „Y“ - stand plötzlich hinter mir.
„Na, wie geht’s?“, fragte sie.
Wie sollte es schon gehen? Ich sagte irgendetwas. Wir machten Smalltalk, sprachen über Musik, Filme und all das. Irgendwann küsste mich Ypsilon unvermittelt auf den Mund und es war alles andere als ein Freundschaftskuss.
Nun, wenn du jung bist und ein Hormonproblem hast, überlegst du in diesem Moment nicht: Hey was soll das und wie alt ist sie eigentlich? Es ist einfach egal und sowieso zu spät in dem Moment, wenn es passiert. Gerade noch fragt man sich, ob die Kleine vielleicht mehr Erfahrung in diesen Dingen hat als man selbst und dann hakt der Verstand auch schon aus. Wenn man weiß, wo der Schlüssel zum Kaminzimmer liegt, nutzt man die Gelegenheit, um dazuzulernen. Auf der Couch riskiert man hässliche Flecken und eine Vorladung beim Beauftragten für Zivildienst und wenn man Glück hat, so wie ich, darf man sich zwanzig Jahre später glücklich schätzen, wenn die Sache in jeder Hinsicht ohne Folgen geblieben ist.

Ohne Folgen, bis auf die Tatsache, dass ich drei Wochen später Warburg und seine Dorfdisko kennenlernten durfte.
„Besuch mich doch mal“, hatte Ypsilon damals im Kaminzimmer gesagt. „Kannst auch bei mir pennen.“
Dann hatte sie mit einem Kuli ihre Adresse auf meinen Bauch gekritzelt.

Und nun war ich hier. Obwohl Warburg nur etwas mehr als eine Autostunde entfernt lag, fühlte es sich an, wie ein fremder Planet. Ich stellte die Scheibenwischer auf die schnellste Stufe und sah abwechselnd nach hinten zu Flo und wieder nach vorne in den strömenden Regen. Tropfen kamen auf mich zu und flogen vorbei wie Sterne. Ich war Han Solo und dort hinten saß Prinzessin Leia. Sie war die Rose im Asphalt, die ich sicher nach Hause bringen würde. Ich musste an den Moment denken, als ich Flo heute zum ersten Mal gesehen hatte:

Die Wohnung, in der ich am Nachmittag meine Sachen abgestellt hatte, war klein und roch nach Rauch aus selbstgedrehten Zigaretten. Ypsilon und Flo wohnten noch bei ihrer Mutter im dritten Stock eines heruntergekommenen Mietshauses. Als ich mich umsah, fragte ich mich, ob hier jemals geputzt worden war. Und seit wann gibt es eigentlich Gardinen? Die hier sahen aus, wie tausend Jahre alt. Das Tageslicht quälte sich mühsam durch den vergilbten Stoff bis ins Wohnzimmer, wo Ypsilons Mutter vor der Glotze saß. Sie war gerade dabei, sich eine Zigarette anzuzünden. Das Feuerzeug wirkte winzig in ihrer fleischigen Hand. Ypsilon seufzte.
„Mama?“
Im Fernsehen lief „Falcon Crest“. Mama antwortete nicht.
„Mama. Ich hab einen Freund mitgebracht. Kann er bei uns pennen, heute Nacht?“
Die Frage weckte flüchtiges Interesse. Eine viel zu große Flamme brannte über dem billigen Feuerzeug, als Mama mich musterte.
„Is´ O.K.“
Und dabei wippte die Zigarette zwischen ihren geschminkten Lippen.
Ypsilon schob mich schnell in den nächsten Raum, so als ob sie sich für ihre Mutter schämte. Im Zimmer nebenan gab es keine Möbel. Nur ein paar Matratzen, einen weiteren Fernseher und auf dem Boden einen überquellenden Aschenbecher. Und dann war da dieses andere Mädchen.
„Meine Halb-Schwester Flo.“, sagte Ypsilon. „Sie spricht nicht viel.“
Und das brauchte sie auch nicht, weil man alles in ihren Augen lesen konnte. Flo saß auf der Fensterbank, hatte die Gardine zur Seite geschoben und sah hinaus in den Hof des Hauses.
„Ich zeig dir noch den Dachboden. Kommst du?“, fragte Ypsilon und nahm sich ein paar Videocassetten, die auf dem Boden lagen.
Doch ich konnte meinen Blick für einen langen Moment nicht von Flo abwenden. Sie war vielleicht sechzehn (hoffte ich). Ihr Top ließ den Blick frei auf eine kleine Mulde oberhalb des Schlüsselbeins, das hervortrat, als sie mir endlich den Kopf zuwandte. Die Sonne machte ihren Körper zu einer Skulptur und ihre Haut zur Leinwand. Ich wollte malen, wollte sie berühren.
„Sie ist erst fünfzehn. Lass die Finger von ihr“, sagte Ypsilon, die sofort in meinen Blicken lesen konnte. „Kommst du jetzt mit auf den Dachboden?“

Von diesem Zimmer führte der Weg direkt über eine lange, schmale Treppe nach oben. Dort gab es einen weiteren Fernseher, eine weitere Matratze und ein etwas punkig angehauchten Typen.
„Mein Bruder“, sagte Ypsilon und ich glaubte so etwas wie Stolz in ihrer Stimme zu hören.
„Was steht an heute? Gehen wir ins >Yoi<?“ fragte der Bruder, ohne mich zu begrüßen. Ich vermutete, es müsse sich beim >Yoi< um eine Diskothek handeln. Wie dieser schlaksige Punk wohl aussah, wenn er versuchte zu tanzen, womöglich auf Modern Talking? Schon jetzt freute ich mich auf diesen Anblick.
„OK – aber wir müssen Flo mitschleppen. Mama muss heute Nacht arbeiten.“
Die beiden regten sich noch eine Weile über den Ballast in Form von Flo auf, weil dies bedeuteten konnte, dass wir vom Türsteher nicht rein gelassen würden. Doch nach einiger Diskussion, in die ich mich nicht wirklich einmischte, stand fest, sie würde mitkommen.
„OK. Was machen wir bis dahin?“, wollte ihr Bruder wissen.
„Hab ´n paar Videos mit hochgebracht“, antwortete Ypsilon und gab sie ihrem Bruder. Der musterte die VHS Kassetten.
„Hm – Tanz der Teufel, Nightmare… so’n Schrott. Was ist mit Pornos?“
Obwohl er dabei lachte, war ich mir nicht sicher, wie ernst er das gemeint hatte. Und als Ypsilon antwortete, die Pornos habe man ja schon so oft gesehen und es wäre inzwischen langweilig, war ich mir ebenso wenig sicher, ob es nur Angeberei war. Ich lachte mit, wollte mir keine Blöße geben und so kam es, dass ich meinen ersten Horrorfilm sah. Ypsilon und ihr Bruder stimmten sich mit Bacardi-Kola auf den Abend ein. Ich lehnte ab und trank Wasser. Als das Drehbuch etwa die Hälfte der Schauspieler auf dem Gewissen hatte, ging ich nach unten, weil ich mal aufs Klo musste. Die ganze Zeit hatte ich an Flo denken müssen. Ja - sie war hier die Rose im Asphalt.

Ich kam ins Wohnzimmer, wo Mama inzwischen eingeschlafen war. Die Zigarette brannte noch im Aschenbecher. Plötzlich öffnete sich im Flur die Badezimmertür, und Flo kam heraus. Sie trug nur einen Slip, und hielt sich ein Handtuch vor die Brust. Ihre Haare waren nass vom Duschen. Dann kam sie auf mich zu und wir standen genau zwischen dem Sessel mit ihrer schnarchenden Mutter und dem Fernseher, wo gerade die Tagesschau lief.

„Kannst du mir die umlegen?“
Sie hielt mir eine kleine Kette mit einem Jing-und-Jang-Anhänger hin. Dann drehte sie sich um und nahm das Handtuch herunter. Ihr nussbrauner Rücken war überzogen mit Tröpfchen, die ihre Haut zum Glitzern brachten – selbst hier in diesem schummrigen Licht. Ich strich langsam mit meiner flachen Hand über ihre Schultern.
„Du solltest dich besser abtrocknen.“
Ich fühlte, wie sie lächelte, obwohl ich nur den Rücken sah.
Ein Duft von Apfelshampoo stieg mir in die Nase. Sie hob die langen, dunklen Haare hinten hoch, damit ich die Kette schließen konnte. Ich sah ihre kleinen Härchen unter den Achseln. Ihr jetzt von hinten an die Brust zu fassen, verbot sich einfach. Zu billig – zu sehr Pornofilm, dachte ich. Aber da hatte sie die Arme auch schon wieder unten. Mein Mund war plötzlich ganz nah an ihrem Ohr. Ich sah über die Schultern die Rundungen ihrer Brüste und die Knospen. Ich wollte sie auf den Hals küssen. Doch der Schluss-Gong der Tagesschau unterbrach mein Vorhaben. Ihre Mutter gab ein Grunzen von sich, als würde sie erwachen. Schnell wickelte Flo sich wieder das Handtuch um den Oberkörper lächelte mich an und ging hinaus.

„Was stehst denn du da?“
Die Mutter stellte mir die Frage, als ginge sie davon aus, dass ich sie im Schlaf beobachtet hätte.
„Ich suche das Klo.“ sagte ich wahrheitsgemäß.

Gegen neun machten wir uns auf den Weg ins >Yoi<. Aus heutiger Sicht bleibt festzuhalten, dass Diskothekenbesuche überall gleich sind: unkommunikativ, laut und meist frustrierend. Ypsilon hatte ein paar Freunde getroffen und sich hemmungslos betrunken. Der Punkerbruder knutschte mit irgendeiner hohlgekreuzten Tussi, die so gar nicht zu ihm passte. Und was war mit Flo? Sie hatte sich nicht einmal von mir antanzen lassen. Hatte sich weggedreht, als tanze sie in einer eigenen Welt. Und bei den ruhigen Stücken hatte sie die Tanzfläche verlassen. Aber selbst dann war es zu laut für eine Unterhaltung außerhalb von Smalltalk. Der Abend war eine Katastrophe. Alles in allem war ich froh, nun wieder auf dem Heimweg zu sein. Ich sah wieder in den Rückspiegel.

Verdammt, was dachte sie? War das, was im Wohnzimmer vor dem Fernseher geschehen war, etwa nichts? Ein flüchtiges Atmen im Sturm meiner Phantasie? Ein Hauch von Apfel, und das, wo ich doch eigentlich die ganze Frucht wollte?

Etwa eine halbe Stunde später kamen wir wohlbehalten wieder bei der Wohnung an. Wir schleppten uns ins Zimmer unter dem Dachboden. Ypsilon, der Punk, seine neue Braut und ich. Flo blieb unten im anderen Matratzenzimmer, weil sie schon schlafen wollte. Am liebsten wäre ich auch dort geblieben, aber Ypsilon hätte mich durchschaut. Bereits lallend schlug sie vor, einen Absacker zu trinken und schraubte wieder an der Flasche Bacardi herum. Ihr Bruder hatte plötzlich tatsächlich eine Pornocassette in der Hand. Alle grölten belustigt, als er sie in den Rekorder schob. Alle bis auf mich. Es dauerte nicht lange, bis Alkohol und Porno ihre Wirkung entfalteten. Ypsilon war mit dem Glas in der Hand eingeschlafen, während Punky und seine Queen unbeholfen aneinander herumfummelten. Ich beschloss, nach unten zu gehen bevor mir schlecht wurde. Leise betrat ich das Zimmer. Alles war dunkel. Alles war ruhig.
„Flo?“
Sie lag unter der Decke auf einer der Matratzen. Aber sie antwortete nicht.
„Flo?“
Nichts. Sie schlief wohl wirklich.
Ich legte mich in die andere Ecke des Zimmers, auf eine der Matratzen, welche Ypsilon für mich mit Schalke-Bettwäsche bezogen hatte. Ich drehte mich zur Wand und hörte im Zimmer über mir ein rhythmisches Stöhnen, welches nach einigen Minuten verstummte. Die Nacht hüllte meine Gedanken ein.

Was würde mir in Erinnerung bleiben von diesem Wochenende? Der Geruch einer fremden Welt? Eine Vorliebe für Frauen, die Apfelshampoo benutzen?

Und plötzlich roch ich es wieder. Jemand hob die Decke an und schlüpfte darunter. Jemand, der nackt war und seine Hände von hinten um meine Brust schlang. Jemand, der nach Apfelshampoo duftete.







__________________
"der erste Entwurf ist immer scheiße"
Ernest Hemmingway

Version vom 20. 06. 2010 17:18
Version vom 20. 06. 2010 19:39
Version vom 22. 06. 2010 13:46

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Auflagen-Garant

Registriert: Oct 2000

Werke: 52
Kommentare: 1242
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Hallo Dr. Time,

was soll ich zu diesem Text sagen? Normalerweise ertappe ich mich beim Lesen dabei, besonders krümelkackrig zu sein. Es gibt dabei allerdings eine Ausnahme. Wenn mich eine Geschichte bereits nach den ersten Zeilen in ihren Bann zieht und dann auch nie wieder los lässt, vergesse ich völlig, dass ich doch nach Stolpersteinen suchen wollte. Ob ich bei deiner Geschichte welche gefunden hätte? Ich weiß es nicht - und mir ist das wurscht. Ich fand die kleine Erzählung einfach nur rundum gelungen. Klasse!

Gruß Ralph
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Spiritogre
Nennt-sich-Schriftsteller
Registriert: Jul 2010

Werke: 1
Kommentare: 4
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Klasse!

Auch mich hat die Geschichte sofort in ihren Bann gezogen. Sehr schön, sehr erotisch, insbesondere, dass nur Andeutungen vorhanden und auch einige Fragen ungeklärt sind.

Eines hat mich aber doch etwas gestört. Die Lebensumstände von Ys Familie fand ich etwas zu klischeehaft.

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