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Leselupe.de > Erzählungen
Zwölf Uhr Mittags
Eingestellt am 04. 06. 2007 23:04


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Raniero
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Zwölf Uhr mittags

„Was ist das denn für ein Schwachsinn“ empörte sich Reinhold Berberich vor dem laufenden Fernseher, „das soll wohl ein Witz sein?“
Irritiert eilte er in die Küche, um sich ein frisches Bier zu holen.
Soeben hatte in einer Werbepause während eines Spielfilmes eines kommerziellen Senders vernommen, dass in Kürze als Wiederholung einer der besten Wildwestfilme aller Zeiten ausgestrahlt würde, nämlich der Streifen ‚Zwölf Uhr Mittags’ mit ………………..in den Hauptrollen.
Dieses war an und für sich nichts besonderes, wurde doch die Werbung für alle noch so alten Hollywoodschinken speziell bei diesem Sender derart aufgebauscht, dass man meinen könnte, im Fernsehen eine noch nie dagewesene Aufführung zu erleben. Es war nicht die pompöse Aufmachung der Ankündigung dieses Filmes, sondern eine Information am Rande, die Reinhold spontan zum Kühlschrank laufen ließ:
„Sehen und erleben Sie einen der besten Wildwestfilme aller Zeiten“ schmetterte zuvor eine tiefe, raue Männerstimme, als fordere sie den Fernsehzuschauer auf, vor dem Gerät einen Patronengürtel anzulegen, „sehen und erleben Sie den unvergleichlichen Film „Zwölf Uhr Mittags“, bei uns am Sonntag, dem zwölften Mai, um elf Uhr!“
Verärgert kehrte Reinhold mit dem Bier zurück, warf sich in seinen behaglichen Sessel und genehmigte sich einen tiefen Schluck.
Sodann machte er seiner tiefen Empörung lautstark Luft, obwohl er, da seine Brunhilde sich bereits schlafen gelegt hatte, ganz allein vor dem Fernseher saß.
„So ein Unsinn, den Film um elf Uhr auszustrahlen! Einen solchen Film zeigt man, das fordert der Titel ja geradezu heraus, um Punkt zwölf Uhr am Mittag, zu keiner anderen Zeit!“
Reinhold war gewiss kein Pedant im eigentlichen Sinne, aber in manchen Dingen verstand er absolut keinen Spaß, so wie in diesem Fall. So fuhr er denn fort, mit dem Schimpfen, über die unmögliche Sendezeit eines derart erfolgreichen Filmes und eilte zwischendurch immer häufiger zum Kühlschrank, so dass er auf diese Weise den Rest des Spielfilms, eines Psychothrillers, den er sich eigentlich anschauen wollte, beim laufendem Fernsehschirm verpasste.
Noch während der Abspann des Thrillers lief, schaltete Reinhold das Gerät aus und geriet, als er ein letztes Mal zum Kühlschrank lief, wie er sich selbst versicherte, stark ins Grübeln.
‚Ob da vielleicht doch etwas anderes hinter steckt, hinter dieser unmöglichen Sendezeit. Die vom Fernsehen sind doch noch nicht ganz verblödet, von den Werbesendungen mal abgesehen, aber wahrscheinlich haben die sich doch was dabei gedacht, den Film um elf Uhr Mittags statt, wie es sich gehört, um zwölf Uhr Mittags zu bringen. Aber was wohl, was hatten die sich wohl dabei gedacht?
Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den vom vielen Biergenuss hell erleuchteten Kopf.
‚Das könnte es sein, in der Tat’, sagte er sich und nahm einen tiefen Schluck, vor Freude über diesen unvorhergesehenen Geistesblitz. Spontan eilte er in die Küche, um trotz des zuvor gefassten Vorsatzes erneut ein Bier umzutauschen.
Erleichtert ließ er sich in den Sessel plumpsen. Dass er da nicht sofort drauf gekommen war. Wie raffiniert!
Natürlich, es gehörte schon eine gute Portion hintersinnigen Denkens dazu, sich vorzustellen, warum der Film um elf statt um zwölf Uhr beginnen sollte.
Glasklar stand ihm nun die Lösung vor Augen.
Reinhold Berberich hatte diesen Western einige Male gesehen, allerdings vor langer Zeit, und er erinnerte sich, dass der Film natürlich nicht mit dem Höhepunkt, der titelgebenden Szene um genau zwölf Uhr Mittags mit dem knallharten Revolverduell begann, sondern im Vorfeld erst einmal alle Handlungsstränge auf diese spannende Szene hinliefen.
‚Also’, schloss er messerscharf, ‚fangen die mit dem Film um elf Uhr an, damit genau um zwölf Uhr tatsächlicher Zeit auch der Höhepunkt erreicht wird. Wie genial!’
Reinhold beschloss, sich am Sonntag, dem zwölften Mai um Punkt elf Uhr vor den Fernseher zu setzen, unter Umständen sogar mit angeschnalltem Revolvergurt.
Das Mittagessen, das bei ihm seit Jahr und Tag um genau zwölf Uhr Mittags auf dem Tisch zu stehen hatte – darin kannte er kein Pardon - würde an diesem Tag, ausnahmsweise um eine kurze Zeit nach hinten verlegt, damit er die Knallerei ungestört genießen könnte.
Schwankenden Schritts, aber voller Vorfreude, suchte er das eheliche Lager auf, wo seine bessere Hälfte schon seit Stunden den Schlaf der Gerechten schlief.

Als er am nächsten Morgen, einem Sonntag, erwachte, kam ihm trotz nachdurstiger Kehle und Brummschädel die Vorfreude des gestrigen Abends in den Sinn.
Seine Frau war bereits aufgestanden und hantierte in der Küche.
Plötzlich jedoch wurde er von einem furchtbaren Gedanken heimgesucht.
‚Was wäre’ dachte er mit Entsetzen, ‚wenn der Höhepunkt des Western, die besagte Knallerei, nicht nach einer Stunde sondern später einsetzen würde?’
Soweit er sich jetzt erinnern konnte, dauerte der Streifen gut zwei Stunden, die Werbepausen nicht eingerechnet, und der Höhepunkt selbst lag ziemlich am Ende des Films.
Er rechnete nach, einmal, zweimal, ein Dutzend Mal, aber er kam immer wieder zu dem gleichen, niederschmetternden Ergebnis:
‚Das würde bedeuten’ dachte er mit Grausen, ‚dass die berühmte Szene nicht um zwölf Uhr Mittags sondern erst gegen ein Uhr tatsächlicher Zeit, wenn nicht sogar noch später zu sehen sein würde, ein fürchterlicher Gedanke.’
Reinhold war der Verzweiflung nahe.
In genau einer Woche würde einer der besten Wildwestfilme aller Zeiten über seinen Bildschirm flimmern, und er, Reinhold Berberich, hatte nicht einmal ansatzweise eine Lösung für sein Problem gefunden.


Von Tag zu Tag rückte das Problem näher und Reinhold fand in den folgenden Nächten keinen Schlaf.
Mit seiner Frau konnte er darüber nicht reden, sie würde nicht das notwendige Verständnis dafür aufbringen, das hatte er im Gefühl.
So verging die fast die ganze Woche und nirgendwo zeigte sich ein Licht am Ende des Tunnels.
Endlich, am Samstag morgen, beim Rasieren, kam ihm die rettende Idee. Er schrie auf, vor Schmerz, da er sich vor lauter Freude geschnitten hatte.
„Ich fahr mal kurz in die Stadt“ brummte er nach dem Frühstück in seinen Bart, „ich muss da was erledigen.“
Seine Frau sagte nichts und ließ ihn gewähren, da sie seine zeitweise Einsilbigkeit gewohnt war.
Als er zurückkehrte, strahlte sie allerdings vor Vergnügen.
„Du hast einen Videorekorder gekauft, Schatz, das wurde auch Zeit. Das hättest du schon lange tun können, dann musst du abends nicht immer so lange aufbleiben, bei deinen Spätfilmen.“
Daran hatte Reinhold eigentlich nicht gedacht, in erster Linie, doch er hütete sich, seiner Frau das zu sagen.
Brunhilde schöpfte auch keinen Verdacht, als Reinhold am Abend wie gewohnt länger aufblieb, um in aller Ruhe das neue Gerät kennenzulernen.


Nachdem er sich jedoch am nächsten Tag um elf Uhr nicht vor dem Fernseher einfand, um den Western zu gucken – sie kannte natürlich seine Vorliebe für diese Art Filme – wunderte sie sich doch.
„Aber wir haben doch jetzt ein Videogerät, Schatz“ erklärte er ihr.
„Und ich hatte schon gedacht, ich müsste das Mittagessen verschieben“ zeigte sie sich erleichtert.


Mehr als verwundert aber zeigte sich Brunhilde am nächsten Sonntag, als ihr Reinhold am späten Vormittag den Fernseher wie auch den Videorekorder samt allen Verlängerungs- und Anschlusskabeln auf die Straße schleppte.
„Wo willst du denn damit hin“ keifte sie hinter ihm her, „und dazu noch in so einem Outfit?“
Als sie aus dem Fenster schaute, kannte Brunhildes Erstaunen keine Grenzen mehr.
Mitten auf der um diese Zeit leere Anliegerstraße saßen gemeinsam mit ihrem Mann alle männlichen Nachbarn vor Reinholds Fernseher, stilecht im Cowboykostüm, und um Punkt zwölf Uhr Mittags zogen sie alle andächtig ihre Colts.

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