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Leselupe.de > Erzählungen
Zelluloid 1
Eingestellt am 08. 05. 2002 17:20


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Kir
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Mar 2001

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Zelluloid 1

„Nothing to do today, nothing I want to do, anyway.”
Turntable Terranova: “Midnight Melodic”


Als Kind habe ich immer gedacht, die Welt ist ein wunderschöner Ort – wenn die Menschen nicht wären. Das mag mit meiner Kindheitsgeschichte zusammenhängen, doch heute, als erwachsener Mann, ähneln meine Eindrücke den damaligen, sie bilden geradezu Parallelen. Nicht, dass ich nie Menschen mochte, eher im Gegenteil, aber sie passen irgendwie nicht ins Bild, in das kindliche, wie das des Erwachsenen. Ihre Art ist zu widersprüchlich.
Als Kind dachte ich oft von mir als Helden, wahrscheinlich die übliche Faszination von aufwachsenden Jungen für solche Figuren. Als ich älter wurde, begegnete mir der Begriff des tragischen Helden. Eine vergleichbare Vorstellung hatte ich vorher nicht entwickelt. Ich wollte immer zu den Gewinnern gehören, für mich waren eigentlich alle Gewinner. Meine Vorstellung von einem Helden war die eines Gewinners, der Schlachten für sich entscheidet, selbstlos den Armen und Kranken hilft, ein St. Martin mit großem Schwert und glänzender Rüstung. Ein lustiger Mann (für andere mag es eine Frau sein), der Kinder mag und gewinnend vom Charakter ist, so dass wenn er ins Dorf hineinreitet, die Jungfrauen sich am Brunnen versammeln, um ihn zu begrüßen und ihm zu zuwinken. Dass ihm Tränen in den Augen stehen könnten, war mir nie in den Sinn gekommen. Dass ihm eine Frau das Herz hätte brechen können, stand für mich nicht zur Debatte. Mein Held war strahlend und unverwundbar.
Irgendwie war ich das als Kind auch. Es hat zwar niemand gesehen, aber ich war sehr stark. In mir brodelte ein ständiges Feuer, dass zu löschen ich nie vermochte. Natürlich weinte ich viel, ließ mich gerne von meiner Mutter trösten, nachdem ich von einem Albtraum unsanft geweckt worden war. Selbstverständlich nervte ich meine Umgebung mit einem überzogenen Geltungsdrang und blamierte mich, nicht nur ein Mal, bis auf die Knochen.
Dennoch schrieb ich schon Gedichte, seitdem ich eine Schreibmaschine zu Gesicht bekam, wenn auch nur über einen kurzen Zeitraum. Bei einer Pfadfinderfahrt entschloss ich mich, zu der Freude meiner Zimmergenossen, eine Geschichte zu erzählen um ihnen die, nicht ausgesprochene, aber vorhandene, Angst vor der Nacht und dem Zubettgehen zu vertreiben. Soweit ich mich erinnere, sind die meisten von ihnen eingeschlafen. Dies machte mich nicht zum unverwundbaren Ritter, doch es gab mir eine Ahnung von dem, was ich sein würde, wenn ich einmal groß wäre.
Heute sitze ich hier und weiß, dass die Kindheit, so schön und unberührt sie vielleicht sein mag, nie den Schrecken kennt, der auf sie wartet, während sie vergeht. Unglücklicherweise lernt sie oft auch den Schrecken zum frühestem Zeitpunkt kennen, was natürlich fatale Folgen haben kann. Das Grauen, was ich kannte, gehörte nicht zu meiner Welt. Ich schloss es einfach aus. Ich war in jeder Rolle und übte jeden Beruf aus. Na ja, beschränken wir uns auf die jungenspezifischen Möglichkeiten. Wenn ich durch die Wohnung schritt, war ich ein Prinz, Abenteurer, Erfinder, Lord.
Beliebt waren Spiele, die von Zauberern und anderen Welten handelten, die oft nur durch ein magisches Tor betreten werden konnten. Aber militärische Aufgaben wurden mit dem gleichen Elan angegangen. Tage vergingen mit Schlachten im Sand, zuerst mit unzähligen winzigen Figuren, dann mit uns selber. Später kamen Mädchen hinzu. Ab da wurde es kompliziert.

Somit sind wir bei dem Punkt angelangt, der mich zu einer Betrachtung dieser HintergrĂĽnde zwingt.
Wir haben ungefähr 3 Uhr in der Früh, es ist jetzt Montag, mein Leben steht kurz davor ausgelöscht zu werden.
Machen Sie sich keine Sorgen. Ausgelöscht nicht im wortwörtlichen Sinn. Der Film ist einfach zu Ende. Der Abspann läuft noch, man bleibt sitzen, weil alle sitzen bleiben, scharrt noch etwas mit den Schuhen über den tiefroten Teppich, ihr wisst ja. So ist das jetzt mit meinem Leben. Da sind die Darsteller, der Regisseur, der Produzent, und all die anderen, die so tapfer daran mitgewirkt haben. Ich bin bei der ganzen Sache die Kamera. Mein Leben ist der Blick durch das Objektiv auf aneinandergereihte Szenen. Das ist der Grund, warum sie mich geschickt haben. Ich soll berichten, mir selbst und wer noch zuhört.
Ich bin eine Art unsichtbarer Held. Wenn ich ganz weit gehe, sehe ich mich eher als Geheimagent, im Auftrag der Majestät, versteht sich. Gestern noch war ich einfach nur ein niedergeschlagener Mann, dessen Herz gebrochen war, und der in allem, was er tat, so unvollkommene Ergebnisse erzielte, wie er sich fühlte.
Man lächelte über ihn, denn er war hoffnungslos romantisch, und außer Leid brachte es ihm nicht viel ein. So wurde er mit der Zeit immer blasser im Gesicht und immer seltener rang er sich ein Lächeln von den Lippen ab, seine Kleidung wurde dunkler und sein Erscheinen spärlicher. Bis er eines Tages verschwand, spurlos. Er hatte nicht viele Freunde, doch die sorgten sich um ihn, folglich mussten sie immer wieder an ihn denken. Das rührte den Mann sehr, denn er war nicht wirklich verschwunden. Sein Äußeres war nur weg. Er brauchte nun keine Form mehr, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. Sie war wie eine schlaffe Hülle, die er abgestreift hatte. Eine schöne Geschichte, es ist die meine.
Sie ist wirklich wahr, wenn man sich mal vorstellt, wie sich so was wohl anfühlen könnte. Ich bin wirklich unsichtbar. Ich kann nicht durch Wände gehen, oder so, und alle sehen mich noch. Aber eigentlich sehen sie nur noch irgendeine Form. Ich bin geputzt wie das gewölbte Glas einer Linse, bereit zur Aufnahme, gebt mir das Motiv. Irgendeins.

Ich war die letzten Jahre sehr einsam. Als Objektiv brauch man nicht mehr einsam sein, man hat den Betrachter als Partner, als intimen Mitwisser im Hinterkopf. Das ist der Unterschied zu frĂĽher, das ist Unverwundbarkeit und auch Barmherzigkeit. Ich darf endlich das sein, wozu sie mich bestimmt haben: ein Held. Ohne Ruhm und Taten zwar. Und doch ein leiser Held.
Wie gesagt, es ist Montag, jetzt Morgen. Bei Sonnenaufgang ward ein Held geboren. Sie entschieden, ihn zu wecken, sein altes Ich sollte er zurĂĽcklassen. Er wĂĽrde es nicht mehr brauchen. Aber sie brauchten ihn. Er hatte eine Gabe: Mensch zu sein und auch nicht. Ein Teil von ihm war ein Geheimnis, wie ein Implantat, dass sie ihm eingepflanzt haben. Vielleicht wollte er gar kein Held sein? Der Ruf war erfolgt, er musste folgen. Und beim Aufbruch fragte er auch nicht danach.
Jemand hatte die Aufnahmetaste gedrĂĽckt, der neue Film lief an.
Kommen wir zu dem tragischen Teil: Er war allein. Keine Truppe, keine Verbündeten - Nicht in dieser Sache. Einen starken Verbündeten kannte er mal in der Vergangenheit, doch der war mit der Zeit in eigene Aufgaben eingebunden. So musste der tragische Held erst einmal auf sich allein gestellt losziehen. Das machte ihm sehr zu schaffen, denn er war gewohnt unter Leuten zu wirken. Durch seine unsichtbare Unsichtbarkeit wurde es ihm unmöglich gemacht; niemand hätte ihm folgen können.
Man bemerkte ihn nicht - unscheinbar wurde sein Leben zur Tarnung. Er war zu einem nichtstrahlenden Helden geworden.
Ich ziehe meine dunkle Jacke an und gehe hinaus. Die Hosen sind weiter als frĂĽher, das ist die Macht von groĂźen Hosen. Fangen wir an mit einer groĂźen Aufgabe, die nicht zu beschreiben ist, sprechen wir also nicht darĂĽber, sie ist ein Geheimnis. Beginnen wir hier und dort, wo es uns hinzieht.

Wie viele Gesichter habt ihr gesehen? An wie viele kann man sich erinnern? Ein paar Tausend vielleicht, ohne Vorstellung der Imagination. Bei einem Dutzend ist eine präzisere Auflösung vorhanden. Zwei, Drei sind einem vor Augen. Bei mir ist es nur ein Gesicht. Es verfolgt mich, taucht in Zeitungsausschnitten und Fernsehsendungen auf, Bücher, Gespräche, und Lieder handeln davon. Demletzt sah ich es hinter einer Leinwand, auf der ein Fußballspiel meiner Lieblingsmannschaft projiziert wurde. Da vergeht einem die Lust. Andere Gesichter verlieren an Bedeutung, was ja eigentlich nicht sein kann. Es hat sich in der Linse eingebrannt. Deshalb ist es unbedingt nötig, neue Aufnahmen zu machen, neue Bilder, frische Gesichter. Sonst kriegen wir die Linse nicht wieder frei. Andere Eindrücke geben Rückhalt - man muss sie nur lassen.
Darum schaue ich alle Menschen an. Wenn ich in die Stadtbahn einsteige, blicke ich auf jedes Gesicht und versuche mir vorzustellen, wer diese Person dahinter ist, und in wieweit man RĂĽckschlĂĽsse von ihrem Ă„uĂźeren auf ihren Charakter anstellen kann. Ob der kurzhaarige, adrett gekleidete Student mir gegenĂĽber wirklich guter Dinge ist, oder nur so tut. Ist die alte Frau, die so verloren aus dem Fenster schaut, einsam? Die junge Mutter da allein-erziehend? Milliarden Fragen, fĂĽr jeden Menschen mindestens eine, an manche wĂĽrde man gern Tausend stellen.
Ein voller Zugwaggon kann da zu einem Meer von Leben werden: junge Mädchen kommen von der Reitmesse in Essen, in den Händen Behälter aus Hartplastik, die wohl beim diesem Sport zum Einsatz kommen. Da der Zug fast bis zum letzten Platz besetzt ist, setzt sich der Rest der Gruppe, der keinen Sitzplatz findet, in den Gang. Sie lachen viel, teilen Süßigkeiten, die in ihren Plastikkästen verstaut sind, unter einander auf, blödeln herum, spielen Schiffe versenken. Die Reitgerten, die sie auch bei sich haben, benutzen sie, um sich gelegentlich zu hauen, bis dann die Leiterin der Gruppe dem Treiben Einhalt gebietet. Sie saß eigentlich teilnahmslos daneben, vertieft in den Roman „Columbus war ein Engländer“ von einem berühmten englischen Schriftsteller. Um Verständnis heischend lächelt sie mich an, sagt dann:
„Ich hoffe, sie stören nicht zu sehr.“
„Nein, gar nicht.“, erwidere ich, „Das wäre ja noch schöner, wenn so etwas stören würde! Das erinnert mich an meine Kindheit, als auf der Wiese vor unserem Haus uns die Omis immer verscheuchen wollten.“
Ich spare mir eine Ausführung über die damalige latente Jugendfeindlichkeit in Deutschland. Sie blickt mich eh abwesend an, vielleicht denkt sie, ich bin ein Kindermörder. Vor kurzem tötete irgendein krankes Schwein ein Mädchen namens Ulrike, dass in demselben Alter wie diese Kinder hier war. Die Gruppenleiterin sieht mit ihrem blonden Haar und den blauen Augen wie ein großgewachsenes Exemplar ihrer Mädchen aus. Ihre Töchter sind auch dabei, kriege ich mit.
Früher wären mir diese Menschen auf den Geist gegangen, doch mir geht es wie dem jungen, gut aussehenden Mann, der hinter zwei der Mädchen sitzt, und verzweifelt versucht sein dickes Buch zu lesen. Nach einer Stunde gibt er auf und nimmt an dem Schiffe versenken der Mädchen teil, albert mit ihnen, gibt Geheimzeichen. Ein stilles, wahrscheinlich schüchternes, Mädchen, die nicht mitspielt, aber direkt daneben sitzt, mustert ihn heimlich, fast verliebt.
Ich amüsiere mich mit, biete einem im Gang sitzenden, älteren Teenie meinen Platz an, die will auf einmal nichts von ihrem Wunsch wissen, angenehm zu sitzen. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mir mit ihr einen kleinen Spaß zu erlauben:
„Steht deswegen in Großbuchstaben Zicke auf dem Display deines Handys?“
Alle lachen, ihre Souveränität von vorher ist weg und sie läuft knallrot an. Ich hatte vergessen, dass Männer in meinem Alter wenigstens Teenies an Schlagfertigkeit übertreffen können. Kaum da ich den Zug verlassen habe, ist nichts mehr von der Heiterkeit geblieben, ich mische mich unter die hektisch drängelnden Menschen auf dem Bahnsteig, schaue zielstrebig in die Richtung des Stroms. Es bleibt nicht immer Zeit, in Gesichter zu blicken.

Ein Moment. Kein besonderer, kein schöner. Jedoch wohnt in ihm der Zauber einer Geburt, eines Himmelsgewölbes, dessen Strahlen innerhalb der Wolkentürme ungewohnte Farben annehmen. Man blickt erstaunt herauf und lange starrt man dieses Wunder an, was so gewöhnlich und alltäglich geworden ist. Darin liegt Faszination – im Zauber des Neugeborenen, Flüchtigen, Sterbenden.

Ich bin voller Erwartung, was die nächsten Tage angeht, alles steht schon lange unter Strom. Besuchte Freunde, hörte Lieder, die unbekannt sind, präsentiert von dem DJ der Gruppe „Ischen Impossible“ – Connie. Prächtig, was dir so begegnet; Leute, die ihre Träume versuchen zu leben. Ich befand mich bei Charlie, ich glaube, er nennt sich in seinen Liedern KING RED. Wir hörten seinen neuesten Song „´Round the Track“. Das Zimmer, welches er bewohnt, ist sehr klein, aber ständig läuft gute Musik, die es einem freien Geist erlaubt, sich in Gedanken weit zu entfernen. Mein Schmerz pocht irgendwo dumpf, wie das Herz in meiner Brust, ich nicke ständig mit dem Kopf zu der Musik, die Kamera schießt Bilder am laufenden Band.

An einem Vortortbahnhof sprach mich ein ausländischer Mann an, er war vielleicht Iraner. Mit leiser, fast flüsternder Stimme und ernstem Gesicht berichtete er mir von seiner bevorstehenden oder drohenden Abschiebung in sein Heimatland. Er verlor seinen Pass auf ominöse Weise in den Niederlanden und behauptete, dass er sich schon an jede erdenkliche Beratungsstelle gewandt hatte. Mit einer Hand hielt er sich den Kragen seines Mantels zu, wahrscheinlich das einzige Kleidungsstück, was er besaß. Er fror - ich schloss auf Obdachlosigkeit. Tatsächlich erwartete er, dass ich ihm helfen könnte.
Daraufhin konnte ich nur sagen:
„Ich kann ihnen nicht helfen, ich bin kein Anwalt und kenne mich mit so etwas auch gar nicht aus.“ Vorher hatte ich ihm schon 6 Mark gegeben; er dankte, schien aber enttäuscht zu sein, bei mir keine Hilfe gefunden zu haben. Deprimiert schlich er davon, um jemand anders seine Geschichte zu erzählen. Wissen sie, er sprach verdammt gutes Deutsch für einen Asylbewerber, er schien gebildet zu sein, und was das Schlimmste war: er wirkte traurig und kurz vor der inneren Selbstaufgabe. Ich wünschte ihm noch viel Glück.

Des Nachts lag mein Körper neben dem der schönsten Frau der Welt, mein Gesicht lag dem ihren zugewandt, ihr Atem streicht in regelmäßigen Zügen über meine Nase, kriecht in die Augenhöhlen, schlägt Wellen auf meinen Lippen. Ich schloss die Augen, verzweifelt. Wenn doch die Welt jetzt für immer stehen bleiben könnte!, denke ich, und dann, viel später, fällt mir ein, dass dann auch keine Atemzüge aus ihrer feinen Nase strömen könnten, und ich schäme mich unsagbar dafür, dass ich den Moment entehrte, indem ich ihn krampfhaft festhalten wollte. Erinnern sie sich noch an das Bild, dass ich vorher beschrieb, das, welches mich verfolgt, immer und überall? Sie ist es: die schönste Frau der Welt.
Ich bin nicht der Dichter, der ihr Gesicht in Worte fassen könnte, keiner meiner Laute könnte ihre Schönheit beschreiben, und wenn, dann ist er nicht von dieser Welt. Und so bleibt die Kamera zurück, mit Tausenden von Bildern, und doch keinem, welches ihre Schönheit zeigen würde, oder auch nur einen Hauch davon. Angesichts dessen versagt mir die Stimme, sage ich später unsinnige, linkisch torkelnde Komplimente, die sie erzürnten. Ich kann mir vielleicht denken, warum.
Die Vergangenheit spielt eine wichtige Rolle.

Wir sind eine seltsame Generation: Jeder versucht sich den Anstrich eines Filmschauspielers, Popstars, oder Modells zu geben. Wir sind mehr Schein als Sein und das machen wir gut.
Eine junge, schlanke, und hochgewachsene Frau geht an mir vorüber. Sie trägt eine pinke Tweed-Jacke mit weißem, modischem Karo-Muster. Auf der Nase hat sie eine schwarze Brille, in eckiger Form, die dieses bestimmte kreative „Werbe-Agentur-Flair“ verbreitet. Genauso gut kann ich eine Folge von Ally McBeal schauen, da laufen sie alle so rum.
Wir alle huldigen der Religion der Selbstverwirklichung. Unser Beruf, unsere Freizeit, unser Partner, sowie unsere Seele sollen sich grenzenlos selbst verwirklichen, dies ist unser innigster Wunsch. In der Kleidung äußern wir unseren Status, unsere Szene, Philosophie, unsere Lebenserfahrung, und auch Träume. Sie ist unsere Visitenkarte geworden.

Bei einem kolumbianischen Kaffee rauche ich eine Sherman´s – Gott, wie lange hatte ich diese Zigaretten nicht mehr – und betrachte das massive Treiben im Bahnhofsinneren. Seitdem sie die Bahnhöfe umbauen, denkt man bei der vorhandenen Vielfalt von Geschäften ständig an Freizeitparks. Fehlt noch, dass sie Achterbahnen durch die Bahnhofshalle führen würden.
In der Kaffeebar läuft eine Mischung aus brasilianischem Jazz und Louis-Armstrong-Balladen-Gedudel. Ich schaue derweil hinaus und sehe eine bildhübsche, junge Frau, sie ist wirklich sehr schön. Beim Vorbeigehen bemerkt sie meinen anzüglichen Blick, zeigt den Ansatz eines zufriedenen Lächelns. Sie versucht nicht sinnlich zu wirken - sie ist es! Natürlich weiß sie das, und sieht sich trotzdem durch so einen Trottel wie mich bestätigt in ihrem gazellenhaften Dahin-gehüpfe.
Mein Mittagessen ist Alaska-Seelachs bei einer Franchisekette. Ein anderes Mädchen zieht meinen Blick auf sich, wahrscheinlich, weil sie ihre Haare in einem Rot-Ton gefärbt hat, den ich toll finde. Sie ist sehr jung, doch könnte sie auch Anfang 20 sein, wer weiß das heute schon noch, bei all´ den beschleunigten Vorgängen. Nachdem Essen folge ich ihr, heimlich, sie geht auf denselben Bahnsteig wie ich. Plötzlich möchte ich sie ansprechen.
Sie heißt Laura, 19, und ist von Nahem betrachtet viel hübscher, als aus der Ferne. Mein Werben um sie schmettert sie freundlich, aber bestimmt, ab. Selbstverständlich hat sie einen Freund. Ich schaue auf zu euch, ihr Souveränen.

FrĂĽher am Tage machte ich mir Gedanken ĂĽber das Alter. Ein Mann, der mir in der StraĂźenbahn gegenĂĽber saĂź, meinte, er mĂĽsste mir folgendes mitteilen, im Sinne war es:
„Die Jugend ist nur ein Mal,“ und dann, „ aber so ist das Leben.“
Neidvoll und gequält schaut er mich aus seinen kleinen Schweinsaugen an, wartet auf meine Reaktion. Ich bleibe gelassen, stimme zu. Er sieht aus wie ein großes, überfüttertes Kind, ja fast wie eine Puppe. Hat aber keine Behinderung.
Warum spricht er mich gerade an einem solchen Punkt meiner Gedanken an? Ich denke, Gott muss sich seiner bemächtigt haben um zu mir zu sprechen, oder wie sonst Zufälle zustande kommen. Mir ist das Ganze unheimlich. Seine Äußerungen über die Miete, die er an den Vater zahlen müsste, höre ich nicht mehr – ich steige glücklicherweise aus.

Später, nach dem kurzen Gespräch mit Laura, welches die These untergräbt, Fernbeziehungen könnten nicht funktionieren (bei ihr hat es geklappt), nötigte ich Karsten eine kurze Diskussion ab. Nein, er hat sich noch nicht mit Buddhismus beschäftigt. Inwiefern das mit Zugverspätungen oder anderen Zufällen zu tun hätte? Tja, weiß ich auch nicht, Karsten. Ich bin nur die Kamera. Er erklärt seine Theorie.
Er sieht aus, wie ein schlechter Scherz und macht dabei noch eine gute Figur. Lederjacke. Spitz zulaufende, grau-schwarze Lederschuhe, die ein Muster nach Giger schmückt, ein fürchterlich buntes Hemd, und es passt! Ein schlichter Goldring am Finger. Sicher ist er verlobt. Religion findet er Scheiße, aber am Buddhismus wäre ja was dran. Ich schäme mich wieder, Buddhisten sind nie Missionare.

Wechseln wir den Film aus, fummeln im Inneren der Kamera herum. Was war das Alles? War es aufschreibenswert? Erwähnenswert? Warum nicht? Ist nicht euer Tag erwähnenswert, ereignisreich, seit ihr nicht Helden?

K. sagt, alle Menschen sind interessant. Ich finde SIE interessant. Sie ist nicht die Schönste Frau der Welt, aber sie liegt gut im Rennen. Ich liege scheiße im Rennen. Macht nichts. Ich bin nur die Kamera.

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Sanne Benz
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Hallo Kir,
Dein Erzählstil gefällt mir sehr,sehr gut..
ich wünschte, ich könnte in der Art schreiben..aber wie auch bei meinen Gedichten, schreibe ich auch geschichten "einfach"..:-)
Nur mal so..:

"Ich sah mich oft als Helden..."

"Ich wollte mich immer zu den Gewinnern zählen, denn für mich schienen alle Gewinner zu sein..."

"..um ihn FREUDIG zu begrĂĽĂźen.."(die Jungfrauen)

Es gibt ja noch Teil 2,oder?
lG
schönen Abend
Sanne




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Kir
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Hi Sanne Benz,

vielen, vielen Dank fĂĽr Deine lieben Worte, das macht Mut.

einfach ist of besser,

Deinen Änderungsvorschlägen zufolge haben sich aber bei mir stilistische Mängel eingefunden

"sah mich oft..." ist zu direkt auf die eigene Einschätzung bezogen, dachte ich...
"zu Gewinnern zählen" wäre wohl besser, über den Rest muss ich mir noch Gedanken machen.
FREUDIG ist gut!

Freue mich schon darauf, von Dir zu lesen (beizeiten),
denn ich finde Deine Gedichte nicht "einfach" :-)

LG

Kir

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Sanne Benz
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Moin Kir,
freut mich,das etwas dabei war..
und was das andere angeht,da hast Du schon Recht..passt da nicht so..

Ja,wäre schön Deine Meinung zu hören..(bei "Im Spiegel meiner Seele?:-))schreibe derzeit auch an Kurzgeschichten und lese daher auch wieder eher von anderen etwas.

lG
schönen Tag
Sanne

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Alexander Kongegaard
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Heisann Kir,

Ich habe gestern Abend diese Geschichte gelesen und ich muss sagen, dass mich die Art und Weise wie Du hier erzæhlst, von Anfang bis Schluss einfach nur gefangengehalten hat. Da hat meine Vorrednerin schlicht und ergreifend recht: Sehr, sehr schøner Erzæhlstil...
...Riesenkompliment dafĂĽr!
Das Einzige, was mir zum Schluss allerdings negativ aufgefallen ist war, dass dadurch, dass Du mich durch deine Schreibweise regelrecht eingelullt und nicht mehr losgelassen hast, ein paar Details wie z.B. die kleinen Teaser im bezug auf die schønste Frau der Welt, die Du am Anfang und am Ende des Textes eingebaut hast, ein bisschen holperig wurden oder von mir beim ersten Mal gar überlesen wurden. Ist eigentlich ein bissel schade, spielt für den Gesamteindruck, den ich habe, aber nicht wirklich eine grosse Rolle, um ehrlich zu sein...

Deswegen: 8 Punkte von mir...

Ich finde auch die Sichtweise, die dem ganzen Text zugrunde liegt, sehr interessant. Der Mensch als Beobachter anderer Menschen. Ich selbst glaube daran, dass sich die Menschheit in zwei (bei weitem nicht gleich grosse Gruppen) aufteilt: Beobachter und Beobachtete!
Ein bisschen polemischer ausgedrĂĽckt: Die Lebenwollenden und die Lebenden!
Da sind die einen, die genau wie dein "Ich" im Text im Grunde gerne wollen würden, aber auf irgendeine Art und Weise nicht kønnen und sich deswegen auf den Beobachterposten zurückziehen, um das Leben als eine Art Film, wie Du das treffend genannt hast, vorbeiziehen zu sehen.
Und dann sind da die anderen, die sich trotz nachbarlichen Geschwætzes, o.æ. im Grunde nicht dafür interessieren, was Fremde tun und denken, sondern einfach nur ihr eigenes Ding durchziehen oder - einfach "leben" im abstrakten Sinne des Wortes.
In diesem Zusammenhang ist es ĂĽbrigens bemerkenswert, dass die mittlerweile ja fast berĂĽchtigte Wohlstandsdepression unserer Breitengrade heutzutage auf die Art behandelt wird, dass man versucht, den "Patienten" vom Beobachter zum Beobachteten zu machen...

Snakkes
AK

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Alexander Kongegaard
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Die "Teaser" am Anfang und in der MITTE des Textes natĂĽrlich...

Snakkes
AK

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