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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Zeitnahmen
Eingestellt am 19. 09. 2007 18:21


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Heute Morgen brauchte Helmut Rasande viel Zeit, um zu erkennen, wo er war. In seinem Schlafzimmer nicht und selbstverstÀndlich auch nicht in seinem breiten Doppelbett, das er mit Karin teilte, bis sie am jenem Morgen vor jetzt gut zwei Jahren tot neben ihm lag. Die Sonne schien durch den Spalt im Fenstervorhang auf ihr blÀulich blasses Gesicht. Sie lag da und atmete einfach nicht mehr.
Erst als er Erika neben sich erkannte, die sich bewegte und ihn anlÀchelte, wagte er sich vorsichtig zu strecken und zu recken. Behutsam nahm sie ihn in den Arm.

Lange hatte er im Halbschlaf vor sich hingedacht. Viele seiner mĂŒhsam ergrĂŒbelten Erkenntnisse, wĂŒrde er gern schnell in die Tat umsetzen. Noch lieber wĂ€re er von jener unerschĂŒtterlichen Gelassenheit, die manche in seinem Alter zu besitzen vorgeben. Andererseits, alles was ihn in echte Lebensgefahr bringt, insbesondere ĂŒberhöhte Geschwindigkeiten, versetzen ihn in jene RauschzustĂ€nde, die sein ansonsten gemĂ€chliches Dasein mit Risiko und Abenteuer anreichern. Obwohl er keiner Kirche oder Sekte angehört, die ihn zum unerschĂŒtterlichen GlĂ€ubigen machen könnte, versucht er zu glauben, zum Beispiel an das eigentlich Göttliche des AllmĂ€chtigen, dass nichts Anderes sein könne, als ein stĂ€ndiger Rausch, ein Geschwindigkeitsmachtrausch, in dem Gott in unglaublicher Geschwindigkeit macht, was er will. Ein bisschen dieser Göttlichkeit hĂ€tte er gern.
Aber Helmut Rasande verfĂ€llt besonders nach Karins Tod von Monat zu Monat mehr seinen schier unendlichen GrĂŒbeleien, leidet deswegen an Schlaflosigkeit und ÜbermĂŒdung, und versucht eigentlich nur, irgendwo zwischen GefĂŒhl und Vernunft seine Kompromisse zu finden, die fĂŒr ihn Altersweisheit bedeuten und ihn gleichzeitig davor bewahren, vorzeitig zu altern.
Mit jedem neuen Lebensjahr bemĂŒht er sich intensiver um Ausgleich zwischen kĂŒhlem Kopf und hitzig-kitzeligen Aufwallungen, die sich besonders unterhalb der sogenannten GĂŒrtellinie abspielen. Obwohl beinahe siebenundsechzig, mag er es einfach noch nicht langsam und lauwarm. Dabei neigt er nicht grundsĂ€tzlich zu fahrlĂ€ssiger Unvernunft. Seinen Fahrstil, zum Beispiel, hat er durchaus seinem Alter angepasst, ohne gleich Warnsignale, wie Wackeldackel und umhĂ€kelte Toilettenpapierrolle auf der Ablage am Heckfenster seines Autos herumzufahren. Hut trĂ€gt er beim Fahren selbstverstĂ€ndlich auch nicht. Doch kaum entdecken jĂŒngere Verkehrsteilnehmer mit schnellen Fahrzeugen seinen silbergrauen Haarschopf hinter dem Lenkrad, bedienen sie die Lichthupe, fahren nah auf und versuchen, selbst in heikelsten Situationen ihn möglichst noch rechts zu ĂŒberholen.
Im Alter besteht offenbar nicht nur im Straßenverkehr die Gefahr, zu viel Zeit von Mitlebenden zu beanspruchen.
Nun könnte dies wie eine Mitleid heischende Klage darĂŒber klingen, dass niemand und schon gar kein jĂŒngerer Zeitgenosse sich fĂŒr Helmut Rasande Zeit nimmt.
Aber Kinderkundige wissen, nicht nur Alten sondern auch den JĂŒngsten unter den Menschlichen werde zu wenig Zeit gewidmet. Und im Übrigen klagen eigentlich alle Leute, die Helmut Rasande kennt, ĂŒber Zeitmangel. Wer Zeit ĂŒbrig hat, macht sich bekanntlich verdĂ€chtig, bei seinen Zeitgenossinnen und –genossen nicht ausreichend gefragt zu sein.
NatĂŒrlich weiß Helmut, SĂ€uglinge brĂŒllen vor allem, damit man ihnen Zeit widme. Dennoch hasst er die kleinen SchreihĂ€lse.
Und er verabscheut enge FahrstĂŒhle.
Besonders wenn junge hilflose MĂŒtter einen Kinderwagen mit ihrem lauthals schreienden Kind hinein schieben, versucht Helmut Rasande noch schnell, bevor sich die TĂŒr schließt, dem Lift zu entkommen.
Gestern misslang die Flucht. Zudem blieb der Fahrstuhl des wenig Vertrauen erweckenden, weil lange nicht mehr renovierten Wohnhochhauses genau zwischen dem 12. und 13. Stockwerk stecken. Der Telefonapparat im Lift, der dazu dienen soll, Hilfe herbeizurufen, war tot und weder durch SchĂŒtteln noch durch Klopfen zum Leben zu erwecken. Und ein roter Notknopf ließ sich zwar drĂŒcken, löste aber keinerlei Warnsignale aus.
Die Mutter, KopftuchtrĂ€gerin, klein, dunkelĂ€ugig und daher offenbar eine TĂŒrkin, schaukelte schweigend Kinderwagen und Kind und sah schuldbewusst zu Boden.
Er versuchte es mit tolerierendem LÀcheln, das die Mutter zu seinem Erstaunen, ohne aufzusehen, höflich erwiderte.
Auf den schreienden Sohn hatte ihr gemeinsames LĂ€cheln keinerlei beruhigenden Einfluss. Verzweifelt drĂŒckte Helmut Rasande auf alle Knöpfe, die er im Fahrstuhl fand. Der Lift bewegte sich nicht, nur der kleine Dunkelhaarige mit dem kreisrunden Schallloch in mitten seines hochroten Kopfes strampelte, ruderte mit beiden Armen, wand sich wild in seinem schaukelnden Wagen hin und her und schrie und schrie.
Die kleine Mutter sah weiter betreten auf den Fahrstuhlboden, piepste etwas in ihrer Sprache und zuckte mit den Schultern.
Noch einmal drĂŒckte Rasande nachhaltig auf den roten Knopf, sah auf die Uhr und stellte fest, bereits mindestens fĂŒnf Minuten zu spĂ€t zu Erika zu kommen, die er vor einigen Tagen bei einer 50plus-Party kennen lernte und die im 15. Stock dieses wenig Vertrauen erweckenden Hochhauses wohnte. Wut stach ihn heftigst in die Magengegend. Kurz hob er die rechte Faust, ließ sie sinken, trat mit dem linken Fuß gegen den Kinderwagen. Der Schreihals hielt inne, kreischte danach noch lauter und seine dunkelĂ€ugige Mutter lĂ€chelte noch verlegener vor sich hin.
Nun hatte er gewiss nichts gegen AuslĂ€nder. Aber manche wollen partout kein Deutsch reden und verstehen. Wer sich nicht einleben will, und dafĂŒr muss man wenigstens die Landessprache einigermaßen beherrschen, soll gefĂ€lligst wieder in sein Herkunftsland verschwinden.
WĂŒtend sah er auf das rot geblĂŒmte Kopftuch herab, wĂ€hrend sie in kurz flehend ansah.
Wenn Helmut Rasande etwas nicht ausstehen kann, dann unterwĂŒrfig flehende Blicke.
„Glotzen Sie mich nicht so an!“
Die Frau schob ihren Wagen ein StĂŒck auf ihn zu, verbeugte sich leicht und versuchte ihrem Kind den Mund zuzuhalten.
Schließlich ĂŒberließ sie dem Kleinen ihren Zeigefinger, an dem der gierig zu saugen begann.
Helmut Rasande ballte beide FÀuste, vergrub sie in den Taschen seines Anoraks, holte tief Luft und atmete hörbar aus. Wieder sah die Mutter kurz lÀchelnd zu ihm auf.
„Hörn Sie sofort auf so hilflos zu grinsen!“ knurrte er.
In dem Moment ließ der Kleine von ihrem Zeigefinger ab und begann wieder zu brĂŒllen.
Heute weiß Helmut nicht mehr ganz genau, was er tat. Jedenfalls muss er das Kind hochgenommen und in den Wagen zurĂŒckgeworfen haben. Und da der immer noch nicht aufhörte zu schreien, wiederholte er es, obwohl die Mutter ihn daran hindern wollte. Er weiß noch, er stieß sie zurĂŒck, sie rutschte aus und der Fahrstuhl setze sich plötzlich in Bewegung.
Erinnern kann er sich noch daran, wie sich die FahrstuhltĂŒr öffnete, die Mutter laut schreiend in den langen Flur des 15. Stockwerks floh und sich einige WohnungstĂŒren einen Spalt weit öffneten, hinter denen er verschreckte Gesichter erkannte.
Dann stand plötzlich der breitschultrige dunkelhaarige Kerl vor ihm und schlug zu. Ein paar Mal. Mitten ins Gesicht.
Als er zum ersten Mal wieder aufwachte, lag er auf dem Boden des Hochhausflurs. Erika beugte sich ĂŒber ihn und streichelte seine schmerzende Wange.
Und als er ein zweites Mal zu sich kam, lag er in einem schmalen Doppelbett, wÀhrend Erika neben ihm auf der Bettdecke hockte.
„Bleib ganz ruhig liegen“, bat sie und lĂ€chelte. „Du hast alle Zeit der Welt.“ Vorsichtig streichelte sie seinen nackten Oberarm und er spĂŒrte, wie gut ihm Zeit tat.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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