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Leselupe.de > Erzählungen
Zelluloid 2
Eingestellt am 31. 07. 2001 07:15


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Kir
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Mar 2001

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Zelluloid 2
„Kind muss weinen, Kind muss schreien, Schreien macht müde, und Kind schläft ein.“
Purple Schulz: „Sehnsucht“


K. K., K., K., was soll ich sagen, Du hast mich geschlagen. Wir spielten ein nettes Kartenspiel und ich legte das Blatt zu schnell auf. Es war eh schlechter als Deins.
Eindrücke sammeln macht keinen Spaß, solange man nicht ein Geheimnis erfährt; einem das Privileg zuteil kommt, etwas zu erfahren, was sonst vielleicht niemand erfährt, und sei es auch nur, dass man einen Moment geschenkt bekommt, den nie jemand, außer der dabei beteiligten Person, mit einem teilen wird. Ein unbeteiligtes Beobachten ist unbefriedigend, ist ausgestoßen.
Das Mäuschen in der Tasche sein, das Leben eines anderen - „Being John M. ...“.
- Hier habt ihr mein Leben, ihr dürft Mäuschen sein für eine Weile:

Ich lernte K. kennen, als ich auf Wohnungssuche war. Ihr müsst wissen, sie ist sehr schön: hat helle Haut, die vereinzelt von genauso blassen Sommersprossen durchzogen ist. Das Haar färbt sie schwarz und trägt es lang, äußerst gut gekämmt. Die Augen haben die Farbe, die ich sowieso bei Frauen toll finde, eine Mischung aus Grün und Blau. Ein makelloses Lächeln ziert ihren feinen, schmalen Mund. Wenn sie ihn zu einem Lächeln verzieht, hört man die Photographen, die auf eine gute Aufnahme gewartet haben, den Auslöser drücken. Sie lacht klar, sehr natürlich. Über ihre Stimme kann ich nichts sagen – die Loreley wird wohl mit einer ähnlichen die Fährmänner verrückt gemacht haben. Als ich sie näher kannte und oft sah, fiel mir auf, dass sie beim Autofahren und Spazieren gehen gerne Lieder mitsang, die sie hörte oder gehört hatte. Sie lag nie falsch in der Tonlage.
Nachdem mich ihre Wohngemeinschaft als Bewerber abgelehnt und ich eine andere Bleibe gefunden hatte, vergingen keine drei Monate, bis ich K. in der Universität wiedersah. Ich ging wie immer durch die Menge, mein Kopf drehte sich nach rechts, sie lächelte mich an, auf einer Bank sitzend. Woher kenne ich diese Frau, fragte ich mich. Sie klärte mich behutsam auf, dass ich in ihrer Wohnung vorstellig geworden war. Dabei fiel mir ein, wie sie von meiner Heimatstadt geschwärmt hatte, und überhaupt konnte ich mich auch nur an sie erinnern, weil alle anderen aus der großen Wohngemeinschaft von ihrem Auftreten an die Wand gespielt wurden.
Wir plauderten nicht lange, dann ging ich zum Standardprogramm ĂĽber und fragte nach ihrer Telefonnummer. Zu meinem Erstaunen erhielt ich sie.
Das nächste Mal sah ich sie auf einer Party, wo es mir vergönnt war, mit mir bekannten Frauen alleine auszugehen. Man stelle sich das mal vor: die transparente Kamera und vier, recht hübsche, Frauen gehen aus. Ist ja nicht so gewesen, als ob mir meine Bekannten den ganzen Abend um den Hals gefallen wären und ich der Mittelpunkt der Konversation gewesen wäre, aber es schmeichelte mir schon einfach nur so daneben zu stehen und dazu zu gehören (man muss das ja nicht raushängen lassen). Und andere gucken doof.

Wer mir an diesem Abend unverhofft um den Hals fiel, war K. . Gemein war das, hinterrücks erdolchte sie mich im Schutze meiner Unnahbarkeit. Plötzlich hörte ich meinen Namen in einem Aufschrei und schon fiel sie mir in die Arme, als wären wir alte Freunde. Ich kannte sie doch nur vom Sehen. Was sollte das? Wer bin ich schon? Den ganzen Abend musste ich blöderweise an sie denken. Telefonisch erfuhr ich, dass sie sich auf dieser Party mit einem ihrer Ex-Freunde getroffen hatte, der alten Zeiten wegen.

Ein dreiviertel Jahr und ungefähr drei (beiderseits) geplatzte Verabredungen später, bekam ich tatsächlich die Möglichkeit mich mit ihr zu treffen, ihr sogar gegenüber zu sitzen. So kann man sich auch attraktiv machen. Mittlerweile saß ich schon auf heißen Kohlen, war Feuer und Flamme. Für mich konnten die Verabredungen gar nicht in die Hose gehen – ich fand die Frau schon Klasse, bevor ich sie kannte. Geht das? Ist das oberflächlich?
Dementsprechend achtete ich auf (fast) perfektes Auftreten, Erscheinen und Benehmen bei unserem Rendezvous. Das erste Mal gingen wir essen, in ein kurdisches Restaurant, wo sie die Gerichte im Lehm- oder Steinofen backten.
Wahrscheinlich wusste sie gar nicht, wie gut sie aussah damals, mir ist es jedenfalls aufgefallen. Sie war so ein Revoluzzer-Typ, nicht unangepasst, aber alles schon erlebt, ganz besonders Schulstress. Sie achtete darauf, cool und witzig zu sein, was bei anderen oft aufgesetzt wirkt, bei ihr aber, wie bei einem guten Filmdialog, Tiefe und Schärfe aufwies. Ich kann hier nicht wiedergeben, was sie alles gesagt hat, aber mir war keine Sekunde langweilig. Ganz besonders bewunderte ich ihren Drang nach reiner Unabhängigkeit und ihr wundervolles, erotisches Understatement. Als hätte sie alle Gesten vorher im Spiegel geübt. Wie sie die Zigarette hielt, das ließ mich an Marlene und BB denken, an Sophia Loren und wie sie alle hießen.
Ich glaube, wir trafen uns noch zwei Mal, haben viel getrunken und in Erinnerungen geschwelgt. Das nennt man flirten, obwohl ich ja gar nicht weiß, was Flirten ist. Nachher gingen wir mal zum Mac´es und dann zu ihr, wo sie mich konsequent in der Küche schlafen ließ, oder bei einem anderen Mal bat, sie zu verlassen, damit sie schlafen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war mir schon längst klar, dass ich einen Star gefunden hatte; jemand, der Hauptrollen spielt.
Eines Tages kam sie zu mir – wir wollten ins Kino. Ganz im Gegensatz zu dem bei mir sonst üblichen Saustall, brachte ich es fertig, meinem Zimmer die Sauberkeit eines Internatskämmerchens zu geben, welches kurz vor der Begehung durch die Schlafhausaufseherin hergemacht worden war. Gekocht hatte ich auch. Nudeln in Sahnesauce – das einzige Gericht, was ich kann.
Vielleicht machte es mich uninteressant, dass ich mir solche naive Mühe gab, vor ihr in einem guten Licht da zu stehen. K. behauptete ja, im Nachhinein, ihr wäre mein Werben gar nicht aufgefallen, da sie diese besagten Treffen eh mit anderen Erwartungen gesehen hatte. Diese „wir haben uns gern, wird ´ne interessante Freundschaft!“-Einstellung. Darauf hatte ich nun wirklich keinen Bock. Ich wollte Händchenhalten,- Kommste-mit-nach-Hause, - Sex.

Der erste Monat verging, der Zweite; nichts geschah mehr. Wir telefonierten gelegentlich. Dann machte ich den kapitalen Fehler: Ich versuchte aus meinem Kamera-Dasein auszubrechen und zu interagieren. Im Wahn, dass es für mich ja nichts zu verlieren gäbe, fragte ich sie (am Telefon!), ob sie denn ein offenes Interesse von mir auch als einen Grund ansehen würde, mit mir den Kontakt abzubrechen. Die Antwort war, mehr oder weniger, ja. Ich werde nie vergessen, wie sie seufzte, als es raus war: Es war wie bei einer Mutter, die zu Äußerungen des Kindes seufzte, dass Dummheiten gesagt hatte.

BestĂĽrzt schrieb ich einen Brief, ein Gedicht beigelegt, um zu retten, was zu retten war. Eine fleischfarbene Rose wartete im Briefkastenschlitz auf ihre Aufmerksamkeit.
Nichts zu machen. Sie fühlte sich geschmeichelt, und sogar verpflichtet, mich an dem darauffolgendem Tag anzurufen und eine kleine Erklärung abzugeben, dass sie sich ja doch für jemand anders interessiert und ... äh, ja .. schönes Leben noch!
Bitte, sollte sich das selbstmitleidig anhören: hört noch mal hin. Ich brauche kein Mitleid in dieser Sache, von niemanden. Es ist O.K., so wie es ist. Ich bin nicht ihr Typ.
Basta, hätte man früher gesagt.
Und doch: die Kamera hat aufgenommen, die Bilder wandern ins Archiv. Oft werde ich sie noch hervorholen und in dunklen Zimmern an die Wand projizieren. Kein Kuss ist dabei, kein Sex, kein Näherkommen – Intimwerden, oder so was.
Aber niemals kann ein Film der Welt zeigen, kann ein Text beschreiben, wie schön das in dem Moment war, mit ihr zu reden und ihr zu zuhören. Wie zauberhaft sie sich auf dem Barhocker räkelte, sinnierte, zitierte, Gesprächsthemen aus dem Hut zaubernd wie andere Kaninchen.
Sagt mal, bin ich der Einzige, den so etwas umhaut, oder was?
Und in solchen Augenblicken bin ich froh, teilnahmslos zu agieren. Das heißt: ich muss mich nicht fragen, wieso K. heute nicht, wie ich, die Schönheit dieser Momente herbeibeschwört, wieso sie ohne mich kann. Weil es IRRELEVANT IST. Ein guter Freund von mir würde „Gehirnficken“ dazu sagen. Eine Kamera muss ohne Gehirnficken auskommen – es behindert ihre Funktion.

Tolle Geschichte, was? Eine zum Gute-Nacht-Sagen. Wie es ausgegangen ist? Ich und K. sehen uns hin und wieder zufällig, winken uns zu, trinken mal per Zufall ´n Kaffee zusammen. Sie ist wirklich konsequent, wusstet ihr das nicht?

Leiden hat anscheinend mit Ego zu tun. Da es kein Ego gibt, gibt es kein Leid. Leid ist Illusion (des Egos?). Eine kleine Erkenntnis von einer anderen Aufnahme. Ich malte mir als Nicht-Kamera, als normaler Mensch also, oft eine Beziehung zu einem weiblichen Menschen aus, mit der es mir sicher besser gehen würde, anders als Schlecht, meine ich damit. Dies ist eine Abwendung von dem Hier und Jetzt. Hier und Jetzt ist alles im Fluss, alles im werden und vergehen. Warum also festhalten an etwas, was nie festzuhalten ist, da sein Strom so mächtig, so schlagfertig fließt - wer will sich da in den Weg schmeißen und mitgerissen werden? - Ich.

Letztes Kapitel; Stelle: „Welt stehen bleiben“. Was ist dies anderes, als festhalten. Ich habe sehr lange gebraucht, um das zu begreifen.

Es heißt nicht umsonst: Nichts währt ewig. Dass ich eine lange Zeit mit der schönsten Frau der Welt verbringen durfte, und jetzt eine kurze Wegstrecke mit dieser ebenso bezaubernden Frau, K., begleiten konnte, muss doch Geschenk genug sein, was bedarf es da MEHR? Wäre ich nicht aus Fleisch und Blut gemacht, würde mich die Frage nicht weiter beschäftigen. Doch Fleisch und Blut will immer mehr. Gierig lechzen wir weiter: die nächste Frage, die folgende Illusion, Desillusion.

Äh, ich bin draußen! „Hoäcker, sie sind raus!“ Kennt den jemand. Wenn nicht, ist auch egal. Die ganze, schwere Scheiße liegt wörtlich gemeint im Magen und muss halt raus. Oh, Gott, jetzt wird es zur fäkalen Billig-Philosophie! Aber, das ist es ja an Eindrücken. Nicht aufzuhalten, diese verfluchten Dinger. Assoziatives Gefasel, wo ist der Fusel?

Ich spreche mit Simone, die mir auf einer meiner weiteren Zugfahrten Gesellschaft leistet. Sie hat eine interessante Gesichtsform, spitzbübisch würde man sagen. Sie schreibt in ein kleines Büchlein Texte in runder Handschrift. Heute vergeht die Zeit langsam für sie, anders als sonst. Durch die, von außen, getönten Waggonfenster fällt strahlendes Sonnenlicht im Zeitlupentempo zu uns auf die Seite. Wir reden nicht lange, aber aufschlussreich, Dann muss sie los. Ich glaube, das Gespräch hat ihr gefallen. Sicher hat sie ein großes Talent als Dichterin.

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