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Leselupe.de > Erzählungen
Zwischen Himmel und Hölle
Eingestellt am 17. 05. 2007 19:32


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Raniero
Textablader
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Zwischen Himmel und Hölle


Stolz eröffnete kein Geringerer als der Vorstandsvorsitzende des Konzerns persönlich das an alter Stelle neu errichtete supermoderne Kaufhaus.
Alle waren sie der Einladung gefolgt, die Honoratioren der Stadt mit dem Oberbürgermeister an der Spitze, gefolgt von den Mitgliedern der Ratsversammlung, über die Funktionsträger der unzähligen Vereine und Gesellschaften des kommunalen Miteinanders bis hin zu den nicht unwichtigen, zum Wohle des städtischen Lebens ehrenamtlich tätigen Mitbürger.
Nachdem sich der Konzernchef mit einigen Würdenträgern einen regelrechten Wettstreit an Lobeshymnen für das einzigartige Kaufhauswunder geliefert hatte, spielte eine Bergmannskapelle, eine für diese Region typische musikalische Formation, auf und intonierte das traditionsreiche Lied von glücklich aus tiefer Erde wieder aufsteigenden Bergleuten, die den Steiger begrüßen.


Dann aber schritten sie zur Tat, mit verklärten Gesichtern, allen voran der Konzernherr, zur Besichtigung des neuen Kaufhauses; eines Konsumtempels, wie er versicherte, der einen Vergleich mit denjenigen der größten Metropolen des Erdenrunds nicht zu scheuen brauche.
Wie auf Flügeln glitten die Teilnehmer der Führung durch das Haus, und die Stürme der Begeisterung rissen nicht ab, sondern verstärkten sich in zunehmenden Maß, je weiter man den Gebäudekomplex durchdrang, immer höher hinauf, bis in die höchste Gebäudehöhe, in den traumhaften, licht durchfluteten Gourmettempel.
Hier ließen sie sich nieder, und der Chef gab mit den bedeutungsvollen Worten:
„Das Buffet ist eröffnet“ das Signal zum Essenfassen.
Gleichzeitig mit diesen Worten öffneten sich unten im Erdgeschoss die Schleusen für das normale, das gemeine Publikum, welches seit Stunden, wenn nicht seit Tagen ausharrte, bei klirrender Kälte, um unter den Glücklichen zu sein,
die eingelassen wurden, in das neue gigantische Konsumparadies.

Während es sich die Very Important Persons gut schmecken ließen, in paradiesischer Höhe, herrschte im gesamten Haus darunter ein Andrang wie bei einem Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft; gewaltige Kundenströme ergossen sich in die einzelnen Etagen und alle wollten sehen, alle wollten kaufen, alle wollten sie den neuen Tempel genießen.


Plötzlich jedoch drang aus großer Tiefe her ein merkwürdiger, zu Beginn noch nicht genau erkennbarer Gesang durch die mit Unmengen von Personen bevölkerten Ebenen bis hinauf zu den Ehrengästen; ein Chorgesang, das ließ sich nach kurzer Zeit feststellen, und dieser Chor schwoll in der Lautstärke stetig an.
Irritiert hielten die Ehrengäste inne, bei ihrem Schmaus.
Einige glaubten, das Stück erkannt zu haben; den Gefangenenchor aus Giuseppe Verdis Frühwerk Nabucco.
Die Musik erreichte eine Lautstärke, die alle anderen Geräusche im gesamten Gebäude übertraf; nun gab es keinen Zweifel mehr, es handelte sich in der Tat um den besagten Gefangenenchor, in einer derartigen Intensität, wie sie selbst auf den großen und größten Opernbühnen der Welt selten vernommen wurde.
Auf einen Schlag jedoch, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, verstummte der Chorgesang.


Mit beklommenen Mienen blickten die Ehrengäste den Konzernleiter an.
„Was war das für ein furchteinflößender Chor?“ fragte der Oberbürgermeister mit lauter, bebender Stimme.
„Das waren Kunden ohne Paybackkarten“, gab der Chef des Hauses lapidar zurück, „kein Grund zur Aufregung.“
Namenloses Entsetzen machte sich auf den Gesichtern der Gäste breit.
„Wie bitte? Was sagen Sie da?“ riefen einige Stadträte, „Kunden ohne Paybackkarten?“
Die Stimmen überschlugen sich.
„Was meinen Sie damit?“ wollte das Stadtoberhaupt wissen und zog die Augenbrauen hoch.
„“Nun, ja, diese Kunden haben alle keine Paybackkarten, wissen Sie, das sind so ganz spezielle Karten… „
„Ich weiß, was eine Paybackkarte ist“, unterbrach ihn der OB, „aber ich wusste nicht, dass ein Nichtbesitz einer solchen Karte derartige Konsequenzen nach sich ziehen kann. Was haben Sie mit den Leuten gemacht? Wo befinden sie sich?“
„Wir haben sie auf einer Ebene unter der Tiefgarage versammelt“
„Versammelt? Ich glaube eher, sie halten sie gefangen, diese Personen, das wollen wir doch einmal klar stellen. Mein Gott, ich fasse es nicht! Sie halten Ihre Kunden gefangen, nur weil sie keine Paybackkarten haben.“
„Das ist nicht korrekt, Herr Oberbürgermeister“, entgegnete der Konzernchef, „wir halten sie nicht dort fest, weil sie keine Paybackkarten haben, sondern weil sie diese Karten nicht haben wollen! Das ist ein großer Unterschied.“

Der erste Bürger kratzte sich am Kopf.
„Sie wollen die Karten nicht haben, diese Leute? Das ist etwas anderes.“
„Sehen Sie“, antwortete der Konzernleiter mit sichtbarer Befriedigung, „wir halten sie auch nicht dort gefangen, unter der Tiefgarage, wir haben sie dort versammelt, das ist ein großer Unterscheid, und das haben wir nur zu ihrem Besten getan, damit sie zur Besinnung kommen. Es handelt sich um so etwas wie einen Läuterungsberg, eine Art Fegefeuer zur Zähmung dieser Widerspenstigen, wenn Sie so wollen. Diese Menschen haben aber jederzeit die Möglichkeit, wieder in paradiesische Höhen aufzusteigen, das hängt nur von ihnen selbst ab.“
Nach dem anfänglichen Entsetzen machte sich nun Erleichterung, gemischt mit Entrüstung, breit.
Die Ehrengäste, die zeitweise ihre Atmung eingestellt hatten, sogen wieder in tiefen Zügen die Luft ein, nach dieser einleuchtenden Erklärung.
Einige äußerten ihren Unmut.
„Na, das ist ja wohl klar, solche Menschen haben es ja nicht anders verdient. Man soll sie ruhig schmoren lassen, bis zum jüngsten Tag, sie wollen’s ja nicht anders“ rief ein hochrangiger Vertreter der Kaufmannschaft.
„In der Tat, derartige Außenseiter der Gesellschaft gehören bestraft, und das nicht zu knapp“ pflichtete man ihm bei.


Im gleichen Moment drang ein furchtbarer, unmenschlich klingender Schrei durch das ganze Gebäude und erschütterte dieses bis in die Grundfesten. Voller Grauen blickten die Ehrengäste erneut den Konzernchef an.
Der zuckte nur mit den Schultern.
„Na ja, da wollte es einer nicht anders, was sollen wir machen, wir können nicht mehr als fragen, entscheiden müssen die Kunden selbst.“
„Und dieser Kunde“ fragte der erste Bürger der Stadt mit zitternder Stimme, „der hat sich entschieden?“
„Das hat er, in der Tat, aber leider gegen die Paybackkarte.“
„Gegen die Paybackkarte“ flüsterte der OB leichenblass, „was ist mit ihm geschehen?“
„Nun, ja, wir haben da noch eine Ebene, unter dem Läuterungsberg.“
„Noch eine Ebene? Sie meinen…Das ist ja furchtbar.“
Mit äußerster Nervosität fingerten die Ehrengäste ihre Kundenkarten heraus und streckten sie dem Konzernchef entgegen.


Plötzlich setzte erneut aus der Tiefe ein vielstimmiger Gesang ein, diesmal allerdings nicht Verdis Gefangenenchor, sondern etwas völlig anderes:
„Wir kommen alle, alle in den Himmel“ erklang eine frohe Weise, „weil wir so brav sind…“
„Na, sehen Sie, meine Herrschaften, es geht doch“ schmunzelte der Konzernchef, zündete sich genüsslich eine dicke Zigarre aus Mittelamerika an und bat noch einmal um den Einsatz der Bergmannskapelle.
Diese setzte ein, noch einmal mit dem gleichen Lied:
Glückauf, Glückauf…

Behaglich lehnte sich der Konzernherr zurück und blickte in die Runde, nach und nach löste sich die Beklemmung auf den Mienen der Gäste und machte entrückten Gesichtsausdrücken Platz.

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Lidiko Voland
Hobbydichter
Registriert: May 2007

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Hallo Raniero,

einige Punkte, die naturgemäß meinem rein subjektiven Empfinden entspringen, und somit, objektiv besehen, keinerlei Anspruch auf Gültigkeit haben können.

Gemessen an der Gesamtlänge des Textes erschiene mir eine Straffung der ersten drei Absätze als erwägbare Option. Natürlich bin ich mir bewusst, dass es hier nicht zuletzt um Informationsvermittlung und Stimmungsaufbau geht, doch wäre mir persönlich ein schnellerer Zugang zum Eingemachten schmackhafter gewesen. (Beispielsweise hätte mir statt der Aufzählung der Gästegruppen es genügt zu wissen, dass alles, was in der Stadt Rang und Namen hatte, eingeladen worden war. Nähere Informationen hätten später, bei den direkten Reden einfließen können.)

Überspitzungen ('traumhaften, lichtdurchfluteten Gourmettempel', 'mit lauter, bebender Stimme', 'namenloses Entsetzen', etc.) sind sicherlich beabsichtigt, doch erschienen sie mir denn doch als etwas zuviel des Guten. Zumal m.E. insbesondere die anfänglichen Reaktionen der Gäste etwas zu stark ihrem darauf folgenden Verständnis widersprechen.

Was den Bezug zum Leitmotiv von 'Himmel und Hölle' betrifft, so fühlte ich mich bisweilen zu offensiv mit dem Holzhammer gestreichelt. Insbesondere, wenn selbst der Konzernvorsitzende von diesem Bild Gebrauch macht ('Läuterungsberg', 'paradiesische Höhen', etc.). Hier hätte ich mir etwas mehr Subtilität gewünscht. Als Leser möchte ich unterhalten, zugleich jedoch als Nachdenkender, als Mitdenkender gewürdigt werden.

Zwei Punkte, die meinen Lesefluss etwas ins Stocken gerieten ließen, waren die bemerkenswerte Allgemeinbildung der Konsumenten und der bedenkliche Schallschutz des Gebäudes. Zum ersten Punkt lässt sich sagen, dass es mir von der Eröffnung hin zu Versammelten, die den 'Gefangenenchor' schmettern, etwas zu schnell ging. Möglicherweise wäre hier eine Möglichkeit gewesen, nicht die Neueröffnung als Anlass zu nehmen, sondern eine kleine Feier ein, zwei, drei ... Wochen nach der erfolgreichen Eröffnung. (Hektische Betriebsamkeit und Gewusel im Konsumtempel selbst hätte ja auch dann gegeben sein können, zusätzlich hätte dies die Frage aufgeworfen, wie lange die Menschen dort unten bereits ausharren.)
Was nun den zweiten Punkt betrifft, so kann ich mir vorstellen, dass es das Einkaufserlebnis denkbar trübt, wenn bereits ein einziger Schrei 'die Grundfesten erschüttert'. Hier wäre eine Möglichkeit gewesen, dass im Raum, wo die Gäste sich befinden, ein Lautsprecher angebracht ist, der mit der unteren Etage verbunden ist. (Denn logischerweise müssten die Gäste andernfalls auch jedes lautere Gespräch in den Mitteletagen oder jedes gerade parkende Auto hören können.)

Eine Frage, die sich mir beim Lesen stellte. Ist der Kontrast zwischen 'Nabucco' und der später folgenden, etwas trivial anmutenden Waise ein bewusster Hinweis auf die kulturelle Diskrepanz, bzw. Degeneration zwischen bewusst Rebellierendem und konsumbezogenem 'Gleichgeschalteten', oder interpretiere ich da zuviel?

Abschließend sei gesagt, dass mir die Geschichte wirklich gut gefallen hat. Deshalb, in Kombination mit den von mir genannten Punkten, gäbe es von mir eine Sieben. Durch die letzte Frage eine Acht mit erheblichem Potenzial nach oben.

Beste Wünsche,
Volle



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