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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Zuversichten
Eingestellt am 07. 05. 2010 14:41


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Roland Lewald sitzt in seinem alten Sessel, dessen Federn die SitzflĂ€che lĂ€ngst in eine buckelige HĂŒgellandschaft verwandelt haben. Geerbt hat er das goldbraun bezognene breite Sitzmöbel von seinem Großvater, dessen großformatiges goldgerahmtes Ganz-Körper-PortrĂ€t an der Wand daneben hĂ€ngt und einen stolz aufgerichteten Grenadier der kaiserlichen Garde von Wilhelm Zwo zeigt.
Roland kennt seinen Großvater allerdings eher als zusammengesunkenen alten Mann, der im Sessel saß, den Spazierstock mit dem Silberknauff mit beiden HĂ€nden umklammerte und sich erinnerte – das Gesicht versteinert, die Augen hinter seiner ungeputzten Brille zumeist geschlossen. Er erinnerte sich an Zeiten, bevor sein Sohn, der 19-jĂ€hrige Panzer-Grenadier, als einer der ersten 1939 beim Überfall Hitlers auf Polen fiel. Das kleine graue Foto mit einem Kreuz aus BirkenstĂ€mmen und dem Schild mit dem Namen und Todesdatum seines Sohnes daran hing im großelterlichen Wohnzimmer neben dem ÖlgemĂ€lde des aufrechten kaiserlichen Gardisten.
Wenige Tage bevor der Großvater in seinem Sessel an Herzversagen starb, wĂŒnschte er sich noch, das Foto vom Grab seines Sohnes in seinen Sarg mitzunehmen. Zwar wĂŒsste er nicht, wohin die Reise gehe, aber das Foto wolle er dabei haben. Er war linker Gewerkschaftler und aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil die sich zu Beginn der Naziherrschaft nicht eindeutig gegen Hitlers Machenschaften gestellt hatte.

Als Roland gut vierzehn Jahre alt war, stand er neben seiner Großmutter am Grab seines Opas. Der Pfarrer, den die Großmutter ĂŒberredet hatte, die kirchliche Bestattung vorzunehmen, obwohl ihr Mann kein Kirchenmitglied mehr war, behauptete am offenen Grab, alles, und vor allem der Tod, haben einen tieferen Sinn. Doch den kenne nur Gott.

Die BalkontĂŒr steht offen. Warmer FrĂŒhlingswind weht herein. MĂŒhsam richtet Roland sich im Sessel auf, um sofort wieder in die weichen Polster zurĂŒck zu fallen.
Irgendwann als kleiner Junge stand er vor diesem Sessel. Sein Opa war darin eingenickt, wurde plötzlich wach und sah ihn erstaunt an. „Du bist mein Sohn. Nein, du bist der Sohn deines Vaters. Mein Junge liegt in Polen.“ Er zeigt mit dem Daumen ĂŒber die Schulter auf das graue Foto.

WĂ€hrend Rolands Abschiedsfeier vor fast drei Jahren in seinem stĂ€dtischen BĂŒro glaubte er noch, der ersehnte, unmittelbar nachfolgende Feierabend werde ein lebenslanger sein. Ab sofort, dachte er damals, wĂŒrden sich weder KonkurrenzkĂ€mpfe und Intrigen noch sonstige krampfhafte Anstrengungen lohnen. Zu GenĂŒge hatte er die in den stĂ€dtischen BĂŒrogebĂ€uden aushalten mĂŒssen. Locker wollte er die Pensionzeit beginnen und vor allem fortsetzen. Sterben und das letzte WegstĂŒck dorthin könnten ohnehin noch anstrengend genug werden, obwohl er von einem unerwarteten Herztod ausging. Jedoch fehlten ihm dazu die notwendigen Herzbeschwerden. Seit einigen Wochen schlĂ€ft er unruhig und meint gelegentlich, sein Herz wĂŒrde rasen.
Mit der Angst hatte er nicht gerechnet. Und schon gar nicht mit der, an Bedeutung zu verlieren. Hatte er in gut 68 Jahren doch genĂŒgend erlebt. Gutes. Weniger Gutes. Aber vieles davon stellte sich nach einer gewissen Zeit als GlĂŒck heraus.
Wenn er an Luise und die Scheidung dachte. Luise folgte Vera und der folgte Helene. Mit ihr lebte er ĂŒber zwanzig Jahre vorwiegend glĂŒcklich zusammen, bis sie von einer Straßenbahn erfasst wurde. Sie war sofort tot.
Jetzt - gut zwei Jahre nach Helenes Tod - sieht er wieder wohlgeformten jĂŒngeren Frauen hinterher. Doch an allem, was ĂŒber heimliche Blicke hinausgeht, scheitert er inzwischen körperlich. Er hatte es einmal versucht. Doch allein reine Fantasie gewĂ€hrt ihm noch ein wenig Lust.
Frauenheld war Roland nie. Er liebte seine jeweilige Frau, mochte Kolleginnen, Chefinnen, manche Frauen, die einst zu ihm ins SozialamtsbĂŒro kamen und gelegentlich auch solche, denen er zufĂ€llig begegnete. MĂ€nner gehörten kaum zu seinen engeren Freunden.

Roland Lewald dachte sich vieles zurecht. Seine Gedanken Ă€nderten sein Denken. Die Angst, vor allem die, bedeutungslos zu werden, blieb. Selbstbehauptung ist fĂŒr ihn oft nur noch die Behauptung, ein eigenes Selbst zu besitzen.
Dennoch saß er in seinen nĂ€chtlichen TrĂ€umen hĂ€ufig als Philosoph auf einem Podest in einem großen Saal vor andĂ€chtigen Zuhörern und gab Weisheiten von sich. Dabei war er fest davon ĂŒberzeugt, eigentlich nichts zu wissen. Gut, er hatte im Leben ein paar Erfahrungen gesammelt, konnte aber nicht einmal behaupten, aus seinen Erfahrungen wirklich Sinnvolles gelernt zu haben.
Jetzt sitzt er einmal mehr ohne Publikum im weichen Wohnzimmersessel, wartet auf Eingebungen und kommt sich lĂ€cherlich und mĂŒde vor .
„Glaube einfach daran, dass alles einen Sinn hat, selbst wenn du ihn nicht verstehst.“
Diesen Satz hatte er zuletzt von einem Straßenmusiker gehört, den er wenige Wochen nach Helenes Tod in der FußgĂ€ngerzone antraf. Dort irrte Roland zu der Zeit hĂ€ufig suchend umher, ohne zu wissen, was er finden wollte. Der Straßengeiger spielte Vivaldi, ein bisschen Mozart und viel Johann Strauss.
Roland blieb stehen und wartete. Als der Musiker das Geld zĂ€hlte, das ihm Passanten in den mit rotem Samt gefĂŒtterten Geigenkasten warfen, fragte er, ob er denn von der Straßenmusik leben könne. Nein, nein, er gebe auch ein wenig Geigenunterricht. Brauche allerdings Publikum. Nicht diese biederen Grauköpfe, die mit gespielter Andacht in KonzertsĂ€len herumsĂ€ĂŸen. In der FußgĂ€ngerzone mitten im Leben, da reagieren sie wenigstens echt und spontan, selbst wenn ein Ladenbesitzer ihn verscheuche, weil der glaube, das Gefiedel störe Kunden und GeschĂ€fte. Oft genĂŒge es ihm schon, Augenblicke einzufangen und sie wieder los zu lassen.
Übrigens Manuel heiße er. Roland nannte seinen Namen nicht und gab zu bedenken, die meisten Passanten wĂŒrden doch einfach nur, so gut er auch spielte, an ihm vorbeigehen.
Manuel nickte lĂ€chelnd. „Ja,ja, Selbsterkenntnis ist unser zumeist vergeblicher Versuch zu erfahren, wer wir sind, aber je nĂ€her du deinem Sinn kommst, desto zufriedener wirst du!“
Er sah dem Geiger in dessen ungewöhnlich große braune Augen. „Und wenn ich dir jeden Tag einen Zehn-Euro-Schein in den Geigenkasten werfe, gibst du mir dann was von deiner Zuversicht?“
Manuel nickte, als hÀtte er auf die Frage gewartet.
Roland zĂŒckte die Geldbörse und warf gleich zwanzig Euro in den rotgefĂŒtterten Geigenkasten.
Der Geiger gab ihm zehn Euro in kleinen MĂŒnzen zurĂŒck. Roland wollte die MĂŒnzen nicht. Manuel lachte und ließ sie klimpernd in Rolands Jacketttasche gleiten. „Zuversicht kannst du nicht kaufen, schon gar nicht, wenn du immer mehr dafĂŒr zahlst. Ihren Preis hat sie natĂŒrlich dennoch.“
In den folgenden Herbstwochen ging Roland Lewald tĂ€glich in die FußgĂ€ngerzone, warf seinen Zehn-Euro-Schein in Manuels Geigenkasten, redete mit dem jungen Musiker ĂŒber das fast tĂ€glich kĂŒhler werdende Wetter und ĂŒber den Sinn des Lebens. Anstelle mancher belanglosen Antwort spielte Manuel Mozart.

An einem Freitag-Nachmittag konnte er den Geiger nirgendwo in der FußgĂ€ngerzone entdecken. Schließlich blieb Roland neben dem Kaufhaus stehen, an dem Manuel hĂ€ufig spielte, lehnte sich dort an die Wand, starrte vor sich hin, meinte plötzlich eine Geige zu hören, schloss die Augen, rutschte mit dem RĂŒcken an der Wand hinunter und blieb auf dem Pflaster hocken.
Nach einiger Zeit rĂŒttelte ihn eine Ă€ltere Frau an der Schulter. „Ist Ihnen nicht gut?“
Er legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Psst, ich höre Musik. Geige. Mozart!“
Die Frau runzelte die Stirn. „Mein Mann ist schizophren. Der hört immer die Stimme seines verstorbenen Vaters.“
Roland stand auf, ließ die alte Frau stehen und ging nach Hause.
Am nĂ€chsten Tag spielte Manuel wieder vor dem Kaufhaus. Roland warf ihm zwei Zehn-Euro-Scheine in den Geigenkasten. „FĂŒr gestern mit. Da habe ich dich zwar nicht gesehen, aber gehört:“
Manuel lachte, spielte einen langsamen Strauß-Walzer, bewegte die FĂŒĂŸe im Takt dazu und setzte schließlich die Geige ab. „In den nĂ€chsten Wochen habe ich ein paar Auftritte mit einem Orchester in einigen kleineren StĂ€dten!“ Er zĂ€hlte sein Geld, legte die Geige in den Kasten und streckte Roland die Hand hin. „Danke fĂŒr die UnterstĂŒtzung.“
Roland griff nach der schmalen Hand und hielt sie lange fest.
Manuel sah er nicht wieder, stand aber oft an einer der Stellen, an denen er gespielt hatte. Anfangs hörte er noch die GeigenklÀnge. Von Tag zu Tag wurden sie leiser.
Als er gestern aus der FußgĂ€ngerzone zurĂŒckkehrte, hörte er sie nicht mehr. Er hatte sich an die Wand des Kaufhauses gelehnt, war herunter gerutscht, hatte sich im Schneidersitz auf den Boden gehockt und gelauscht. Vergeblich.
ZunĂ€chst murmelte er nur leise UnverstĂ€ndliches vor sich hin. Schließlich wurde er lauter, stand auf und wiederholte immer wieder: „Meine Damen und Herren, glauben Sie einfach daran: Alles hat einen Sinn, selbst wenn Sie ihn nicht verstehen.“
Einige Leute blieben stehen und grinsten. Die meisten gingen Kopf schĂŒttelnd weiter.
Ein Grauhaariger – er ging am Stock – kam langsam auf ihn zu und tĂ€tschelte ihm die Schulter. „Sie haben vollkommen Recht. Aber warum mĂŒssen Sie ausgerechnet hier stĂ€ndig wiederholen, dass alles einen Sinn hat?“
„Weil es mir sonst sinnlos erscheinen könnte, dass ich den Geiger immer noch hören möchte?“
Der Alte zeigte mit seinem Stock in die Richtung, in die er zu gehen beabsichtigte und lĂ€chelte. „Nun ja, Zuversicht hat ihren Preis. Bis zum Schluss. Dann ist alles endgĂŒltig.“

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 07. 05. 2010 14:41

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Karl Feldkamp
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Liebe Aksapo,
danke fĂŒr deine ausfĂŒhrliche und einfĂŒhlsame Reaktion. (Gern wĂ€re ich so wie der Alte in meinem Text. Leider fĂ€llt mir das nicht so leicht.)
Danke fĂŒr deine Hinweise auf meine FlĂŒchtigkeitsfehler.
Herzliche GrĂŒĂŸe
Karl
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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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