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Zeitungsnotiz
Eingestellt am 18. 05. 2002 21:12


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Freeda
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Zeitungsnotiz



Kind ertrunken
Nach Hinweisen aus der Bev├Âlkerung wurde am Dienstagnachmittag die Leiche von Samuel P. aus dem See am Moor geborgen, nachdem er am Montag Abend als vermisst gemeldet wurde. Die Obduktion ergab, dass er schon am Vortag ertrunken sein muss; ein am Ufer zur├╝ckgelassenes Badehandtuch deutet darauf hin, dass Samuel P. schwimmen gehen wollte. Die Eltern k├Ânnen sich nicht erkl├Ąren, wieso ihr Sohn, der ihres Wissens ein guter Schwimmer war, ertrank; man kann nur Vermutungen anstellen.





Ich wei├č, dass ich mich nicht rechtfertigen sollte, aber ich will es dennoch tun. Nach so vielen Jahren ist es mir ein Bed├╝rfnis, und da ich wei├č, dass ich sterben werde, will ich erz├Ąhlen, denn ich habe die Schuld lange genug mit mir herumgetragen wie eine schwere Last auf meinen Schultern.
Mein Weg f├╝hrte mich zur├╝ck an den Ort, wo es damals geschah. So viele Jahre sind seitdem vergangen, die Zeit raste vor├╝ber, leer, und leider ohne Dich. All die Jahre habe ich Dich schrecklich vermisst. Samuel.
Der See liegt genauso still da wie vor 25 Jahren, als diese schreckliche Sache passierte. Es hat sich nicht viel ver├Ąndert, nur die B├Ąume sind dem Himmel entgegengewachsen, aus dem kleinen Birkenhain ist ein Wald geworden, kahl jetzt. Die letzten Bl├Ątter sind schon vor einiger Zeit davongetragen worden, nach und nach, so wie das Leben aus meinem K├Ârper gewichen ist.
Dennoch ist es sch├Ân hier; wenn man dem Pfad folgt, der um den See herumf├╝hrt, verliert man das Wasser immer wieder aus den Augen, um pl├Âtzlich, ├╝berraschend, ganz dicht am Ufer entlanggef├╝hrt zu werden, von wo aus man einen Blick ├╝ber leise bewegte Wellen
und weiter ├╝ber die H├╝gel hat, bis man bei klarem Wetter meint, weit hinten Berge erkennen zu k├Ânnen.
Stellenweise hat jetzt eine d├╝nne Eisschicht das Wasser ├╝berzogen, und ich werfe in pl├Âtzlicher Erinnerung einen Stein, der auf dem Eis einen merkw├╝rdigen Ton erzeugt. Als Kind habe ich dieses Spiel geliebt, wir warfen die Steine und beobachteten, welcher weiter schlitterte, jeder mit eigenem Klang.
Aber damals, als Samuel starb, war es Sommer, ein so sch├Âner Tag, dass kein Mensch mit einem Ungl├╝ck gerechnet hatte. Von solchen Sommertagen erwartet man nichts Schlechtes, und wenn dann doch etwas passiert, ist man umso erschrockener.

Samuel und ich waren Freunde, von der ersten Schulklasse an, wo wir nebeneinander sa├čen. Wir waren uns sehr ├Ąhnlich, und manchmal kam es vor, dass man uns f├╝r Geschwister hielt. Nachmittags trafen wir uns fast t├Ąglich und verbrachten viel Zeit damit, ein Baumhaus zu bauen, heimlich. Wir hatten eine geeignete Stelle gefunden, im Wald, nah beim See, aber doch vom Pfad aus nicht zu sehen; und hierher kamen wir sooft es ging, w├Ąhrend die anderen Jungen sich mit ihrer Modelleisenbahn vergn├╝gten oder Fu├čball spielten oder im g├╝nstigsten Fall ├╝ber ihren Hausaufgaben sa├čen. Selten nahmen wir andere Kinder mit zu unserem Versteck, und wenn, dann nur die Vertrauensw├╝rdigsten.
Unsere Eltern waren froh, uns nachmittags nicht besch├Ąftigen zu m├╝ssen. Samuels Eltern bekamen fast jedes Jahr ein Kind, und bald war er der ├älteste von sechs Geschwistern. Sie fanden es in Ordnung, wenn er nach der Schule nicht zum Mittagessen erschien, sondern mit zu mir kam, einem Jungen aus gutem Hause. Ich war Einzelkind und hatte genug von allem, wir lebten in einem ger├Ąumigen Haus, ich hatte mein eigenes Zimmer und durfte in der K├╝che jederzeit an den K├╝hlschrank gehen. Mein Vater allerdings war beruflich oft lange unterwegs, und meine Mutter widmete sich hemmungslos der Malerei, sie hatte ein kleines Atelier unterm Dach.
Von Zeit zu Zeit bekam meine Mutter allerdings Sch├╝be, wie sie es nannte, die sie mit Tabletten zu bek├Ąmpfen versuchte; das hatte zur Folge, dass sie manchmal tagelang auf dem Sofa lag und den Fernseher anstarrte, in dem sinnlos irgendwelche Sendungen liefen, die sie nicht interessierten - wenn sie nicht gerade schlief. Ich st├Ârte dann besser nicht, und f├╝r einen stets gef├╝llten K├╝hlschrank sorgte unsere Haush├Ąlterin. Allerdings sorgte sich die Haush├Ąlterin weniger um mich.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir jemals ein Buch vorgelesen wurde. War meine Mutter frei von Sch├╝ben, sa├č sie wie besessen vor ihrer Staffelei und malte, Menschen, Blumen und Dinge, von denen ich nichts verstand.
Samuel war meine Rettung. Er war es gewohnt, sich zu k├╝mmern, er half seiner Mutter im Haushalt, sofern er zuhause war, und zwar recht fachm├Ąnnisch. Er wusste, wie man Pfannkuchen b├Ąckt, Betten bezieht und Babys beruhigt. In gewisser Weise k├╝mmerte er sich auch um mich; in seiner Gegenwart f├╝hlte ich mich geborgen.
Samuel konnte Geschichten erfinden, die er mir erz├Ąhlte, w├Ąhrend ich Bilder in ein kleines Heftchen malte; das Talent hatte ich von meiner Mutter geerbt.
Sp├Ąter habe ich ihm dieses Heftchen geschenkt, und Samuel hat sich sehr dar├╝ber gefreut.
Manchmal holten wir uns Kartoffeln und Wurst aus dem Keller, packten alles in einen Rucksack und radelten zu unserem Baumhaus, das im Laufe von Monaten zu einer fast perfekten, kleinen H├╝tte geworden war.
Dann sa├čen wir auf dem Boden unter unserem H├Ąuschen, machten ein Feuer, r├Âsteten die Kartoffeln und die Wurst und f├╝hlten uns wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Hier rauchten wir unsere erste Zigarette und teilten uns unsere Sorgen, als wir so alt waren, dass man heimliches Interesse f├╝r das andere Geschlecht entwickelte.
Samuel war vierzehn, und hatte sich schrecklich verguckt in ein M├Ądchen namens Malena, die in der gleichen Strasse wohnte. Sie hatte rotes, krauses Haar, dass sie sich zu einem Zopf band, was ihr gut stand. Ihre Nase war mit Sommersprossen ├╝bers├Ąt, und wenn man es sich recht ├╝berlegte, war sie nicht wirklich h├╝bsch. Aber Samuel himmelte sie an, wann immer er ihr begegnete.
In dieser Zeit regte sich in mir ein Gef├╝hl, das mir neu war, deswegen war ich auch ein bisschen durcheinander. Samuel hatte neben mir pl├Âtzlich einen Menschen, dem er Interesse entgegenbrachte, und manchmal kam es vor, dass er keine Zeit hatte, zu unserem Versteck zu kommen. Dann wollte er auf Malena warten, um ihr vielleicht ein Eis zu spendieren.
Ich war eifers├╝chtig. Meine kleine Welt geriet durcheinander, und ich konnte Niemanden um Rat fragen.
Was mir aber mehr Sorgen bereitete, als das fremde Gef├╝hl der Eifersucht, war, dass ich Samuel nicht verstehen konnte. Bisher hatte ich angenommen, wir w├╝rden f├╝r immer Freunde bleiben, und nichts k├Ânnte uns auseinanderbringen.
Ich verabscheute es, wenn er von Malena schw├Ąrmte, statt mir Geschichten zu erz├Ąhlen; manchmal war er mit seinen Gedanken woanders, und wenn ich fragte, was er h├Ątte, dann l├Ąchelte er und meinte verschw├Ârerisch, ich werde schon sehen, auch mir ginge es bestimmt noch so, dass ich nur noch an ein M├Ądchen denken k├Ânne, das ich gern habe.
Ich hatte M├Ądchen bislang nicht besonders aufregend gefunden und konnte Samuels Schw├Ąrmerei nicht mehr h├Âren.
Wir stritten uns das erste Mal, als ich zu unserem Baumhaus kam und dort Samuel fand, der hingebungsvoll seine Malena k├╝sste. Ich war ├╝berrascht, weil er mich nicht eingeweiht und sein M├Ądchen ohne mein Wissen in unser geheimes Versteck geholt hatte (wo M├Ądchen doch daf├╝r bekannt sind, dass sie Geheimnisse nicht f├╝r sich behalten k├Ânnen). Wahrscheinlich machte ich ein ziemlich dummes Gesicht; jedenfalls lachte Samuel, und es klang, als lachte er mich aus. Es war, als h├Ątte er unsere Freundschaft verraten, und als ich ihm das vorwarf, regte er sich schrecklich auf, ich w├Ąre verklemmt, warum ich mir kein M├Ądchen suchte, dann w├╝sste ich, was f├╝r eine nette Sache das sei, und sicher w├╝rde ich sie dann auch mit zum Baumhaus nehmen, weil man sonst ja nirgends ungest├Ârt knutschen k├Ânnte.
Ich radelte voller Zorn davon, warum tat er mir das an, ich war sein Freund, und ich merkte, dass meine Gef├╝hle f├╝r ihn tiefer gingen, als dies bei einer normalen Freundschaft der Fall gewesen w├Ąre.
Damals war mir das nicht klar, aber heute wei├č ich, dass ich mir w├╝nschte, ich w├Ąre derjenige, der in Samuels Arm dicht an ihn gedr├Ąngt liegen w├╝rde. Nicht dieses M├Ądchen in unserer H├╝tte st├Ârte mich, sondern dass er sie k├╝sste – denn ich w├╝nschte mir, er k├╝sste mich.
Damals konnte ich meine Gef├╝hle nicht in Worte kleiden, aber ich war auch stur und versuchte es gar nicht erst. Samuel ging mir inzwischen an manchen Tagen aus dem Weg, und ich lauerte ihm auf, um ihn zur Rede zu stellen. Wir fanden nicht mehr wirklich zueinander, und ich fiel in eine Phase der Depression. Samuel war mein einziger Freund, mein Halt, meine Familie. Und er lie├č mich schm├Ąhlich im Stich, so jedenfalls empfand ich es. Samuel dagegen wird sich ├Ąhnlich gef├╝hlt haben und von mir v├Âllig unverstanden. ├ťber meine wahren Empfindungen konnte ich mit ihm nie sprechen, ich wusste ja selbst nicht genau, was mit mir los war.
Ich wusste nur, dass ich Samuel nicht verlieren wollte. Er sollte mir geh├Âren, ich sollte derjenige sein, um den er sich k├╝mmert, nicht dieses M├Ądchen. Eine Zeitlang spielte ich mit dem Gedanken, das M├Ądchen zu t├Âten, so hasste ich es. Doch der Hass in mir trieb mich in eine Lethargie, die es mir unm├Âglich machte, ├╝berhaupt zu reagieren.
Und so zog ich mich immer ├Âfter zur├╝ck, sa├č an manchen Tagen stundenlang gr├╝belnd in meinem Zimmer oder verkroch mich in das Baumhaus, in dem Samuel und ich nun schon eine lange Zeit (so schien es mir) nicht mehr so herrlich vertraut beieinander gesessen hatten. Ich vermisste ihn.
Und dann, eines Tages, kam er wieder zu unserem Versteck. Er war allein und offensichtlich guter Dinge, denn er pfiff vor sich hin – eine Melodie, die wir beide mochten. Als er mich sah, freute er sich und fragte, was mit mir los sei – ihm war anscheinend nicht bewusst, wie sehr ich darunter litt, ihn nicht mehr t├Ąglich in meiner N├Ąhe zu haben.
Samuel hatte ein gro├čes Handtuch mitgebracht, er wolle Schwimmen gehen, erkl├Ąrte er; Es war so ein sch├Âner Tag, und wir schwammen bei gutem Wetter regelm├Ą├čig im See. Er war zwar kalt und ziemlich tief und wohl auch nicht ganz ungef├Ąhrlich, denn an einigen Stellen hatte er Str├Âmungen, aber das Wasser war klar und sauber, und mit ein wenig Ausdauer konnte man eine kleine Insel in der Mitte des Sees erreichen, zwischen deren felsigem Untergrund im Sommer Blaubeeren wuchsen.
Obwohl ich eigentlich nicht schwimmen wollte, zog ich mich rasch aus, und wir sprangen gemeinsam lachend und prustend ins Wasser.
Wie sehr liebte ich Samuel! Ich w├╝rde ihn nie aufgeben wollen, und nie w├╝rde ich sein Lachen und seine Heiterkeit einem anderen Menschen von Herzen g├Ânnen. Wir schwammen um die Wette auf die kleine Insel zu, und es war ein herrliches Gef├╝hl so nackt und frei wie Fische durch das Wasser zu pfl├╝gen – hier war unser kleines Paradies.
Doch pl├Âtzlich begann Samuel zu zappeln, er schrie auf und riss haltsuchend einen Arm nach oben, vielleicht hatte er einen Krampf. Samuel war ein guter Schwimmer, er hatte mich ein St├╝ck weit abgeh├Ąngt; es m├Âgen zehn Meter gewesen sein, die uns voneinander trennten. Er rief meinen Namen, verschluckte sich, tauchte kurz unter, kam hustend wieder hoch.
Und ich schwamm auf der Stelle. „Samuel“, fl├╝sterte ich leise „ich werde Dich retten“, aber ich tat keinen einzigen Schwimmzug. Samuel k├Ąmpfte, er schlug wild um sich, sein blondes Haar verschwand ein ums andere Mal, tauchte wieder auf, Wasser spritzte. Und immer wieder rief er meinen Namen, voller Panik, manchmal abgehackt, wenn das Wasser seinen Mund f├╝llte.
Vielleicht h├Ątte ich ihn tats├Ąchlich retten k├Ânnen. Es war auch nicht der Schock, der mich abhielt, zu ihm zu schwimmen, um ihn ├╝ber Wasser zu halten.
Ein pl├Âtzlicher Gedanke war es, der mich bremste. Wenn er stirbt, so dachte ich, wird er keinem M├Ądchen mehr geh├Âren. Wenn er stirbt, wird er meinem Herzen geh├Âren.
Ich sah dem Geschehen nicht kaltbl├╝tig zu, sondern voller Mitgef├╝hl und Angst und der Hoffnung, dass es bald vorbei sein m├Âge, damit Samuel nicht so lange zu leiden h├Ątte.
Ein letztes Mal tauchte er auf, um dann endg├╝ltig zu versinken, bewegtes Wasser hinterlassend, das sich jedoch so schnell beruhigte, als w├Ąre alles nur ein b├Âser Spuk gewesen.
Nun endlich l├Âste ich mich aus meiner Erstarrung, und langsam, mit ruhigen Z├╝gen schwamm ich zu der Stelle, wo Samuel untergetaucht war. Fast bef├╝rchtete ich, meine F├╝├če w├╝rden seinen K├Ârper ber├╝hren; das Wasser schien mir hier eiskalt zu sein, dennoch verharrte ich eine Weile, tauchte ein St├╝ck mit offenen Augen, um vielleicht Samuel in der Tiefe entdecken zu k├Ânnen, doch ich sah nichts als Schw├Ąrze, die mich ├Ąngstigte.
Es war nun so still, als h├Ątte die ganze Welt ihr Leben ausgehaucht. Aber mir war seltsam leicht ums Herz, und ich schwamm zur├╝ck, ersch├Âpft jetzt und keuchend.
Ich nahm Samuels Handtuch, um mich abzutrocknen, w├Ąhrend ich mit leerem Blick auf den See starrte.
Samuel w├╝rde Niemandem mehr geh├Âren.
Abends klopfte seine aufgeregte Mutter an unsere Haust├╝r: Sie vermisste ihren Sohn, der sonst immer zeitig nach Hause k├Ąme und ob er bei mir sei. Ich musste nicht l├╝gen, nein, bei mir war er nicht.
Die n├Ąchsten Stunden erlebte ich wie bet├Ąubt, ich schlief und a├č nicht, sondern lag lang ausgestreckt in meinem Zimmer auf dem Bett, bis Samuel gefunden wurde. Nat├╝rlich wussten alle, dass ich sein engster Freund war, und ein Polizist stellte mir am n├Ąchsten Tag die in so einem Fall wohl ├╝blichen Fragen, wann ich ihn zuletzt gesehen hatte und in welcher Verfassung, ob er Probleme gehabt h├Ątte oder ob ich w├╝sste, wohin er gegangen sein k├Ânnte. Nat├╝rlich musste ich erz├Ąhlen, dass es dieses Versteck am See gab, und alsbald machten sich ein paar Leute auf den Weg dorthin, wo man das Handtuch und ein paar Sachen von ihm fand. F├╝r die Leute war jetzt alles ziemlich eindeutig; es war nicht das erste Mal, dass in dieser Region ein Kind ertrank, und man klopfte sich gegenseitig auf die Schultern, um sich Mut zu machen, bevor es an die traurige Aufgabe ging, ein ertrunkenes Kind zu bergen.

Am Tag der Beerdigung folgte ich and├Ąchtig dem wei├čen Sarg; vor mir gingen schweren Schrittes Samuels Eltern und die Geschwister. Seine Mutter weinte schrecklich, die ├Ąlteren Geschwister auch, nur die kleineren verstanden nicht so recht, was passiert war und h├╝pften unruhig von einem Bein auf das andere. Die Worte des Pastors erreichten mich nicht, die gesungenen Lieder dr├Âhnten in meinen Ohren, und w├Ąhrend der gesamten Zeremonie sah ich Samuels Hand, wie sie ins Leere griff und h├Ârte seine Stimme, die angestrengt meinen Namen rief.
Seither verlief mein Leben unruhig, fast chaotisch, nirgendwo fand ich die Ruhe und ein Zuhause, wonach ich mich so sehnte; ich hetzte rastlos durchs Leben, best├Ąndig auf der Suche nach etwas, das ich nicht finden konnte.
Aus unserer kleinen Stadt, die sich so idyllisch an die Wiesen schmiegte, zwischen W├Ąldern und Seen und den fernen Bergen, ging ich fort, denn ich hoffte, das Geschehene zu vergessen. Meine Mutter starb, nachdem mein Vater mit einer anderen Frau einen neuen Anfang machte, und ich sah lange Zeit keinen Grund mehr, in meine alte Heimat zur├╝ckzukehren.
Aber jetzt bin ich krank, und wenn ich abwarten w├╝rde, blieben mir vielleicht noch ein paar Wochen, angef├╝llt mit Schmerz und Angst. Und deswegen bin ich zur├╝ckgekehrt, an den Ort, wo mein Schicksal besiegelt wurde, der Anfang vom Ende.
Vielleicht w├Ąre ich ein gl├╝cklicher Mensch geworden, w├Ąre Samuel nicht gestorben; ich h├Ątte wenigstens versuchen sollen, ihm zu helfen, aber vielleicht h├Ątte ich das auch gar nicht gekonnt.
Wie oft habe ich mir die Frage gestellt, warum es so kommen musste, und wie unser beider Leben verlaufen w├Ąre, h├Ątte Samuel nicht beschlossen, an diesem verh├Ąngnisvollen Nachmittag schwimmen zu gehen.
In meinen Tr├Ąumen sah ich uns oft als erwachsene Menschen beieinander sitzen, Samuel verheiratet und Vater von Kindern, die uns munter umsprangen.
Ich habe keine Frau, keine Kinder; es gab nur fl├╝chtige Beziehungen zu M├Ąnnern, die mich nicht wirklich ber├╝hrten.
Und ich habe keine Tr├Ąume mehr.
Ach, Samuel, ich w├╝nschte manchmal, es h├Ątte Dich nie gegeben. Ich ertrage es nicht mehr, an Dich denken zu m├╝ssen.
Die Pistole, die ich besitze, habe ich meinem Vater vor vielen Jahren aus seinem Schreibtisch gestohlen. Er hat sie vermisst, aber niemals hat er mich beschuldigt, sie genommen zu haben, wahrscheinlich hatte er meine Mutter in Verdacht. Aber er fragte sie nie danach, und sp├Ąter ├╝berlegte ich, ob er insgeheim gehofft hatte, dass meine Mutter sich damit erschie├čt.
Ich verwahrte die Pistole sorgf├Ąltig, als w├╝sste ich, dass sie eines Tages einen Zweck erf├╝llen sollte.
Dieser Tag ist nun gekommen. Ich verabschiede mich von diesem Leben, dass so gar nichts mehr f├╝r mich bereith├Ąlt. Mir ist kalt geworden, ich stehe schon viel zu lange hier und starre auf das Wasser. Langsam setze ich mich in Bewegung, ich kenne den Weg, der jetzt hart gefroren ist, und bald schon sehe ich unsere Zuflucht, unsere Burg, unsere H├Âhle: Das Baumhaus, verwittert und vom Moos ganz gr├╝n, von vielen Jahreszeiten hinterlassene Spuren tragend, aber noch immer Wind und Wetter trotzend. Ich schaffe es nicht mehr, hinaufzuklettern, dazu bin ich zu schwach, deswegen setze ich mich auf den harten kalten Boden darunter. Ich f├╝hle mich wieder klein und unschuldig, aber ich bin m├╝de.
Das kalte Metall in meinen H├Ąnden schmerzt, meine Finger sind steifgefroren. Ich nehme die Pistole in beide H├Ąnde, hebe sie in Augenh├Âhe und hauche dann meine Finger an, die so kalt sind, als w├Ąre ich schon tot.

Eine Schar Kr├Ąhen flattert auf, als ein Schuss f├Ąllt, und das Echo wird davongetragen ├╝ber den Wald und den See hinweg bis hin zu den fernen Bergen.

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steffen
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Gru├č von Salomon

Wenn wir die Frage, ob er ihm ├╝berhaupt helfen konnte au├čer acht lassen, denke ich folgendes: Der Ich-Erz├Ąhler ist viel zu egoistisch um Samuel wirklich zu lieben. Denn ansonsten h├Ątte er ihn gerettet, auch wenn dieser sich h├Âchstwahrscheinlich nie in den Erz├Ąhler verlieben w├╝rde.
Salomon hat sein Urteil gef├Ąllt und der Ich-Erz├Ąhler hat es als nicht-wahr-Liebender akzeptiert.
Dieser Held ist nicht tragisch, sondern (durch seine Obsession) schlecht!
War das so gedacht?









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Freeda
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Hallo Steffen,

Der Erz├Ąhler ist kein Held und vielleicht eher hilflos als egoistisch. Er ist auch nicht wirklich schlecht – er war ja quasi noch ein Kind als Samuel ertrank und hat aus der Angst heraus gehandelt, verlassen zu werden. Samuel ist f├╝r den Erz├Ąhler zum Elternersatz geworden – im Begriff, ihn allein zu lassen, ├Ąhnlich wie es seine Eltern taten. Es erschien ihm weniger schlimm, seinen Freund tot zu wissen, als das schreckliche Gef├╝hl des Verlassen-worden-seins ertragen zu m├╝ssen; schlie├člich ist Samuel nicht freiwillig gegangen (vielleicht auch eine nicht ganz untypische Reaktion bei Kindern: Lieber zerst├Âre ich mein Spielzeug, als es einem anderen Kind zu ├╝berlassen – es ist eben nicht wie bei Salomon).
Erst als erwachsener Mann erkennt er, dass es vielleicht noch einen anderen Weg gegeben h├Ątte, der Selbstmord hat allerdings nicht zwingend etwas mit dieser Erkenntnis zu tun. Er ist also weder ein Held noch eine tragische Figur, sondern einfach ein Mann, der leidet, weil er l├Ąngst erkannt hat, falsch gehandelt zu haben.
So jedenfalls habe ich das gesehen.

Freeda


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