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Leselupe.de > ErzÀhlungen
ZENTRALFRIEDHOF II
Eingestellt am 11. 10. 2000 18:58


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mortisha
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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[Ja, ich war dort]

Ich war heute dort. Ich konnte nicht anders, es tut mir leid. Ich musste hingehen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Sonst hĂ€tte ich es doch nicht geglaubt. Ich hab den letzten Bus genommen, das ist wirklich eine tote Gegend dort. Es geht eine ganze Zeit durch Ödland, keine HĂ€user, nur vereinzelt uns entgegenkommende Autos, es ist, als fĂŒhre man aus dem Land hinaus, ĂŒber eine Grenze, außerhalb der es keine Chance gibt, ein ordentliches Leben zu fĂŒhren. Eine wirklich tote Gegend da draußen. War nie zuvor dort, will sicher nie wieder hin. Schon als der Bus kam, war ich nass bis auf die Knochen, je weiter du dich entfernst, desto sicherer regnet es. Ich wollte dir davon erzĂ€hlen, wollte dir erzĂ€hlen, dass ich beabsichtige, dieser Tage vorbeizufahren, um es mir anzuschauen. Aber ich habe es nicht ĂŒbers Herz gebracht, es dir zu sagen, weißt du, eigentlich habe ich niemandem davon erzĂ€hlt. Es war wirklich zu schwer, es reichte schon, das mit mir auszumachen, deshalb habe ich es gelassen, deshalb habe ich noch nicht einmal dir davon erzĂ€hlt. Irgendwo auf dieser Strecke durch die Savanne, die wirklich unter Wasser stand, bin ich dann ausgestiegen, es war etwas hĂŒgeliger, eine Gruppe von BĂ€umen stand wartend im Regen, mit triefenden Ästen sahen sie mich an, bis ich bemerkte, dass ich allein war. Der Bus war schon hinter den RegenwĂ€nden auf der Straße verschwunden. Bis auf das stĂ€ndige Rauschen war es still. Die Mauer erhob sich hinter der Baumgruppe, die Pforte hing kaum noch in den Angeln, sie stand weit offen. Als ich nĂ€her kam, sah ich das alte verwitterte Schild, das an dem rostigen Gitter hing. Zentralfriedhof, kaum zu entziffern. Und ich musste mich unwillkĂŒrlich fragen, von welchem Zentrum das wohl der entsprechende Friedhof war. Es war mir, als hĂ€tte ich es noch eben gewusst, als hĂ€tte ich eben noch genau gewusst, was mich hier erwartet, warum ich hier war, was mich getrieben hatte, hier hinaus zu fahren. Ich sah mich um, und obwohl der Regen weniger geworden war, war nichts zu erkennen, außer meilenweiter Weite aus grasbewachsenen HĂŒgeln und einigen weiter entfernt, in BombentrichtertĂ€lern wachsenden Baumgruppen. Ich ging durch das rostige Tor, ging hinein, betrat den Friedhof. Hinter der Mauer wuchsen weitere Baumriesen, dicht wie ein Laubwald, dazwischen waren Reihen von Grabsteinen in allen Formen, sehr, sehr alt und zerfallen, bröckeliger Marmor neben grob gehauenem Schiefertafeln, weiße Statuen und je weiter ich hineinging, mich in dieses Labyrinth aus GrĂ€bern und BĂ€umen begab, desto imposanter schienen die GrabstĂ€tten zu werden, große Gruften sah ich, edel behauene Felsen, aber lesen, lesen konnte ich nichts darauf, so sehr ich mich bemĂŒhte. Mal schien es, als sei mir die Schrift vollkommen unbekannt, dann wieder, als verschwimme sie vor meinen Augen. Auf einigen standen nur kurze Lautmalereien, wie Namen, keine Daten, nur die Namen. Je weiter ich hineinging in diesen Garten, je tiefer ich mich verlief auf seinen endlosen Kieswegen, desto dunkler und dichter standen die BĂ€ume, der Regen war hier kaum noch wahrzunehmen. Ich konnte meine Augen nicht von diesen GrĂ€bern nehmen, Schlösser waren das, fĂŒr Lebende zu schön, und hier standen sie, hinter einer meterhohen Mauer. Fern aller Zivilisation. Vor einigen GrĂ€bern standen kleine Grablichter, Laternen, die das Szenario in unwirkliches Licht tauchten. Ich blieb stehen und atmete tief die moosige Luft ein, es roch nach Traurigkeit und NĂ€sse, nach Stein und Holz, nach zentnerschwerer Traurigkeit. Sie legte sich wie ein Umhang ĂŒber meine Lunge und ich besann mich, meine Mission zu einem Ende zu bringen. Ich erinnerte mich, gekommen zu sein, etwas zu suchen, etwas zu finden, ein Grab zu finden, von dem ich wusste, wie es auszusehen hatte, obwohl ich es nie zuvor gesehen hatte. Ich wusste, wie es aussah, dass es aussah wie ein Grab eben aussah, wie die anderen, doch ich hatte es bis jetzt noch nicht entdeckt. Stundenlang musste ich durch den Irrgarten gelaufen sein, ohne GefĂŒhl fĂŒr Zeit oder Richtung. Die Erschöpfung knickte in meinen Knien ein und ich begann zu weinen, weinte in den Regen, in die Himmel. Als ich den Blick senkte, sah ich es vor mir. Genau vor mir, da im Regen, im Dreck war es. Nicht gepflegt, kein Licht, kein ImmergrĂŒn, ein Holzkreuz lag umgeknickt im Gras. Ich stand auf und ging langsam nĂ€her. Da sah ich, dass die Erde vor meinen FĂŒĂŸen frisch aufgeworfen war, ein breiter, schwarzer Schacht fĂŒhrte zwei Meter in die Tiefe. wusstest du das? Das Grab ist leer.








und das ist verdammt gut so.
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Svalin
???
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spÀte Antwort ist hoffentlich besser als keine

Hallo mortisha

ist es von Nachteil, wenn man Zentralfriedhof I nicht gelesen hat? Mir will nicht so recht klar werden, zu wem du sprichst. Ansonsten eine sehr gut in Szene gesetzte AthmosphĂ€re: beklemmend, authentisch, fĂŒhlbar ... fast ist man selber atemlos beim Lesen und erschöpft. Dennoch stellt sich bei mir keine Erleichterung ein. NatĂŒrlich ist ein leeres Grab besser ... aber womit steht das in Zusammenhang? Ist mir etwas entgangen?

Gruß Martin
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Lyrik ist LogopÀdie im Zeitalter der Sprachlosigkeit. [Alexander Eilers]

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mortisha
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sozusagen ausgegraben

zentralfriedhof (I) ist nicht von mir, aber auch in der leselupe zu finden und gehört unmittelbar zu zentralfriedhof II.
es geht um einen traum, eine illusion, die getötet werden sollte, um funtional bleiben zu können. der autor von zentralfriedhof I und ich, wir haben diese illusion nich töten können.
dafĂŒr sind wir aber grenzenlos desillusioniert.
trotzdem: no regrets.

das grab ist immer noch leer und es ist immer noch gut so.

schön, dass du nachgefragt hast mort*
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